Probenfoto von Julien Gosselins "Maldoror". Foto: Christophe Raynard de Lage / Festival d'Avignon
Voller Begeisterung für die Stadt, ihre Liebe zur Kunst und die unfassbar vielen Theateraufführungen resümiert Reinhard J. Brembeck in der SZ das Theaterfestival in Avignon, das in diesem Jahr zeigte, "wie faszinierend und zugleich abstoßend eng Kunst und das Böse ineinander verwoben sein können". Einer der Höhepunkte ist für ihn Julien Gosselins bis in die frühen Morgenstunden dauerndes, im Papstpalast von Avignon aufgeführtes Spektakel "Maldoror", das Motive aus Lautréamonts "Gesänge des Maldoror" verbindet mit Roberto Bolanos Roman "Stern in der Ferne" über einen Dichter, der für einen Diktator mordet: "Der grandiose Julian Gosselin macht daraus eine emotionstrunkene Kunstanklage mit Powermusik. Er lässt seine wunderbaren Schauspieler in realistischen Interieurs spielen, im Mittelteil öffnet er die Bar auf der Bühne fürs dann scharenweise dorthin strömende Publikum. Das alles wird gefilmt und auf eine Großleinwand übertragen: 'Maldoror' ist live gespieltes Reality-Kino, ohrenbetäubend laut, fulminant in den Tempi. Ja, Kunst und Mord, die Poesie und das Böse schließen sich nicht aus."
Szene aus Carolina Bianchis "Uma Luz Coridal". Foto: Christophe Raynard de Lage / Festival d'Avignon
In der Welt kann Jakob Hayner mit "Gosselins dröhnender Theatermaschine" überhaupt nichts anfangen, für ihn nagelt Carolina Bianchi in Avignon mit "Uma Luz Cordial" das Böse fest: "Das wird richtig ungemütlich. Wie bei ihr üblich, verstrickt Bianchi die Zuschauer in eine Lecture Performance mit doppelten Böden, sodass man ins Taumeln kommt. So zum Beispiel in einer Szene, die auf den ersten Blick völlig harmlos erscheint: An einem Tisch sitzt eine Marionette, die - von zwei Spielern aus Bianchis Kompagnie Cara de Cavalo geführt - mit einem Stift in einem Notizbuch kritzelt, während eine weitere Schauspielerin mit kindlich verzerrter Stimme erzählt, was da niedergeschrieben wird. Die achtjährige Protagonistin berichtet in allen Details, dass sie sich prostituieren muss, weil der erfolglose Schriftstellervater seine Kunst nicht zu Geld machen kann. Das ist in aller verfremdeten Einfachheit doch so unerträglich, dass es ähnlich starke Fluchtreflexe wie bei Gosselin auslöst, nur aus anderen Gründen."
Weitere Artikel: Mira Anneli Naß begleitet für die taz den Sprech- und Musikrundgang "Schlamassel", der die Geschichte des einst von jüdischen Zwangsarbeitern geschaffenen Stuttgarter Höhenparks Killesberg "mit aktuellen jüdischen Perspektiven" konfrontiert: "Auszüge aus Interviews mit Stuttgarter Jüdinnen und Juden erzählen von deren Verhältnis zu Deutschland und Israel, vom Rechtsruck in beiden Gesellschaften, vom deutschen Umgang mit Geschichte und einer ritualisierten Erinnerungskultur, von Antisemitismus und dem 7. Oktober, aber auch von romantischen Verabredungen oder LSD-Trips im Park." Konstantin Sakkas erzählt in der NZZ die Geschichte von Wagners "Rienzi", der jetzt erstmals in Bayreuth gespielt werden soll, obwohl Wagner und Frau Cosima ihn "zu undeutsch" fanden für das Festspielhaus. Der scheidende Düsseldorfer Theaterintendant Wilfried Schulz blickt im Interview mit der nachtkritik auf gut vier Jahrzehnte Theaterschaffen zurück. Hannes Hintermeier besucht für die FAZ das wiedereröffnete Münchner Valentin-Karlstadt-Musäum.
