Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.10.2019 - Bühne

Auf verlorenem Posten: Ewald Palemtshofer am Residenztheater. Foto: Birgit Hupfeld


Ganz und gar gelungen findet Christine Dössel in der SZ Andreas Becks Einstand als Intendant des Münchner Residenztheaters, das seine neue Saison mit Ewald Palmetshofers Stück "Die Verlorenen begann. Schön einladend und freundlich ging es am Premierenabend zu, versichert Dössel, obwohl Regisseurin Nora Schlocker dem Premierenpublikum einen Reigen der Einsamkeit bereitete: "Bei aller Grundverlorenheit und manch einem Verzweiflungspathos - ein bisschen auch: Verzweiflungskitsch - hat der Text saukomische Szenen. Palmetshofer hat Sprachwitz, er kann Komödie, trägt manchmal mit Deftigkeiten dick auf. 'Die Verlorenen' sind ein wirklich funkelndes Stück." In der Nachtkritik ermattet Anna Landefeld allerdings nach dem kraftvollen Prolog recht bald unter dem "apathischen Verzweiflungsduktus".

In seinem Nachruf auf die kubanische Startänzerin Alicia Alonso kann Welt-Kritiker Manuel Brug trotz des spöttischen Tons seine Bewunderung nicht verhehlen: "Alicia Alonso, die rote Giselle der Karibik, war so etwas wie eine Nationalheilige in Havanna. Eine Mischung aus Pawlowa und 'La Pasionaria'. Unübersehbar mit ihren meist sehr bunten Tüchern, die um den adlerstolzen Kopf mit der scharfen Nase geschlungen waren. Und mit ihrer dunklen Brille, die verbergen sollte, dass die Primaballerina des Palmen-Sozialismus schon seit Jahrzehnten blind war. Aber noch mit eiserner Hand als finale Aufrechte der Revolución über das kubanische Nationalballett und die angeschlossene Schule herrschte. Mochten da auch andere Direktoren sitzen, ohne Alicia, eine Líder Máxima der besondere Ballettart, lief nichts vor dem Spiegel, an der Stange und auf der Bühne." In der FAZ ergänzt Wiebke Hüster: "Dass es kubanischen Tänzern oft gelingt, Weltstars zu werden - wie es gerade Carlos Acosta mit seinem Film 'Yuli' erzählte -, ist der Legende Alicia Alonso zu verdanken."

Hier tanzt sie als Schwarzer Schwan mit Azari Plisetsky:



Besprochen werden Hans Werner Henzes "Bassariden" an der Komischen Oper Berlin (SZ), Thorleifur Örn Arnassons "Edda" am Wiener Burgtheater (Standard), Claudia Bauers "Germania"-Inszenierung nach Heiner Müller an der Berliner Volksbühne (die es taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller zufolge zu sehr bei "großen Worte, Phrasen, steilen Behauptungen" beließ), Lola Aroas' "Futureland" am Gorki-Theater (taz, Tsp) und Tim Plegges "Nussknacker" am Hessischen Staatsballett in Wiesbaden (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.10.2019 - Bühne

Szene aus "Germania". Foto: Julian Röder

So passend der Zeitpunkt auch sein mag, um an deutsche Vergangenheit von der Varusschlacht über den Nationalsozialismus bis zur Wiedervereinigung zu erinnern -  die TheaterkritikerInnen sind doch nur mäßig angetan von Claudia Bauers bunter Collage aus Heiner Müllers "Germania"-Stücken an der Berliner Volksbühne. Bei allem Respekt vor Bauers "eklektizistischer Wucht und komödiantischer Schärfe", hätte sich Nachtkritikerin Esther Slevogt dann doch mehr Analyse gewünscht, "statt sich von seiner HitlerStalinBlutKriegNaziKommunismusHeinerMüller-Seligkeit an den Rand der Agonie manövrieren zu lassen": "Bald verliert sich der Abend in einem immer zäher fließenden Malstrom der Bilder, der kaum seine Tonlage wechselt. Wir treffen Hitler und Stalin als abziehbildhafte geschichtsnotorische Bösewichte - wobei Katja Gaudards fragile wie grotesk verfeinerte Hitlerdarstellung durchaus auch starke Momente hat."

