Ror Wolf

Die unterschiedlichen Folgen der Phantasie

Tagebuch 1966-1996
Cover: Die unterschiedlichen Folgen der Phantasie
Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2022
ISBN 9783895619137
Gebunden, 344 Seiten, 32,00 EUR

Klappentext

Im Nachlass von Ror Wolf fand sich nicht die lange avisierte Autobiografie, hingegen ein Konvolut unveröffentlichter Tagebücher aus den Jahren 1966 bis 1996. Ror Wolf schont, wie erwartet, weder sich selbst noch seine Mitmenschen, er schreibt offen und rückhaltlos über sich, über Kollegen, Freunde und Feinde, über seine Verleger, seine Redakteure und den Literaturbetrieb. Die Leser erfahren viel über die sich entwickelnde Laufbahn, erhalten Einblick in Arbeitszusammenhänge, in Erfolge und vermeintliche Niederlagen, erleben aus nächster Nähe den Weg eines der eigenwilligsten und phantasiereichsten Schriftsteller der letzten Jahrzehnte. Diese unveröffentlichten Texte ergänzen das in der Werkausgabe RWW vorliegende Gesamtwerk um bedeutende Aspekte und geben Auskunft über das Leben und den Arbeitsalltag eines der großen Autoren unserer Literatur.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.12.2022

Rezensent Helmut Böttiger hält dieses aus dem Nachlass herausgegebene Tagebuch von Ror Wolf für eine kleine Sensation. Autobiografisches spielte im Werk von Wolf keine Rolle, umso interessierter liest der Kritiker die kurzen Notizen, die ihn an die Tagebuchaufzeichnungen Thomas Manns erinnern. Böttiger erfährt von Alltag, Kontakt zu Kollegen, Radioredakteuren und Verlegern, aber auch Privates über Wolfs Geliebte oder das Leben in insgesamt 34 Wohnungen im Rhein-Main-Gebiet. Die distanziert gehaltenen Aufzeichnungen dienen dem Rezensenten aber nicht nur als "bundesdeutsche Kulturbetriebsgeschichte". Gelegentlich erscheinen sie ihm auch wie Skizzen zu den typischen Collagen des Dichters, etwa wenn er schreibt: "Der Sinn der Welt ist ihr Zerplatzen". Darüber hinaus wirken einige Notate auf Böttiger auch wie "Regieanweisungen" für den Platz zwischen Kafka und Buster Keaton, von dem Wolf träumte: Vor allem dann, wenn er seine unterschiedlichen Affären in kleinen "Fallbeispielen" festhält, schließt der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 15.10.2022

Die Lektüre von Ror Wolfs Tagebüchern von 1966-1996 ist für Rezensent Frank Schäfer doppelt lohnenswert: zum einen kann er lachen über die Art und Weise, wie der Schriftsteller mit viel Humor alltäglichen "Kleinkram" mitschreibe, ihn aber auch immer wieder "überforme"; das liest sich äußerst kurzweilig, so Schäfer. Zum anderen liefern ihm die Aufzeichnungen aber auch ein interessantes Bild des Schriftstellerdaseins über drei Jahrzehnte hinweg, auch in Bezug auf die "stets schwierigen" Beziehungen Wolfs zu seinen Verlagen - nicht zuletzt zum Suhrkamp-Verlag gibt es hier zahlreiche "Sottisen", so Schäfer. Unterhaltsam zu lesende Tagebücher, die dem Werk des Schriftstellers in "Sprachwitz und Ideenreichtum" absolut ebenbürtig sind, lobt der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 29.06.2022

Rezensent Claus-Jürgen Göpfert empfiehlt Ror Wolfs Tagebücher von1966 bis 1996. Der Kampf eines Unangepassten und Unpassenden im Literaturbetrieb der 1960er bis 80er wird darin eindringlich sichtbar, meint er. Ob Wolf wieder einmal umzieht, ihm das Geld fehlt oder Unseld ihn fallen lässt, für den Leser fallen dabei Momente großer Prosa ab, so Göpfert, etwa wenn Wolf deutsche Provinzstädte beschreibt als "Jägerschnitzel" oder große, plattgedrückte Kartoffel. Wie der Literaturbetrieb seinerzeit aussah, aus dem sich der Autor allmählich desillusioniert zurückzog, erfährt der Leser auch, ein literarischer Geheimtipp immer noch, meint Göpfert.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 29.06.2022

Rezensent Wolfgang Schneider findet in den jetzt herausgegebenen Tagebüchern von Ror Wolf alles, was er am Werk des in Saalfeld geborenen Lyrikers und Schriftstellers schätzt: Die Lust an der "Katastrophenfantasie" - etwa wenn ihm Wolf von Erdbeben oder aus dem Literaturbetrieb erzählt, ebenso wie den "subtil-grotesken" Witz. Wolf sinniert über seine Übersiedlung in die DDR, zahlreiche Umzüge und Wohnungsnot, Auseinandersetzungen mit Siegfried Unseld - und Affären, etwa das "hochappetitliche Abenteuer" mit einer gewissen Frau E. Der Kritiker kommt dem Lyriker hier noch ein ganzes Stück näher - eine klare Leseempfehlung.
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