Bücher der Saison

Politische Bücher

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
18.11.2024. Anne Applebaums "Achse der Autokraten", Alexej Nawalnys Tagebuch, Bücher zum 7. Oktober und zur AfD. Und ein Atlas zur "Welt der Gegenwart" - das ideale Weihnachtsgeschenk für begabte Nichten und Neffen.
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Seit 25 Jahren, seit dem Herbst 1999, wertet der Perlentaucher die Buchbeilagen der großen deutschen Zeitungen aus. Aber gab es je eine Saison, in der die politischen Krisen sich so fatal ergänzten, so übereinander stürzten wie im Jahr 2024? Der Ukraine-Krieg, der 7. Oktober, China, und nun auch noch die triumphale Wiederwahl Donald Trumps: Die aktuelle Politik, die Kriege, haben die gleichermaßen epochalen Themen wie etwa den Klimawandel zumindest provisorisch verdrängt. In Deutschland kommen zu allem das Ende der Ampelkoalition und die anstehenden Bundestagswahlen hinzu. Der Buchmarkt wartet hier mit Bangen und Sehnen auf die Memoiren von Angela Merkel: Wird sie etwas anderes sagen, als dass es keine Alternative gab? Wir wollen dafür sorgen, dass nicht nur dieser annoncierte Megaseller auf den Gabentischen liegt.

Ukraine, Russland und der Westen

Das politische Buch der Bücher dieser Saison ist Anne Applebaums "Die Achse der Autokraten" (bestellen), sicher auch, weil die Autorin den diesjährigen Friedenspreis erhalten hat, sicher auch im Licht der desaströsen amerikanischen Wahlen. In der Paulskirche redete sie den Deutschen ins Gewissen - es war eine Rede gegen jene Mentalität, die sich in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg tief in die deutschen Seelen gesenkt hat. Aus dem Zweiten Weltkrieg zogen sie die Konsequenz: "Nie wieder Krieg". In Westdeutschland entwickelte sich schon den Fünfzigern eine Friedensbewegung, die gegen deutsche Wiederaufrüstung protestierte, und auch in Ostdeutschland würde es sich so mancher noch heute gern unter den Fittichen Moskaus gemütlich machen. Das Buch, das die Achse der Autokraten von China bis Weißrussland, von Syrien bis Russland, von Iran und Myanmar bis Venezuela analysiert, ist überall besprochen worden - und es hat die Rezensenten alarmiert. Deutschland spielt in dem Buch eine wichtige Rolle, und die oben erwähnte Angela Merkel kommt dabei nicht gut weg, erzählt Julia Encke in der FAS. Ein Sündenfall war Merkels Kooperation mit Russland bei Nord Stream 2, auch noch nach 2014. Ganz besonders heben die Rezensenten aber noch einen anderen Aspekt des Buchs hervor: Sie lernen, wie die Autokratien kooperieren. Zwar sind sie sich zum Teil spinnefeind, hängen keineswegs alle den selben Ideologien an, aber eins eint sie: der Hass gegen den Westen, dem Applebaum dringend rät, seine Verzagtheit abzuschütteln.

Auch der konservative CDU-Vordenker Andreas Rödder macht sich in "Der verlorene Frieden - Vom Fall der Mauer zum neuen Ost-West-Konflikt" (bestellen) Gedanken über das Schlamassel, in das wir nach 1990 nach und nach gerieten. In den Blick geraten in dieser Analyse eines Westens, der seine Stärke nicht begriffen hat, die hierzulande oft übersehenen Perspektiven osteuropäischer Länder, freut sich Gustav Seibt in der SZ. Die osteuropäischen Länder hatten eigentlich rechtzeitig vor Putin gewarnt! Die anti-woken Passagen im Buch haben Seibt nicht so gut gefallen.
Als begleitende Lektüre und Fanal könnte man Peter Heathers und John Rapleys "Stürzende Imperien" (bestellen) lesen. Die beiden Oxford- und Cambridge-Historiker untersuchen die "unheimlichen Parallelen - und produktiven Unterschiede - zwischen dem Untergang Roms und dem Fall des Westens" (so der Klappentext). Die Kritiker reagierten unterschiedlich. "Lasst Rom in Frieden ruhen", ruft Andreas Kilb in der FAZ in einem Verriss. Auch wenn es sicherlich bestimmte "strukturelle Ähnlichkeiten" zwischen der Vergangenheit und Gegenwart gibt, das will Kilb gar nicht bestreiten, treten für ihn letztlich die Unterschiede viel mehr hervor, zum Beispiel im Verhältnis zwischen der ökonomischen Situation, die damals von Sklavenhandel und Landbesitz bestimmt wurde, heute von einem immer weiter expandierenden Kapitalismus. Auch Gustav Seibt reagiert in der SZ leicht belustigt, aber freundlicher. Aber Herfried Münkler liest das Buch in der Zeit mit Interesse. Er lernt, dass auch die Probleme des Westens wie einst die Roms vor allem ökonomischer Natur sind, nämlich mit der Verlagerung von Industrie in die Peripherie zu tun haben. Das ideale Weihnachtsgeschenke für alle Onkel, die gern schwadronieren?