In der Berliner Zeitung sehnt sich Ulrich Seidler leise nach Castorf zurück: "Überkomplexe Zeichenpampe, die mit Schmackes und unter Aufbietung eines hochtourenden Theaterapparates - egal, ob irgendwer im Saal noch folgen will und kann - über die Rampe gekippt wird, das klingt doch eigentlich nach der Fortsetzung guter alter Castorf-Tradition. Möglicherweise sind dessen vibrierenden Hervorbringungen dann aber doch luzider, böser, überraschender und dringlicher (...)." "Pop-Kinderparty", meint auch Peter Laudenbach in der SZ. Nur in der FAZ lobt Irene Bazinger Bauers "alptraumhafte böse Bilder" und "szenische Fantasie".

Warum lesen sich so viele Theaterkritiken wie "Nachrufe" auf die dramatische Kunst, seufzen derweil Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters und Claus Caesar, Chefdramaturg und Stellvertretender Intendant und betonen: "Es trifft zu, dass neue Stücke nicht oft genug nachgespielt werden. Es ist richtig, dass sich zeitgenössische DramatikerInnen häufig auf kleineren Bühnen wiederfinden. Es stimmt, dass nicht sehr viele AutorInnen von ihren Honoraren leben können. Aber es stimmt auch, dass sich mühelos Namen finden lassen, die allen Untergangsszenarien reihenweise und aufs Schönste widersprechen."

Weiteres: In der taz erzählt Milo Rau von den Dreharbeiten zu seinem Film "Das neue Evangelium", den er unter anderem italienischen Migranten und AktivistInnen zusammendrehte und fordert eine "Revolte der Würde" für die Rechte von Migranten und kleinen Agrarunternehmern: "Mach kaputt, was dich kaputt macht! In der Revolte entstehen bisher ungesehene Solidaritäten: zwischen Kleinbauern und Flüchtlingen, zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen. Denn den postmodernen Kapitalismus überwindet nur, wer seine spalterische Ideologie des Identitären überwindet." Der Regisseur Herbert Fritsch verlässt nach der Volksbühne nun auch die Berliner Schaubühne auf eigenen Wunsch, meldet der Tagesspiegel.

Besprochen werden Ene-Liis Sempers und Tiit Ojasoos Inszenierung von Bulgakows "Meister und Margarita" am Wiener Burgtheater (nachtkritik) und Agatha Christies "Die Mausefalle" im Frankfurter Fritz-Remond-Theater im Zoo (FR)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2019 - Bühne

Im großen SZ-Interview mit Christine Dössel erklärt Andreas Beck, Martin Kusejs Nachfolger am Münchner Residenztheater, wie er das Haus wieder lokaler gestalten möchte und was er von inszenierenden Intendanten hält: "Das Modell des inszenierenden Intendanten hat früher noch mehr Sinn gemacht, weil jeder an seinem Ort war und diesen mit seinem Stil prägte. Und wenn man etwas von Herrn Stein, Herrn Peymann oder Zadek sehen wollte, musste man hinfahren. Und einmal im Jahr, juhu, kamen alle nach Berlin zum Theatertreffen, zum großen 'Reichstag' der Kurfürsten. Heute wollen die meisten Regisseure gar nicht mehr Intendanten werden, weil sie auf möglichst vielen 'Gutshöfen' inszenieren wollen. Das einzig Beständige in diesem Hin und Her ist die Dramaturgie. Die Dramaturgen bleiben als Produzenten vor Ort. Da ist es nur konsequent, dass ein Dramaturg Intendant ist."

