Die
Oscars beschäftigen die Feuilletons weiterhin (
hier unser erstes Resümee). Angesichts dessen, wie wild entschlossen politisch die beiden zentralen Filme "One Battle After Another" und "Blood Sinners" sind, findet es Jan Küveler in der
Welt "umso bemerkenswerter,
wie politisch zahm die Oscar-Nacht selbst blieb. ... Hollywood wirkt vorsichtiger als früher,
fast verzagt, und auf keinen Fall bereit, moralische Gewissheiten laut zu verkünden, es sei denn, künstlerisch vermittelt in seinen Filmen. Ob aus politischer Müdigkeit, wirtschaftlicher Vorsicht oder schlicht aus Angst vor einem Publikum, das moralische Lektionen von Prominenten zunehmend skeptisch betrachtet - schwer zu sagen."
"Die Wirklichkeit 2026: Trump, Inflation, Krieg, Naturverwüstung, Unrecht", schreibt Dietmar Dath in der
FAZ (die 30.000 Toten im Iran hat er vergessen). "Die Oscar-Zeremonie 2026: Witzbolde, Schauspiel- und Regietalente, die ein paar Stunden lang so tun dürfen, als könnten sie auf
heiter-
feierliche Distanz zu besagter Wirklichkeit gehen, mit kleinen Spitzen gegen sie." Auch Bert Rebhandl
stellt im
Standard fest, "dass die Zeremonie sich in politischer Hinsicht vor allem ratlos zeigte. ... Die amerikanische Filmindustrie, die so gern für die ganze Welt sprechen würde, findet im zweiten Jahr von Donald Trumps zweiter Amtszeit keinen gemeinschaftlichen Ton mehr." Oder wie Peter Kümmel auf
Zeit Online schreibt: "
Offenbar haben sie alle Angst vor ihm" - und man weiß sofort, wer gemeint ist.
Eine große Ausnahme bildete allerdings
David Borenstein, der in der Doku-Sparte für "Mr Nobody Against Putin" ausgezeichnet wurde, berichtet Kathleen Hildebrand in der
SZ. "Man verliert sein Land durch
viele kleine Akte der Beihilfe", sagte er in seiner Dankesrede, also wenn "Bürger schweigen, sich angepasst verhalten, obwohl bereits Schreckliches passiert. Sein Film "erzählt von einem russischen Grundschullehrer" namens Pawel Talankin, "der gegen
die Indoktrinierung von Kindern in Putins Schulsystem kämpft. Aber man muss gar nicht so weit ins Land des Erzfeindes schauen, um diesen Mechanismus zu beobachten. Sind die USA längst selbst so ein Land geworden? Borenstein weiter: 'Wenn wir uns wie Komplizen verhalten, wenn eine Regierung Menschen auf der Straße ermordet. Wenn wir nichts sagen, während Oligarchen die Medien übernehmen und bestimmen, wie wir sie bespielen und konsumieren. Wir alle müssen eine
moralische Entscheidung treffen.'"
"
Ein Film über Wladimir Putin hat einen Oscar bekommen", titelte im Anschluss eine kremltreue Internetplattform im Delirium. Daran "lässt sich der Mechanismus ablesen, den Pawel Talankin mit seinem 'Mr. Nobody against Putin'so präzise wie erschreckend auf die Leinwände der Welt bringt, wenn auch nicht auf die Leinwände in Russland selbst",
schreibt Inna Hartwich in der
NZZ: "
Das Regime im Land fasst die Realität neu, in allen Bereichen. Es verdreht sie und verkauft seine Version als die einzig richtige."
Marian Wilhelm
verweist im
Standard auf den Umstand, dass mit
Autumn Durald Arkapaw erstmals eine Frau für die "beste Kamera" (und zwar für ihre Arbeit an "Blood & Sinners") ausgezeichnet worden ist. Und im
Tagesspiegel notiert Andreas Busche, dass die Oscars immerhin wieder zu einer
gewissen Publikumsnähe zurückfinden, während sie die letzten Jahre sich doch vor allem sehr auf Filme fokussierten, von denen zumindest in den USA wahrscheinlich kaum jemand gehört hat. Weitere Resümees in
FR,
taz und
Filmdienst.
Weiteres: Bert Rebhandl
stellt im
Standard Patric Chihas bei der Diagonale gezeigten Dokumentarfilm "Un hiver russe" vor, in dem es um
unangepasste junge Russen geht, die vor Putin geflohen sind. Besprochen werden Mona Fastvolds "The Testament of Ann Lee" (
Standard, unser
Resümee) und
Richard Linklaters "Nouvelle Vague" (
Standard, unsere
Kritik).