Nicola Gess

Halbwahrheiten

Zur Manipulation von Wirklichkeit
Cover: Halbwahrheiten
Matthes und Seitz Berlin, Berlin 2021
ISBN 9783751805124
Kartoniert, 157 Seiten, 14,00 EUR

Klappentext

Halbwahrheiten gehören zu den auffälligsten und wirkmächtigsten Instrumenten des sogenannten postfaktischen politischen Diskurses - eines Diskurses, der zwischen Relativismus und Zynismus schwankt und für den die Verwandlung von Fakten in bloße Meinungen ebenso typisch ist wie das Streben nach Aufmerksamkeit und die Demonstration autoritärer Setzungsmacht. Ob Fake News, Verschwörungstheorien oder populistische Propaganda: Sie alle kommen nicht ohne Halbwahrheiten und ihre Manipulation von Wirklichkeit aus. In ihrem Buch setzt Nicola Gess die Halbwahrheit ins Vernehmen mit dem Ideologiebegriff und formuliert eine Theorie der Halbwahrheit als narrativer Kleinform, die nicht nach dem binären Code wahr/falsch, sondern glaubwürdig/unglaubwürdig funktioniert. Am Beispiel des gefallenen Journalisten Claas Relotius, des Verschwörungstheoretikers Ken Jebsen und des Literaten Uwe Tellkamp untersucht sie, wie eine Rhetorik der Halbwahrheiten arbeitet und warum man ihr mit einem "Fiktionscheck" besser begegnen kann als mit einem "Faktencheck".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.03.2021

Für bahnbrechend und augenöffnend hält Rezensent Gustav Seibt diese Studie der Germanistin Nicola Gess, die mit literaturwissenschaftlichen Mitteln die zersetzende Wirkung von FakeNews und Halbwahrheiten untersucht. Besonders eindrücklich findet Seibt ihren Vergleich von Halbwahrheit und Anekdote, die ihrer Gattung gemäß immer unbewiesen bleiben, aber mit dem emotionalen Einverständnis ihrer Rezipienten rechnen: "Gefühlte Wahrheit in zugespitzter Form." Treffend findet er auch ihre Bespiele: Während der Spiegel-Reporter Claas Relotius mit seinen ausgedachten Geschichten positiv moralische Gefühle einer linksliberalen Öffentlichkeit bediente, bespielt etwa Ken Jebsen mit seinen Verschwörungstheorien das Misstrauen einer Hörerschaft, die an einfache Botschaften glaubt. Dass Gess hier der alten philologischen Formel des "Begreifen, was uns ergreift" folgt, sieht Seibt auch als Aufruf zur permanenten Selbstprüfung.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 06.03.2021

Rezensentin Henrikje Schauer schaut mit der Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess auf Lügengeschichten und Verschwörungstheorien bei dem Journalisten Ken Jebsen oder dem Schriftsteller Uwe Tellkamp. Der literaturwissenschaftliche Ansatz erscheint Schauer ertragreich, weil er, gewürzt mit ein bisschen Adorno und Arendt, das Thema Glaubwürdigkeit und ihre Machart in den Blick nimmt. Wie sich die Postfaktizität bei literarischen Techniken bedient, die die Literaturwissenschaft zu analysieren vermag, vermittelt Gess laut Schauer überzeugend an drei Beispielen und ihrer Logik der Fiktion.