Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.03.2021 - Bühne

Hemmungslos ros: Pınar Karabuluts "Edward II.". Foto: Schauspiel Köln


Wenn schon denn schon: Mit dem Schauspiel Köln hat Regisseurin Pınar Karabulut Ewald Palmetshofers Stück "Edward II. - Die Liebe bin ich" als Theater-Webserie - auf Dramazone Prime - inszeniert, das in Anlehnung an Christopher Marlowe vom englischen König erzählt, der ganz in der Liebe zu seinem Favoriten Gaveston aufgeht. In der SZ ist Christiane Lutz hingerissen: "Die Peers, also der Hofadel, sehen Moral und Macht in Gefahr. Denn weil Liebe auch ein bisschen dumm macht, vernachlässigt Edward die Staatsgeschäfte. Und überhaupt: Ein Mann mit einem Mann, das findet zumindest der Bischof nicht in Ordnung. Königin Isabella gerät zwischen die Fronten, und am Ende sind einige tot. Wer Pınar Karabuluts Theaterarbeiten kennt, weiß, dass die 34-Jährige eine Leidenschaft hat für Bling-Bling, Glamour und Mode, für Popmusik und rosafarbenen Trash. Der frönt sie hier hemmungslos."

Besprochen werden das Theater-Webinar "Lernen aus dem Lockdown" mit Boris Nikitin im Frankfurter Mousonturm (FR) und Frans Poelstras Performance über die Siebziger aus dem Wiener Theater Brut (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.03.2021 - Bühne

Ganz ohne Abstand: Marco Goeckes Choreografie "Der Liebhaber". Foto Ralf Mohr / Staatstheater Hannover

Ganz formidabel findet Sylvia Staude in der FR Marco Goeckes Choreografie "Der Liebhaber" nach Marguerite Duras im Staatstheater Hannover, die auf echte Berührungen setzt und damit die Kritikerin umso mehr das Ende des Lockdowns entgegensehnen lässt: "Marco Goeckes nervöser, hektischer, flatterhafter Stil, der so charakteristisch für ihn ist (und glücklicherweise schwer nachzuahmen), passt mit seiner fiebrigen Intensität zu diesem Stoff. Einmal geblinzelt in einem seiner Stücke - und man hat nicht eine, man hat zwei oder drei Mikro-Bewegungen verpasst. So ist dies auch eine Bewegungssprache für ein Publikum, das schon aufgewachsen ist mit schnellen Videoschnitten. Doch während es in zappeligen Filmen auch oft mächtig bunt zugeht, ist Goecke in anderer Hinsicht formstreng, minimalistisch, hochpräzise." FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster kam sich angesichts der atmosphärischen Dichte vor wie im Kino.

Volksbühnen-Intendant Klaus Dörr gibt im Interview mit Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung einen Einblick in die deprimierende Lage an den Theatern, die sich auch nach einer Öffnung nicht so bald ändern wird: "Ich glaube kaum, dass das ohne Verluste geht. Es gibt inzwischen zwei Abschlussjahrgänge in den Schauspielschulen, die in den Startlöchern stehen. Und auch da gilt: Wer nichts zeigen kann, bekommt kein Engagement. Meine Prognose für die nächsten Jahre ist nicht besonders positiv. Ich befürchte, dass sich ein Fünftel der Theaterschaffenden eine neue Arbeit suchen muss. Aktuell diskutierte Ansätze wie das bedingungslose Grundeinkommen müssen daher dringend weitergedacht werden."

Besprochen werden Alexander Eisenachs Stück "Anthropos" an der Berliner Volksbühne , das die Klimakatastrophe ins Theben des Sophokles (ein großer Wurf, meint Andrea Heinz in der Nachtkritik; ein "Theaterabend, der schrecklich aufgeregt und Fridays-for-Future-demonstrativ für die gute Sache kämpft. meint Christine Dössel in der SZ) und Lydia Bunks Inszenierung von Ibsens "Hedda Gabler" im Stream des Theaters Freiburg (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.02.2021 - Bühne

Die Theater bleiben weiterhin geschlossen und bei den bayrischen Intendanten bricht langsam Panik aus, meldet der BR: "'Wenn wir nicht bald Änderungen bekommen, werden da Wüsteneien und Ödnisse entstehen, von denen man sich Jahre nicht erholen wird, und das müsste, glaube ich, langsam allen klar werden', so Nikolaus Bachler, der Chef der Bayerischen Staatsoper. Er spricht von einer drohenden 'kulturellen Klimakatastrophe'. Und er bezweifelt, dass die Zuschauer in oder unmittelbar nach der Pandemie wieder so zahlreich kommen wie vorher: 'Man entwöhnt ja die Menschen dadurch auch vom Theater.'"

