Jutta Braun, Nadine Freund, Christian Mentel, Gunnar Take

Das Kanzleramt

Bundesdeutsche Demokratie und NS-Vergangenheit
Cover: Das Kanzleramt
Wallstein Verlag, Göttingen 2025
ISBN 9783835355989
Gebunden, 938 Seiten, 58,00 EUR

Klappentext

Mit 96 Abbildungen. Die Regierungszentrale der BRD im Spannungsfeld von demokratischem Aufbruch und Nachwirkungen des NationalsozialismusDas Bundeskanzleramt war seit 1949 die politische Schaltzentrale der jungen westdeutschen Demokratie. Aufgrund der Richtlinienkompetenz des Bundeskanzlers konnte die Behörde auf alle Bereiche des Regierungshandelns einwirken. Dabei bewegte sie sich im Spannungsfeld zwischen demokratischem Neubeginn und den Nachwirkungen des Nationalsozialismus. Während die NS-Belastung des langjährigen Amtschefs Hans Globke häufig thematisiert wurde, wusste man über das Personal dieser bundespolitischen Schlüsselstelle bisher nur wenig. Woher kamen die leitenden Beamten, welches Politik- und Demokratieverständnis brachten sie mit oder entwickelten sie? Wie steuerte das Bundeskanzleramt die Personalpolitik, den Umgang mit der NS-Vergangenheit und die Öffentlichkeitsarbeit des Bundes?Der Band vereint vier Studien, in denen diese Fragen erstmals umfassend untersucht werden. Ausgehend von den Biografien der im Kanzleramt tätigen Beamten spannen Autorinnen und Autoren den Bogen vom frühen 20. Jahrhundert über die NS-Zeit und die Ära Adenauer bis in die 1970er Jahre.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.07.2025

Rezensent Dominik Geppert hat inhaltlich durchaus das eine oder andere an diesem Buch auszusetzen, das er gleichwohl für eine wichtige Veröffentlichung hält. Denn der vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam gemeinsam mit dem in München ansässigen Institut für Zeitgeschichte herausgegebene Band arbeitet die NS-Belastung einer bislang in dieser Hinsicht wenig beachteten Behörde auf, nämlich des Kanzleramts. Vier Studien sind hier versammelt, lernen wir, Gunnar Take beschäftigt sich mit Personalauswahl, Nadine Freund mit den Lebensläufen der Spitzenbeamten, Christian Mentel mit der hausinternen Geschichtspolitik, Jutta Braun mit dem in den 1950ern lange dem Kanzleramt zugeordneten Presse- und Informationsamt. Deutlich wird laut Geppert, dass für Adenauer die wichtigsten Kriterien bei der Auswahl seiner Mitarbeiter weltanschauliche Homogenität und Ähnliches waren, ob jemand in der NSDAP war, war hingegen weniger wichtig, tatsächlich hatten über ein Drittel der Kanzleramtsmitarbeiter ein solches Parteibuch gehabt. Bei der politischen Beurteilung der Kanzlerschaft Adenauers ist der Rezensent mit den Beiträgen dieses Buchs nicht immer einverstanden. Zu sehr orientiert sich die Kritik von Take und anderen an heutigen Maßstäben, wenig beachtet werden die Lernprozesse in Sachen Demokratie, die damals in Gang kamen, auch die reale Bedrohung durch die Sowjetunion findet kaum Erwähnung, weiterhin hätten Vergleiche mit anderen europäischen Ländern, in denen teils ähnlich konservative Strukturen vorherrschten, geholfen. Für relevant hält er das Buch dennoch.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.04.2025

Ein wichtiges Stück Aufarbeitung der politischen Vergangenheit der Bundesrepublik leistet laut Rezensent Willi Winkler dieser unter anderem im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte entstandene Band. Er beschäftigt sich mit der Rolle des Kanzleramts beim politischen Umgang mit der NS-Vergangenheit - was laut Rezensent vor allem in der Ära Adenauer darauf hinaus lief, ehemaligen NSDAP-Mitgliedern leitende Stellungen in der Regierung zu verschaffen und deren Vergangenheit schön zu färben. Entlang der umfangreichen Studie geht Winkler auf einige paradigmatische Figuren ein, darunter Hans Globke, Kanzleramtschef unter Adenauer und im Dritten Reich im Innenministerium tätig, Karl Feitenhansl, einen Rechtsextremen, der von der CDU-Regierung unterstützt wurde, weil es ihren politischen Zielen genehm war, oder auch Adenauers Nachnachfolger Kurt Georg Kiesinger, dessen Vergangenheit im Naz-Regime den Aufstieg bis ins Kanzleramt nicht verhinderte. Weiterhin geht Winkler mit Braun und Kollegen auf eine Reihe weiterer im Buch behandelter Themen ein, darunter die katholische Prägung Adenauers, Versuche, unliebsame Presseberichte als staatsschädigend zu brandmarken, sowie die Hilfe, die Adenauer und seine Mitstreiter von Historikern erhielten, die in einer dafür ins Leben gerufenen Kommission für Zeitgeschichte an der Münchner Katholischen Akademie schönfärberische Darstellungen unter anderem der Karriere Globkes anfertigten. Die schlimmsten Exzesse einer solchen Erinnerungspolitik waren mit dem Beginn der sozialliberalen Regierungszeit vorbei, lernt Winkler in diesem Buch, wobei auch Helmut Schmidt sich in offiziellen Publikationen ungebührlich feiern ließ. Insgesamt scheint Winkler es wichtig zu finden, dass und wie dieses Buch diese Aspekte der Nachkriegszeit aufarbeitet.

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