Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

1573 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 158

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2019 - Bühne

Szene aus Milo Raus "Orest in Mosul" in Gent. Foto: Fred Debrock


Hier kann die Kunst nur scheitern, erkennt Daniele Muscionico (NZZ) bei der Aufführung von Milo Raus "Orest in Mosul"am Niederländischen Theater in Gent, das er ursprünglich im Irak mit seinem Ensemble, Exilirakern und Überlebenden des IS-Terrors einstudiert hatte: "Jede Probe wird mit der Kamera dokumentiert, und die Videobilder werden in Gent die Zeugen einer Unmöglichkeit. Denn nach Ende der Proben werden die irakischen Beteiligten zum einen kein Einreise-Visum nach Europa erhalten. Die Aufführung kann in einem kleinen Mosuler Kulturcafé stattfinden, doch die Ensemblemitglieder werden außerhalb des Iraks nicht mehr zusammen auftreten können. Zum anderen lässt sich der Ausgang der Tragödie 5000 Jahre später unter dem Eindruck der Terrormiliz nicht mehr - wie von Aischylos vorgesehen - versöhnlich denken." (Daneben gibt es ein Interview mit dem Regisseur über die Zukunft des Stadttheaters.)

Szene aus "Coriolan". Foto: Sandra Then


Auch Tilmann Köhler hat den Clown entdeckt - für seine Inszenierung von Shakespeares "Coriolan" am Schauspielhaus Düsseldorf. Das passt ausgezeichnet zum dem Römerdrama, findet Nachtkritiker Andreas Wilink: "Der Clown repräsentiert die Gegenwelt zu Norm und Gesetz. Er steht außerhalb und allein. Ein verlorener Junge - wie Martius Coriolanus, Patrizier, Feldherr, Triumphator, Rebell gegen seine Heimat Rom. ...  Tilmann Köhler und sein reines Männerensemble trumpfen mit Shakespeares 'Coriolan'-Drama in Düsseldorf auf - und machen das Spiel. Fabulös finster. Ihre Manege im Düsseldorfer Schauspiel-Central ist eine im quadratischen Muster gekästelte Holzschachtel mit kreisrundem Loch. Acht agile Anarchisten des Gelächters treiben es darin radikal bunt: mit roten Nasen auf weißer Haut, mit dunkel geränderten Augen unter neongrellen Perücken und Glatzen, in karierten oder gestreiften Kleidern und Röcken. Ihr grinsender Narren-Look demoliert die Hack- und Rangordnung.

Weiteres: In der FAZ schreibt Botho Strauß über die großen Liebesszenen des Theaters. Besprochen werden außerdem Franz von Strolchens Gangsterperformance "Die Unscheinbaren" mit Texten von Christian Winkler am Luzerner Theater (nachtkritik), ein "Parsival" an der Wiener Staatsoper (Standard) und Anna Berndts Inszenierung von George Brants Drama "Am Boden" Deutschen Theater (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.04.2019 - Bühne

Interim-Volksbühnen-Intendant Klaus Dörr möchte im Interview mit der Berliner Zeitung nicht sagen, ob er gern weitermachen würde. Im Tagesspiegel berichtet Ulrich Amling von den Osterfestspielen Baden-Baden, in der NZZ berichtet Christian Wildhagen von den Festspielen in Salzburg, wo Philipp Maintz' Oper "Thérèse" uraufgeführt wurde. In der nachtkritik fordert der Dramaturg Christian Tschirner eine radikale "solidarische Verteilungs-, Klima- und Ressourcengerechtigkeit", sonst gewinnen die Rechten, glaubt er. Wiebke Hüster besuchte für die FAZ einen Merce-Cunningham-Abend im Londoner Barbican Centre und macht sich Gedanken um dessen choreografisches Erbe.

