Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.06.2022 - Bühne

Natalia Vorozhbyts "Bad Roads".Foto: Spyros Rennt / Volkstheater

Schön krachend fand es SZ-Kritiker Egbert Tholl beim Münchner Festival für junge Regie "Radikal Jung", das nach zwei Jahren pandemiebedingter Pause endlich wieder stattfinden konnte. Besonders beeindruckt ist er von Natalia Vorozhbyts Stück "Bad Roads", das in beklemmenden Szenen von den Verheerungen des seit 2014 schwelenden Krieges im Donbass erzählt, auch wenn Tamara Trunovas Inszenierung etwas zu viel Kunstwillen aufbringe: "Ein Schuldirektor gerät in einen Kontrollposten, hat aus Versehen den Pass seiner Frau eingesteckt, die Soldaten treiben bizarre Spiele mit ihm, er zittert vor Angst. Drei Mädchen warten auf die Soldaten, mit denen sie Sex haben wollen. Die Oma schaut eine russische Hochzeitssendung im Fernsehen, die Enkelin erwürgt sie. Eine junge Frau überfährt ein Huhn, will den beiden Alten, denen es gehört, dies bezahlen und gerät in eine Hölle von Gier. Eine Frau überführt den Leichnam ihres Geliebten, eines Kommandeurs, dem die Separatisten den Kopf abschnitten; sie sinnt auf Sex mit dem Fahrer, das Handy des Toten klingelt."

Besprochen werden Verdis Oper "Giovanna d'Arco" bei den St. Galler Festspielen (die anstelle von Tschaikowskys "Jungfrau von Orléans" gespielt wurde, wie Christian Wildhagen in der NZZ eigentlich erfreut bemerkt) sowie Yael Ronens und Dimitrij Schaads dystopische Revue "(R)Evolution" am Theater Erlangen (für Nachtkritiker Christian Muggenthaler kaum mehr als harmloses Trara).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.06.2022 - Bühne

"Antisemitismus ist kein jüdisches, sondern ein deutsches Problem", sagt Barrie Kosky im großen Abschiedsgespräch, das Tobias Haberl (SZ-Magazin) mit Kosky noch vor dem Documenta-Eklat zum Ende seiner zehnjährigen Intendanz an der Komischen Oper geführt hat. Aber die Deutschen hätten sich "in eine gefährliche Sackgasse manövriert", fährt er fort: Sie tun sich "aufgrund ihrer Geschichte schwer, Israel zu kritisieren, andererseits wittern die Antisemitismusbeauftragten inzwischen überall Antisemitismus. (...) Für mich als spiritueller atheistischer Jude besteht zwischen Antisemitismus und Antiislamismus kein Unterschied, ich finde beides gleich schlimm und war schockiert, wie wenig man während der Flüchtlingskrise 2015 vom Zentralrat der Juden gehört hat. Ganz ehrlich, ich habe ein großes Problem damit, wenn ein paar Antisemitismusbeauftragte oder der Zentralrat der Juden bestimmen, was antisemitisch sein soll und was nicht, ob und wie Israel kritisiert werden darf."

Außerdem: Im FR-Gespräch mit Judith von Sternburg spricht die Opernregisseurin Tatjana Gürbaca über Diversität am Theater und Luigi Dallapiccolas "Ulisse", der am Sonntag an der Oper Frankfurt Premiere hat.

Besprochen werden Lisa Nielebocks Inszenierung von Goethes "Wahlverwandtschaften" am Schauspiel Frankfurt (FR, nachtkritik) und Annette Pullens Inszenierung "Pardauz! Schnupdiwup! Klirrbatsch! Rabum!" - Ein Wilhelm-Busch-Bilderreigen von Rebekka Kricheldorf und Hannah Zufall (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.06.2022 - Bühne

