Panajotis Kondylis

Grundzüge der Sozialontologie

Band 1: Das Politische und der Mensch. Soziale Beziehung, Verstehen, Rationalität
Cover: Grundzüge der Sozialontologie
Akademie Verlag, Berlin 1999
ISBN 9783050031132
Gebunden, 650 Seiten, 75,67 EUR

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.05.2000

Dass der Autor "den scheinbar längst versunkenen Titel des `Privatgelehrten` zu neuem Ansehen" brachte, so Volker Gerhardt, hat natürlich damit zu tun, dass er weder in Heidelberg, wo er lebte, noch in Athen zu akademischen Ehren kam. Dafür macht Gerhardt die "souverän alle Fachgrenzen überschreitende Intellektualität" des Philosophen verantwortlich, der an einer missglückten Operation noch vor Endredaktion dieses Buches, das als dreibändiges geplant war, starb. Kondylis` Ansatzpunkt für seine "Sozialontologie" ist eine gründliche und polemisch pointierte "sorgfältige Prüfung der überlieferten" soziologischen, ökonomischen und philosophischen Ansätze der letzten zweihundert Jahre, die sich der für Kondylis entscheidenden Frage, "was Gesellschaft qua Gesellschaft eigentlich ist", aus Angst vor der "Metaphysik" allesamt verweigert haben. Gerhardt kritisiert zwar zu Beginn den kritisch gemeinten Begriff der "Massendemokratie", da Kondylis keine Hinweise zur Überwindung ihrer Mängel gibt. Aber der Ansatz, als fundamentale Gesellschaftlichkeit den "Prozess des Handels selbst", der sich zudem immer in "Gegenseitigkeit" entfaltet, anzusehen und nicht etwa Sprache und Sprachanalyse, haben den Rezensenten offenbar vollkommen überzeugt. Kondylis zeigt seiner Meinung nach die überall zeitgeistig wirksamen, positivistischen Verkürzungen des Gesellschaftsbegriffs auf und stellt ihnen eine Ontologie des Sozialen gegenüber. Ein "bedeutendes Buch".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.1999

Mit Wohlwollen schildert Jürgen Kaube zunächst, wie der jung verstorbene Kondylis mit dem Begriff der Ontologie zur Beschreibung der Gesellschaft gelangen will, ohne ihr eindeutig kausale Gesetze zuzuweisen, nach denen sie sich entwickeln soll. Die Sozialonotologie sei gerade auf die "Unberechenbarkeit" von Gesellschaft verpflichtet. Gestört fühlt sich Kaube aber von Kondylis` These, dass der Mensch für den Menschen das Wichtigste bleibe. Das schließe Zeit und Welt aus Kondylis` Horizont aus.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.10.1999

Uwe Justus Wenzel stört sich besonders an der "Attitüde des distanzierten Beobachters" Kondylis, der in dieser Position Wertfreiheit und Überlegenheit für sich beansprucht. Zwar räumt der Rezensent ein, dass Kondylis mit diesem Band seine eigentliche Domäne, die Weltanschauungsanalyse, mit einem systematisch philosophischen Beitrag teilweise verlassen habe. Dennoch nutzt Kondylis aus Wenzels Sicht seinen Beitrag vornehmlich dazu, seine Konkurrenten zu demontieren und seine eigene Theorie des Sozialen als einzige nicht von vorherein "ideologieträchtige" zu präsentieren. Dazu versuche Kondylis eine "Tiefendimension" zu erschliessen, "die sich gegenüber perspektivischen Verzerrungen `neutral` verhalte, ihnen `immer schon` vorausgehe und zugrunde liege". Gerade dies vermisst Wenzel aber in Kondylis Ontologie. Vielmehr fühlt er sich in mancherlei Hinsicht an die "mobile Kombinatorik des massendemokratischen Sozialmodells" erinnert, das Kondylis selbst besonders heftig kritisiert hat.
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