Besprochen werden eine Aufführung von She She Pops Bühnenstück "Pozesijos obsesija"  in Litauen (taz) und die Performance "speculative bitches" der feministischen Künstlerin Nuray Demir im Berliner Hau (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2019 - Bühne

Heute Abend hat in Gent Milo Raus Inszenierung von Aischylos' "Orestie" Premiere. FAZ-Autorin Olivia Kortas war dabei, als Rau das Stück im Irak erarbeitete, im kriegszerstörten Mossul. Drei Jahre lang hatte dort der Islamische Staat die Bevölkerung terrorisiert: "In der griechischen Tragödie entscheidet ein Tribunal darüber, ob der Held und Mörder Orestes die Freiheit oder den Tod verdient. Rau spielt mit der Symbolik. Er fragt die jungen Iraker in Mossul nach ihrer Meinung. 'Hebt die Hand, wenn ihr wollt, dass die IS-Kämpfer freigelassen werden.' Keiner bewegt sich. 'Und jetzt, hebt die Hand, wenn ihr wollt, dass die IS-Kämpfer getötet werden.' Wieder bewegt sich keiner. Der Kameramann lässt die Aufnahme laufen. Rau ist überrascht, er hat ein anderes Ergebnis erwartet. 'Das ist auch eine schöne Botschaft', sagt er, 'Ich mag dieses Ende sogar mehr als das vom Samstag.'"

Besprochen werden Christian Thielemanns "Meistersinger" in Salzburg (NMZ), Frank Castorfs Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts Roman "Justiz" am Zürcher Schauspielhaus (SZ, FAZ), Prokofjews Opernkomödie "Die Verlobung im Kloster" in Berlin (SZ), Michael Thalheimers "Othello" am Berliner Ensemble (der FR-Kritiker Ulrich Seidler zufolge von Shakespeare nur noch Sex und Todestrieb lässt) und Lore Stefaneks "Antigone"-Inszenierung in Klagenfurt (Standard).
Anzeige
Stichwörter: Rau, Milo

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.04.2019 - Bühne

Eine Atmosphäre wie in Martin Scorseses "Taxi Driver", aber auch einen Hauch von "Cosi fan tutte" spürte Standard-Kritiker Ljubisa Tosic in Claus Guth "Orlando"-Inszenierung im Theater an der Wien, die Händels Soldatenoper in die unheroische Gegewart verlegt: "Da ist rhetorische Prägnanz wie auch Noblesse. Trotz Schönklang ist da präzise Ausgestaltung der Strukturen." Als absolut verrückt, wunderbar gesungen, aber auch ein bisschen unverständlich beschreibt Niklaus Hablützel in der taz Dmitri Tcherniakovs "Verlobung im Kloster", die an der Berliner Staatsoper aus Prokofjews Opernkomödie eine Therapiesitzung für anonymer Opern-Abhängige macht.

Besprochen werden zudem Verdis "Otello" von Robert Wilsson und Zubin Mehta bei den Osterfetspielen in Baden-Baden (NZZ, Tsp, FAZ), Manuel Bürgins Inszenierung von Konstantin Küsperts Stück "Sterben helfen" am Theater St. Gallen (die Daniele Muscionico in der NZZ als Meisterreich feiert).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.04.2019 - Bühne

Frank Castorfs "Justiz"-Inszenierung am Zürcher Schauspielhaus. Foto: Matthias Horn

Bisher fühlte sich Zürich vom Berliner Salonschreck Frank Castorf nicht wirklich angegriffen, weiß Daniele Muscionico in der NZZ. Doch das wird sich mit seiner Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts "Justiz" am Zürcher Pfauen ändern: "Am Schauspielhaus lüpft er der feinen Stadtgesellschaft implizit den Rock und führt uns explizit das Milieu rund um den gesellschaftlichen Brennpunkt Bellevue als Stall des Augias vor: Castorf inszeniert Friedrich Dürrenmatts Kriminalroman 'Justiz' und entdeckt im Nationaldichter und -kritiker einen Schweizer Dostojewski. 'Logischer Selbstmord' und Sündenfall sind die Themen, eine Vergewaltigung ist es konkret und die Schweizer Waffengeschäfte um die Mirage-Jäger. Wie bei Dostojewski ist Gott auch bei Dürrenmatt ein Spieler, und das Spiel ist erst zu Ende, wenn es seinen schlechtestmöglichen Ausgang nimmt." In der Nachtkritik schreibt Maximilian Pahl.