Im FAZ-Gespräch mit Laslo Molnar erklärt Tina Lorenz, einst Mitglied des Chaos Computer Clubs, heute Digitalbeauftragte am Staatstheater Augsburg, weshalb Theater digital zurückliegen - und weshalb sie sich langfristig für die Digitalisierung öffnen müssen: "Es ist so, dass Theater grundsätzlich auf den Kunstbegriff ausgerichtet ist. (...) Die Verwaltung, der restliche Betrieb ist um diesen sehr eng getakteten Kunstbetrieb herum gebaut. Das Theater muss sich erst mal selbst die Freiräume schaffen, um zum Beispiel in der Verwaltung Abläufe zu digitalisieren oder zu automatisieren." Aber das Theater habe "ja gezeigt, dass es sich im Lauf seiner Entwicklung alles einverleibt hat, um Geschichten zu erzählen. Jede Art von technologischer Innovation, die Zentralperspektive, Hydraulik, Elektrizität und künstliches Licht, digitale Steuerungen für die Bühne."

Besprochen wird der vom Frankfurter Mousontrum gestreamte Theaterfilm "Minima Moralia" des japanischen Künstlerkollektivs contact Gonzo (FR). Außerdem streamt die nachtkritik am Wochenende das Stück "Pythonparfum oder Pralinen aus Pirgendwo" von Gregory Caers.
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.02.2021 - Bühne

Black Box Wiener Volkstheater. Foto: Nikolaus Ostermann / Volkstheater


Uwe Mattheiß wandert für die taz mit viel Abstand, "weißen Handschuhen, FFP2-Maske, einem Headset mit frisch gewaschenen Stoffüberzügen an den Ohren" durch Stefan Kaegis "Black Box". Das ist eine Tour per Audioguide durch die Gewerke des renovierten Wiener Volkstheaters. "Es gilt, eben unter Zeitdruck, viele Sinneseindrücke parallel zu verarbeiten. Mal blinkt ein Licht, in der Kostümwerkstatt rattern die Nähmaschinen und ein Ventilator lässt ein Seidentüchlein wehen." Das ergibt charmante Momente, schreibt Mattheiß in der taz, aber ihm fehlt die soziale Dimension, die einer Aufführung überhaupt erst politische Bedeutung gebe. "Stefan Kaegi macht das Theater kurzerhand zum Museum seiner selbst. Das kratzt ein wenig an den Legitimationsdefiziten, die es im Licht einer postmodernen Repräsentationskritik ohnehin plagen. Das Kerngeschäft der Schauspielerei steht mittlerweile unter Ideologieverdacht. Eine Ästhetik des Performativen sucht Abhilfe im Authentischen. Im Modus der Authentizität aber ist das Theater nur eine Fabrik, die momentan besichtigt wird."

Weiteres: In der FAZ berichtet Rüdiger Soldt über Ärger am Staatstheater Karlsruhe, wo Intendant Peter Spuhler jetzt gehen soll: "Ein süffisant formulierender Beobachter sagt, dass Spuhler dem Haus über Jahre eine 'künstlerisch erfolgreiche identitätspolitische Oberfläche' verschafft habe. Das 'Treiben eines bösen alten weißen Mannes' auf dem Kommandostand des Theaters habe er damit aber nur notdürftig kaschieren können." Ab heute 15 Uhr streamt die nachtkritik übers Wochenende Kindertheater, nämlich Gregory Caers' Inszenierung "Pythonparfum oder Pralinen aus Pirgendwo". Und die nmz gibt Streamingtipps für die nächsten sieben Tage.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.02.2021 - Bühne

Aida mit Puppenspielerinnen und Sängerin Sondra Radvanovsky (die Blonde links) . Foto: Vincent Pontet


