Philippe Sands

Die Rattenlinie - ein Nazi auf der Flucht

Lügen, Liebe und die Suche nach der Wahrheit
Cover: Die Rattenlinie - ein Nazi auf der Flucht
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2020
ISBN 9783103974430
Gebunden, 544 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Thomas Bertram. Eine unfassbare Geschichte über Liebe, Intrigen und Spionage rund um die berüchtigte Fluchtroute der Nazis über den Vatikan nach Argentinien: Erzählt von dem bekannten Menschenrechtsanwalt und Bestsellerautor Philippe Sands. Im Mittelpunkt stehen Leben, Flucht und Tod des SS-Offiziers Otto Wächter, Spross einer der angesehensten Familien Österreichs, zunächst Jurist in Wien und ab 1939 NS-Gouverneur von Krakau und Galizien. Nach 1945 als Massenmörder gesucht, gelingt ihm die abenteuerliche Flucht in den Vatikan unter den Schutz des Bischofs Hudal. Doch bevor er sich nach Argentinien absetzen kann, stirbt er 1949 überraschend. Jahrzehnte später begegnet Philippe Sands Ottos Sohn Horst Wächter. Es ist der Beginn einer komplexen Ermittlung: Horst behauptet, sein Vater sei vergiftet worden.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.01.2021

Rezensent Rene Schlott staunt über die umfangreiche Recherche, die Philippe Sands seinem Buch zugrunde legt. Sogar die Fluchtroute seines Protagonisten, des Nazis und Judenmörders Otto Wächter, ist der Autor "nachgereist", um in einem Mix aus Erzählung und historischen Daten die Geschichte Wächters und seiner Familie festzuhalten. Aus Briefen, Tagebüchern und Fotos kompiliert Sands laut Schlott ein Puzzle, eine lebendige Reportage und ein Familienporträt, das unmittelbar an sein Buch "Rückkehr aus Lemberg" von 2018 anschließt, so der Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.11.2020

Zunächst hat Rezensent Fabian Wolff versucht, der aufwendigen Struktur des Buches zu folgen - etwa wie sich aus einer familiären Motivation auf der Opfer-Seite der Geschichte, den Gesprächen mit dem Sohn eines Nazi-Täters und den Recherchen zu den Fakten über den Täter Otto Wächter die Erzählung des Buch entwickelt. Anhand der vorgegebenen Stichworte "Liebe", "Lügen", "Wahrheit" führt der Kritiker ausführlich durch diesen Nachfolgeband des Bestsellerautors ("Rückkehr nach Lemberg"), stößt sich aber auch immer wieder an "Reporterklischees" oder linkischen Stilmitteln wie "Cliffhangern" am Ende der Kapitel, die ihm die Lektüre ein wenig verleiden. Mit der eher paradoxen Erkenntnis, dass Nazi-Täter womöglich "einfach nicht komplex" seien, fasst Fabian Wolff seine Besprechung zusammen.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 25.11.2020

Wie einen Pageturner verschlingt Rezensent Marc Reichwein dieses Buch des britischen Juristen und Schriftstellers Philippe Sands, der darin die Geschichte des österreichischen Kriegsverbrechers Otto Wächter nachverfolgt. Der fesche SS-Mann versteckte sich nach dem Krieg erst in den Hohen Tauern und wollte dann die vom Vatikan organisierte Rattenlinie nach Südamerika nehmen, starb aber offenbar zuvor. Ein Drittel des Buches befasst sich, wie der Rezensent informiert, mit der Frage, ob er vielleicht ermordet wurde, wie Wächters Sohn nahelege. Die Möglichkeit, dass Wächter vielleicht nur für tot erklärt wurde, scheint bei Sands keine Rolle zu spielen. Reichwein feiert den Autor jedenfalls nicht nur als genialen Erzähler, der seinen Stoff spannend zu verpacken verstehe, sondern auch als investigativen Reporter und Aufklärer. Denn Sands könne aufzeigen, wie ruchlos der österreichische Bischof Alois Hudal wirkte, der auch Eichmann, Mengele und Priebke über Rom zur Flucht verhalf, schließt Reichwein.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.11.2020

Bei all den Fragen darüber, was der Papst Pius XII. über den Holocaust wusste, wird oft vergessen, dass es in der Kirche einen fanatischen Klerikalfaschismus gab, der die Nazis in vielen Ländern tatkräftig bei ihren Völkermorden unterstützte. Diese Unterstützung hielt nach dem Krieg an. Der hier rezensierende Schriftsteller Cees Nooteboom staunt darüber, wie es dem Schriftsteller und Juristen Philippe Sands gelingt, in seinem Buch "Die Rattenlinie" die chaotische Lage im unmittelbaren Nachkriegsdeutschland fast schon transparent begreifbar darzustellen: Dass der Klerus den versprengten, in Waldhütten sich vor dem Zugriff der Alliierten entziehenden Nazis zur rettenden Flucht verhalf, findet er skandalös, verliert sich dann aber in der chaotischen Nacherzählung des Schicksals von Otto von Wächter, Nazi-Gouverneurs von Galizien, der nach dem Krieg in Rom, wo ihn seine kirchlichen Freunde versteckten, ums Leben kam. Eigentlich hatte auch er die von den Priestern betriebene "Rattenlinie" nehmen wollen, die auch Massenmörder wie Eichmann und Mengele nach Lateinamerika verfrachtet hatte. Nootebooms Kritik ist sehr emphatisch, man glaubt ihm ohne Zögern, dass es sich hier um ein überaus spannendes Buch handelt.