Paula Schweers

Lawinengespür

Roman
Cover: Lawinengespür
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2023
ISBN 9783627003111
Gebunden, 256 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Es gibt zwei Arten, auf das Heranrollen einer Lawine zu reagieren: Die einen erstarren, die anderen ergreifen die Flucht. Umgeben von schlecht laufenden Berghotels und ordentlich bepflanzten Vorgärten wachsen die Halbgeschwister Nora und Leo in einem bayerischen Dorf auf. An den zu guten Tagen löst Nora der Mutter Schmerztabletten in Wellnesswasser mit Pfirsichgeschmack auf, wischt Wimperntusche aus ihrem Gesicht. Leo zertrümmert Fenster und Erwartungen, dealt auf dem Schulhof. Als ihr Elternhaus in Flammen aufgeht, verschwindet Leo spurlos. Zehn Jahre später steht Nora in Berlin als junge Geologin kurz vor ihrem Durchbruch. Sie weiß nicht, dass Leo sich nahe Moskau eine prekäre Existenz aufgebaut hat: Mit den europäischen Sanktionen nach der Krim-Annexion und der Zuspitzung im Donbass floriert der Schwarzmarkt, Leo treibt per Anhalter durchs Land und schmuggelt westliche Waren. Während seine Schwester versucht, alles unter Kontrolle zu behalten, hat Leo alle Bindungen gekappt, lebt ein freies, schutzloses Leben. Doch beide eint ein besonderes Talent: die Vorahnung von Katastrophen, ihr "Lawinengespür". Und so nehmen beide das beginnende Beben wahr - ein Unheil naht. Paula Schweers erzählt die Geschichte zweier Halbgeschwister, deren Sinne das Leben zu früh geschärft hat.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 10.01.2024

Es ist ein "starkes", ein eindrückliches, aber auch "bedrückendes" Romandebüt, das Paula Schweers mit "Lawinengespür" vorlegt, meint Rezensent Günter Kaindlstorfer. Bedrückend vor allem deshalb, erklärt er, weil sie wenig Grund zur Hoffnung gibt. Wer in derart traumatisierende Verhältnisse hineingeboren wird, wie die Ich-Erzählerin und ihr Bruder Leo, wird den Folgen nie ganz entkommen können, so versteht Kaindlstorfer die Autorin. Im Gegensatz zu ihrem dealenden, prügelnden, saufenden und raubenden Bruder, schlägt sich Nora zwar gut durch den Alltag - wobei "gut" meint: erfolgreich. Doch gerade als ihre Karriere so richtig in Gang kommt, bekommt sie eine verstörende Diagnose, ihr verschollener Bruder kehrt zurück und mit ihm die Erinnerungen, lesen wir. Doch Schweers Roman ist mehr als eine beklemmende Geschwistergeschichte: Er ist auch ein gelungenes literarisches Porträt einer Generation, deren Alltag von prekärer Beschäftigung, Flucht ins Digitale und existenziellem Überdruss geprägt ist, so der beeindruckte Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 23.10.2023

Mit Paula Schweers' Debütroman liegt Rezensent Michael Wolf das Porträt einer krisengebeutelten Generation vor, das sich vor allem in der Protagonistin Nora konzentriert: Sie hat die Fähigkeit, vorauszusehen, wo in den Bergen eine Lawine einsetzen kann, das titelgebende "Lawinengespür". Das hilft ihr aber auch nicht, macht er klar, wenn ihr Halbbruder Leo das Elternhaus anzündet und sie mit der Pflege der psychisch kranken Mutter alleine lässt. Zehn Jahre später steht sie immer noch auf wackligen Beinen und plötzlich tritt ein merkwürdiges Symptom in ihr Leben: Sie kann nicht mehr lesen, für Wolf Zeichen von psychologischen Spätfolgen ihrer krisenhaften Jugend. Leo geht es indes nicht besser, verrät er, er larviert sich durch Moskau und ist zwar auf andere Art, aber doch ebenso schlimm wie seine Schwester seelisch beschädigt. Der Kritiker liest diese Geschichte vor dem Hintergrund des Klimawandels auch als Appell, eine prekär aufwachsende Generation nicht aus den Augen zu verlieren, wie er schließt.

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