Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

1824 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 183

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.02.2020 - Bühne

Jakub Józef Orliński als Tolomeo und Louise Kemény als Seleuce. Foto: Falk von Traubenberg / Badisches Staatstheater Karlsruhe

Zur Eröffnung der Händel-Festspiele in Karlsruhe wurde die selten aufgeführte Oper "Tolomeo, re d'Egitto" gezeigt, in der zwar "krass wenig passiert", wie Judith von Sternburg in der FR einräumt , das aber in musikalisch makelloser Inszenierung. Die große Sensation des Abends war der polnische Countertenor Jakub Józef Orliński, wie Michael Stallknecht in der SZ schreibt: "Orliński gestaltet die Partie des Tolomeo, die Händel für den Star-Kastraten Senesino schrieb, enorm farbenreich. Dass seine Stimme viriler klingt als die mancher Counterkollegen, liegt am Fundament in einer kraftvollen Mittellage. Ebenso dunkel wie warm ist der Stimmkern, den er auf einem schier endlosen Atem zu entfalten vermag. Das bringt auch jenen Effekt hervor, mit dem schon die Kastraten mindestens den weiblichen Teil des Publikums regelmäßig der Ohnmacht nahe brachten: das Messa di Voce, also das langsame An- und Abschwellen der Stimme auf einem Ton." Breakdance kann Orliński übrigens auch!

Vorsicht, liebe Leserinnen, hier ist das Messa di Voce:


Besprochen werden Jonathan Meeses Krawallstück "Lolita (R)evolution (Rufschädigendst)" in Dortmund (das laut Nachtkritiker Martin Krumholz mit viel Hitlergruß um die Frage kreist, ob Kunstterror dasselbe sei wie Terrorkunst, DlfKultur), Nurkan Erpulats Inszenierung von Simon Stephens' "Maria" im Berliner Gorki-Theater (FR, Tsp, Nachtkritik), Inszenierungen vom Brechtfestival Lehrstückzentrale in Augsburg (Nachtkritik), Stefan Bachmanns Inszenierung von Max Frischs "Graf Öderland" (FAZ) und die Oper "Anna Nicole" über das Busenwunder, das einen greisen Milliardär heiratete, in Wiesbaden (und ja, FAZ-Kritikerin Julia Bähr findet den Stoff absolut operntauglich).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.02.2020 - Bühne

Szene aus "Leopoldstadt". Foto: Marc Brenner


Am Londoner Wyhndham's Theatre hatte gerade Tom Stoppards "Leopoldstadt" Uraufführung. In dem Stück verarbeitet der britische Dramatiker, der 1937 als Tomáš Straussler in Zlín, heute Tschechien geboren wurde, die Geschichte seiner Familie: "Für Stoppard ist dieses Stück ein persönliches 'Coming-out'", erklärt Kate Maltby in der NYRB. "Das mag für einige amerikanische Juden schwer zu verstehen sein, insbesondere für diejenigen aus großen jüdischen Gemeinden in den Metropolen an der Küste, denen die Vorstellung man müsse jüdische Identität und Geschichte unterdrücken, zutiefst fremd ist. Aber England ist nicht Amerika. Viele jüdische Flüchtlinge aus der Mitte des Jahrhunderts bezahlten ihren Versuch, Briten zu werden - und wenn man es wirklich versuchte, Engländer - nicht nur mit ihrer Namensänderung, sondern auch mit dem Beitritt zur örtlichen anglikanischen Kirche. Es gibt natürlich eine stolze, praktizierende jüdische Gemeinde in Großbritannien. Es ist nur so, dass zu Beginn der Karriere Stoppards ihre Mitglieder nur selten in das Establishment aufgenommen wurden. Quoten für Juden waren bis in die letzten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts an den Privatschulen der High Society normal. Stoppard berührt in 'Leopoldstadt' auf intelligente Weise den englischen Antisemitismus  als eine Untergruppe des englischen 'Snobismus'..."