Besprochen wird die am Theater des Florentiner Maggio musicale inszenierte Urfassung von Gaspare Spontinis historischer Oper "Fernand Cortez oder die Eroberung von Mexiko" (FAZ).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2019 - Bühne

In der nachtkritik macht sich Theatermacher Tobias Rausch ausgiebige Gedanken darüber, wie man Natur auf die Bühne bringen und das Publikum ansprechen lassen kann. "Zum Auftakt des Projekts haben wir im Schauspielhaus eine Lecture Performance gestaltet. Wir hatten eine Basilikumpflanze, mit der wir allerhand Experimente durchgeführt haben, etwa überprüft, ob es stimmt, dass Pflanzen tatsächlich besser bei klassischer Musik als bei Heavy Metal wachsen, oder in einem Crashtest getestet, ob Darwin recht hatte mit seiner These vom 'survival of the fittest'. Die Philosophin Angela Kallhoff brachte in Talk-Elementen Aspekte der Pflanzenethik ein. In der letzten Szene schließlich haben wir die Basilikumpflanze in einer Mikrowelle zu den Klängen von Brahms' 'Deutschem Requiem' binnen Sekunden verdorren lassen. Die Resonanz des Publikums auf dieses letzte Experiment hat uns verblüfft. Zahlreiche Zuschauer*innen kamen anschließend zu uns und ließen uns wissen, dass sie es nicht in Ordnung fanden, was wir zum Schluss mit der Basilikumpflanze angestellt hätten. Sie waren tatsächlich emotional erregt, empört und betroffen." Weia!

Besprochen werden Nicoleta Esinencus Performance ."Abolirea familiei / Die Abschaffung der Familie" im Berliner HAU3 (taz), Milhauds Oper "Christophe Colomb" am Theater Lübeck (nmz), die Uraufführung von Hans Abrahamsens Oper "Schneekönigin" in Kopenhagen (FAZ) und ein Frankfurter Gastspiel des Sami-Theaters mit "Johan Turi" (FAZ).
Stichwörter: Rausch, Tobias

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2019 - Bühne

Lescaut (Jurij Samoilov) und Manon (Asmik Grigorian). Foto: Barbara Aumüller


SZ-Kritiker Egbert Tholl ist einfach hin und weg von dieser Manon: Asmik Grigorian singt sie mit größter Natürlichkeit in Àlex Ollés Inszenierung von Puccinis "Manon Lescaut" an der Oper Frankfurt, schwärmt er. Und schauspielen kann sie auch: "Grigorian, geboren 1981 in Vilnius, spielt vollkommen überzeugend ein 16-jähriges Mädchen, gekleidet im üblen Osteuropa-Chic. Diese Manon weiß über das Leben Bescheid, im Nachtclub genauso wie im Arrest, wo sie die Wächter und den rasenden Geliebten mit blitzenden Augen zu beschwichtigen sucht. Ihre natürliche Präsenz rückt sie von ganz allein in den Fokus, sie muss gar nicht mehr viel machen, nur da sein und singen. Mit purer Mühelosigkeit und dramatischer Wucht."

Besprochen werden Herbert Fritschs Inszenierung von Molières "Amphitryon" mit Joachim Meyerhoff an der Berliner Schaubühne (Tagesspiegel, taz, FAZ), Barrie Koskys Inszenierung von Hans Werner Henzes "Bassariden" an Berlins Komischer Oper (Tagesspiegel, nmz, FAZ) sowie die Uraufführung von Björn SC Deigners Stück "Der Reichskanzler von Atlantis" von am ETA-Hoffmann-Theater in Bamberg (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2019 - Bühne

Uwe Mattheis unterhält sich für die taz mit dem neuen Intendanten Martin Kušej über seine Arbeit am Burgtheater, das er gleich zu Beginn seiner Amtszeit aus dem Rang des Nationaltheaters befreit hat.