Prachtexemplar eines Alpha-Mannes: Michael Thalheimers "Othello". Foto: Katrin Ribbe / Berliner Ensemble 

Mit seinem "Othello" am Berliner Ensemble hat Michael Thalheimer jede Black-Facing-Debatte umschifft, indem er sich für Blood-Facing entschieden hat. Für Christine Wahl macht das ebenso Sinn wie die schwachen Frauenfiguren, schließlich interessiere sich Thalheimer nicht für das Rassismus-Thema des Stücks, er lasse die reine toxische Maskulinität mit sich selbst ringen: "Wo der erfolgreiche schwarze Feldherr bei Shakespeare von einer neid- und ressentimentzerfressenen weißen Mehrheitsgesellschaft mit Fähnrich Jago an der Spitze zum Außenseiter zurechtkonstruiert, gebrandmarkt und schließlich qua Intrige zerstört wird, unternimmt Thalheimer eine deutliche Akzentverschiebung hin zum Militärischen; und zwar als Männlichkeitszuschreibung par excellence. Er erzählt das Stück - Othello wie Jago sind ja Soldaten in unterschiedlichen Dienstgraden - gewissermaßen als Männlichkeitstragödie; als Rachedrama des zurückgesetzten Beta-Mannes am erfolgreichen Alpha-Male."

SZ-Kritiker Till Briegleb sah in der Inszenierung eigentlich "alles Subtile und Schwache weggemetzelt" und fragt, sich was bei dieser brachialen Deutung vom Stück bleibt: "Ein Mackerkrieg um Trophäenfrauen in Hochzeitskleidern, bei dem am Ende nur Leichen zum Schlussbild bleiben? Ist das wirklich mehr als Freude durch Kraft?" In der Nachtkritik attestiert Falk Schreiber dem Regisseur "erwartbares Kraftmeiertheater".

Besprochen werden außerdem die Produktion "Chinchilla Arschloch, waswas" von Tourette und Rimini Protokoll im Bockenheimer Depot (FR), Prokofjews selten gespielte Opernkomödie "Die Verlobung im Kloster" mit Dmitri Tscherniakov an der Berliner Staatsoper (Tsp), das Gastspiel der israelischen Tanzkompanie Gauthier Dance in Berlin (Tsp), die Theaterbetriebskomödie "Der nackte Wahnsinn" mti dem RambaZamba-Theater in Berlin (taz) und Hans van Manens Ballettpremiere "Dances with Piano" in Berlin (die FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster mit "Glück, Schönheit und Melancholie" erfüllte).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.04.2019 - Bühne

Im großen taz-Essay erklärt der Regisseur Milo Rau mit Blick auf die Geschichte der Gegend, vor allem aber auf die nicht endende Gewalt in Mossul, weshalb er die Premiere seiner Inszenierung "Orest in Mossul" ausgerechnet in der ehemaligen irakischen IS-Hauptstadt aufführte: "In Mossul weist jede Biografie Parallelen zu den Charakteren aus der Tragödie des Aischylos auf. Der Wächter, der im Eingangsmonolog von Aischylos den Nachthimmel nach Feuerzeichen von Agamemnons Rückkehr aus Troja absucht, wird bei uns von einem Fotografen gespielt. Jedes Bild, das er schoss - Massaker, Bombenangriffe, die Sprengung der Altertümer - konnte während der Herrschaft des IS seinen Tod bedeuten. Und trotzdem machte er weiter. Ebenso wie die Musiker, die im Keller ihre Instrumente spielten, worauf schwere Strafen standen. Alle unsere Schauspielerinnen und Schauspieler haben mindestens ein Familienmitglied verloren, seitdem die USA 2003 in den Irak einmarschierten. Der Mann der Frau etwa, die unsere Athena spielt, wurde von al-Qaida exekutiert. Er wollte kein Schutzgeld zahlen. Sie selbst kooperierte später mit dem IS, um ihre Töchter vor den Dschihadisten zu schützen. Die beste Freundin unserer Iphigenie dagegen - die ihrerseits verschleiert spielt, damit sie nicht erkannt wird - wurde entführt und zwangsverheiratet."