Weiteres: Petra Kohse hat sich für die FR mit dem Schweizer Theatermacher Milo Rau getroffen. Besprochen werden Stef Lernous' Inszenierung von Alfred Jarrys "Rex Ubu" am Berliner Ensemble (Berliner Zeitung), Hanna Müllers Inszenierung von Strindbergs "Fräulein Julie" am Mainfranken Theater Würzburg (nachtkritik), die Uraufführung von Thomas Freyers neuem Stück "letztes Licht. Territorium" in der Inszenierung von Jan Gehler am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik) und Carl Heinrich Grauns Barockoper "Montezuma" am Theater Lübeck (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.02.2020 - Bühne

Im Interview mit der Welt erklärt Dirigent Rene Jacobs, warum er die "Leonore", die Urfassung von Beethovens "Fidelio" aufgenommen hat: Sie sei "ohnehin das viel bessere Stück ... im Grunde eine wunderbare Entdeckungsreise. Das beginnt bereits mit der Ouvertüre. Ich habe mich bewusst für die originale erste von den vier bestehenden Versionen entschieden. Dieses im Konzertgebrauch kurioserweise als zweite Leonoren-Ouvertüre bekannte Stück ist die längste, fast schon sinfonisch, die das Geschehen samt befreiendem Trompetensignal vorab ungeheuer modern durchdekliniert. Das mag zwar nicht theaterpraktisch sein, es setzt freilich extreme Akzente, für all das, was dann kommt. Das Publikum wird sofort gefordert."

Besprochen werden Stef Lernous' Inszenierung von Alfred Jarrys "Ubu Rex" am Berliner Ensemble (nachtkritik), die Uraufführung von Brice Pausets Oper "Les Châtiments" am Opernhaus Dijon (FAZ), Lloyd Newsons Choreografie "Enter Achilles" im Festspielhaus St. Pölten (Standard), Mozarts "Hochzeit des Figaro" am Theater Freiburg (nmz) und Lars Eidinger als Peer Gynt an der Berliner Schaubühne (keinen Kern, "nur immer schärfere Schichten" erkennt FAZ-Kritiker Simon Strauss, der Eidinger furchterregend zeitgeistig findet. Und auch SZ-Kritikerin Christine Dössel kriegt Eidinger "trotz anfänglicher Leerlaufexzentrik und manch einer Luftnummer doch auf seine Seite. Weil dieses Solo einfach radikal authentisch ist.", FR, Tsp, taz)
Anzeige

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.02.2020 - Bühne

Szene aus "Peer Gynt" mit Lars Eidinger. Foto: Benjakon


Einen entspannten Abend, amüsant, aber mit "viel Leerlauf", verbringt nachtkritiker Janis El Bira mit Lars Eidinger als Peer Gynt an der Berliner Schaubühne. Natürlich wurde nicht das Originaldrama von Ibsen aufgeführt, sondern eine Bearbeitung des Aktionskünstlers John Bock. Was vor allem heißt: Tolle Kostüme! "Eidingers Peer ist ein Formwandler, durch den auch die Hochstapler-Figuren der Gegenwart namenlos hindurchflackern wie einst die alten Videobilder auf einer zu oft überspielten VHS-Kassette. Donald Trump kann man herausfischen ('I would give myself an A+'), häufig auch Kanye West ('I am Shakespeare in the flesh') ... Zwischendurch poppen dann aber auch tatsächlich immer mal wieder Ibsen-Motive auf: Die Ausschweifungen der Troll-Welt als sehr expliziter Lesben-Porno auf der Leinwand, bei dem Eidinger per Greenscreen-Interpolation ein bisschen mitschwingen darf; Ingrid (sonst-Kamerafrau Hannah Rumstedt) als allverfügbares Digitalwesen mit Siri-Stimme; der Zwiebel-Monolog als Gelegenheit für Eidinger, sich selbst als Rollenspieler zu verorten. Gelegentlich betreibt auch der Theologe Eugen Drewermann per Video-Einspieler gelehrte Werkexegese. Identität, das lässt dieser Abend dennoch eher fühlen, als dass er es begründen würde, ist gar keine haltbare Kategorie mehr."

