Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

1521 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 153

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.02.2019 - Bühne

Das gleiche Problem, das bereits Fatih Akins Film "Aus dem Nichts" hatte, erkennt Nachtkritiker Jan-Paul Koopmann auch in Nurkan Erpulats Bremer Inszenierung von Armin Petras' Bühnenadaption: "Will 'Aus dem Nichts' nun über den NSU sprechen und eine konkrete deutsche Gemengelange durchleuchten, in der rassistische Terroristen über Jahre ungehindert morden konnten, weil nicht minder rassistische Ermittlungsbehörden und eine rassistische Presse sich in der Wahnidee verbissen hatte, die Hintergründe der Taten müssten 'im Milieu' liegen? Oder soll es um Selbstjustiz einer fiktiven weißen Frau gehen, die als einzige handeln darf, im Namen derer, die sie verloren hat?" Als "klaustrophobisches Psychostück" funktioniert das gut, aber der NSU und die Folgen bleiben doch zu "monströs", um sie in Form einer "individuellen Tragödie" zu analysieren, meint er.

Weitere Artikel: In der taz fasst auch Sabine am Orde noch einmal die von der Mobilen Beratungssstelle gegen Rechtsextremismus herausgegebene Broschüre zum Umgang mit dem Kulturkampf von rechts zusammen. Ebenfalls in der taz hat sich Katharina Granzin an der Berliner Gedächtniskirche umgesehen, wo die Gruppe Novoflot für ihre Produktion "Die Bibel" erneut die musiktheatrale Installation einer Kirche errichtet. Für die SZ hat sich Reinhard J. Brembeck mit dem dänischen Bariton Bo Skovhus getroffen, der derzeit als "Karl V." in München zu sehen ist. In der NZZ staunt Christian Wildhagen über das Ergebnis des nach dreijähriger und 70 Millionen Franken teurer Renovation wiedereröffneten Grand Theatre de Geneve.

Besprochen werden Stephanie Mohrs Inszenierung von Karl Schönherrs "Glaube und Heimat" am Wiener Theater in der Josefstadt (nachtkritik, Standard), Oliver Frljić' "Ein Bericht für eine Akademie" am Maxim Gorki Theater (taz), Christoph Marthalers Inszenierung des Nestroy-Stückes "Häuptling Abendwind" am Hamburger Schauspielhaus (nachtkritik), Stefan Wolframs Inszenierung von Jaroslav Rudis`Stück "Böhmisches Paradies" am Theater Bautzen (nachtkritik), Adriana Altaras' Inszenierung von Jonathan Safran Foers Roman "Hier bin ich" am Staatstheater Wiesbaden (nachtkritik), Jan Friedrichs "Hedda Gabler" am Theater Dortmund (nachtkritik), Felicitas Brauns Inszenierung von Philipp Löhles "Die Mitwisser" am Schauspielhaus Graz (nachtkritik)und Ingo Kerkhofs Inszenierung von Peter Ruzickas Oper "Benjamin" am Theater Heidelberg (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.02.2019 - Bühne

Unter dem Titel "Alles nur Theater?" hat die mit Bundes- und Landesmitteln geförderte Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus (MBR) eine Broschüre "zum Umgang mit dem Kulturkampf von rechts" herausgegeben, die am Donnerstag im Deutschen Theater von Klaus Lederer, DT-Intendant Ulrich Khuon und Bianca Klose, Geschäftsführerin des Vereins für Demokratische Kultur in Berlin, dem Träger der MBR, vorgestellt wurde. In der Berliner Zeitung fasst Petra Kohse die Botschaft zusammen: "Sich nicht einschüchtern lassen, sondern sein Recht auf freie Ausübung des Berufes staatlicherseits schützen lassen. AfD-Abgeordnete müsse man ohne triftigen Grund nicht in sein Büro lassen, sie würden dadurch nicht an der Erfüllung ihrer parlamentarischen Aufgabe gehindert. Kunst muss auch keineswegs politisch neutral sein, selbst staatlich geförderte nicht. Und Grenzen der Toleranz gegenüber Feinden der Toleranz ist keine Intoleranz."