In der SZ berichtet Dorion Weickmann, dass dem 2019 vom Choreografen Richard Siegal gegründeten Ballett of Difference die Finanzierung gestrichen werden soll. Besprochen werden Jens-Erwin Siemssens "Sandbank" auf Spiekeroog und Gernot Grünewalds "Heim|weh" am Hamburger Thalia in der Gaußstraße, zwei Stücke, die sich mit dem Schicksal von Verschickungskindern auseinandersetzen (taz).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.06.2022 - Bühne

Die Theater sind längst wieder geöffnet - und doch ist die Auslastung vieler deutschsprachiger Häuser um zwanzig bis dreißig Prozent zurückgegangen, weiß Nachtkritikerin Sophie Diesselhorst. Das liegt nicht nur an der Pandemie, wie sie einer Anfang 2020 erschienenen Studie von Birgit Mandel und Moritz Steinhauer vom Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim entnimmt: "Nur ein Drittel der Bevölkerung ist überhaupt an klassischen Theaterangeboten interessiert - darunter überdurchschnittlich viele Frauen, ältere Menschen, Hochgebildete und Großstadtbewohner:innen, lautete ihr zentrales Ergebnis, das nicht überrascht, wenn man auch nur stichprobenartig auf Theater-Publika schaut und Auslastungszahlen vergleicht." Die Studie ergab aber auch, "dass 86 Prozent der Bevölkerung trotzdem dafür sind, dass Theater weiter aus öffentlicher Hand gefördert wird. Die Diskrepanz zwischen Ja zu Theaterförderung und Nein zum Theater selbst kann eigentlich nur mit dem Image von Theater als verstaubter Hochkultur-Weihestatt zu tun haben."

Außerdem: Der Standard gibt einen Überblick zu Saison der Sommertheater. In der FAZ bilanziert Marthin Lhotzky die Wiener Festwochen: "Wir haben Produktionen von bestechender Einfalt und verblüffendem Scharfsinn gesehen." Besprochen werden Jossi Wielers Inszenierung der "Meistersinger von Nürnberg" in der Deutschen Oper Berlin (FR), das Stück "Bad Roads", zu dem die ukrainische Dramatikerin Natalya Vorozhbit auch einen Film gedreht hat und das den Krieg im Donbass verarbeitet (taz) und Elsa-Sophie Jachs Inszenierung von Goethes "Die Leiden des jungen Werther" am Münchner Residenztheater (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.06.2022 - Bühne

Besprochen werden Mark Minearts Inszenierung von Peter Sinn-Nachtriebs "The Totalitarians" am English Theatre (FR), Marco Arturo Marellis Inszenierung von Richard Strauss' Oper "Capriccio" an der Wiener Staatsoper (Standard) und die Inszenierung "Asyl Tribunal" des Theaterkollektivs Hybrid mit dem Werk X-Petersplatz auf die Judenplatz in Wien (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.06.2022 - Bühne

Szene aus "Das Augenlid ist ein Muskel". Bild: Arno Declair

"Die großen, gesellschaftsrelevanten Themen sind zurück", freut sich Nachtkritikerin Stephanie Drees in ihrem Resümee der Lange Nacht der Autor:innen am Deutschen Theater. Etwa in Alexander Stutz' Stück "Das Augenlid ist ein Muskel": "Es ist mit Abstand der sinnlichste, intimste Text unter den drei Uraufführungen - und harter Tobak. Aaron, ein Mann in seinen Zwanzigern, hat als Kind über viele Jahre hinweg sexuelle Gewalt erlebt. Der zehn Jahre ältere Cousin hat ihn im Keller der Großmutter missbraucht, auf einer alten Matratze, immer und immer wieder. Aaron versucht, auf einem Post-it den Eltern das Unaussprechliche zu erzählen, doch die sind vor allem damit beschäftigt, die brüchige Ehe zu kitten. Aaron wird klar, als er erwachsen ist: Alle Erwachsenen wussten es." Für taz-Kritiker Tom Mustroph ist das Highlight des Jahrgangs indes Enrico Lübbes Inszenierung von Raphaela Bardutzkys "Fischer Fritz".

