Musik war für Antike und Mittelalter mit einer mathematisch geprägten Vorstellung von Harmonie verbunden, sie galt als Abbild des wohlgeordneten Kosmos. In der Neuzeit dient sie dem subjektiven Ausdrucksbedürfnis und spiegelt seit der Romantik die Welt als Dissonanz. Die alte Harmonievorstellung ging jedoch nicht verloren, sondern verschränkte sich mit dem modernen Verständnis einer absichtsvoll fragmentarischen und hässlichen Kunst. Harmonikale sowie gnostische und theosophische Strömungen unterlaufen seit dem späten 19. Jahrhundert eine Entwicklung zur totalen Dissonanz der atonalen und dodekaphonen Musik. Führende Vertreter der Neuen Musik huldigten okkultistischen Überzeugungen, deren Wurzeln bis in die Antike zurückreichen. In zehn Kapiteln wird dieser Gedanke von Schopenhauer bis Adorno, von E. T. A. Hoffmann bis Thomas Mann, von Schumann und Wagner über Schönberg und Cyril Scott bis zu John Cage entfaltet.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 04.05.2013
Thomas Gerlich hat dieses Buch des Musikwissenschaftlers Werner Keil über musikästhetische Ideen zwischen Schopenhauer und Schönberg weitgehend positiv aufgenommen. Im Zentrum des Werks sieht er die Frage nach den Wechselwirkungen von Philosophie und Musik. Besonders hebt er das Kapitel über Wagners Rezeption von Schopenhauers Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung" hervor. Er attestiert dem Autor, ideengeschichtliche Linien von der Antike bis zur Moderne zu ziehen und immer wieder erhellende Einsichten zu liefern. Einzig mit der These, dass Dissonanz um 1800 zur "Idealmetapher für die Welt" (Keil) werde, tut er sich schwer.
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