Weitere Artikel: Im Feuilleton-Aufmacher der SZ hat sich Christine Dössel das von dem für seine gigantischen Bühnenbilder berühmten Regisseur Ulrich Rasche entworfene Bühnenmonstrum für "Elektra" schon mal angeschaut und einiges über Gefährdungen, aber nichts über Kosten erfahren. In der Presse freut sich Norbert Mayer schon auf die ersten unter der Intendanz von Christophe Slagmuylder verantworteten Wiener Festwochen, die mit Namen wie Rene Pollesch, Robert Wilson, Ersan Mondtag oder Isabelle Huppert aufwarten werden. Im Standard-Interview wünscht sich Christophe Slagmuylder mehr "internationale Ausrichtung" für die Wiener Theaterlandschaft.

Besprochen wird Carme Portacelis Inszenierung von Benet Casablancas Oper "L'enigmado di Lea" in Barcelona (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.02.2019 - Bühne

Nach siebentägiger medialer Beschimpfung (Unser Resümee) reichte es dem Kurzzeit-Intendanten des Kölner Schauspiels, Carl Philip von Maldeghem: Salzburg nahm seinen "Auslastungskönig" mit Kusshand zurück, schreibt Margarete Affenzeller im Standard, die sich mit Maldeghem unterhalten hat: "Der Salzburger Intendant sieht offenbar das Image seiner Landeshauptstadt irrtümlich auf sich projiziert: ihre Lieblichkeit. Dabei erstaunt es ihn nicht wenig, dass Menschen hemmungslos und durchaus boulevardesk über jemanden urteilen, dessen Arbeit sie eingestandenerweise gar nicht kennen. 'Wenn das dort Standard ist, wünsche ich viel Freude beim Karneval.' Von Maldeghem empfand das Vorgehen als 'Schmutzkübelkampagne'. Auch deshalb, weil sie von Leuten ausgegangen ist, die mit dem Schauspiel Köln assoziiert waren oder sind."

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung hat sich Christine Matschke mit der Choreografin Colette Sadler getroffen, deren Performance "Temporary Store" in den Sophiensälen zu sehen ist. Für die SZ porträtiert Julia Spinola die mexikanische Dirigentin Alondra de la Parra, die Mozarts "Zauberflöte" an der Berliner Staatsoper dirigiert. Im Standard ist Ljubisa Tosic schon gespannt auf das von Jukka-Pekka Sarraste dirigierte und Calixto Bieito inszenierte "Elias"-Oratorium im Theater an der Wien. In der FAZ-Serie "Spielplanänderung" wünscht sich Hans-Magnus Enzensberger eine Inszenierung von Alexander Suchovo-Kobylins Zarenfarce "Tarelkins Tod". In der NZZ spürt Daniele Muscionico dem Erfolg des zunächst von Sönke Wortmann in Düsseldorf inszenierten und nun von Andreas Zogg auf die Bühne des Zürcher Theater am Hechtplatz gebrachten Stückes "Willkommen" nach, das sich mit Idealismus, Realismus und Rassismus im Zuge der Willkommenskultur beschäftigt.

Besprochen wird eine eine Weimarer "Wilhelm-Tell"-Inszenierung von Jan Neumann, der zwei Schauspieler in einen Apfel steckt und über Versuchungen durch Äpfel und Apple abstimmen lässt (Tell-Review).
Anzeige

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.02.2019 - Bühne

Der Vertrag des Interims-Volksbühnenintendanten Klaus Dörr wird bis zum Sommer 2021 verlängert. Ist doch ok, meint Frederik Hanssen im Tagesspiegel - bis Klaus Lederer seinen nach eigenen Angaben "jüngeren, diverseren, weiblicheren" Super-Nachfolger für Castorf gefunden hat, macht Dörr seine Sache gut, so Hanssen: "Klaus Dörr hat bislang beste Arbeit geleistet, im zweiten Halbjahr 2018 verzeichnete die von Chris Dercon leer gespielte Volksbühne bereits wieder eine Auslastung von 80 Prozent. (...) In dieser Saison werden Stars wie Sasha Waltz, Constanza Macras und Stefan Pucher an der Volksbühne arbeiten."