Besprochen werden Herbert Fritschs perückenpudrige Inszenierung "Amphitryon" in der Berliner Schaubühne (deren Supervirtuosität Nachtkritiker Janis El-Bira als ein "Freidrehen in den Grenzen der Werktreue" genoss, SZ), Helmut Lachenmanns Tanzoratorium "Mädchen mit den Schwefelhölzern" in Zürich (SZ, FAZ), Hans Werner Henzes "The Bassarids" an der Komischen Oper (taz, NMZ), der Revolutionsabend "Die Unvollendete" des  Freien Schauspiel Ensemble (FR), Jan Bosses Adaption von Cervantes' "Don Quijote" mit Ulrich Matthes und Wolfram Koch am Deutschen Theater Berlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2019 - Bühne

Dekoration und Transzendenz: Helmut Lachenmann an der Oper Zürich Foto: Gregory Batardon
Zwanzig Jahre hat es gedauert, bis Helmut Lachenmanns "Mädchen mit den Schwefelhölzern auch in der Schweiz gezeigt wird. In der NZZ zeigt sich Elonore Büning als große Bewunderung von Lachenmanns "nichtnarrativer, nichtnachsingbarer, nichtretrospektiver, nichterinnerbarer" Musiksprache von schlichter Klarheit und kraftvoller Schönheit. Überrascht hat sie allerdings, wie gut ihr die luxurierende Arbeit von Christian Spucks Ballett hierbei gefällt: "Kann das überhaupt zusammengehen? Spucks Liebe zur Dekoration und die nichtdekorative Transzendenz Lachenmanns? Diese haptisch-dralle Bildschönheit einer extrem kanonisierten Körpersprache und die Askese der ausgesparten Töne? Natürlich nicht. Es kommt an diesem Abend, wie erwartet, immer wieder zu Reibung, Überfrachtung und Verdopplungen. Aber auch zu Überraschungen. Denn wie uns die Märchenerzählung Hans Christian Andersens - und Lachenmanns Musik dazu - lehrt, entspringt erst aus Reibung das Feuer, das die kalte Realität überwinden kann. 'Ich!', sagt das arme Kind, ausgemustert aus der Gesellschaft der Wohlanständigen, das sich nicht nach Hause traut und kurz vor dem Erfrieren steht, in die Dunkelheit hinein. Und zündet, 'Ritsch!', selbst eines seiner Zündhölzer an."

Besprochen werden Antú Romero Nunes' dunkle Peter-Pan-Version "Neverland" am Thalia Theater Hamburg (Nachtkritik), Heiner Müllers von Sandra Hüller gesprochener Monolog "Hydra" am Bochumer Schauspielhaus (SZ), Ödön von Horvaths Stück Kasimir und Karoline" in Konstanz (NZZ), Roger Vontobels nordisch protestantische Inszenierung von Ibsens "Brand" (Nachtkritik, FR, FAZ), Darius Milhauds Oper "Chistophe Colomb" am Theater Lübeck (FAZ), Heiner Müller "Hamletmaschine in Greifswald (Nachtkritik) und "Don Giovanni" an der Neuköllner Oper (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2019 - Bühne

Ausgerechnet Peter Handkes Schauspiel "Die Stunde da wir nichts voneinander wußten" hatte jetzt am Stadttheater Klagenfurt Premiere, ganz ohne Worte, in der Regie von Robert Schuster. Standard-Kritiker Michael Cerha ist wie hypnotisiert: "Es ist eine mitleidlose, surreale Welt der Gewalt. Bis zur Schlussszene, in der sich das Ensemble in einer gespenstischen Fronleichnamsprozession verabschiedet, ist der Abend nichts für schwache Gemüter. Am wenigsten der Aufmarsch der Lemuren, die melancholisch einer Trauermusik lauschen, die von Neugeborenem-Geschrei konterkariert wird. Ein düsteres Stück. Entwickelt im Städtchen Muggia an der slowenischen Grenze. Geschrieben im Jahr des Jugoslawienkriegs 1991."

