Wolfgang Emmerich

Nahe Fremde

Paul Celan und die Deutschen
Cover: Nahe Fremde
Wallstein Verlag, Göttingen 2020
ISBN 9783835336063
Gebunden, 400 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Paul Celan, 1920 als deutschsprachiger Jude in Czernowitz geboren, wollte schon früh Dichter werden, doch die Ermordung seiner Eltern im Holocaust führte zu einem zwiespältigen Verhältnis zur deutschen Sprache. Trotzdem wird er zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Lyriker der Nachkriegszeit. Von seinem Wohnort Paris reist er zu Lesungen oder auch privat immer wieder in die Bundesrepublik, aber dieses Deutschland, in dem der Nazismus noch lange virulent ist, bleibt ihm fremd und verstört ihn stets aufs Neue. Freundschaften mit deutschen Autoren (die meisten ehemalige Soldaten der Wehrmacht) scheitern. Die Plagiatsanschuldigung der sogenannten Goll-Affäre nimmt Celan als Rufmord wahr, der für ihn einem nachgeholten Mord gleichkommt. Sein Verhältnis zu Deutschland und seiner Muttersprache, die auch die Sprache der Mörder war, erweist sich als nicht heilbar.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.04.2020

Rezensent Jörg Später freut sich über eine Ausdifferenzierung des Verhältnisses zwischen dem Dichter Paul Celan und "den Deutschen" sowie über eine Nuancierung der in der Celan-Foschung bekannten "Paranoia-Diagnose" in Wolfgang Emmerichs Buch. Was der Literatur- und Kulturwissenschaftler an Vielschichtigkeit in Celans Beziehungen zur Bachmann, zu Heinrich Böll oder Rolf Schroers aufdeckt, verblüfft Später. Dass der Autor "Entfremdungsprozesse multiperspektivisch ausleuchtet", statt abzurechnen, scheint ihm gewinnträchtig. So wird für den Rezensenten die "Destruktivkraft" unsensibler linker Freunde wie diffamierender rechter Gegner erkennbar, die durch Verleumdungen wie durch Claire Goll ebenso verstärkt wurde wie durch die Reaktionen der Literaturkritik auf seine Gedichte, die noch die Ästhetik lobten, wenn Celan über Lager sprach.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 21.04.2020

Zum fünfzigsten Todestag von Paul Celan empfiehlt Rezensent Carsten Hueck nachdrücklich diese Studie des Literaturwissenschaftlers Wolfgang Emmerich. Wie prägend das Verhältnis zu Deutschland für den in der Bukowina geborenen Celan war, der in Bukarest, Wien und Paris lebte, kann ihm Emmerich "fundiert" und flüssig lesbar verdeutlichen: Deutsch war nicht nur Celans Muttersprache, zeitlebens suchte er auch die Anerkennung vor allem in Deutschland - wenngleich er hier immer wieder Ablehnung erlebte und nie in Deutschland leben wollte und konnte, klärt der Kritiker auf. Einfühlsam gehe Emmerich darüber hinaus nicht nur auf Celans Biografie, seine Beziehung zu Ingeborg Bachmann und zur Gruppe 47 oder seine Konfrontation mit deutschem Antisemitismus ein, sondern beleuchte auch, wie sehr Celans Verhältnis zu Deutschland durch die Shoah geprägt war, so Hueck. Wenn der Autor schließlich auf den Antisemitismus und Antizionismus der 68er eingeht, erkennt der Rezensent nicht zuletzt die Aktualität des Bandes.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.04.2020

Wolfgang Emmerichs Studie ist für Rezensent Harro Zimmermann ein subtiler Versuch, Celans Ringen mit Deutschland mit Sachkenntnis einem größeren Publikum zu erschließen. Der "jüdische Kampf" Celans um Anerkennung erscheint Zimmermann hier als aus "luziden" Textinterpretationen und aus der Vita des Autors herausgelesene "Passionsgeschichte". Von der Begegnung mit Ingeborg Bachmann über die Lesung bei der Gruppe 47 bis hin zur "Hetzkampagne" Claire Golls und zu Celans "paranoiden" Reaktionen reicht die lesenswerte Darstellung laut Zimmermann.

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