Im Standard-Gespräch mit Margarete Affenzeller und Stephan Hilpold spricht Martin Kusej, designierter Direktor des Wiener Burgtheaters, über seine Pläne für das Haus (Europäisches Burgtheater statt Nationaltheater!), die politische Aufgabe des Theaters und das Burgtheater als "Hort der Opposition": "Es ist bekannt, dass ich mich auch in München immer politisch engagiert habe. Bewegungen von der Straße haben im Residenztheater ein Forum gefunden, wir unterstützen beispielsweise die Initiative 'Die Vielen'. Da gibt es jetzt auch einen Zusammenschluss in Österreich, dem wir uns gerne anschließen werden. Ich finde Theater als eine Art Andockstation für politische Fragestellungen wichtig. Ich würde mitunter auch Menschen vor Wasserwerfern Schutz bieten, aber so weit ist es zum Glück nicht."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel stellt Patrick Wildermann das neue Personal an der Berliner Volksbühne vor, darunter etwa der Isländer Thorleifur Örn Arnarsson als Schauspieldirektor und Lucia Bihler als Hausregisseurin. Ebenfalls im Tagesspiegel berichtet Frederik Hanssen von Konflikt zwischen Christian Thielemann und Nikolaus Bacher, die sich die Intendanz der Salzburger Osterfestspiele teilen sollen.

Besprochen werden Torsten Fischers Inszenierung von David Schalkos "Toulouse" im Wiener Josefstadt-Theater (Standard, Presse), das Stück "Ghalia" mit der Beiruter Zoukak Theatre Company im Theater Aufbau Kreuzberg (taz), Mateja Kolezniks Inszenierung von Federico Garcia Lorcas "Yerma" am Theater Basel (nachtkritik, FAZ) und "Chinchilla Arschloch, waswas" von Rimini Protokoll am Schauspiel Frankfurt (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.04.2019 - Bühne

Szenen aus "Manon", Foto: Foto: T+T Fotografie / Toni Suter + Tanja Dorendorf


Lotte Thaler sah für die FAZ in Zürich Jules Massenets Oper "Manon" mit dem "Traumtenor" Piotr Beczała als Chevalier und einer perfiden Elsa Dreisig als Manon, die den Engel gab, während sie ganz anderes im Sinn hatte: "Die derzeit hoch gehandelte Elsa Dreisig, noch keine dreißig, feiert in ihrem Rollendebüt mit stimmlicher Hingabe die Wiederauferstehung der im feministischen Zeitalter aus der Mode gekommenen femme fragile und verkörpert eine Manon von unendlicher Wehmut. Ihre extrem leise begleitete Arie 'Adieu, notre petite table' ist von madonnenhafter Heiligkeit, löst aber beim Publikum eine ganz unangemessene Rührung aus, denn der beklagte Abschied vom Tisch des Chevaliers überdeckt nur ihre selbstsüchtigen Absichten: Sie will Schönheitskönigin von Paris werden."