Ganz gebannt kommt Uwe Mattheiß (taz) aus der Uraufführung von Florentina Holzingers "Tanz" im Wiener Tanzquartier. Holzinger setzt sich mit der Zurichtung des weiblichen Tänzerkörpers auseinander, dem Traum vom feenartigen Wesen, das auf der Fußspitze tanzend der Schwerkraft trotzt: "Holzingers Abarbeitungen an den Monumenten der Ballettgeschichte sind nicht einfach nur Polemiken gegen eine Barbarei der Kultur, sondern vielmehr der Versuch, mit den heute zur Verfügung stehenden theatralen Mitteln sich einem fernen Kontinent zu nähern, der einst Schönheit verhieß."

Anhebung der Mindestgage und Reformierung des Führungsmodells an deutschen Theatern, das fordert Thomas Schmidt, Professor für Theater- und Orchestermanagement und Vorstandsmitglied des ensemble-netzwerks, im Interview mit der nachtkritik. Schmidt hat gerade eine Studie veröffentlicht, für die knapp 2000 Theater-Mitarbeiter*innen über Theaterstrukturen, Macht und deren Missbrauch befragt wurden. "55 Prozent der Befragten haben Machtmissbrauch erfahren", so Schmidt. "Das ist mehr als ich erwartet habe. Überrascht war ich auch, dass mehr als die Hälfte der Befragten so wenig verdient, dass man von prekären Arbeitsverhältnissen sprechen muss. In den Thesen, die auf Vorgesprächen basieren, bin ich von 15 bis 20 Prozent ausgegangen. Es gibt einen strukturellen Machtmissbrauch im deutschsprachigen Theater, der die Ursache für den psychischen und physischen Missbrauch ist. Kurz gesagt: Die aktuellen, völlig veralteten Theaterstrukturen erlauben einer einzigen Person, meist dem Intendanten oder Regisseuren, alle Macht bei sich zu konzentrieren. Intendanten missbrauchen Macht zu oft nach ihrem persönlichen Gutdünken, um Theater zu steuern - die Strukturen verleiten sie dazu."

Weitere Artikel: Kevin Hanschke berichtet für die FAZ über die Biennale "Theaterhanse" in Stralsund. Hannes Hintermeier lauschte für die FAZ einem Abend mit John Cleese und Michael Niavarani in der Wiener Marx-Halle.

Besprochen werden eine Choreografie von Gintersdorfer und Klaßen zu Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" im Werk X Wien (nachtkritik), Nestroys "Einen Jux will er sich machen" in Wien (Standard), Robert Borgmanns Adaption von Michel Houellebecqs Roman "Die Möglichkeit einer Insel" fürs Berliner Ensemble (Berliner Zeitung) und Rodion Schtschedrins Oper "Lolita" am Prager Ständetheater (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2019 - Bühne

René Polleschs Stück "Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt". Foto: William Minke


Kapitalismuskritik im Friedrichstadtpalast, mit den schönen Tänzerinnen? Klingt gut, aber viel ist dann doch nicht los auf der Bühne von René Polleschs Stück "Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt" - trotz der Tänzerinnen, bedauert Jenni Zylka in der taz. Hauptdarsteller Fabian Hinrichs, "so charismatisch er ist, verliert sich zunächst bewusst im Amphitheater, wandert allein, gekleidet in drei verschiedene glänzende Revuekostüme gleichzeitig, die Bühne auf und ab, und redet von der Tiefe, von der Einsamkeit. Eine Lasershow und Musik setzen ein, Hinrichs schwingt an einem Pendel über die Fläche, die Laser durchforsten den Raum, machen ihn mehrdimensional und noch riesenhafter, lassen den Schauspieler fast verschwinden. Dann kommen die Tänzer*innen. Das ist lustig und traurig: absurd, im Gleichschritt einsam zu sein." Aber so richtig funkt es nicht bei Zylka. Sie kann "nicht verstehen, wie die Welt erneuert werden soll, wenn doch nicht einmal ernsthaft in sie hineingeguckt wird".


