Hitlers queere Künstlerin
Stephanie Hollenstein - Malerin und Soldat

Paul Zsolnay Verlag, Wien 2025
ISBN
9783552075122
Gebunden, 320 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
Was ist zu halten von einer toughen Frau, die aus bäuerlichen Verhältnissen stammt, verkleidet als Soldat in den Ersten Weltkrieg zieht, die sich auf der Kunstgewerbeschule in München durchboxt, ihren Lebensunterhalt mit expressionistischer Malerei verdient, ihre Homosexualität offen auslebt, eine feministische Künstlerinnengruppe mitbegründet - und dann der NSDAP beitritt und antisemitische Schriften verfasst? Die Kulturpublizistin Nina Schedlmayer erzählt heute, vor dem Hintergrund unserer von Widersprüchen extrem geprägten Gegenwart, die Geschichte von Stephanie Hollenstein (1886 bis 1944).
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 10.01.2026
Stephanie Hollenstein ist eine höchst interessante Figur, wie Rezensent Oliver Pfohlmann in Nina Schedlmayers gut recherchierter Biografie lesen kann: Sie war Expressionistin, queer und Hitler-Fan. Sie kam aus einer Bauernfamilie, hat um die Jahrhundertwende an der Münchner Kunstgewerbeschule studiert und ist als Crossdresserin in den Ersten Weltkrieg gezogen, erfahren wir. Sie war von antisemitischem Gedankengut geprägt, hat aber auch viele Gemälde an jüdische Sammler verkauft, war angesehen unter hochrangigen Nazis, obwohl viele ihre Bilder genauso gut in die Ausstellung "Entartete Kunst" gepasst hätten. Nur was die Autorin mit "kognitiver Dissonanz" erklärt, lässt sich für Pfohlmann eher damit erklären, dass sie sich von der Nazi-Ideologie einfach nicht gemeint gefühlt hat. Er liest das Buch jedenfalls mit Gewinn.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 31.12.2025
Rezensentin Regine Müller lernt in diesem Buch eine erstaunlich bis erschreckend ambivalente Persönlichkeit kennen. Nämlich Stephanie Hollenstein, die in den 1920er Jahren als expressionistische Malerin in Avantgarde-Kreisen von sich reden machte und offen ihre lesbische Sexualität auslebte, später dann jedoch zur glühenden Hitler-Unterstützerin wurde und antisemitische Schriften veröffentlichte. Nüchtern und quellengestützt nähert sich die Autorin Nina Schedlmayer diesem Leben, verzichtet auf Moralisierungen und arbeitet auch, so Müller, geschickt semifiktionale Passagen ein. Besonders gut gefällt der Rezensentin, wie Hollenstein den Gegenwartsbezug dieser Lebensgeschichte herausarbeitet - schließlich sind auch heutzutage ideologische und ästhetische Grenzziehungen zwischen progressiven und reaktionären Lagern zunehmend fluide, etwa wenn eine lesbische Politikerin einer rechten, homophoben Partei vorsteht.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 04.11.2025
Fast schon hypnotisiert liest Rezensent Arno Orzessek diese ungewöhnliche Biographie über die widerspruchsreiche Existenz der lesbischen Malerin und Antisemitin Stephanie Hollenstein. In einer durch Quellengenauigkeit bestechenden Abwechslung aus Lebenserzählung und ständigem Einbezug aktueller Fragen folgt der Kritiker den Ausführungen darüber, wie Hollenstein unter dem Namen Stephan in den Ersten Weltkrieg zog und zahlreiche Liebschaften zu Frauen, wie auch zu einigen Männern, pflegte. Der Kritiker staunt über die Widersprüchlichkeit dieser Figur: schon durch ihr Äußeres, das sich keiner Geschlechterkonvention beugte, war Hollenstein eigentlich eine "eine völlig unmögliche Person" für die Nazis, doch sie "warf sich ihnen an den Hals", war NSDAP-Mitglied und glühende Hitler-Verehrerin. Als sie starb, war es dem Völkischen Beobachter eine Meldung wert, lesen wir. Hollensteins Leben zeigt, dass selbst als progressiv verstandene Labels nie davor schützen können, den Autoritären zu verfallen, schließt der Kritiker.