Weitere Artikel: Julia Spinola unterhält sich für die SZ mit Dmitri Tcherniakov, der gerade in Berlin Prokofjews komische Oper "Verlobung im Kloster" inszeniert, über dessen Werdegang. Shirin Sojitrawalla stellt in der nachtkritik das Europa-Ensemble von Oliver Frljić vor, das derzeit mit "Imaginary Europe" an den Kammerspielen Stuttgart zu sehen ist. In der taz berichtet Katja Kollmann vom "Festival der internationalen neuen Dramatik" an der Schaubühne

Besprochen werden die John-Adams-Opern "Nixon in China" und "Girls of the Golden West" an der Staatsoper Stuttgart und beim Opera Forward Festival in Amsterdam (NZZ), Hofesh Shechters Choreografie "Mega Israel" mit der Stuttgarter Gauthier Dance Company im Haus der Berliner Festspiele (Berliner Zeitung) sowie Johan Simons Inszenierung von Büchners "Woyzeck" am Wiener Akademietheater ("Man sieht eine Inszenierung, die vielleicht ein bisschen zu viel von Fellini geträumt hat. Mit ihrem Bühnenbild erbringt sie ihrer Koproduktionsstätte Bochum allerdings einen schönen Traditionsbeweis, denn hier hatte 1980 Matthias Langhoff den 'Woyzeck' ebenfalls im Zirkuszelt spielen lassen", schreibt Simon Strauß in der FAZ, nachtkritik, Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.04.2019 - Bühne

Szene aus Alexander Wustins Oper "Der verliebte Teufel" am Stanislawski-Theater in Moskau. Foto: S. Rodionov


Kerstin Holm besuchte für die FAZ die Uraufführung von Alexander Wustins dreißig Jahre altem als Zwölfton-Oper komponierten Faustdrama "Der verliebte Teufel" am Stanislawski-Theater in Moskau. Warum es so lange gedauert hat, erfahren wir nicht, aber der Spätzünder war ein Riesenerfolg, schreibt sie, selbst ganz hingerissen. Musikalisch getragen werde die Oper "von einem Instrumentalsatz, der von Strawinsky und Xenakis gleichermaßen inspiriert ist. Der reich timbrierte Schlagapparat intoniert vielschichtige, immer wieder synkopisch oder durch Pausen strukturierte Kaskaden, gleichsam als Echo von komplexen Energieströmen und Gewalterfahrung. Wustins Solovokalpartien sind trotz Serialität sangbar, sie erlauben sich Motiv- und Intervallsprungwiederholungen und sogar traditionelle Formen. ... Orgelartige Passagen des Synthesizers, die in die Celesta entschweben, grundieren den Geistersound, sprechendes Blechgestöhn, Sirenen- und Zugflötenglissandi sowie eine Windmaschine setzen ihm Glanzlichter auf."

Auch in Frankreich grassiert eine Debatte über Blackfacing. Studenten forderten die Absetzung einer Inszenierung der "Schutzflehenden" von Aischylos an der Sorbonne, weil der Chor in schwarzen Masken auftritt . Das sei rassistisch, protestieren Studierende (mehr in efeu vom 29.3.19). Man fordert eine Art Umerziehungsmaßnahme in Form eines Kolloquiums über "Blackfacing" in Frankreich. Eine Gruppe von Autoren und Theaterleuten veröffentlicht wie in Frankreich üblich eine Petition in Le Monde gegen derartige Ansinnen. Zur Gruppe zählen einige sehr prominente Namen, darunter Hélène Cixous, Arnaud Desplechin, Ariane Mnouchkine, Wajdi Mouawad, die sich dem Regisseur der Aufführung, Philippe Brunet, anschließen: "'Das Theater ist Ort der Metamorphosen, nicht Zuflucht der Identitäten.' In einem Satz fasst Brunet die Herausforderung dieser Kunst - aller Kunst - zusammen: Sich als jemand anders fühlen als man selbst, durch Personen, Geschichten, und sich so mit der Menschheit verbinden.' Der Schauspieler spielt auf einer Bühne, dass er jemand anderes sei, vor einem Publikum, das ihn spielerisch als jemand anderen sehen will."