Hinter den Kulissen sieht es allerdings anders aus, weiß Peter Laudenbach in der SZ: "Vergangene Woche beschwerten sich mehrere Abteilungsleiter bei Kultursenator Lederer über Dörrs Amtsführung. Ihr Vorwurf: Der Intendant sei im Umgang recht autoritär und nicht besonders dialoginteressiert. Er lege ein übertriebenes Kontrollbedürfnis an den Tag und lasse es an der nötigen Wertschätzung fehlen. 'Wir werden behandelt wie Dienstleister, nicht wie Partner', sagt ein langjähriger Technikmitarbeiter gegenüber der Süddeutschen Zeitung. 'Das sorgt auf Dauer für eine Dienst-nach-Vorschrift-Mentalität. Das ist am Theater tödlich. Eigentlich sind wir eigenverantwortliches Arbeiten gewohnt. Die Stimmung am Haus ist derzeit ziemlich gedrückt.'"

Weitere Artikel: Wie man leise und vorbildlich restituiert, lernt Susanne Hermanski in der SZ im Deutschen Theatermuseum in München, das Zeichnungen zum Nürnberger Schembartlauf nach eingehender Provenienzforschung an die Erben des jüdischen Kunsthändlers Siegfried Lämmle zurückgab und sie zum Dank abkaufen durfte. Ihrer Freundin oder Nichte würde Lilo Weber in der NZZ die Schweizer Tanztage nicht zumuten, denn: "Ein großer Teil der freien Schweizer Tanzszene hat sich vor Jahren von Tanz und Choreografie als Bewegungskunst im Raum losgesagt und pflegt seither das, was man als 'No Dance', Konzept-Tanz oder Performance bezeichnet. Das hat den Vorteil, dass auch nicht professionell ausgebildete Tänzerinnen und Tänzer mitmischen können - und an Fördergelder aus dem Tanztopf kommen."

Besprochen werden Wolfram Hölls "Disco" am Schauspiel Leipzig (SZ), Laurent Pellys "Lucia di Lammermoor" an der Wiener Staatsoper (FAZ), David Dawsons Choreografie "Requiem" im Amsterdamer Nationalballett (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.02.2019 - Bühne

In der Nachtkritik berichtet Dorothea Marcus vom zweiten Flausen-Kongress, bei dem ein Netzwerk aus inzwischen 24 kleineren bis mittleren Theatern aus 13 Bundesländern über Möglichkeiten der Freien Szene, Angriffe von Rechts und Diversität diskutierten. Die Gießener Politologin Nikita Dhawan etwa gab zu bedenken: "So politisch und weltverbesserisch man als Theater auch immer agieren wolle, aus den eigenen postkolonialen Machtstrukturen und kapitalistischen Machtverhältnissen komme man kaum heraus. Auch wenn Jurys divers oder paritätisch weiblich besetzt würden, auch wenn Migrant*innen auf der Bühne scheinbar noch so wohlmeinend repräsentiert würden: eurozentrischer imperialistischer Feminismus verwandle sich leicht in Gift, migrantische Positionen würden schnell missbraucht. Denn meist dürften diese ohnehin nur verkünden, was die Mehrheitsgesellschaft als Rahmen setze. Und wie lange soll eine migrantische Position oder eine 'person of colour' überhaupt noch als 'besonders' markiert werden?"