Um Identität geht's auch in einem Text von Sasha Marianna Salzman, den sie für die Diskussionsreihe "Gretchenfrage" am Burgtheater verfasst und den der Standard veröffentlicht hat: "Unlängst entdeckte ich auf dem Umschlag eines Briefes, der aus Österreich an meine Frau geschickt worden war, das in Sepia gehaltene Lächeln von Turhan Bey. Mit türkischem Vater und jüdisch-tschechischer Mutter gilt Turhan Gilbert Selahettin Şahultavi als österreichischer Schauspieler. Bevor er bei Warner Brothers Karriere machte, arbeitete er als Mathematiker für Albert Einstein, einen anderen Juden, der so wie Turhan Bey und dessen Mutter vor den Nazis in die USA geflohen war. Die österreichische Post druckte anlässlich Turhan Beys 90. Geburtstag eine Sonderbriefmarke. Ob sich Sebastian Kurz auf Bey als Teil des kulturellen Erbes bezog, als er im letzten Wahlkampf ausrief 'Unser Ziel ist es, die kulturelle Identität aufrechtzuerhalten!'?"

Besprochen werden Dea Lohers "Das letzte Feuer" in der Inszenierung von Anna-Elisabeth Fricke an Les Théâtres de la Ville de Luxembourg ("klassisches Metatheater", nur leider ohne Gesamtkonzept, seufzt Jeff Thoss in der nachtkritik), Goethes "Werther" am Staatstheater Mainz (FR), Annabelle Lopez Ochoas Revue "Frida" mit dem Het Nationale Ballet in Amsterdam sowie Gil Harushs Choreografie "Yours, Virginia" in Mulhouse (SZ) und die Uraufführung von Tom Stoppards neuem Stück "Leopoldstadt" am Londoner Wyndham's Theatre (FAZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.02.2020 - Bühne

Besprochen werden Friederike Hellers Bühnenfassung von Ingo Schulzes "Peter Holtz"-Roman am Dresdner Staatsschauspiel (taz) und Anna-Elisabeth Fricks Inszenierung von Dea Lohers Stück "Das letzte Feuer" an den Théâtres de la Ville de Luxembourg (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.02.2020 - Bühne

Die Frau, die alles weiß über die Liebe: Camilla Nylund im "Rosenkavalier". Foto: Ruth Waltz / Staatsoper Berlin


André Heller hat an der Berliner Staatsoper Richard Strauss' "Rosenkavalier" inszeniert. "Viel Zauber, wenig Analyse" erlebte FAZ-Kritiker Jan Brachmann, den die Musik dennoch in "unerklärter, tiefblauer Traurigkeit" zurückließ. "Einen prächtigeren, geschmackvolleren, opulenteren 'Rosenkavalier' hat man kaum je gesehen', lobt Julia Spinola in der SZ etwas spitz. Im Tagesspiegel findet Ulrich Amling die Musik unter Dirigent Zubin Mehta zart, aber kraftlos. Nur in der taz genießt Niklaus Hablützel vorbehaltlos große, zum Weinen schöne Oper. Schon wegen Camilla Nylund als Feldmarschallin: "Nylunds Stimme ist sicher und wohlklingend in jeder Lage. Sie muss weit ausholen und einen langen Atem haben, aber nicht, weil Extreme der Moderne zu bewältigen sind. Ganz im Gegenteil, sie muss an Mozarts Welt des 18. Jahrhunderts erinnern, weil sie die Stimme einer Frau ist, die alles weiß über die Lust, die Liebe und das Leiden daran. Es vergeht alles und ist schön, weil es seine Zeit hat. Zeit allerdings muss man sich auch nehmen an diesem Abend. Camilla Nylund entlässt uns mit ihrer großen Stimme und großen Gedanken einer alternden Frau erschüttert in die erste Pause."

Zum Tod des Opernstars Mirella Freni seufzt Manuel Brug in der Welt: "Es hörte sich bei ihr mühelos und unverstellt an. Weil bei Mirella Freni alles vorhanden war: das Talent, der Fleiß, die Glücksmomente des günstigen Augenblicks - und vor allem dieses hinreißende, perlmutt-opake Timbre, das Unschuld und Melancholie, Zärtlichkeit und Daseinslust behauptete und in jedem Arienverlauf auch einlöste." Weitere Nachrufe in NZZ, SZ und FR. Hier singt sie "Oh mio babbino caro" auf Puccinis "Gianni Schicchi".