Wie man besonders idiotisch mit solchen Fragen umgeht, zeigt ein Fall in Ungarn: An der Ungarischen Staatsoper läuft seit gut einem Jahr eine Inszenierung von Gershwins "Porgy und Bess" mit weißen Sängern. Gershwin soll das verboten haben, seine Erben forderten daher jetzt die Absetzung der Oper, berichtet die NZZ. "Um in dem drohenden Rechtsstreit die eigenen Chancen zu verbessern, forderte [Intendant Szilveszter] Okovacs die an der Aufführung mitwirkenden Darsteller auf, sich schriftlich als 'Afro-Amerikaner' zu bekennen. In ungarischen Medienberichten war von starkem Druck auf die Sänger die Rede."

Weitere Artikel: Nach ersten Enthüllungen im Falter berichtet auch Stefan Weiss im Standard von unhaltbaren Zuständen an der Wiener Ballettakademie: Dort sollen Mädchen "misshandelt, gemobbt und psychisch gedemütigt" worden sein. In Gespräch mit Helmut Ploebst setzen sich die Tanzhistorikerin Andrea Amort und der ehemalige Staatsballetttänzer Gregor Hatala für eine umfassende Reform der Tänzerausbildung ein. Ebenfalls im Standard bilanziert Margarete Affenzeller Karin Bergmanns Intendanz am Wiener Burgtheater. Die FAZ dokumentiert Daniel Kehlmanns Laudatio auf den US-Theaterautor Ayad Akthar, der mit dem Erwin-Piscator-Preis ausgezeichnet wurde.

Besprochen werden Christof Loys Inszenierung von Wagners "Tannhäuser" in Amsterdam (nmz), Katie Mitchells Inszenierung von George Benjamins Oper "Lessons in Love and Violence" an der Staatsoper Hamburg (nmz), Jürgen Kuttners und Tom Kühnels Agitprop-Show "Die Umsiedlerin" nach Heiner Müller am Deutschen Theater Berlin (FR), Rolando Villazóns Inszenierung von Rameaus Barockoper "Platée" an der Semperoper (FAZ) und Anna Bergmanns Inszenierung von "Broken Circle" am Staatstheater Karlsruhe (FR, SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.04.2019 - Bühne

In der SZ überlegt auch Silke Bigalke, was die Freilassung des Regisseurs Kirill Serebrennikow zu bedeuten habe. Wollen die Behörden die internationale Aufmerksamkeit drosseln? Rudern sie zurück? Schließlich ist die kreative Buchführung, die sie Serebrennikow vorwerfen, in der russischen Kulturszene gang und gäbe: "Viele Kultureinrichtungen in Russland könnten mit ähnlichen Vorwürfen vor Gericht gebracht werden. Deswegen verunsichert der Prozess besonders. Nun rätseln alle, welche unsichtbare Grenze Serebrennikow überschritten haben könnte."

Katherine Manley und Michael Mayes als Pat und Richard Nixon. Foto: Matthias Baus / Staatsoper Stuttgart

Mit seiner Oper "Nixon in China" machte John Adams aus dem historischen Treffen ein kluges Drama über die Unfähigkeit zusammenzukommen, erklärt Reinhard Brembeck in der SZ und ist einfach überwältigt von Marco Štormans Stuttgarter Inszenierung: "Goodman & Adams entdecken bei ihrer Studie sechs einsame Menschen (der sechste ist Henry Kissinger), die trotz ihrer spektakulären Karrieren und Machtpositionen in den kulturellen Codes ihrer Herkunft gefangen bleiben. Verständigung, Austausch oder Annäherung sind nicht möglich. Auch darüber klagt die Musik. Doch diese Klage ist voller Optimismus, voll lichter Hoffnungen. Denn Adams ... bietet einen stets nachvollziehbaren und begeisternden Mix aus Barockmusik, afrikanischer Folklore, Blues, Pop, eingängigen Melodien, süffigen Akkordfolgen und romantischem Sentiment. Mühelos wechselt er von einem Rhythmusfeld zum anderen, sein Timing ist grandios, sein Einfallsreichtum verblüffend."

