Julian Barnes: Abschied(e)Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte…
In den jetzt auf Deutsch erschienenen Romanen spielt der Krieg eine wichtige Rolle - sei es der letzte, vorletzte oder vorvorletzte. In Ivana Sajkos Roman "Rio Bar" sitzt eine junge Frau in einer Bar, trinkt und erinnert sich an ihre Hochzeit, die mit dem Kriegsbeginn zusammenfiel. Igor Stiks' Roman "Die Archive der Nacht" erzählt entlang der Geschichte eines vaterlosen Jungen vom Holocaust, dem Kommunismus und dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens in den Neunzigern. Miljenko Jergovics Familienroman "Das Walnusshaus" erzählt - witzig, mitreißend und lebensprall, fand die taz - die Geschichte des Westbalkan von der Ablösung der osmanischen Herrschaft bis zur Bombardierung Dubrovniks Anfang der Neunziger. Edo Popovics Roman "Kalda" erzählt vom Aufwachsen im Sozialismus mit zu viel Drogen und zu wenig Sex, vom Überleben als Fotograf im Krieg und im darauf folgenden Turbokapitalismus. Außerdem neu erschienen: Olja Savicevics Erzählungen "Augustschnee" und Roman Simics Erzählungen "In was wir uns verlieben".
In diesem Frühjahr veröffentlicht der Wieser Verlag 19 Bücher kroatischer Autoren (hier das Programm, leider nur als pdf). Der Daedalus Verlag hat sechs Gedichtbände kroatischer Autoren - Anka Zagar, Jaksa Fiamengo, Vlado Gotovac, Andriana Skunca, Luko Paljetak und Nikica Petrak - veröffentlicht.
Einen guten Eindruck vom literarischen Klima in Kroatien - und besonders von dem Dichter Delimir Resicki (sein Gedichtband "Arrhythmie" gerade in der Edition Korrespondenzen erschienen ist) und dem Erzähler Miljenko Jergovic ("Das Walnusshaus") - bekommt man bei Gregor Dotzauer im Tagesspiegel.
Lesern, die nicht gleich zu einem Roman greifen möchten, sei zur ersten Orientierung die von Nenad Popovic herausgegebene Anthologie "Kein Gott in Susedgrad" empfohlen. Das Buch sammelt Geschichten von Stanko Andric, Tomica Bajsic, Vlado Bulic, Boris Dezulovic, Zoran Feric (Bild, mehr), Tatjana Gromaca, Simo Mraovic, Robert Perisic, Roman Simic, Dalibor Simpraga und Igor Stiks. Mehr zu dieser Anthologie beim Deutschlandradio Kultur. In einem Interview mit dem Blog Autorenschrittmacher stellt Nenad Popovic das Programm seines Verlags Durieux vor.
Kann man ein postmoderner Dreißigjähriger sein und trotzdem ein interessantes Leben führen? Thomas Pletzinger beschreibt in seinem Erstlingsroman "Bestattung eines Hundes" () einen Versuch. Der als Journalist arbeitende Ethnologe Daniel Mandelkern lässt sich in einen Roman ziehen, der New York, Brasilien, eine leidenschaftliche Dreiecks-Beziehung und literarische Anspielungen von Uwe Johnson bis Clifford Geertz vereint. Für Richard Kämmerlings, der gerade in der FAZ mehr Realitätsbezug in der Literatur gefordert hatte, reine "Geistesgegenwartsliteratur". Der NZZ rauchte der Kopf. Die Mittvierziger hatten's da einfacher, die zogen einfach von einem badischen Spargelacker ins ummauerte Westberlin, und schon war was los. Christiane Rösinger, Frontfrau der Band Britta, erzählt in "Das schöne Leben" wie es war und wie es jetzt ist: "Anstatt einen angesagten Club zu betreten, empfiehlt sie, sich vor ihm aufzuhalten", notiert die SZ, die sich mit dieser Haltung anfreunden kann.
Mit solchem Kleinkram hält sich Charlotte Roche in "Feuchtgebiete" () nicht auf. Ihre Vorstellung von Aufregung besteht darin, mit 220 Seiten drastisch formulierter Fantasien einer 18-Jährigen über "untenrum" einen Amazon-Nr.1-Weltbestseller zu verfassen und den ollen Jonathan Littell mit seinen 1388 Seiten drastisch formulierter SS-Phantasien zur Seite zu schubsen. Der Economist staunte: Sex verkauft sich sogar in Deutschland! Die Kritiker schlossen den obersten Hemdenknopf und fragten: Ist dieser Roman Grundlage für ein weibliches Selbstbild, in das die Differenz zwischen intimer Wirklichkeit und öffentlicher Inszenierung ganz selbstverständlich eingespeist ist (Ingeborg Harms in der FAS)? Mastdarmfixierte Stellenprosa (Susanne Mayer in der Zeit)? Begrüßenswertes Pamphlet für Masturbation (Jenni Zylka in der taz)? So voller Gegenwart? (Roger Willemsen auf der Buchbauchbinde) Autohagiografie (Patrick Bahners in der FAZ)? Protest gegen die Heidi-Klum-Welt (Lothar Müller in der SZ)? Gesprungen als Tiger, gelandet als Bettvorleger (Rainer Moritz in der Welt)? Bräsig zufriedener Tabubruch (Stephan Maus im Stern)? Radikales Kunstwerk (Eckhard Fuhr in der Welt)? Überkandidelter Comedy-Auftritt (Nochmal Müller)? Kluger Roman (Nochmal Bahners)? Seichter Roman (Nochmal Zylka)? Genauso differenziert sehen das auch 402 Amazon-Leser oder die Leserinnen des Blogs Mädchenmannschaft.
Gut, wenn auch nur je einmal besprochen: Die Engländerin Bethan Roberts erzählt in "Stille Wasser" mit einer verschachtelten Konstruktion vom Selbstmord eines schwulen 16-Jährigen im England der achtziger Jahre. Jonathan Barnes liefert mit "Das Albtraumreich des Edward Moon" () einen von Coleridge inspirierten phantastischen Kriminalroman, mit einem Magier als Hauptperson, der sich von körperlich deformierten Huren angezogen fühlt. Der polnische Autor Jacek Dehnel setzt mit "Lala" seiner Großmutter ein Denkmal, einer couragierten Dame des Landadels, die noch die deutschen Besatzer bezirzte. Und die in Amerika lebende Russin Olga Grushin erzählt in "Suchanow verkauft seine Seele" von einem Künstler, der im politischen Wandel der achtziger Jahren seine Seele verliert.