Weiteres: Katja Kollmann berichtet in der taz von den Proben des Deutschen Theaters zu Kirill Serebrennikovs "Decamerone"-Inszenierung, die in Moskau stattfinden, weil der Regisseur noch immer Moskau nicht verlassen darf. In der FAZ porträtiert Lili Hering die Regisseurin Susanne Kenndy, die in der "ausgestellten Bedeutunglosigkeit" bis zur Perfektion beherrscht: "Susanne Kennedy schenkt ihrem hypermodernen Menschen, den sie seit einigen Jahren inszeniert, oder besser: seziert, seine Entstehungsgeschichte: Woher kommt der digitale Mensch? Wird er geboren, gegründet oder programmiert?"

Besprochen werden das Laibach-Musical "Wir sind das Volk" im Berliner HAU (Tsp) und das Mussorgski-Projekt "Boris" in Stuttgart (das FR-Kritikerin Judith von Sternburg "in einem maßlosen Bilderrummel" versinken sieht).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.02.2020 - Bühne

Klangkonzeptkunst à la Laibach: "Wir sind das Volk" im Hebbel am Ufer. Foto: Dorothea Tuch

Mit Texten von Heiner Müller und der slowenischen Martialkunstband Laibach hat Anja Quickert im Berliner HAU das Grusical "Wir sind das Volk" inszeniert. taz-Kritikerin Doris Akrap fühlte sich pudelwohl, so schön eingekesselt zwischen Laibachs Bombastsound und Projektionen von Stacheldraht und Hakenkreuz: "Gedichte wie 'Seife in Bayreuth', in der Müller den Ort als Geburtsort von Auschwitz bezeichnet, und Theoretischeres wie 'Herakles 2 oder die Hydra', in dem der Erzähler begreift, dass er selbst Teil des Monstrums ist, dem er zu entkommen versucht. Zwischen diesen großartigen Auftritten wird aus archaischen Trommelfeuerwerkern und Höllenstreichern ein martialischer Gewitterkrach, die den Laibach-Sänger Milan Fras ankündigen. Dieser lässt gewohnt stoisch und in Fantasieuniform seine diabolische Stimme eines Untoten Heiner-Müller-Sätze sagen: 'Ich bin der Engel der Verzweiflung', 'Mein Hass gehört mir', 'Ordnung und Disziplin'." Nachtkritikerin Elena Philipp fand mehr Gefallen an den Passagen, die von der Müller Ehrfurcht wegführten und dem Abend etwas Irres, Überdrehtes gaben. Doris Meierhenrich (Berliner Zeitung) bescherten die knurrenden Höllenmaschinisten von Laibach einen "gnadenlosen Ritt durch das Fantasma des Deutschseins, das nur Fremdheit produziert und Identitäten zerbricht".

In der FR schreibt Petra Kohse sehr liebevoll zum Tod des exzessiven Schauspielers Volker Spengler, der sich nie ins Bild fügte, sondern es immer störte, wie Kohse betont: "Die hoheitsvolle, maximal absturzgefährdete Anmaßung, die er ausstrahlen konnte, die elefantöse Zartheit, entgleiste Fröhlichkeit, lauernde Verletzlichkeit, trotzige Herrschsucht oder triefäugige Melancholie - wo Volker Spengler war, war mehr als Theater, da war Zirkus im Sinne allerhöchster Künstlichkeit und dringlichster Menschlichkeit, Peinlichkeiten aller Art inbegriffen." Nachrufe gibt es auch in Tsp und FAZ. Der Standard meldet zudem den Tod der Opernsängerin Mirella Freni.

Besprochen werden Annabelle Lopez Ochoas "Frida"-Choreografie für Het Nationale Ballett (bei der sich FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster "zwei Stunden lang auf eine sehr exquisite, hübsche Weise" langweilte), Brit Bartkowiaks Inszenierung von Goethes "Werther" als poppige Komödie am Staatstheater Mainz (Nachtkritik) und Heiner Müllers "Umsiedlerin" in der Regie von Milan Peschel am Staatstheater Schwerin (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.02.2020 - Bühne

Szene aus "Schwarzwasser". Copyright: Matthias Horn.