Besprochen werden Philipp Stölzls Inszenierung von Puccinis "Turandot" an der Berliner Staatsoper (SZ),  der "Tanzkongress" in Mainz (FR) und Ersan Mondtags "Geschwister" am Berliner Maxim-Gorki-Theater (Tagesspiegel, FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.06.2022 - Bühne

Das klassische Ballett ist in der Krise, diagnostiziert Wiebke Hüster in der FAZ. "Die Klassiker werden in nichtssagenden neuen Versionen gespielt" und neue Choreografie zu zeitgenössischen Stoffen traut sich kaum jemand: "Wo entsteht das Repertoire des einundzwanzigsten Jahrhunderts, und wo wird das des zwanzigsten Jahrhunderts wirklich gepflegt? Wo sind die Häuser, an denen es Pflicht ist, die Tanzgeschichte in dramaturgischer Hinsicht zu studieren und Thesen über sie zu formulieren, die sich dann in der Auswahl der Stücke niederschlagen? Wir verlieren die Vergangenheit, weil wir sie uns nicht mehr neu erschließen. Gleichzeitig ist Originalität rar."

Weiteres: Im Tagesspiegel resümiert Patrick Wildermann die Lange Nacht der Autor:innen am Deutschen Theater: "Ausgerechnet dieses Festival der Gegenwartsdramatik macht am Ende Lust darauf, sich mehr Shakespeare-Stücke anzusehen." Wenigstens Raphaela Bardutzky greift in ihrem Stück "Fischer Fritz" Probleme auf ohne gleich den ideologischen Holzhammer" zu schwingen, resümiert in der FAZ Irene Bazinger. In der Berliner Zeitung resümiert Doris Meierheinrich die Autorentage. Andreas Hartmann annonciert in der taz das "Berlin bleibt!"-Festival des Hau-Theaters.

Besprochen werden Luk Percevals Inszenierung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" am Nationaltheater Mannheim (nachtkritik), Philipp Stölzls Inszenierung von Puccinis "Turandot" an der Berliner Staatsoper (nmz, FAZ), Max Simonischeks Adaption von Kafkas letzter Erzählung an den Kammerspielen des Tiroler Landestheaters in Innsbruck (nachtkritik), Oliver Frljićs Adaption von Dostojewskis "Schuld und Sühne" am Schauspiel Stuttgart (nachtkritik), die Uraufführung von Stephan Teuwissens Vampirklamotte "Nosferatu" am Theater Konstanz (nachtkritik), Liesbeth Coltofs Inszenierung von Akın Emanuel Şipals Stück "Nadzieja i tęsknota / Umut ve Özlem / Hoffen und Sehnen" am Schauspielhaus Bochum (nachtkritik), Achim Freyers Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte" am Staatstheater Meiningen (nmz), Giuseppe Scarlattis "I portentosi della Madre Natura" (Die wundersamen Wirkungen von Mutter Natur) bei den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci (nmz), eine performative Installation zu Medikamententests in der DDR vom Panzerkreuzer Rotkäppchen in der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg (taz) und Ersan Mondtags "Geschwister" am Berliner Maxim-Gorki-Theater (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.06.2022 - Bühne

Im Standard resümieren Margarete Affenzeller und Ljubiša Tošic die Wiener Festwochen, die ersten, die Intendant Christophe Slagmuylder einigermaßen frei gestalten konnte: 83 Prozent Auslastung ist ja ganz ordentlich, meinen sie, aber Euphorie wollte sich nicht einstellen. Und inklusiv waren diese Festwochen auch nicht gerade, meinen sie: "Zu kleinteilig, zu kleinformatig, zu versuchslastig blieben die Aufführungen, zu hermetisch das Festival an sich. Wer genau las, hätte Bescheid wissen müssen. Die Wiener Festwochen unter Slagmuylder sind zu einer 'Neuerfindung' angetreten, sie wollen mit der Auflösung von Disziplinen experimentieren, also 'künstlerische Ausdrucksweisen verschränken'. ... Ein Festival in der Größenordnung der Festwochen braucht aber echte Brummer mit Strahlkraft, die ins Publikum leuchten und andere Arbeiten mitziehen. Viele Fans fanden heuer aber keinen Weg ins Programm, auch wenn eine achtbare Auslastung von 83 Prozent erreicht wurde. Die in den Originaltiteln gelisteten Werke haben dazu wohl mit beigetragen. Wer weiß schon, dass mit 'La Cerisaie' Tschechows 'Kirschgarten' gemeint ist oder was sich hinter 'Só eu tenho a chave desta parada selvagem' verbirgt? Griffiger wird das Festival so jedenfalls nicht."

