Getrieben von einer brennenden Sehnsucht nach dem Religiösen und einem mindestens ebenso intensiven Drang, sich literarisch zu erschöpfen, war es Kierkegaard unmöglich, in sich selbst zur Ruhe zu kommen. Ausdruck dieser unerfüllten Getriebenheit ist das Motiv der offenen Wunde. Das Begehren nach ihr ist ein erotisch besetzter Akt wider Willen und macht einen Teil der Faszination des Denkens Kierkegaards aus. Kierkegaards Motiv der offenen Wunde faszinierte und beeinflusste nicht nur Karl Jaspers oder Martin Heidegger, sondern auch das Denken Jacques Lacans, George Batailles oder Judith Butlers. Wennerscheid zeichnet die Konturen dieser Wunde nach und macht sichtbar, inwiefern sie in ihrer obszön klaffenden Form dasjenige am menschlichen Körper ist, das unser Begehren als etwas weckt, von dem wir meinen, es uns verbieten zu müssen. Kierkegaard überschreitet die Grenze des Verbots über eine literarische Mimesis ans Dämonische. Die Wunde des Begehrens reißt immer wieder neu auf und entwirft ein Bild von Sünde, das an erotischer Verführungskraft wenig zu wünschen übrig lässt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 02.05.2008
Unsere Qualitätszeitungen sind in der Regel zu vornehm, um mitzuteilen, wer der Rezensent eines Buches ist - obwohl diese Frage gerade bei Sachbüchern Gewicht hat, denn solche Rezensionen spielen eine Rolle im akademischen Spiel. Also: Konrad Paul Ließmann, der das vorliegende Buch bespricht, ist außerordentlicher Professor am Institut für Philosophie der Universität Wien und selbst Autor einer Kierkegaard-Einführung. Er wird so fortgetragen von Wennerscheids Dissertation, dass er sie in professoraler Zerstreutheit beharrlich als "Susanne" Wennerscheid bezeichnet. Aber sie heißt Sophie. Nimmt man die Begriffe, um die es hier geht - "Wunde" und "Begehren" - und die Säuligenheiligen des Poststrukturalismus von Bataille bis Zizek, die offensichtlich Wennerscheids Argumentationen inspirieren, dann klingt das ganze eigentlich mehr nach einem Projekt aus den Achtzigern. Aber das Buch ist von jetzt, und Ließmann macht deutlich, dass die diffizile Dialektik von Leiden und Begehren, die Wennerscheid dem dänischen Philosophen abgewinnt, für ihn durchaus Erkenntniswert hat. Als Lehre nimmt er mit, dass in diesen Begriffen die entscheidende Frage der Moderne pulsiert: "Was heißt es, sich als Subjekt zu begreifen?"
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