Philippe Grimbert

Ein Geheimnis

Roman
Cover: Ein Geheimnis
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006
ISBN 9783518417508
Gebunden, 155 Seiten, 17,80 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Als Einzelkind hat es Philippe nicht leicht. Schmächtig ist er, nicht der talentierte, kräftige Sohn, den seine Eltern - beide begeisterte Sportler - gern gehabt hätten. Auch der große Bruder, den er sich in seinen Tagträumen herbeiphantasiert, kann nicht helfen: Kein Stolz, nur Enttäuschung und Leere liegen im Blick des Vaters. Philippe ist 15, als ihm Louise, eine enge Freundin der Familie, ein über lange Jahre gehütetes Geheimnis enthüllt. Die Grimberts sind Juden. Und sie haben das Leben im besetzten Paris keineswegs so unbeschadet und ereignislos überstanden, wie sie ihren Sohn glauben machen wollen. Behutsam wird Philippe an eine vor seiner Geburt liegende, von allen verdrängte Vergangenheit herangeführt, in der es den großen Bruder seiner Phantasie tatsächlich gegeben hat. Jetzt - fast 50 Jahre später - hat sich der Autor Philippe Grimbert entschieden, die bewegende Geschichte seiner Familie aufzuschreiben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.08.2006

Niklas Bender ist gefesselt von der Kombination aus Komplexität und Einfachheit dieses autobiografischen Romans von Philippe Grimbert. Da ist zunächst einmal das Porträt einer aus Osteuropa stammenden jüdischen Familie ­- Bender schwelgt in dessen "weiten, sicheren Linien". Dahinter verbirgt sich das Geheimnis des Textes, der mittels "unauffälliger" Sätze einen Sog entwickelt, "der den Leser ergreift". Für Bender zeigt sich hier die Reife des Autors, der ein "symbolisches Netz" zu knüpfen weiß, das den Leser gefangen nimmt und mitreißt. Dem Helden aber, so lässt uns der Rezensent wissen, wird die vertraute Familiengeschichte ersetzt durch ein Drama von antikischer Dimension. Dass hier, mit der Eröffnung des Geheimnisses, die Geschichte erst beginnt und Grimbert seinen Helden nun durch einen psychoanalytisch ausgekleideten Bildungsweg schleust, scheint Bender schließlich fast zu viel des Guten. Überzeugend ist das Buch für ihn deshalb vor allem durch seine stilistischen Mittel.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.03.2006

Hinter dem dezenten Lob der Rezensentin Barbara Villiger Heilig liegt eine geradezu ehrfürchtige Bewunderung. Sowohl für den Roman als auch für die damit geleistete hohe Stufe der Trauerbewältigung. Der Autor erzähle eine autobiografische "unzumutbare" Lebensgeschichte mit einer atemberaubenden Distanz ohne jede Effekthascherei. Erst als Fünfzehnjähriger erfährt der Ich-Erzähler von einer engen Freundin der Familie das, was er schon immer gewusst zu haben glaubte. Er ist Jude und die erste Frau seines Vaters hat sich aus Verzweiflung über dessen Liebe zu einer anderen Frau den Nationalsozialisten ausgeliefert, und auch ihren Sohn Simon, den Halbbruder des Erzählers. Nach einem nach außen sich glücklich und erfolgreich gebenden Leben der mittleren Jahre begehen der Vater und die Mutter Selbstmord. Nur an einer Stelle, so die Rezensentin, würde der Autor den "künstlich-fiktionalen Schleier" seiner distanzierten Erzählhaltung durchbrechen, wenn er Medea und und den geopferten Sohn als mythologischen Vergleich wähle. Ein "traumartiger Reiz" gehe dank dieser "Reinheit" der Darstellung von der Lektüre aus.
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