In der Berliner Zeitung ist Janis El-Bira eher gerührt von dem hier ausgestellten Dilettantismus: "Ganz so hoch wie am Palast gefordert, wirft auch ein Supersportler wie Hinrichs die Beinchen nicht, seine Bewegungen schleppen denen der Kompanie stets um einen Sekundenbruchteil hinterher. Auch das ist purer Pollesch: Nur Unvermögen rettet noch vor der großen Uniformität. Aber Wahnsinn, wie gut die aussieht!" In der FAZ winkt Jürgen Kaube ab: "So weit, so bekannt, Aporien des Dagegenseins im Dabeisein eben, in einer Stadt, die den Kapitalismus mehr so vom Hörensagen kennt" und außerdem seien die Tanzeinlagen enttäuschend. Weitere Kritiken im Tagesspiegel und in der nachtkritik.

Besprochen werden außerdem Robert Borgmanns Adaption von Michel Houellebecqs Roman "Die Möglichkeit einer Insel" fürs Berliner Ensemble (Berliner Zeitung, nachtkritik), Friederike Hellers Inszenierung von Ella Hicksons "The Writer" am Schauspiel Hannover (nachtkritik) und Blanka Rádóczys Adaption von Vladimir Sorokins Roman "Manaraga" fürs Schauspielhaus Graz (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.10.2019 - Bühne

Stephan Lebert und Britta Stuff unterhalten sich in der Zeit mit der Schauspielerin Beatrice Richter, die als Partnerin von Rudi Carrell populär wurde und erzählt, wie sie zu Beginn ihrer Karriere die Truppe von Fassbinder in der Theaterkantine von Bochum beobachtete: "Und wie Fassbinder mit seinen Schauspielern umgegangen ist, da habe ich eines begriffen: Das ist wirklich ein Prostitutionsberuf. Du tust, was von dir verlangt wird. Wenn du es nicht tust, fliegst du. Und musst dir dann überlegen, wie du deine Miete zahlst. Widerstand? Null."

Der Zürcher Ballettdirektor Christian Spuck, der gerade Helmut Lachenmanns Oper "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" für das Ballett choreografiert hat, erzählt im Gespräch mit der NZZ von der Zusammenarbeit mit dem Komponisten: "Ich habe viele Gespräche mit Lachenmann geführt, ich empfinde ihn als sehr zurückhaltend, er greift nicht ein in meine Arbeit. Ich spüre seinen Respekt und die Freiheit, die er mir lässt. Den Textabschnitt von Leonardo da Vinci in der Oper wird Lachenmann selbst sprechen, er wird selbst auf der Bühne sein. Allein das ist großartig."

Weitere Artikel: Regisseur Jan Bosse spricht im Interview mit der Berliner Zeitung über die Repräsentationskrise des Theaters und seine Inszenierung des "Don Quijote", die ab übermorgen am Deutschen Theater zu sehen ist. Rene Pollesch erklärt im Interview mit dem Tagesspiegel, wie er in der Volksbühne hierarchiefrei arbeiten will. Nachtkritikerin Verena Harzer schickt einen Theaterbrief aus New York. In der FAZ berichtet Kerstin Holm vom experimentellen Theaterfestival in Minsk. Tagesspiegel (hier) und nmz (hier) melden, dass der Bundesgerichtshof das Urteil des Landgerichts München gegen Siegfried Mauser, den ehemaligen Präsidenten der Hochschule für Musik und Theater München, wegen sexueller Nötigung in drei Fällen bestätigt hat. Hausers Anwalt hat Verfassungsbeschwerde angekündigt.

Besprochen werden Ingrid Langs Inszenierung von Philipp Weiss' Zukunftsvision "Der letzte Mensch" am Theater Nestroyhof Hamakom Wien (nachtkritik), Enrico Lübbes Inszenierung von Wagners "Tristan und Isolde" in Leipzig (nmz), Tobias Kratzers Inszenierung von Rossinis "Guillaume Tell" an der Opéra de Lyon (FAZ)