Erweiterte Fassung. Mit einem Nachwort von Dieter Borchmeyer. März 1933: Der Schüler Werner Vordtriede weigert sich, sein Abiturzeugnis im Freiburger Gymnasium abzuholen, weil das neue Regime bei der Schulfeier den Hitler-Gruß verlangt. Der 18jährige verlässt umgehend Deutschland, kommt als Hauslehrer im Schweizer Jura unter, studiert dann in Zürich deutsche und englische Literatur, mit Jobs an Universität und Theater. 1938 emigriert er in die USA, wo er von den vierziger Jahren an ein renommierter Literaturwissenschaftler wird. Eine Rückkehr nach Deutschland bleibt ihm für Jahrzehnte versagt. Vordtriedes Tagebuch seiner ersten amerikanischen Jahre erweist sich als eine pointierte Zeitmitschrift: Während er die Emigration seiner Mutter Käthe Vordtriede betrieb, wollte er dennoch den Hitler-Staat nicht mit "Deutschland" gleichsetzen. Anders als viele Emigranten hielt Vordtriede an einer deutschen und europäischen Kultur fest, deren Zerstörung durch die Bestialität er nicht für endgültig ansah.
Rezensent Werner Jung preist das "Tagebuch aus dem amerikanischen Exil" des Ende 1938 ins amerikanische Exil gelangten Literaturwissenschafters, Germanisten und Komparatisten Werner Vordtriede als faszinierende Lektüre. Vordtriedes Exiltagebuch reflektiert für Jung nicht nur die europäischen (Kriegs-)Vorgänge und macht ein Emigrantenschicksal beredt. Darüber hinaus hält Jung es auch in wissenschaftsgeschichtlicher Hinsicht und - noch allgemeiner - in kultur- und literarhistorischer Perspektive für bedeutungsvoll. So nennt er Vordtriede einen "Erotiker des Wortes", der bei aller wachen Aufmerksamkeit für die Gesellschaft und die Gegenwart vor allem den (Erinnerungs-)Spuren der Literatur folge. Daher sei Vordtriedes Tagebuch auch ein fortlaufender Bericht über Lektüren, er schreibe hellsichtige Anmerkungen zu jüngst Erschienenem und beobachte genauestens auch die neuere deutsche Literatur. "Über die Ängste und Nöte des Exils, eine Zeit unsicherer Existenz und unentschiedener Haltung gegenüber dem amerikanischen Unterrichtswesen und seinen Möglichkeiten hinweg", so der Rezensent abschließend, "sucht und findet Vordtriede seine Heimat in der (deutschen) Sprache."
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