Auch heute versetzt "Schwarzwasser", Robert Borgmanns Inszenierung von Elfriede Jelineks Bearbeitung der Ibiza-Affäre am Wiener Akademietheater, die KritikerInnen noch in sanfte Wallungen: So anstrengend wie die Lektüre der wie eine "schreibende Drohne" "prompt und prall" auf aktuelle Katastrophen reagierenden Jelinek findet Christine Dössel in der SZ die Inszenierung nicht, dafür gerät sie ihr ein wenig zu "genussvoll konsumierbar": "Borgmann, ein Deutscher, inszeniert das vermeintliche Ösi-Stück aufwendig und bilderstark, allein der Schauwert ist enorm. Es gibt Schneemaschinengestöber, inszenierte Schlägereien, Videobilder von Nazi- und anderen Aufmärschen. Ein siebenköpfiger Sprechchor aus Schauspielstudierenden bietet Tableaus in immer neuer Aufmachung, mal als Blondinenschar (braun mag blond), mal in Biedermeiertracht."  "Rasend verkopft", findet hingegen Standard-Kritikerin Margarete Affenzeller die Inszenierung.

Im Grunde sind Jelineks Texte "Petitionen", meint Jan Küveler wenig schmeichelhaft in der Welt: "Der Text hangelt sich in freier Assoziationskette durch unsere brüchige Gegenwart. René Girards Theorie vom Opfer als Sündenbock, durch dessen Stigmatisierung sich Gesellschaften konsolidieren, steht neben Euripides' 'Bakchen', jener Schilderung eines orgiastischen Rausches, in dem eine Mutter ihren eigenen Sohn zerreißt. Dionysos dient als Prospekt für heutige Populisten, die die Einheit und Harmonie der Polis bedrohen, durch Hetze, Hass und emotionale Einpeitschung. (...) Der zunehmenden Verwüstung der Bühne zum Trotz gleitet der Abend fugenlos dahin. Dafür sorgt Jelineks erprobtes Gleitmittel, der Kalauer. Sie hat ihn nicht erfunden, könnte aber ein Copyright darauf anmelden."

Hatte Jelinek angesichts der realen "Schmierenkomödie" überhaupt eine "Chance", fragt auch Bernd Noack in der NZZ - und findet eine deutliche Antwort: "Das Stück ist redundant, weil es mit den spärlichen greifbaren, freilich unfassbaren Tatsachen dauernd in neuen Varianten jongliert; es hängt in einer trotzigen Empörungsschleife fest, aus der Jelinek nicht mehr herausfindet. Und es ist überfrachtet mit wortverliebten Gedanken-Kaskaden, von denen vielleicht gerade einmal die Hälfte mit gutem Willen und Wissen zu begreifen sind." Borgmann modelliert Jelineks "Textreliefs zu feingliedrigen Sprechskulpturen", meint indes Uwe Mattheiss in der taz, während FAZ-Kritiker Martin Lhotzky "skurrilste Unterhaltung" erlebt.

Besprochen werden das Stück "Tratsch im Treppenhaus" am Hamburger Ohnsorg Theater (FAZ), Marco Stormans Inszenierung von Wolfgang Rihms "Jakob Lenz" im Bremer Theater (taz), Friederike Hellers Inszenierung von Ingo Schulzes "Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst" am Staatsschauspiel Dresden (nachtkritik) und Claus Helmers Inszenierung von Donald R. Wildes "Wie man fällt, so liebt man" in der Frankfurter Komödie (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.02.2020 - Bühne

Martin Thomas Pesl (Dlf Kultur) hat sich gut amüsiert in der Uraufführung von "Schwarzwasser", Elfriede Jelineks Bearbeitung der Ibiza-Affäre, die Robert Borgmann fürs Akademietheater in Wien inszeniert hat. Aber etwas mehr Tiefgang hätte er sich doch gewünscht: "Kluge Gedanken, etwa über die von rechter Seite geschickt praktizierte Täter-Opfer-Umkehr, wären im Text vorhanden, werden aber nicht fokussiert ausgearbeitet. Viel ist von Gewalt die Rede, doch der Zuschauer dieses Abends bleibt davon verschont. Er verlässt das Akademietheater gerade so gut unterhalten wie die anfangs parodierten oberflächlichen Kulturbürger und fragt sich, ob die Ibiza-Tragikomödie, nachdem sie vielfach in Memes und Gifs umgewandelt worden ist, wirklich auch noch durch den Jelinek-Reißwolf gedreht werden musste."