Überwältigt und "beglückt" berichtet Reinhard J. Brembeck im Feuilleton-Aufmacher der SZ von Carlus Padrissas Inszenierung von Ernst Kreneks selten gespielter, politischer Oper "Karl V." an der Bayerischen Staatsoper, die den Habsburgerkaiser mit Iro aus dem Europa eines katholischen Fundamentalismus in eine zerfallende Europäische Union, in der der Nationalismus erstarkt, versetzt: "Die katalanische Künstlerin Lita Cabellut, die Bühne und Kostüme gestaltete, hat ihn vorwiegend in weiß verpackt: Leggins, geschminktes Gesicht, vier mit gelben Bändern hahnenkammartig hochgebundene Haarbüschel und ein Leichenhemd, auf dem ein Zifferblatt im Strudel der Zeit versinkt und Karl unerbittlich mit sich reißt." In der FAZ meint Stephan Mösch hingegen: "Vieles bleibt Augenfutter, manche Botschaft kommt hemdsärmelig daher."

Weitere Artikel: Interimsintendant Klaus Dörr soll die Berliner Volksbühne nun bis zum Ende der Spielzeit 2020/21 leiten, meldet der Tagesspiegel mit dpa.

Besprochen wird Oliver Frljics "Bericht für eine Akademie" am Berliner Gorki Theater (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.02.2019 - Bühne

Scham und Wut überkommt Milo Rau im Kölner Stadtanzeiger mit Blick auf das jüngste Debakel um die Neubesetzung der Intendanz des Schauspiels Köln (Unser Resümee): "Das Gewurstel um den neuen Intendanten ist der für das Image der Kulturstadt Köln zerstörerischste Schlag der letzten Jahre. Er zeugt von einer derart bizarren Unkenntnis des kulturellen Feldes, dass von 'Kulturpolitik' gar nicht mehr die Rede sein kann. Würde man nicht dank des 'Kulturentwicklungsplans' wissen, dass das Kölner Kulturdezernat einfach keine Ahnung hat, was es tut, so könnte man annehmen, sie würden von Düsseldorf oder gar New York bezahlt, um 'The Cologne Challenge' möglichst klein zu halten. Natürlich ist das Schauspiel Köln nur eines von vielen Beispielen: Die 'Akademie der Künste der Welt' etwa wurde, als sie sich gerade etablieren wollte, zu einer nomadischen Institution degradiert, die jährlich um die weitere Förderung betteln muss. Der Erweiterungsbau des Wallraf-Richartz-Museums wurde so lang durch das Verschleppungskarrussell der Kölner Politik geschickt, bis die für den Bau eigentlich vorgesehenen Bilder zurückgezogen wurden."

Szene aus "Bericht an eine Akademie. Bild: Ute Langkafel
Mäßig begeistert kehren die TheaterkritikerInnen aus Oliver Frljićs zweitem Stück am Berliner Gorki Theater zurück, für das der Regisseur Kafkas "Bericht für eine Akademie" mit J. M. Coetzees "Costello"-Monolog mixt, um Kafkas Kritik an der erzwungenen Assimilation der Juden an die nichtjüdische Gesellschaft mit den Themen "Konzentrationslager und Massentierhaltung" kurzzuschließen. Peinlich, meint Nachtkritiker Christian Rakow, hebt aber die Leistung der Schauspieler, allen voran Jonas Dassler (der gerade auch in Fatih Akins "Der Goldene Handschuh" zu sehen ist, als Rotpeter, hervor: " Mit gut gestopfter Pfeife im Ledersessel vor riesiger Bücherwand zaubert er Noblesse her. Dann wieder packen ihn die äffischen Instinkte, er zuckt, federnd überspringt er Hindernisse, zügelt sich, enthemmt sich, verschenkt sich, mäßigt sich."

In der FAZ hat Simon Strauss noch ein ganz anderes Problem mit der Inszenierung: "Während um den Blick auf den weiblichen Körper zu Recht viele vorsichtige Gedanken kreisen, wird der männliche Körper selbstverständlich und schutzlos ausgestellt. Hier muss er nackt an der Rampe stehen und mit der Wendung 'aus kleinen Verhältnissen' auf sein eingeschüchtertes Geschlechtsteil verweisen." Das Stück "verfängt nicht", meint Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung.