Auch die Pariser Oper setzt sich jetzt mit "diversité" und kultureller Aneignung auseinander. Die jüngste Arbeit dort, Lotte de Beers Inszenierung der "Aida" lässt für NZZ-Kritiker Michael Stallknecht aber noch einige Fragen offen. Aida und ihr Vater sind hier graue Puppen im ethnologischen Museum. "Eine Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts erfreut sich dort an ihnen, womit die Inszenierung deren kolonialistischen Blick kurzerhand mit der Versklavung Aidas durch die antiken Ägypter gleichsetzt. Bewegt werden die äthiopische Prinzessin und ihr Vater Amonasro von Puppenspielern, denen die Sänger der Rollen hinterherlaufen. Die in Äthiopien lebende Künstlerin Virginia Chihota hat die Skizzen für die Puppen entworfen." Doch statt Diversität erlebt man hier "nur noch eine historische französische Gesellschaft, die letztlich unsere eigene ist. Weil sie vom Fremden nicht mehr als Fremdem erzählen darf, bleibt sie auf sich selbst zurückgeworfen. Sie schmort, auf paradoxe Weise, im eigenen Saft, so divers sie sich vielleicht künftig in den Hautfarben geben mag."

SİLİVRİ. prison of thought. Eine Installation von Can Dündar, Szenografie Shahrzad Rahmani. © Lutz Knospe


Der im deutschen Exil lebende türkische Journalist Can Dündar hat im Berliner Maxim Gorki Theater zusammen mit Shahrzad Rahmani seine Gefängniszelle nachgebaut, knapp vier mal vier Meter, mit einer Folie beklebt, die von innen einen Spiegel zeigt, von außen aber die Zelle, erzählt Patrick Wildermann im Tagesspiegel. "'Sie sehen nicht nur eine Gefängniszelle, vielmehr ist es eine Miniatur der Türkei, des größten Journalistengefängnisses der Welt', sagt der Journalist Can Dündar. In ähnlichen Räumen waren oder sind prominente politische Gefangene wie Ahman Altan, Osman Kavala, Peter Steudtner oder Deniz Yücel eingesperrt. Und Aberhunderte weitere kritische Köpfe. Dündar, der ehemalige Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung Cumhuriyet, war 2015 im Istanbuler Hochsicherheitsgefängnis Silivri inhaftiert, für 92 Tage. Das Schlimmste sei ja, erklärt er im sonnigen Gorki-Garten, dass man nie wissen konnte, wie lange der Horror dauert. 'Osman Kavala hat in vier Jahren keinen Richter gesehen.'"

Weiteres: Judith von Sternburg sieht für die FR die Aufnahme eines Meisterkurses mit Brigitte Fassbaender an der Oper Frankfurt. Die nachtkritik streamt heute um 19 Uhr im Rahmen der Milo-Rau-Werkschau "School of Resistance", die die Akademie der Künste Berlin vom 24. bis 28. Februar zeigt, "Die Moskauer Prozesse", mit Milo Rau zu Gast im Live-Chat.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.02.2021 - Bühne

Im taz-Interview mit Andreas Fanizadeh spricht der Theaterregisseur Milo Rau über seine Inszenierung von Mozarts "Clemenza di Tito" in Genf (unser Resümee), seine instinkte Liebe zur Oper, die zugleich Dokumentarfilm, Performance und Kunstausstellung sein kann, und neue Formen für das Theater nach Corona: "Wir müssen unsere Produktionsweisen grundsätzlich ändern. Warum spielen wir immer drinnen, warum immer abends, wenn wir eh völlig fertig sind? Warum nicht morgens, warum nicht draußen? Wir planen ein 'All Greeks Festival': alle griechischen Tragödien in 32 Tagen, jeden Tag eine von 7 bis 9 Uhr. Dann Tee oder Kaffee und jeder geht seiner Wege. Auf längere Sicht wollen wir ein viertes Haus eröffnen, ein Zirkuszelt mit eigenem Ensemble, das herumzieht in der Welt. Ein neues Living Theatre." In der NZZ findet Christian Wildhagen Raus "Clemenza"-Detung nicht unbedingt schlüssig, aber aufwühlend und bedenkenswert.

Weiteres: Andreas Platthaus berichtet in der FAZ vom Augsburger Brecht-Festival, das natürlich auch nur digital stattfand. In der Nachtkritik bespricht Janis E-Bira die anti-identitätspolitische Streitschrift "Die Öffentlichkeit und ihre Feinde" des Dramaturgen Bernd Stegemann.
Stichwörter: Rau, Milo, Corona

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.02.2021 - Bühne

Besprochen werden Stefan Bachmanns Kölner Inszenierung von Wajdi Mouawads "Vögel" in Split-Screen-Technik (SZ) und Calixto Bieitos klassische "Carmen"-Inszenierung, die jetzt an der Wiener Staatsoper gezeigt wird (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.02.2021 - Bühne

