Die Erforschung der deutschen Großindustrie in der Zeit des Nationalsozialismus hat in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Wenig ist demgegenüber bislang über die Rolle klein- und mittelständischer Familienunternehmer zwischen 1933 und 1945, zumal im chemisch-pharmazeutischen Bereich, bekannt. In diese Forschungslücke stößt Michael Kißener mit seinem Band über das bekannte, weltweit tätige Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim, dessen Geschichte in den Jahren 1933-1945 hier erstmals umfassend dargestellt wird. In sechs Einzelstudien, die zentrale Themen wie "Zwangsarbeit" oder den NS-Alltag im Werk, aber auch die "Bewältigung" der Diktatur nach 1945 aufgreifen, zeichnet der Autor ein Bild der Handlungsoptionen mittelständischer Familienunternehmer unter den Bedingungen einer modernen totalitären Diktatur.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.12.2015
Als typisch begreift Gregor Schöllgen die Geschichte von Boehringer Ingelheim im Nationalsozialismus. Ohne Zwangsarbeit, das macht die Darstellung des Landeshistoriker Michael Kißener deutlich, meint Schöllgen, wäre der rasante Aufstieg des Unternehmens nicht möglich gewesen. Wie der Autor die Umstände dieses Aufstiegs interpretiert, scheint Schöllgen souverän und quellenmäßig gut abgesichert. Dass der Autor der Konfrontation zwischen Firmen- und Zeitgeschichte ansonsten aus dem Weg geht, bedeutet dem Rezensenten zwar einmal mehr das Dilemma von Auftragsarbeiten dieser Art. Der landes- und regionalgeschichtliche Teil der Studie überzeugt Schöllgen allerdings auf ganzer Linie.
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