Besprochen werden Ivan Panteleevs Inszenierung von Wolfram Hölls "Disko" in Leipzig (nachtkritik, FAZ), das Stück "Schaffen" des Kollektivs Technocandy am Theater Oberhausen (nachtkritik), Elsa-Sophie Jachs Inszenierung von Sean Kellers "Sommer" am Wiener Schauspielhaus (nachtkritik), Laurent Pellys Inszenierung der "Lucia di Lammermoor" an der Wiener Staatsoper (Standard), Katrin Hammerls Inszenierung von Viktor Ullmanns Oper "Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung" in Basel (NZZ),  Simon Solbergs "Herakles" am Volkstheater München, eine von Simon Rattle dirigierte konzertante Aufführung der "Walküre" in München (SZ), Christophe Rousset und Jetske Mijnssens Inszenierung "La divisione del mondo" von Giovanni Legrenzi in Straßburg (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.02.2019 - Bühne

Kürzlich fragte Lionel Shriver in Harper's Magazine, ob man (wegen sexueller Belästigung oder rassistischer Aussagen) entehrte Künstler wirklich auch damit bestrafen soll, dass man ihre Werke aus dem Verkehr zieht (unser Resümee). Auf Zeit online fragt sich Catherine Newmark das auch, konkret bezogen auf den Balletttänzer Sergei Polunin, der mit homophoben und putinfreundlichen Äußerungen aneckte. Was soll's, er tanzt einfach gut, meint Newmark. Überhaupt - Tänzer: "Warum sollte jemanden interessieren, was sie über Dinge denken, von denen sie nicht mehr verstehen als jeder beliebige Mensch an der nächsten Ecke?"

Besprochen werden Simon Solbergs "Herakles" am Münchner Volkstheater (nachtkritik), Maya Fankes Adaption von Robert Menasses Europa-Roman "Die Hauptstadt" am Schauspielhaus Salzburg (nachtkritik), eine "Tosca" an der Wiener Staatsoper (Standard) und "Die drei Musketiere" in Basel und "Die Bartholomäusnacht" in Freiburg (FAZ).
Stichwörter: Menasse, Robert

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.02.2019 - Bühne

In der taz erklärt das Kollektiv "Technocandy" im Interview, warum es keinen Vertrag mit dem Theater Oberhausen abschließen will: Das Kollektiv besteht auf einer Rassismusklausel, die festlegen soll, was passiert, "wenn in der Produktionszeit rassistische Vorfälle passieren. Sie besagt grob, dass, wenn so ein Vorfall geschieht, die Produktion oder Regie zur Intendanz gehen und darüber berichten kann. Das Haus muss dann reagieren und einen Workshop oder eine andere Art von Intervention folgen lassen. Es muss also eine Reaktion geben. Wenn es diese Intervention nicht gibt, hat die Regie das Recht, von der Produktion zurückzutreten. Also: das Stück platzen zu lassen, ohne Schadenersatz zu zahlen." Vor allem geht es dem Kollektiv aber darum, dass sie definieren, was Rassismus ist: "Da geht es ganz klar um Definitionsmacht. Ihnen [der Verwaltung, die Redak.] geht es darum, dass Künstler*innen, die von Rassismus betroffen sind, nicht die Ansage machen können, nach welchen Spielregeln es geht."

Ronald Pohl stellt im Standard den Theaterregisseur Philipp Preuss vor, der sich "heimlich, still und gar nicht leise ... in die Liga der wirklich kreativen Spielvögte im deutschsprachigen Theater" hochgearbeitet habe: "Wer Preuss bucht, erhält einen ganzen Wunderblock. Der besteht aus Sigmund Freud und Jacques Lacan, aus bildender Kunst (Tony Oursler, Bruce Nauman et cetera) und Jacques Derrida."

