Bücher der Saison

Erinnerungen, Briefe

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
09.11.2020. Rebecca Solnit erzählt, wie sie Feministin wurde. Adorno diskutiert mit Ernst Krenek über neue Musik. Maryse Condé erzählt von ihrer Selbstfindung als schwarze Autorin. Mit Martin Gross erleben wir Dresden 1992.
Mit großem Interesse wurde Rebecca Solnits "Unziemliches Verhalten" aufgenommen, eine Mischung aus autobiografischer Erforschung, "wie ich Feministin wurde", und Essay. In der FAZ widersteht Elena Witzeck der Versuchung, diesen "Augenzeugenbericht" einer Frau im San Francisco der 80er Jahre als literarisch-zeitgeschichtliches Dokument zu lesen. Stattdessen erkennt sie, dass die geschilderten Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau nach wie vor ein Problem sind - eine Erkenntnis, die im Falle Solnitts nicht mit einer Anklage verbunden sei, sondern sich eher durch "erleuchtende Gelassenheit" auszeichne.

Auf angenehme Art gefordert fühlte sich FAZ-Rezensent Wolfgang Matz von dem Briefwechsel Adornos mit dem österreichisch-amerikanischen Komponisten Ernst Krenek : Der damals 22-jährige Adorno erlebte die Uraufführung von Ernst Kreneks Zweiter Symphonie in Kassel 1923 als Schock (der Komponist war damals sogar erst 19 Jahre jung).  Ein Jahr später begannen die beiden ihren Briefwechsel, in dem laut Matz nicht nur Kreneks schlagende Kritik an Adornos Musikphilosophie sichtbar wird, sondern auch Adornos Ehrgeiz als Komponist und sein Faible auch für abseitigere Musikkünstler. Für Matz ein erlesener Genuss.

In der SZ empfiehlt Joseph Hanimann die Kindheitserinnerungen "Mein Lachen und Weinen" der in die Oberschicht von Guadeloupe geborenen, später in Westafrika, Frankreich und den USA lebenden Autorin Maryse Condé. Ihre frühen Erfahrungen mit Klassen- und Rassenkonflikten - Condés Eltern waren französischer als die Franzosen, was ihre Tochter natürlich auf ihre schwarze Identität beharren ließ - findet Hanimann symptomatisch. Spannend findet er aber auch, wie Condé aus dieser Situation heraus zu ihrem Selbstbewusstein als Autorin der karibischen Dekolonalisierungsliteratur fand. Unergiebiger fand Hanimann Condés Autobiografie "Das ungeschminkte Leben" hier fehlen ihm die Hintergründe. NZZ-Kritikerin Angela Schader las das Buch dagegen als durchaus spannenden Bericht über ihre Selbstfindung und die frühen Jahre der Entkolonialisierung in Ghana und der Elfenbeinküste, die Condé als "Desillusionierung" erlebte. In der NZZ empfiehlt Susanne Billig noch Dina Nayeris "Der undankbare Flüchtling" der Erfahrungsbericht einer jungen iranischen Emigrantin in den USA.

Natürlich haben die LektorInnen auch dieses Jahr wieder einige fast vergessene Schätze ausgegraben: Allen voran Nadeshda Mandelstams "Erinnerungen an das Jahrhundert der Wölfe" Dieses Großwerk der sowjetischen Dissidentenliteratur war lange Zeit vergriffen, nun hat die Andere Bibliothek das Buch zum Glück erneut herausgebracht, freut sich in der SZ Helmut Böttiger, der zwar anfänglich mit Ursula Kellers nah am Original bleibenden Übersetzung kämpft, dann aber doch schnell in die aus Mosaikstücken zusammengesetzte Lebensgeschichte der Mandelstam, ihre literarischen und existenziellen Überlebenskämpfe nach der Revolution und ihr Leben mit Ehemann und Dichter Ossip Mandelstam, der nicht nur bei Stalin in Ungnade gefallen war, abtaucht. Als Glücksfall werteten die KritikerInnen auch die Wiederveröffentlichung die unter dem Titel "Das letzte Jahr" verfassten Notizen von Martin Gross aus dem Jahr 1992. Wie Gross hier in einer Mischung aus Reportage und Beobachtung Straßenszenen und Begegnungen mit "Noch-DDR-Bürgern" in Dresden schildert, findet FAZ-Kritiker Rene Schlott nach wie vor lesenswert. SZ-Kritiker Tobias Lehmkuhl nennt Gross in einem Atemzug mit den großen Flaneuren Kracauer und Hessel.

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