In der SZ ist Alexander Gorkow empört über den Umgang mit Kammerspiel-Intendantin Barbara Mundel, mit der über eine Verlängerung ihres nächstes Jahr auslaufenden Vertrages nicht einmal gesprochen wurde, weil sich offenbar niemand dafür zuständig fühlte. Das ist symptomatisch für den Umgang mit Künstlern und Institutionen, findet Gorkow. "Mehr als über München erzählt diese kleine Episode aus dem Betrieb deshalb, weil sie über den miserablen Umgang mit einer Frau hinaus in eine deutsche Gegenwart passt, in der die Institutionen geschleift werden. ... In einer Documenta erscheinen gemalte Hakennasen, aber es ist halt der globale Süden, und das muss man verstehen. Wer ist zuständig? Das wird eine Kommission aufarbeiten. Die Intendanz eines der bedeutendsten Sprechtheater wird via Linkedin und Co. auf den Markt geworfen wie ein Job in einem Start-up. Wer ist verantwortlich? Die Intendantin, sie hätte sich mal melden können bei Bimmel oder Bommel. Wer folgt? Findungskommission."
Das es auch anders geht, zeigt ein Interview, ebenfalls in der SZ, mit Wilfried Schulz, dem scheidenden Intendanten des Düsseldorfer Schauspielhauses, der eine insgesamt positive Bilanz zieht: "Man braucht eine gewisse Beharrlichkeit, gute Partner und eine gemeinsame Zielvorstellung. Ich habe immer den Standpunkt vertreten: Wir sind als Theater ein wichtiger Ort in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft. Entsprechend möchten wir auch behandelt werden. Ohne Geld nutzen die tollsten Konzepte nichts. Wir hatten in den letzten zehn Jahren in Düsseldorf die erfreuliche Situation, dass der Institution Theater eine große Wertschätzung entgegengebracht wurde, von den Zuschauern ebenso wie von der Stadt- und Landespolitik. Das hat auch das Image dieser Stadt verändert. Es ist zu hoffen, dass die Streichung des Opern-Neubaus, ein Projekt, das auch eine inhaltliche Transformation einleiten sollte, nicht auf neue schwierige Zeiten verweist. Man kann Pläne ändern, aber man sollte das - pragmatisch oder visionär - mit einer Zukunftsdiskussion verbinden."
Besprochen werden "Kassandra: coming of age at the end of the world" von Marion Hélène Weber und Azeret Koua am Theaterhaus Jena (nachtkritik) und Barrie Koskys Inszenierung der Strauss-Oper "Die Frau ohne Schatten" beim Festival in Aix (FAZ).
Christiane Lutz resümiert für die SZ das Chaos um die Suche nach einer neuen Intendanz für die Münchner Kammerspiele. Lang passierte überhaupt nichts, dann kursierten Gerüchte über die Verlängerung eines Vertrages für die jetzige Intendantin Barbara Mundel. Die hatte vom zuständigen Kulturreferat der Stadt München allerdings noch nichts gehört, außerdem tauchte jetzt überraschend doch noch eine Ausschreibung für die Stelle auf: "Die Anzeige steht auf dem Portal 'Kulturexperten', einer Beratungsfirma für Kultureinrichtungen. Deren Headhunter teilten die Ausschreibung auf Linkedin; auf der Webseite der Stadt München: nichts. Deadline ist der 31. Juli 2026, eine Bewerbungsfrist von circa sechs Wochen also. An sich ist das ausreichend, allerdings befindet sich mindestens die Hälfte der deutschsprachigen Theatermacher schon in den Ferien. Wer nicht in den engsten Theaterzirkeln verkehrt, musste die Ausschreibung also zufällig entdecken und dann das Glück haben, nicht schon am Strand zu liegen, um eine Bewerbung verfassen zu können, klagt ein Regisseur. Transparente Kommunikation gehe anders."
Besprochen wird Clément Cogitores Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte" beim Festival Aix-en-Provence (FAZ).
