Armenische Reise
Die Reise des großen russischen Schriftstellers an die Ränder des Imperiums

Claassen Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783546100939
Gebunden, 208 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Aus dem Russischen übersetzt und mit einem Nachwort von Christiane Körner. Es ist das Jahr 1961, Wassili Grossman rattert im Zug nach Jerewan, eine der ältesten Städte der Welt. Tief getroffen von der Beschlagnahmung seines Jahrhundertromans "Leben und Schicksal" reist er durch Armenien. Auf der Suche nach neuem Atem in der Ferne findet er unter den Trümmern der Geschichte des 20. Jahrhunderts Menschlichkeit, Wärme und alles verändernde Eindrücke. Er beginnt zu schreiben. Die "Armenische Reise" zeichnet ein Bild der Person Grossman hinter dem Verfasser der großen Erinnerungsromane über die Schlacht von Stalingrad, die Shoah und die Hungersnot in der Ukraine. In seinen Reisenotizen wechseln Bekenntnisse, Essays und Anekdoten einander spielerisch ab. Jede Begegnung bringt eine Geschichte mit sich und so setzt sich die Historie dieses Landes, die Repressionen der 1930er Jahre, der Stalinkult, der Zweite Weltkrieg, die Massaker an den Armeniern in der Türkei, die nationalsozialistischen Verbrechen, wie ein Spiegelbild der Erinnerung zusammen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 31.10.2024
Ein Buch voller Schmerz und Erinnerungen liest Rezensentin Olga Hochweis. Geschrieben hat es der sowjetische Schriftsteller Wassili Grossman im Jahr 1963, es behandelt seine Reise nach Armenien, ein Land, über das er zunächst kaum etwas weiß, auch Armenisch spricht er nicht. In dem Text fließen Reisebeschreibung, Rückblicke des Autors und weiterführende Gedanken zusammen, beschreibt Hochweis das mal empathische, mal ironische, mal betrübte Buch, in dem Grossmann auf verschiedene Gesprächspartner trifft und zwischendrin sogar Stalin verteidigt, wenn die Armenier aber auch kein einziges gutes Haar an dem Diktator lassen. Auch die in der Sowjetunion tabuisierte Shoah sowie der russische Antisemitismus spielen bei Grossmann eine Rolle, stellt Hochweis klar, weshalb das Buch erst Jahrzehnte nach seiner Entstehung veröffentlicht werden konnte. Insgesamt bespricht die Rezensentin das Buch als einen reichhaltigen Text, der verschiedene Impulse in sich vereint.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 28.09.2024
Wassili Grossmans großes Weltkriegsbuch "Leben und Schicksal" konnte in der Sowjetunion nicht erscheinen, weiß Rezensent Ulrich M. Schmid, sein Vergleich von Nazizeit und Stalinismus hatte die Behörden erzürnt. Zum Trost durfte er 1961 nach Armenien reisen. Seine Schilderung einer fremden Kultur zwischen Verdauungsproblemen durch ungewohnte Kost, Nahtoderfahrungen nach einem Besäufnis und Erinnerung an den Genozid ist äußerst lebendig und klug geraten, auch in der Übersetzung von Christiane Körner, lobt Schmid. Dass Grossman notiert, dass die Armenier Stalin nur als "mama dsaghli", als Hurensohn bezeichnen und dass er die "armenische Feinfühligkeit" für den Holocaust gegenüber dem offiziellen sowjetischen Schweigen herausstellt, dürfte ursächlich gewesen sein, dass auch dieses Buch in der Sowjetunion nicht erscheinen konnte, vermutet der Kritiker, sieht darin aber einen kleinen Triumph des Autors über das System.