Besprochen werden Thomas Köcks Stück "Eure Paläste sind leer (all we ever wanted)" und Fritz Katers (alias Armin Petras') Stück "Milchwald" bei den Autor:innentheatertagen (zu Ulrich Seidler springt kein Funke über, dies ist "ein Theater, das nur sich selbst beeindruckt, verführt und betört", seufzt er in der Berliner Zeitung), das Musical "M#tter" im Frankfurter Gallus Theater (FR), Sebastian Klinks Adaption von Hans Falladas Roman von 1941, "Ein Mann will nach oben" am Staatsschauspiel Dresden (nachtkritik) und Mónica Calles' Choreografie zu Strawinskys "Le sacre du printemps" bei den Wiener Festwochen (nachtkritik).
Stichwörter: Wiener Festwochen

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.06.2022 - Bühne

In der nachtkritik geht Max Florian Kühlem den Vorwürfen gegen die Intendantin des Dortmunder Schauspiels Julia Wissert nach, sie vergraule Publikum und Mitarbeiter. Besprochen werden Erwin Schulhoffs Oper "Flammen" an der Staatsoper Prag (eine Sensation, freut sich FAZ-Kritiker Clemens Haustein), ein Band mit letzten Texten von Hans Neuenfels (Tsp), Tom Morris' Inszenierung von Monteverdis "L'Orfeo" an der Wiener Staatsoper (SZ) und "Depois de silêncio" (Nach der Stille), Christiane Jatahys Adaption von Itamar Vieira Júniors Roman "Torto Arado" bei den Wiener Festwochen (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.06.2022 - Bühne

Peter Kümmel besucht für die Zeit den Schauspieler David Bennent, der offenbart, dass er ein großer Schimpfer ist und immer noch viel an seinen Vater, den 2011 verstorbenen Schauspieler Heinz Bennent denkt. Der hatte sich als 18-Jähriger im Krieg noch zur Luftwaffe gemeldet. "'Er hat', sagt sein Sohn, 'fast nicht damit leben können, dass er überlebt hat.' Der Vater zog aus den Erfahrungen in der Nazi-Zeit den Schluss, nie wieder einer Gruppe, einem Verein, einer Clique angehören zu wollen. Er fand eine Frau, die Tänzerin Paulette Renou, die auch nicht dazugehören wollte; und dann bauten die beiden sich ihren eigenen Kosmos, ihre Familie: die Kinder Anne und David wurden geboren. Der Sohn ging nur kurz auf die Schule und wurde daheim von der Mutter unterrichtet. Man lebte oft in Griechenland, in einer Fischerhütte. Der Vater, sagt David, habe die Wut eines in die Enge getriebenen Tiers gehabt. 'Und wenn in einem Rudel ein Tier diese Wut hat, vibriert das ganze Rudel - auch die Kleinen.'"

Weitere Artikel: In der nachtkritik denkt Julischka Eichel über "Wir Schauspieler:innen" nach. "Es läuft nicht gut am Rosa-Luxemburg-Platz", warnt im Tagesspiegel Rüdiger Schaper mit Blick auf die Besucherzahlen der Volksbühne. Besprochen wird Jossi Wielers Inszenierung der "Die Meistersinger von Nürnberg" an der Deutschen Oper Berlin (gleich zwei mal in der nmz: hier und hier, und im Tsp).