Manuel Brug besucht für die Welt das Festival von Aix-en-Provence, wo dieses Jahr eine ganze Reihe bemerkenswerter Opernproduktionen zu bestaunen sind. Nicht nur die Mozart- und Strauss-Inszenierungen haben ihm gefallen, sondern auch "Accabadora", ein Werk des italienischen Starkomponisten Francesco Filidei. Basierend auf einem Roman Michela Murgias erzählt Filideis neuer Streich von einem sardischen Landleben, das von Tod, Entbehrung und Volksglaube geprägt ist. Besonders angetan ist Brug von Valentina Carascos Inszenierung: "Die eigentlich leere Bühne füllt hinten haushoch ein Webstuhl aus, der von einigen schwarz gekleideten, nornenhaften Alten bedient wird. Immer, wenn ein Mensch stirbt, fällt einer der halbfertigen Teppiche herab. Wird einer geboren, schießt Mehl aus dem Bauch der Mutter auf den Tisch, wird mit Wasser vermischt und gebacken: Aus einem mächtigen Laib Brot entsteigt dann auch Maria. Und natürlich ist der Tisch ebenfalls Totenbett und Bahre. Sich zum Hain verdichtende Weinreben fahren herab und werden zum Arbeitsort von Marias Freund Nicola, der dann infolge einer Beinamputation sterben will. Der Kreislauf des Lebens, erdverbunden." In der NZZberichtet Eleonore Büning aus Aix-en-Provence.
Nicht überall gibt man sich so viel Mühe wie in Aix-en-Provence. Karl Keller nimmt sich in Backstage Classical den "Festspiel-Trick" der Bayerischen Staatsoper vor. In München wird in den Sommerwochen einfach noch einmal geballt das ganz normale Repertoire-Programm gegeben - nur um 23 Prozent erhöhte Preise und ergänzt um einige wenige Premieren und einen Liederabend mit Jonas Kaufmann.
Seit letzter Woche gibt es in Augsburg eine "InitiativeAntisemitismuskritik & Theater", gegründet vom Staatstheater Augsburg, Teilen der Freien Szene und dem Institut für Neue Soziale Plastik. Mit dessen Leiterin Stella Ledersprichtnachtkritikerin Sophie Diesselhorst über die Intitiative. Das Thema hat viele Aspekte, stellt Leder klar, unter anderem soll es auch um antisemitisch konnotierte Klassiker aus dem Repertoire gehen. Aber natürlich sind auch die Boykottaufrufe notorischer Israelkritiker Thema des Gesprächs. Besonders verstörend findet sie, "dass wir in den letzten Jahren immer wieder hören: Wir wollen natürlich eigentlich keine israelischen Künstler boykottieren, aber das Thema ist so heikel, dass wir lieber jede potentielle Auseinandersetzung damit vermeiden. Boykottbewegungen erzeugen einen irren Konformismus, wo im Zweifelsfall Kulturinstitutionen und Theater anfangen zu machen, was die Aktivisten wollen, anstatt das zu machen, was sie selbst programmatisch tun möchten."
Weiteres: Simone Kaempf besucht für nachtkritik das Lissaboner Festival de Almada. Für den Standardschaut sich Christoph Irrgeher am Opernfestival der Oper Burg Gars um. Besprochen wird Niccolò Jommellis Oper "Didone abbandonata", aufgeführt bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen (FAZ).
Weitere Artikel: Michael Bartsch resümiert für die taz das Festival "Theater der Welt" in Chemnitz. Besprochen werden Edvin Revazovs Choreografie "Waiting for Godot - In the Small Moments We live" am Ernst Deutsch Theater in Hamburg (alle Tänzer sind aus der Ukraine geflohen, erklärt Dagmar Leischow in der taz), Philipp Preuss' Inszenierung von "Circus Oresteia" im Theater an der Ruhr in Mühlheim (SZ) und Stefan Puchers Inszenierung von Schillers "Räubern" am Schauspiel Stuttgart.
