Trotz ihrer politischen Randständigkeit konnte die extreme Rechte in der Bundesrepublik immer wieder an gesellschaftlich breit akzeptierte Vorstellungen anknüpfen und dadurch an Einfluss gewinnen. Extrem rechte Diskurse rücken immer stärker in die "Mitte" der Gesellschaft, so eine aktuelle Beobachtung. Ein Blick in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zeigt allerdings, dass wechselseitige Bezugnahmen zwischen Akteuren der extremen Rechten und demokratischen Kräften keineswegs neu sind. Die extreme Rechte fand stets Anknüpfungspunkte an gesellschaftlich etablierte Vorstellungen und radikalisierte sie. Auf diese Weise gewann sie Legitimation für ihre Politik und Einfluss weit über ihr angestammtes Milieu hinaus. Niklas Krawinkel analysiert die Entwicklung der extremen Rechten und den Umgang mit ihr von den 1950er bis in die frühen 1990er Jahre anhand von vier Themen: Die extrem rechte Wiking-Jugend, die Theorie- und Debattenzeitschrift Nation Europa, die Rolle des ehemaligen Luftwaffenoberst Hans-Ulrich Rudel sowie mit Frankfurt am Main die Bedeutung von extrem rechten Akteuren in einem lokalen Umfeld.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 23.02.2026
Rezensent und Historiker Werner Bührer erfährt von Holocaustforscher Niklas Krawinkel, welche Netzwerke der extremen Rechten sich von den 1950er bis 1990er Jahren bilden konnten und was die gesellschaftlichen Bedingungen dafür waren. Einen Fokus legt der Autor dabei quellenreich auf Hans-Ulrich Rudel, als Kriegsheld hochdekoriert und späterer rechter Agitator, die Zeitschrift Nation Europa und die Wiking-Jugend, die, wie Bührer erfährt, alle vor dem "sittlichen Verfall" Deutschlands warnen und mit Hass und Gewalt drohen. Die Wiking-Jugend habe vor allem als Kaderschmiede dienen sollen, besonders in den 1970er Jahren habe sie sich weiter radikalisiert und ab den 1980er Jahren auch die Schiene der Kultur als Betätigungsfeld erkannt. Dass diese Dinge nur geschehen konnten, weil die Behörden und Regierungen eine "Tendenz zur Bagatellisierung" an den Tag gelegt haben, davon berichtet Krawinkel für den Kritiker kenntnisreich und mit einem guten Blick für die Verflechtungen zwischen Rand und Mitte der Gesellschaft.
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