Konventionen zertrümmern, Wahrnehmung revolutionieren, Neues imaginieren - das war der Geist der radikalen Moderne. Bert Brecht sprach vom großen Beginnergefühl. Heute scheint jeder utopische Optimismus verflogen - ist es damit ein für alle Mal vorbei? "Keineswegs!", hält Robert Misik solchen Abgesängen entgegen. Er unternimmt einen Parforceritt durch 200 Jahre linke Kunst: von Heinrich Heine bis Elfriede Jelinek, von Patti Smith bis Soap & Skin, vom Bauhaus bis zum Gemeindebau. Das Aufbegehren gegen das Überholte und die Revolutionierung der Stile sind auch heute die große Aufgabe der Kunst, genauso wie Exzess und Intensität. "Ändere die Welt, sie braucht es", sagt Misik mit dem alten BB. Er skizziert ein ästhetisches Programm jenseits von Kommerz, Entertainment und dem ewig schon Dagewesenen.
Wer an die Zukunft glaubt, dem empfiehlt Rezensent Arno Orzessek Robert Misiks Ritt durch die Kunstgeschichte und ihre Resonanzen. Dass die künstlerische Avantgarde außerhalb der Kunst etwas bewegt hätte, möchte der Rezensent zwar bezweifeln, und Misik bringt dafür auch keine systematischen Belege. Doch wie Misik für die Kunst und die Künstler brennt, das erscheint Orzessek schön überschwänglich und mitreißend. Misiks Porträts, Analysen und Begriffserkundungen in Sachen revolutionäre Kunst sind laut Rezensent so divers wie emphatisch, so dicht wie radikal.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.07.2022
Der hier rezensierende Literaturwissenschaftler und langjähriger Hanser-Lektor Wolfgang Matz zeigt sich einigermaßen entsetzt von Robert Misiks Abhandlung über die Moderne. Denn der immerhin mit "wünschenswerter Knappheit" vorgetragenen These, nach der in der Moderne revolutionärer Spirit und Kunst Hand in Hand gehen, widerspricht er entschieden - so wisse doch bereits jeder Abiturient, dass Flaubert alles andere als ein Technikbefürworter und Baudelaire kein Demokrat gewesen sei. Dieser Widerspruch, der sich bei Matz auf jeder Seite regt, "verpufft" dann aber, sobald der Autor sein "rotes Kaninchen" zückt: die Geschichte der Moderne ist bei Misik im Inneren immer eine linke Geschichte, seufzt der Kritiker. So bleibt ihm nur die Langeweile angesichts der Vielzahl von "Plattitüden", die Misik in seinem Buch von sich gebe.
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