Auf der Bühne des Schauspiels Stuttgart ist es mal wieder Zeit für Schillers "Räuber", hier inszeniert von Sebastian Pucher. Dem Schiller-Text sind patriarchatskritische Elemente von Thomas Melle beigefügt, weißNachtkritikerin Verena Großkreutz: "Zeitlich verorten lässt sich die Inszenierung nicht. Sie will offenbar die Schiller-Melle-Sprache sprechen lassen. Die Kostüme von Annabelle Witt bieten einen unisexen Mix aus queerer Buntheit, Anzügen, Westernstiefeln, futuristischen Schulterpolstern, barocken Rüschen, Pelzkragen. Auch die Frisuren: gewagt. Das Bühnenbild von Nina Peller lässt Assoziationen freien Lauf: ein Unort, ein stillgelegtes Bergwerk vielleicht mit Blick auf einen nur grau scheinenden Riesenmond. In der Mitte, auf der Drehscheibe, zwischen gestapelten Rundsteinen, thront ein Felsmonument."
tazler Björn Hayer hingegen findet die Bilder eher etwas abgedroschen: "Insgesamt also eine solide, wenn auch unpassionierte Realisierung des Stoffs. Sie setzt auf stimmungsvolle Effekte. Zum Beispiel tritt die Räuberbande nach der Pause als Hardrock-Band mit Flammenspiel auf. Ebenso trägt die durchweg düster-psychedelische Musik zu einer atmosphärischen Dichte bei. Gleichwohl gelingt es der Regie kaum, das Stück jenseits recht abgegriffener Bilder zu transzendieren. Wir bekommen vor allem Schaufenstertheater geboten, hell ausgeleuchtet, ohne besondere Überraschungen oder ungewöhnliche Perspektiven auf einen häufig aufgeführten Klassiker."
Weiteres: Alina Götz besucht für die taz die Wilde Bühne in Bremen, an der Suchtkranke unter der Voraussetzung Theater spielen können, dass sie clean sind. Lothar Müller trauert in der SZ um den Dramatiker Dieter Sturm.
Besprochen wird: Mozarts "Zauberflöte", inszeniert von Clément Cogitore, und Strauss' "Frau ohne Schatten", inszeniert von Klaus Mäkelä, auf dem Opernfestival in Aix-en-Provence (Welt), "Zwanzig Minuten" im Theater Thikwa in Berlin, Regisseurin ist Judith Kuckart (taz), Francesco Filideis Kammeroper "Accabadora", uraufgeführt in Aix-en-Provence unter der Regie von Valentina Carrasco (FAZ), "Maldoror" nach Roberto Bolaño und Lautréamont auf dem Festival d'Avignon, Bearbeitung und Regie von Julien Gosselin (Nachtkritik).
"Wir hatten hausintern ein erhebliches Kommunikationsdefizit", rechtfertigt sich Intendantin Katharina Wagner nach der Aus- und wieder Einladung von Michel Friedman nach Bayreuth (unsere Resümees) im SZ-Gespräch mit Moritz Baumstieger und Kathleen Hildebrand: "Unser kaufmännischer Geschäftsführer hatte alle noch nicht veröffentlichten Veranstaltungen unter dem Eindruck der vielen sich zuspitzenden internationalen Krisen zunächst abgesagt, auch diese. Ich selbst wollte am Gedenkkonzert mit Herrn Friedman selbstverständlich festhalten, was schließlich auch gelungen ist." Von Friedman erwarte sie sich eine sehr kritische Rede - und auch weitere Defizite in der Aufarbeitung der NS-Geschichte von Bayreuth sieht sie: "Es wäre aus meiner Sicht wichtig, der Öffentlichkeit auch all das historische Material zugänglich zu machen, das noch bei den anderen Teilen der Familie liegt. Dass das nicht ausgewertet werden kann, dass wir gar nicht wissen, was da vielleicht noch schlummert, empfinde ich als Makel."