Deutschland

In Deutschland ist der Katzenjammer groß. Das hat wohl vor allem mit dem Zusammenbruch des deutschen Geschäftsmodells - billige Energie aus Russland, billige Verteidigung aus Amerika, teure Exporte nach China - zu tun. Volkswagen pfeift auf dem letzten Loch, auch weil kein billiges Gas mehr da ist, mit dem Deutschland seine berühmte Industrie betrieb, Autos und Chemie - deren Chefs allesamt große Freunde Russlands und Chinas waren - allen voran. Reinhard Bingener und Markus Wehner schilderten den Zusammenbruch letztes Jahr in ihrem Augenöffner "Die Moskau-Connection - Das Schröder-Netzwerk und Deutschlands Weg in die Abhängigkeit". Ja, diese Politik hat viel mit der SPD zu tun!

Aber die CDU sollte man keineswegs außen vor lassen. Und als Gegengift zu Merkels zu erwartender Selbstrechtfertigung könnte man "Die Täuschung - Angela Merkel und ihre Deutschen" (bestellen) von Eckart Lohse lesen, der wie Bingener und Wehner FAZ-Redakteur ist. Merkels Politik sei auf vier Feldern gescheitert, lernt man schon im Klappentext: Russland, Energieversorgung, Verteidigung, Integration. Lohse legt hier eine "illusionslose Analyse" der Situation vor, in der Merkel die bereitwillige Bevölkerung in Sicherheit wiegte, während Investitionen in Wohnungsbau oder Energiewende zugunsten der "Schwarzen Null" aufgeschoben wurden, erfahren wir von Johan Schloemann in der SZ. Lohse schreibt ohne "nachträgliche Besserwisserei", aber mit angemessener Kritik, ergänzt Moritz Küpper in Dlf Kultur.

Die aktuellen politischen Bücher über Deutschland zeigen, dass der Buchmarkt etwas verzögert reagiert: Es gibt viele Bücher über die AfD, aber noch nichts Substanzielles über das Bündnis Sahra Wagenknecht, das die deutsche Politik im Moment viel gründlicher lähmt - aber natürlich auch nicht ohne den AfD-Kontext zu verstehen ist. Auch die Bücher über die AfD haben die Kritiker nicht hundertprozentig zufrieden gestellt. Dirk Laabs und Michael Kraske sind immerhin ausgewiesene Rechtsextremismus-Experten. Besonders, wer für ein Verbot der AfD eintritt, wird in "Angriff auf Deutschland - Die schleichende Machtergreifung der AfD" (bestellen) Munition für seine Argumente finden - denn die Autoren sehen keine Alternative zu diesem Verbot. Ulrich Gutmair teilt diese Ansicht in der taz und hofft, dass das Buch eine breite Debatte zum Thema auslöst. Ergänzend zu lesen ist Eva Kienholz' "kurze Geschichte der AfD" (bestellen), die sich den Kritikern etwas zu sehr an den Ereignissen entlang hangelt - aber dennoch als Einführung zu empfehlen sei. Thomas Köck schildert in seiner "Chronik der laufenden Entgleisungen" (bestellen), allein aus einer chronologischen Medienbeobachtung, wie sich rechtsradikale Begriffe und Diskurse immer mehr im Mainstream einnisten. Das Buch hat die Kritiker beeindruckt. Köck tritt dabei schlicht als Medienkonsument auf, sein Buch lässt nachvollziehen, wie Wörter wie "Remigration" in den Diskurs Einzug hielten, und wie fremdenfeindliche Parolen eine Auseinandersetzung mit Sachthemen verdrängten, notiert  Christiane Lutz in der SZ. Schon Im Juli erschien Marcus Bensmanns "Niemand kann sagen, er hätte es nicht gewusst - Die ungeheuerlichen Pläne der AfD" (bestellen). Bensmann ist einer der Rechercheure des Correctiv-Netzwerks.