Milo Raus "La Clemenza di Tito". Foto: Carole Parodi/Grand Théâtre de Genève


Milo Rau misstraut der Oper als bürgerlicher Kunstform. Wenn der Schweizer Theatermacher am Grand Théâtre in Genf Mozarts "La Clemenza di Tito" inszeniert, dann stellt sich Reinhard J. Brembeck in der SZ auf ein Höchstmaß an Verstörung und Hoffnungslosigkeit ein. Rau verlegt das Stück über den Herrscher, der auch Künstler sein will, in ein Flüchtlingslager, dessen Bewohner nicht von der Revolution träumen, sondern von Geld. Ein musikalisch großer Moment ist dem Kritiker allerdings beschert: "Die überwältigende Anna Goryachova singspielt den Sesto als eine längst aus dieser Geschichte gefallene Gestalt, als Schatten eines Menschen, dessen Frustration unendlich alt ist und noch viel tiefer geht. Dieser Sesto ist zutiefst davon getroffen, dass das humanistische und kunstbegeisterte Reden seines innig geliebten Tito nichts als Geschwätz ist. Goryachova legt all diese Enttäuschungen in ihren tiefen, dunklen, schier den Weltenraum umfassenden Mezzosopran, der fern aller Veräußerlichung selbst in den virtuosesten Tonkaskaden nur von Schmerz kündet, von Verzweiflung, Lebensflucht."

FAZ-Kritiker Jan Brachmann sieht sich Milo Rau in der eigenen Kritik verfangen: "Sein Theater ist das Ausagieren eines performativen Selbstwiderspruchs. Indem er inszenatorisch den Stinkefinger ausfährt und sagt: 'Nimm dies, linksliberaler Spießer!', steckt er schon in der Falle. Wo die Kunst-Elite, die er angreift, sich auf die Pharisäer-Brust schlägt und sagt: 'Gott sei Dank bin ich nicht wie diese konservativen Spießer, die in der Kunst immer nur eine Gegenwelt zum Alltag suchen', da schlägt sich Milo Rau auf die Pharisäer-Brust und sagt: 'Gott sei Dank bin ich nicht wie diese linksliberalen Spießer, die glauben, durch ihr politisches Kunstengagement einen Ablass von der sündhaften Gewalttätigkeit der westlichen Welt erwirkt zu haben.'" In der Nachtkritik schreibt Verena Großkreutz, in der NMZ Wolf-Dieter Peter.

Weiteres: Nach der Sichtung von drei gestreamten Inszenierungen murrt Bernd Noack in der NZZ mit Thomas Bernhard: "Kein Mensch will die Zukunft." In der SZ lotet Dorion Weickmann aus, welche Auswirkungen der Brexit auf die europäische Tanzszene haben wird: Kompanien, die ihren Sitz in London haben, werden mit Mehrkosten und Visa-Regelungen rechnen müssen. Standard-Kritiker Stefan Ender trifft den katalanischen Regisseur Calixto Bieito, der an der Wiener Staatsoper seine Blockbuster-Inszenierung "Carmen" zeigt.

Besprochen werden Einar Schleefs Monolog "14 Vorhänge" für die VR-Brille vom Theater Augsburg (SZ, taz) und die "Sunday Screenings" des brut Wien (Nachtkritik).
Stichwörter: Rau, Milo, Mozart

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.02.2021 - Bühne

In der Zeit (online nachgereicht) erzählt Volker Hagedorn von seinem Versuch, sich ganz allein zwei Opernpremieren - "Freischütz" in München und "Jenůfa" in Berlin - im Livestream anzugucken. Die nmz gibt Streamingtipps für die nächsten sieben Tage. Besprochen werden Susanne Draxlers Adaption von Olga Grjasnowas Roman "Gott ist nicht schüchtern" im Wiener Werk X (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.02.2021 - Bühne

Simon Strauß liest sich für die FAZ durch rund fünftausend Dokumente zur Gründung des Nationaltheaters in Berlin, die jetzt im edierten Archiv des Theaterintendanten August Wilhelm Iffland (1759 bis 1814) digital zugänglich sind: "Die Dokumente machen erlebbar, wie Iffland aus einer mittelmäßigen Bühne ein weit über Berlin hinaus strahlendes Theater formte." Die nachtkritik streamt heute und morgen abend "Die Konferenz der Tiere", die Katharina Birch am Theater Osnabrück inszeniert hat. Im Standard fragt Margarete Affenzeller: Warum streamt das Burgtheater nicht? Besprochen wird "Orpheus und Eurydike" am Opernhaus Zürich (FR).