Weitere Artikel: Manuel Brug hat in der Welt wenig Zweifel, dass Matthias Schulz, aktuell Leiter der Oper Zürich, auch das Zeug zum Intendanten der Salzburger Festspiele hätte. Für die Welt spricht Philip Cassirer mit dem französischen Operntenor Benjamin Bernheim. In der FAZ schreibt Gerhard Stadelmaier zum Tod des im Alter von 90 Jahren gestorbenen Dramaturgen Dieter Sturm. Heute beginnt das Festival d'Avignon unter Leitung des portugiesischen Regisseurs Tiago Rodrigues, der das Festival ganz im Sinne des Gründers Jean Vilar ausrichtet, wie Benno Schirrmeister in der tazerfährt: "Das Festival entstand 1947 aus dem Geist der Résistance und getragen vom Wunsch nach einem demokratischen Neuanfang Europas. 'Es ging darum, Orte zu schaffen, an denen dieser Traum real werden kann - Räume der Vielfalt', erklärt Rodrigues."
Besprochen wird Jochen Schölchs Inszenierung des Stückes "Putsch" von Alistair Beaton und Dietmar Jacobs am Münchner Metropoltheater (nachtkritik).
Im Dezember 2025 hat Russland das im Krieg zerstörte Dramatheater in Mariupol neu eröffnet. Geschmacklos wieder aufgebaut läuft dort nun "Klamauk niedrigster Güte" und reine Propaganda, sagt im Interview mit der Welt dessen letzter Chefregisseur, Anatolij Lewtschenko, der knapp zehn Monate Haft überlebte und heute das erste nichtstaatliche Theater des Donbass leitet. Hinter den Fassaden der Stadt stehen nur Ruinen, ukrainisches Leben gibt es kaum noch, die Menschen denunzieren einander und die Russen setzen auf "weiche Propaganda": "Propaganda ist eine feine, komplizierte Sache und ich erkläre nicht, wie man sie macht. Nur so viel: Die sowjetische Propaganda hat sich nicht verändert, jetzt machen es eben die Russen. Es geht um die kulturelle Tiefenschicht. Eine Nation lebt von Erinnerung, von Ritualen. Warum lieben wir alle noch den Olivier-Salat, den Hering im Pelz? Weil das die Vorstellung vom Festtisch war - und niemand fragt mehr, warum. Genauso pflanzt man Narrative ein. Und hier muss ich ehrlich sein: Die postsowjetischen Theater in Kiew sind voll von billigsten Komödien. Ich sehe keinen anderen Weg, als meinen kleinen Teil beizutragen, damit wir uns als Land, als Menschen weiterentwickeln. Der Krieg tobt im Schützengraben - aber geboren wird er im Kopf."
Im Interview mit der SZ spricht der italienische Schauspieler und Theaterregisseur Toni Servilio über seine ungebrochene Faszination für das Theater und die politische Situation in Italien: "Wenn Europa nicht bald aufwacht, riskiert es, von anderen Ländern, die sich durch autoritäre Politik bereits in einem Zustand der Rückständigkeit befinden, aufgefressen zu werden. Zudem hat die italienische Politik eine Persönlichkeit hervorgebracht, von der ich nie gedacht hätte, dass sie auf die vom Faschismus durchdrungene italienische Bühne zurückkehren würde, und das ist Roberto Vannacci mit seiner Partei Futuro Nazionale. Wir haben erneut einen Vertreter des dunkelsten, aggressivsten und ignorantesten Faschismus, den wir glaubten, bereits beerdigt zu haben."
Besprochen werden eine Inszenierung von Mozarts "Die Entführung aus dem Serail" mit Bülent Ceylan an der Staatsoper Berlin (Welt) und Alexander Paul Kubelkas Inszenierung "Till Eulenspiegel, wenn das Herz brennt" nach Charles De Coster bei den Sommerfestspielen Perchtolsdorf (nachtkritik).
