Herausgegeben von Doris Liebermann. Mit zahlreichen Abbildungen. "Briefe an Dich" sind die Erinnerungen der letzten Zeitzeugin des "russischen Berlins" der zwanziger Jahre. In einer Mischung aus Tagebuch und Briefen schildert Vera Lourié ihre Kindheit und Jugend in St. Petersburg, wo sie behütet aufwuchs und sich als junge Frau der Schauspiel- und Dichtkunst zuwandte. Sie erzählt von der dramatischen Flucht der Familie nach der Oktoberrevolution ebenso anschaulich wie von den russischen Kreisen in Berlin, wo sie in einer Bohème aus Künstlern und Literaten verkehrte, Intrigen und Liebesaffären erlebte. Den Nationalsozialismus überlebte sie trotz ihrer Kontakte zum deutschen Widerstand, der Festnahme durch die Gestapo und der Inhaftierung ihrer Mutter im KZ Theresienstadt. Ihre beherzte Geistesgegenwart kam ihr auch zugute, als die sowjetische Armee, die bürgerlichen russischen Flüchtlingen feindlich gesonnen war, 1945 einmarschierte. Sie überstand Not und Hunger der Nachkriegszeit und war lange vergessen, bis sie als Literatin und Zeitzeugin wiederentdeckt wurde und sich im hohen Alter noch einmal verliebte. Dies bestärkte sie in der Niederschrift ihrer Erinnerungen, die nun endlich, um autobiografische Texte, Dokumente und Fotos aus dem Nachlass ergänzt, erstmals vollständig veröffentlicht werden.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.07.2014
Für Lena Bopp liegt die Wirkungskraft dieses Erinnerungsbuches der aus St. Petersburg stammenden Vera Lourie an ihre Zeit im Berlin der russischen Besatzungszeit eher unfreiwillig in der Diskrepanz zwischen Erzählhaltung und Geschehen. Ärgerlich geradezu erscheint Bopp etwa, wie wenig die Autorin das eigene Glück des Überlebens und Wohlergehens in Relation setzt zum Unglück und Elend ihrer Zeit. Die eigene Geschichte zu erzählen, als wäre sie ein Roman, findet Bopp beinahe obszön angesichts des um die Autorin herum geschehenen Leids unter dem Nationalsozialismus. Wenn sich Lourie an die russische Bohème in Berlin erinnert, wundert es die Rezensentin also kaum noch, dass dabei Beziehungsgeschichten im Vordergrund stehen und nicht etwa inhaltliche Debatten.
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