Auch nachtkritikerin Theresa Luise Gindlstrasser ist enttäuscht von Borgmanns Inszenierung: "Keine komplizierten Zusammenhänge, sondern immer Abbruch und Neustart. Seine Uraufführug von 'Schwarzwasser' ist Nummernshow, Vorhang auf, Vorhang zu, hastet die Inszenierung von Bild zu Bild. Bisschen Pistolenpantomime (siehe Ibiza-Video) hier, bisschen gesungener Text da, rosarotes Gorilla-Kostüm kaum fertig angeschaut, passiert eine ausufernde Demolierung der Papp-Wand oder jemand trägt ein Gemälde herum. Vor lauter Kunstschnee, Perücken und Pointen-Verausgabung wird das Nachdenken über Gewalt zum bloßen Soundtrack für die Bilder."

Bei Cargo erklärt Matthias Dell sehr ausführlich, warum er unzufrieden ist mit SZ-Kritikern und den deutschen Laudatoren des International Theatre Institute (ITI) zu den Theaterarbeiten der afrodeutschen Regisseurin Anta Helena Recke (sie ist mit "Die Kränkungen der Menschheit" zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen): "Es ist vor diesem Hintergrund geistiger Flachschwimmerei dann eine, man muss es so hart sagen, Frechheit, wenn Christine Dössel nun die Auswahl der 'Kränkungen' für das aktuelle Theatertreffen gehässig damit abtut, Recke besetze in Berlin 'die Sparte Diversität und kulturelle Appropriation' - ganz so, als würde die Regisseurin wegen der Zuschreibungen von außen eingeladen (nur weil die SZ-Theaterredaktion Reckes Arbeit einzig dadurch zu fassen versucht) und nicht etwa wegen ihrer inszenatorischen Fähigkeiten." Zwei der beanstandeten Artikel in der SZ können Sie hier nachlesen: Eva-Elisabeth Fischers Besprechung von Reckes Inszenierung "Mittelerde" und Christine Dössels Kommentar zur Auswahl von Reckes Inszenierung "Die Kränkungen der Menschheit" für das Theatertreffen 2020. Egbert Tholls SZ-Kritik zu dem Stück finden Sie hier, allerdings hinter der Bezahlschranke.

Besprochen werden Pam Tanowitz' Choreografie zu Bachs Goldberg Variationen in New York (NYRB) und Ersan Mondtags Inszenierung von Franz Schrekers Oper "Schmied von Gent" in Antwerpen (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.02.2020 - Bühne

In der SZ protestiert Laura Weissmüller gegen den geplanten Abriss der Frankfurter Bühnen - nicht nur, weil ein Neubau kein Zeichen für den Klimaschutz setzt, sondern vor allem, weil die städtischen Bühnen "wie einer der letzten offenen Orte im durchkapitalisierten Zentrum der Bankenstadt" wirken. Dass die Renovierung teurer sein muss als ein Neubau, leuchtet ihr auch nicht ein: "Muss es wirklich immer die aufwendigste Technik sein? Brauchen all unsere Gebäude überall und zu jeder Tages- und Nachtzeit den höchsten Komfort, die beste Ausstattung, das neueste Equipment? Gerade Oper und Schauspiel Frankfurt haben mit der Spielstätte Bockenheimer Depot, einem ehemaligen Straßenbahndepot, gezeigt, zu was sie auf einer Low-Tech-Bühne fähig sind. Vielleicht würde es dem deutschen Kulturleben guttun, mehr solcher rauen, unpolierten, unperfekten Spielorte zu haben."

Außerdem: In der Welt denkt Manuel Brug anlässlich von Katie Mitchells Blaubart-Projekt am Nationaltheater München (mehr in der FR) über den Mythos Blaubart nach.

Besprochen werden Jan Bosses Inszenierung der deutschen Erstaufführung von Ferdinand Schmalz' Hofmannsthal-Paraphrase "Jedermann (stirbt)"  am Schauspiel Frankfurt (SZ), Leoš Janáčeks Oper "Die Sache Makropulos" in Dessau (nmz), "Boris Godunow" und "Secondhand-Zeit" von Sergej Newski in Stuttgart (nmz) und die Urfassung von Beethovens "Fidelio", mit neuen Texten von Moritz Rinke und inszeniert von Amélie Niermeyer an der Wiener Staatsoper (FAZ).