Bevor Aviel Cahn als Intendant vom Grand Théâtre de Genève an die Deutsche Oper Berlin wechselt, hat er den Genfern nochmal einen riesigen Penis gezeigt, amüsiert sich Manuel Brug (Welt), der das an FrankZappas Film "200 Motels" angelehnte Opernspektaktel zwar insgesamt nicht mehr als "nett" findet. "Trotzdem ist das neonbunte Durcheinander, bei dem im Swimmingpool an der Rampe unter den Gummiflamingos der stets abenteuerlustige Dirigent Titus Engel die an Varèse, Strawinsky, Berg und Cage gemahnenden Zappa-Kompositionen beisteuert, vor allem eine ziemlich unverbundene, famos gesungene und performte Musical-Revue geworden. In dem einzig Brenda Rae als sopranknallige Reporterinnen-Barbie vokal hervorsticht, nichts wirklich Bedeutung oder Fallhöhe hat, alles nur derb-dämlicher Kindergartenfrohsinn für Erwachsene ist. Darf auch mal sein."
Weitere Artikel: Im taz-Interview mit Konstantin Nowotny erklärt der Comedian Moritz Neumeier, wann es für manche Gags Polizeischutz braucht. Besprochen werden außerdem die letzte Ausgabe Lugano Dance Projects (NZZ) und Leander Hausmanns Inszenierung "Der Geizige oder Die Schule der Lügner" nach Moliere beim Theatersommer Haag (nachtkritik).
Die Hitzewelle hat auch die Musikfestpiele Potsdam fest im Griff. FAZler Clemens Haustein fühlt sich teils wie in "einer Dampfsauna". Zumindest dem Händel-Oratorium "Il Trionfo del Tempo e del Disinganno", das in Potsdam in einer von Dorothee Oberlinger angeleiteten halbszenischen Aufführung auf die Bühne kommt, können die Temperaturen nichts anhaben: "Francesca Lombardi Mazzulli als Piacere, das personifizierte Vergnügen, lässt dieser unsterblichen Musik die ganze Zartheit ihres Singens zukommen, Oberlinger und ihre Musiker geben sich die nötige Zeit ohne ins Zelebrieren zu verfallen. Überhaupt nimmt stark für sich ein, wie das Ensemble herzvolles Spiel und klare Zeichnung zusammenbringt. In der Schärfung der Artikulation tut sich für Oberlinger ein Mittel auf, die Zuhörer zu immer neuem Ohrenspitzen zu verleiten." Klaus Büstrin vom Tagesspiegel ist ebenfalls angetan und freut sich über die "unbedingte Vertrautheit" von Dirigentin und Musikern.
Dorion Weickmann hat sich für die SZ bei Tanz-Ensembles in Sachsen-Anhalt umgehört: Wie bereitet man sich in dieser besonders divers und international aufgestellten Kunstform auf einen möglichen AfD-Wahlerfolg im Herbst vor? Eine ausführliche Antwort hat er nur von Tarek Assam, dem Leiter des Tanzdepartments des Harztheaters in Halberstadt und Quedlinburg, erhalten. "Assam, dessen Ensemble fünf Nationalitäten im Ballettsaal vereint, schildert die Vorsichtsmaßnahmen, die bereits jetzt angesichts der Montagsdemos getroffen werden: 'Wir bitten unsere Tanzgäste (Choregraphen, Ausstatter, Trainingsleiter und Tänzer) nicht nach der Auflösung der Montagsdemos auf die Straße zu gehen.' (…) Es sei, auch in der Stadt, 'eine deutliche Verunsicherung spürbar'."
Weitere Artikel: Esther Slevogt macht sich auf nachtkritik Gedanken zu KI und Theaterkritik. Benno Schirrmeister unterhält sich, ebenfalls auf nachtkritik, mit dem portugiesischen Autor und Regisseur Tiago Rodriguez, der das Festival d'Avignon leitet.
Besprochen werden eine "Turandot"-Inszenierung an der Staatsoper Stuttgart (FR - "eine attraktive, zugleich zerfaserte Inszenierung") und "Die Entführung aus dem Serail" an der Staatsoper Unter den Linden mit special guestBülent Ceylan (nmz, van - beide Rezensionen halten nicht viel von der Kombination Mozart-Ceylan).
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