Unerwünscht
Die westdeutsche Demokratie und die Verfolgten des NS-Regimes

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025
ISBN
9783103976649
Gebunden, 256 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Erstmals erzählt die Historikerin Stefanie Schüler-Springorum, wie es jüdischen Überlebenden, Sinti und Roma, ehemaligen Zwangsarbeitern und Homosexuellen nach dem Krieg im westlichen Teil Deutschlands erging. Rassismus und Antisemitismus, Ressentiments und Diskriminierung hörten nach 1945 nicht auf. Jüdische Überlebende wurden privat und öffentlich angefeindet, ehemalige Zwangsarbeiter*innen missmutig geduldet, Sinti und Roma weiterhin von der Polizei drangsaliert, Homosexuelle nach der NS-Version des Paragrafen 175 verfolgt. Ihr Leiden wurde, wenn überhaupt, dann nur auf Druck der Alliierten anerkannt und entschädigt. Die Erzählung von der "geglückten Demokratie" in Westdeutschland gilt also keineswegs für alle - dieses Buch zeigt eine andere Geschichte, die bis heute fortwirkt.
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 26.09.2025
Rezensent Pitt von Bebenburg verliert spätenstens mit dem Buch der Historikerin Stefanie Schüler-Springorum jede Achtung vor der "deutschen Erinnerungskultur". Wie Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus und Homophobie in Deutschland nach dem Krieg weiter wirksam waren und die Opfer der Nazis fortdauernd offen und mit staatlicher Rückendeckung vertrieben, schickaniert und kriminalisiert wurden, zeigt die Autorin laut Bebenburg eindringlich und mit schlagenden Beispielen und drastischen Worten. Eine lesenswerte Erzählung der Nachkriegszeit aus Sicht der Verfolgten, so Bebenburg.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 14.08.2025
Für Hans von Trotha steckt in der Studie der Historikerin Stefanie Schüler-Springorum unter anderem die Hoffnung auf eine humanere Gesellschaft. Der Kritiker begrüßt die von der Autorin rigoros eingenommene Opfer-Perspektive, wenn sie über die Kontiunitäten der NS-Diktatur in der deutschen Nachkrieggesellschaft schreibt, über die erneute Ausgrenzung von Homosexuellen, Sinti, Roma, Zwangsarbeitern und "Asozialen", die erfolglos um Wiedergutmachung stritten. Diese "Opferkontinuität" stellt die Autorin laut Trotha dankenswerterweise erstmals systematisch dar.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 16.06.2025
Auf den unwürdigen Umgang der deutschen Nachkriegspolitik und -gesellschaft mit den Wiedergutmachungsansprüchen von NS-Opfern weist Stefanie Schüler-Springorum laut Rezensent Ludger Heid in diesem starken Buch hin. Schüler-Springorum stellt dar, wie die überlebenden Verfolgten der NS-Zeit - Juden, aber auch Homosexuelle, Roma und andere, nach 1945 als unerwünschte Bittsteller betrachtet wurden. Während die Adenauer-Regierung, aber auch die deutsche Bevölkerung, die Rechte von Heimatvertriebenen und Kriegswitwen hochhielt, wurden die Überlebenden oftmals kaltherzig behandelt, Ansprüche wurden teilweise mit Verweis auf NS-Recht zurückgewiesen, die Verbrechen verdrängt und die Westintegration vorangetrieben. Pedantisch und kleinlich agierten die deutschen Bürokraten zumeist, erfährt Heid, die moralische Schuld Deutschlands wurde nicht anerkannt, in der Gesellschaft machte sich das Klischee der überversorgten Opfer breit. Klar wird durch die ausgewogene Darstellung der Historikerin, findet der Rezensent, wie Antisemitismus und andere Vorurteile in der Nachkriegszeit fortwirkten - letztlich bis heute.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.05.2025
Rezensent Stephan Speicher wird nicht froh mit Stefanie Schüler-Springorums Buch über das Nachwirken des NS-Regimes im Nachkriegsdeutschland. Dass nationalsozialistisches Denken nachwirkte, wie die Autorin etwa im Hinblick auf die Behandlung von Juden und Homosexuellen betont, steht für Speicher zwar außer Frage, doch alles als Universalerklärung möchte der Rezensent das nicht gelten lassen. Der Vergleich mit Frankreich lehrt ihn das. Die Autorin läuft so Gefahr, zu selbstverständlichen, also wertlosen Urteilen zu kommen, kritisiert Speicher. Dass der Band "einseitig" die Opfer-Perspektive einnimmt, geschieht wiederum durchaus zu Recht, findet er.