Der 7. Oktober und die Folgen

Die Reaktion der Weltöffentlichkeit auf den 7. Oktober zeigt: Man kann ein Massaker begehen, triumphale Selfies davon verbreiten und es fast noch im gleichen Atemzug leugnen: Gerade Intellektuelle wie Judith Butler, die bezweifelte, dass die Berichte vom 7. Oktober stimmen, wurden zu Sprachrohren dieser neuen Leugner-Generation. Bücher wie das von Lee Yaron sind darum so nötig.

Die Journalistin Lee Yaron rekonstruiert in "Israel, 7. Oktober" (bestellen) den Tag der Katastrophe und zeichnet Porträts der ermordeten Frauen, Männer und Kinder, um die Erinnerung an sie zu bewahren. Wir haben das Buch im Perlentaucher vorgeblättert. Sie erzählt hier unter anderem die Geschichte des Moshe Ridler, der dem Holoaust entkam, aber nicht der Hamas. "Kaum auszuhalten" sind die Geschichten der infolge des Angriffs getöteten und traumatisierten Menschen, schreibt René Wildangel in der SZ. Victoria Eglau lobt im Dlf die Empathie der Autorin und ihren Verzicht auf Polemik. Es sind noch weitere Bücher zum 7. Oktober erschienen. Gisela Dachs versammelt für "7. Oktober - Stimmen aus Israel" (bestellen) Texte von Autoren wie David Grossmann, Ayelet Gundar-Goshen, Eva Illouz, Etgar Keret, Fania Oz-Salzberger, Amir Tibon. Und die auch in Deutschland bekannte Rabbinerin Delphine Horvilleur legt mit "Wie geht's? Miteinander sprechen nach dem 7. Oktober" (bestellen) eine Selbstverständigung vor. Sie schreibt laut taz-Kritiker Jens Uthoff durchaus mit Humor "in Form von fiktiven Zwiegesprächen" darüber, wie sich vermeintlich Linke entsolidarisieren und sich allzu schnell antisemitisch verhalten. Lesenswert auch Fania Oz-Salzbergers Plädoyer für einen humanistischen Zionismus in "Deutschland und Israel nach dem 7. Oktober" (bestellen) und Saul Friedländers "Israel im Krieg - Ein Tagebuch" (bestellen). Empfohlen sei schließlich "Und es geschieht jetzt" (Bestellen) von Marko Martin, der neulich wegen seiner großartigen Rede im Schloss Bellevue (unsere Resümees) ins Gespräch kam. Martin ist nach Israel gereist, aber sein Blick ist auch ein deutscher, und das ist wichtig, findet Klaus Bittermann in der taz. Fragen angesichts der "Empathielosigkeit der Deutschen" spielen ebenso eine Rolle wie Möglichkeiten, dieses Trauma zu bewältigen.

Natan Sznaiders "Die jüdische Wunde - Leben zwischen Anpassung und Autonomie" (bestellen) knüpft an den 7. Oktober an, geht als Reflexion über jüdische Identität aber weit darüber hinaus. Das Buch dürfte eine der wichtigsten Reflexionen zu diesem Thema im Zeitalter der Identitätspolitiken sein: Es ist eigentlich keine Identität, jedenfalls keine einfache, resümieren die Rezensenten, sondern ein unauflöslicher Widerspruch von Gleichheit und Andersheit, Assimilation und Besonderheit, den nur Gesellschaften und Ideengebäude aushalten, die Widersprüche stehen lassen können, also allenfalls Demokratien und allenfalls politische Theorien, die ein Element des Antitotalitären enthalten. Sebastian Engelbrecht zufolge, der das Buch im Dlf bespricht, macht Sznaider die Differenz am Beispiel der universalistischen Figur Nathan der Weise bei Lessing und einem fiktiven partikularistischen Nathan mit Schläfenlocken fest. Juden können, lernt Engelbrecht von Sznaider, ihrem Judentum nicht entkommen, weil Gesellschaften sich immer wieder an dieser Ambiguität reiben werden.


Ein Atlas

Wer sie noch nicht kennt: Jeder sollte die Arte-Sendung "Mit offenen Karten" gucken. Sie kommt wöchentlich, dauert 13 Minuten und nach jeder Folge hat man die Welt ein bisschen besser verstanden. Sie knüpft an das Vergnügen an, das das Kind einst verspürte, wenn es an einsamen Nachmittagen den Diercke-Weltatlas durchblätterte und mit dem Finger die hintersten Ecken der Kurilen bereiste. Aber "Mit offenen Karten" ist ein Atlas in Fernsehformat: Es geht um Fragen wie "Elektroautos - wer stoppt China?" oder "Armenien - kleines Land mit großer Geschichte". Die Karten zeigen jedes Mal wieder: Mit Bildern lässt sich manches wesentlich besser darstellen als mit Worten. Der bei C.H. Beck herausbrachte geopolitische Atlas "Die Welt der Gegenwart" (bestellen) versucht, das animierte Kartenwerk nun wieder ins Buchformat zu überführen. FR-Kritiker Arno Widmann findet in dem Band Antworten auf Fragen, von denen er noch nicht mal wusste, wie wichtig es ist, sie zu stellen. Widmann ist begeistert von der Fülle an Informationen im Band, von den mehr als 130 bunten Karten und den Themen von Putins Krieg über die Nuklearmacht Nordkorea bis zum Klimawandel. Ein ideales Weihnachtsgeschenk für begabte Nichten und Neffen.