Besprochen werden Thorleifur Örn Arnarssons Inszenierung des "Faust" in Oslo, die Faust als Pädophilen zeichnet (SZ) und John Neumeiers Inszenierung der Gluck-Oper "Orphée" in Hamburg (Dlf, NDR, "Denkwürdig" wurde die Aufführung für FAZ-Kritiker Jürgen Kesting durch den russischen Tenor Dmitry Korchak in der Titelpartie: Korchack sang "mit hellem, leuchtendem und doch reich moduliertem Klang, sowohl mit silbernem Trompetenglanz als auch mit den changierenden Farben der voix mixte".)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.02.2019 - Bühne

In der nachtkritik denkt Christian Rakow über den Wandel der politischen Bildung im deutschen Theater nach und hält fest: "Mit den 'Experten des Alltags' hat eine umfassende Repräsentationskritik das Theater erreicht. Der Experte spricht nicht stellvertretend für andere, sondern für sich. Er stellt nichts dar, er stellt sich vor. Flankierend dazu gerät die Darstellungskunst unter den Druck des identitätspolitischen Aktivismus, der etwa die Repräsentation von nicht 'biodeutschen' Bevölkerungsgruppen durch etablierte weiße Spieler, von queeren Menschen durch heterosexuelle Cis-Akteure oder von Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen durch geübte Verwandlungsprofis moniert. Mit Partizipations- und Inklusionsformaten steuert die neuere politische Theaterkunst dagegen und bringt die betroffenen Gruppen lieber selbst auf die Bühne. So wird nicht nur in den dargestellten Inhalten, sondern auch in der Darstellungspraxis klar gemacht, dass die Frage des Politischen immer eine Frage der Teilhabe ist."

Weiteres: In der Theaterserie "Spielplan-Änderung" der FAZ widmet sich Dietmar Dath "Senecas Tod" von Peter Hacks.

Besprochen werden Modest Mussorgskys "Boris Godunow" am Theater Lübeck (nmz), eine Aufführung der Performance-Truppe EGfKA im Berliner Ballhaus Ost (Tagesspiegel) und Brecht/Weills "Die sieben Todsünden" mit Sängerin Peaches am Staatstheater Stuttgart ("Freie Sexualität für freie LGBTQ-Bürger, dann kann Euch der Kapitalismus nichts anhaben?" FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster winkt bei so viel genderpolitischer Korrektheit müde ab)
Stichwörter: Queer

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.02.2019 - Bühne

In der NZZ plaudert Daniele Muscionico mit dem Schweizer Kabarettisten und Autor Franz Hohler über dessen neues Stück "Cafeteria", die Kunst des optimistischen Pessimismus und die Frage, warum es eigentlich kaum konservatives Kabarett gibt. Hohlers Vermutung: "Weil sich die Rechte stärker um die Erhaltung der bisherigen Werte bemüht, ist sie als Ziel der Satire interessanter. Der Schriftsteller Jörg Steiner sagte einmal: 'Bei uns kann jeder frei seine Meinung sagen, wenn er bereit ist, die wirtschaftlichen Konsequenzen zu tragen.' Das gilt wahrscheinlich sowohl für sogenannt rechte als auch für linke Ansichten. Mir wurden auch einmal ein Literaturpreis verweigert und eine Fernsehsendung gestrichen."

Weiteres: Im Dienste der Tourismusbehörde durfte FAZ-Kritiker Jan Brachmann die Bayreuther Festspiele zum "Walküren"-Gastspiel nach Abu Dhabi begleiten und das Emirat von seiner cremigsten Seite erleben: "'Für uns Frauen ist es hier wunderbar", sagt Khalfallah. Besprochen werden Falk Richters eindringlicher Abend "I am Europe" am Thalia Theater in Hamburg (SZ), Tatjana Gürbacas Inszenierung von György Ligetis "Le Grand Macabre" in Zürich (die FAZ-Kritiker Stephan Mösch "phantasievoll und meisterhaft" nennt) und die "Sieben Todsünden" von Brecht/Weill und mit Peaches (FR).
Stichwörter: Hohler, Franz