Weiteres: In der FAZ traut Wiebke Hüster ihren Augen nicht: Das Stadttheater Chemnitz stemmt eine Schwanensee-Aufführung mit einem Ballettensemble von zwanzig TänzerInnen, begeistert zeigt sich auch Katharina Leuoth in der Freien Presse. Hier ein kurzer Ausschnitt im Video. Der Standard greift die Missstände an der Ballettakademie der Wiener Staatsoper auf, die der Falter ans Licht gebracht hat: "Ein Teil der Vorwürfe konzentriert sich auf eine im Jänner gekündigte Lehrerin, die Schülerinnen unter anderem getreten, blutig gekratzt und an den Haaren gerissen haben soll." Margarete Affenzeller bilanziert nach fünf Jahren die Intendanz der Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann.

Besprochen werden Claudia Bauers Aufführung "Süßer Vogel Jugend" am Schauspiel Leipzig (SZ), Anna Bergmanns hochemotionale Inszenierung von "The Broken Circle" am Staatstheater Karlsruhe (FR), Rolando Villazóns Inszenierung von Rameaus "Platée" an der Semperoper (FAZ) und Constanza Macras' Tanzstück zur Gentrifizierung "Der Palast" (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.04.2019 - Bühne

Schick in Berlin-Mitte. Constanza Macras "Der Palast" an der Volksbühne. Thomas Aurin

Die Kombination aus Trash-Ästhetik, Witz und Empörung lässt sich SZ-Kritikerin Dorion Weickmann bei der Choreografin Constanza Macras dann gut gefallen, wenn sie sorgfältig arbeitet, wie jetzt bei ihrem Stück "Der Palast" in der Volksbühne zu kommunalem Ausverkauf, Sterben der Kieze, Deutsche Wohnen und andere Immobilien-Hasardeure: "Macras erzählt eine Gentrifizierungs-Soap mit lebenden Playmobilfiguren. Die Postbotin liefert das Schreiben aus, das der Typ im Anzug ihr übergeben hat. Mama zetert, Papa fällt in Ohnmacht, Frau Doktor rückt an und defibrilliert, dann kommt die Polizei. Denn die Bilderbuchfamilie wirft Backsteine (aus Schaumstoff) auf den Übelkapitalisten und pflanzt Protestschilder auf: 'Wir bleiben', 'Das ist unser Haus', 'Mietenwahnsinn stoppen'. Die Botschaft ist klar: Heute müssen Normalos und Leute mit wenig Geld die Trendquartiere räumen, aber morgen fliegen auch ihre besser verdienenden Nachrücker raus. Die Verbonzung der City schreitet munter voran, die Gentrifizierung frisst ihre Kinder."

Weiteres: Vorbildlich zeitgemäß findet Christian Wildhagen in der NZZ, wie Damiano Michielettos in seiner Frankfurter Inszenierung von Franz Schrekers "Der ferne Klang" mit dem etwas überkommenen Motiv der gefallenen Frau arbeit. In der Nachtkritik berichtet Gabi Hift vom Auftakt des FIND-Festivals an der Berliner Schaubühne. Der Tagesspiegel meldet, dass der russische Regisseur Kirill Serebrennikow aus dem Hausarrest entlassen wurde.

Besprochen werden Wim Vandekeybus' neue Choreografie "Go Figure Out Yourself" beim Tiroler Osterfestival (Standard), Heiner Müllers Bodenreform-Revue "Die Umsiedlerin" (SZ), Choreografien aus dem afrikanischen Sahel im Berliner HAU (taz), Christof Loys "Tannhäuser"-Inszenierung in Amsterdam (FAZ) und die Ausstellung "Schein oder Sein - der Bürger auf der Bühne des 19. Jahrhunderts" im Museum LA8 in Baden-Baden (FAZ).