Nawalny

Wie solche Bücher in den Markt gedrückt werden, ist nicht immer sympathisch. In konzertierter Aktion, in mehreren Ländern gleichzeitig. Aber es ist natürlich ein Zeitdokument. Die Kritiker sind tief beeindruckt von Alexej Nawalnys "Patriot - Meine Geschichte" (bestellen) - der Todesmut der russischen Oppositionellen hat für westliche Beobachter manchmal etwas geradezu Unheimliches. Aber es gibt auch Kritik. Nawalnys zwischenzeitliche Hinwendung zur politischen Rechten, seine Kollaboration mit dem ultrarechten Autor Sachar Prilepin etwa wird nicht erwähnt, notiert etwa Ulrich M. Schmid in der NZZ. Sehr kritisch auch der Rezensent Nikolai Klimeniouk in der FAS, dessen Kritik einiges über Vorbehalte gegen Nawalny auch in der Exilantenszene und auch unter Ukrainern zeigt. Bitter stieß auch auf, dass Julija Nawalnaja auf die Frage, ob es richtig sei, Waffen an die Ukraine zu liefern, in der Zeit tatsächlich antwortete, das sei "schwer zu sagen". Es handelt sich natürlich dennoch um ein historisches und nach Kritikerauskunft auch fesselndes Buch: Was Nawalny trotz aller erlebten Grausamkeiten und der repressiven Isolation im Gefängnis nie verloren geht, ist der Humor, berichtet die bewegte Rezensentin Silke Bigalke in der SZ.


Länder und Leute, kurze Notizen

Irina Rastorgueva (FAZ-Lesern als Irina Rastorgujewa bekannt) sammelt und dokumentiert in "Pop-up-Propaganda" (bestellen) Lügen des russischen Staates, erklärt Rezensent Stefan Plaggenborg in der FAZ - Verschwörungsmythen, Fake-News, Propaganda, Hass- und Hetzreden. Wo soll hier jemals Widerstand entstehen können, wenn die Opposition zersplittert, tot, im Exil oder im Gefängnis ist, so der Rezensent, der überwältigt ist von der Fülle an Bullshit.
"Das gespaltene Indien" (bestellen) von Ashoka Mody ist eine eher vom Wirtschaftlichen kommende Analyse der gegenwärtigen Lage in Indien, sehr gelobt von Nicolas Kurzawa in der FAZ. Das Buch wende sich gegen Narrative, die Indien bereits auf dem Weg zur neuen Weltmacht sehen und verweist stattdessen auf Probleme wie das Bevölkerungswachstum, für das keine angemessene Zahl von Arbeitsplätzen besteht, die grassierende Korruption und Schlimmeres in der politischen Sphäre sowie das marode Bildungssystem.
Antonio  Scurati wurde berühmt mit seiner Romanserie über den italienischen Faschismus. "Faschismus und Populismus" (bestellen), der auf einem mündlichen Vortrag basierende und eingängig geschriebene Text, fasst Scuratis zentrale Überlegungen zum Thema zusammen, die darauf hinauslaufen, so Maike Albath im Dlf, dass die Italiener den Faschismus nicht angemessen verstehen, weil sie ihn nur aus der Perspektive des Antifaschismus betrachten, aber verdrängen, dass der Faschismus in Italien erfunden wurde und außerordentlich populär war.
Rezensent Stefan Ulrich fühlt sich von Michael Brauns Buch "Von Berlusconi zu Meloni" (bestellen) gut informiert über den neuen italienischen Rechtsruck. Braun, der als taz-Korrespondent in Italien arbeitet, berichtet kenntnisreich und ohne Panikmache von den Entwicklungen in der italienischen Politik, in den Ausführungen bekommt auch die oft schwach agierende Linke Kritik ab, zentral geht es jedoch um den Aufstieg der Rechten nach dem Zusammenbruch des alten Parteiensystems nach 1989.

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