Scharia, Finanzierung der Hamas, Verbreitung islamistischer Ideologie, Einschränkung der Meinungs- und künstlerischen Freiheit - darüber schaut die Kunstwelt gern hinweg, solange genug Geld fließt. So eröffnet nun auch die Art Basel einen Ableger in Katar - und gefragt von Philipp Meier (NZZ) hat deren Direktor Vincenzo de Bellis keinerlei Berührungsängste: "'Wir ordnen uns stets dem Gesetz des Landes unter, in dem wir eine Messe veranstalten. (...) Wir vertrauen auf die kulturelle Sensibilität der Aussteller. Tatsächlich üben die Aussteller jeweils Selbstzensur. … In Katar sind Gottesdarstellungen und Nacktheit, beides zentrale Bildmotive abendländischer Kunst, verboten.'" Israelische Galerien nehmen nicht teil - und auf den Landkarten des neuen Partners, Qatar Airways, sucht man "vergeblich nach dem Staat Israel. Die Region zwischen Gaza und dem jordanischen Irbid ist schlicht mit 'Palestinian Territories' bezeichnet. Für die Art Basel sei in diesem Zusammenhang politische Neutralität zentral, erklärt der Direktor Vincenzo de Bellis: 'Die Messe versteht sich als Plattform für die internationale Kunstwelt und ihre Akteure, nicht als politischer Akteur. Es ist nicht ihre Rolle, politische Vorwürfe oder geopolitische Konflikte zu kommentieren.'"
Wirklich zu fassen bekommt Ingeborg Ruthe (FR) den Maler Hans Ticha, der mit Gemälden zwischen russischem Konstruktivismus, Bauhaus und amerikanischer Pop-Art gegen die DDR-Ideologie opponierte weder im Gespräch noch in der Retrospektive in der Kunsthalle Rostock. Aber sie erfährt, wie es Ticha gelang, fast unbemerkt an der Stasi vorbeizumalen: Er stellte "all die politisch zugespitzten Bildmotive von der 'Mauer', die Aufmärsche, das Polit-Theater mit dem 'Großen Trommler', das Instrument mit rotem Zickzack-Dekor wie bei Oskar Mazeraths Grass'scher 'Blechtrommel', die 'Ordensträger' und 'Waffenbrüder' vorsichtshalber mit der 'Butterseite' zur Atelier-Wand. ... Nicht anders erging es den riesigen Klatscher-Händen, den gereckten Fäusten der Hurra-Rufer, den rote Fähnchen-Schwenkern, den Bruderküssern, vollbusigenFDJlerinnen und langbeinigen Sportfest-Turnerinnen. Ölfarbe wie Brandsätze. Alles kam tief hinter die Werkstatt-Schränke. Nur verschwiegenen Vertrauten zeigte er die Bilder. Befreundete Sammler trugen sie bei Nacht zu sich nach Hause."
John Singer Sargent: "Dans le jardin du Luxembourg". 1879. Auch Manuel Brug scheitert in der Welt daran, dem großen Gesellschaftsmaler der Belle Epoque John Singer Sargent in der Retrospektive im Pariser Musée d'Orsay in die Seele zu schauen. In dessen Porträts gelingt es Brug indes schon: Denn John Singer Sargent "bildete eben nicht nur ab, er zeigte selbst im sorgfältigsten Arrangement immer die Imperfektion, das Menschliche seiner Modelle. Er drang tiefer und vielschichtiger in die Persönlichkeiten ein, als sie es eigentlich zugelassen hatten; deswegen sprechen diese Bilder immer noch so beredt zu uns. Egal, ob sie italienische Wäscherinnen verewigen oder amerikanische Bankiersgattinnen."
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Heute noch, morgen schon" in Museum Nikolaikirche in Berlin (taz) und die Ausstellung "Dialogues", die Werke von Helmut Newton Aufnahmen anderer FotografInnen aus der Helmut Newton Foundation gegenüberstellt.
Dass im Potsdamer "Fluxus+" Anne Frank mit Kufija dargestellt wird, ist zwar für Künstler Costantino Ciervo selbst ein Akt der Solidarität, in der SZ können Alexander Estis und Jana Talke ihm aber nicht zustimmen: Justiziabel ist es nicht für sie, aber "geschmacklos". Der künstlerische Wert dieser und ähnlicher Darstellungen ist "mehr als fragwürdig, denn sie bieten keinen Bedeutungsüberschuss, keine Komplexitätsdimension oder Ambiguitätserfahrung, ihnen wohnt kein Zweifel inne und keine Suche: Sie haben schon gefunden, sie wissen längst alles. Diese Kunst ist sentimentale Simplifizierung, überexplizite Didaxe und aufhetzende Agitation. Sie will unbedingt "auf der richtigen Seite der Geschichte" stehen - und stellt sich abseits der Kunstgeschichte. Es ist eine Kunst, die dem kollektivistischen Clicktivismus gemäß ist. Die Werke haben die Nuanciertheit solcher Posts, wie wir sie von den Social-Media-Kanälen ihrer Urheber kennen, die stilistische Subtilität sowjetischer Kriegspropagandaplakate und den Tiefgang eines an ein Netanjahu-Porträt angeschmierten Hitlerbartes."
Der österreichische Künstler Arnulf Rainer ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Bernhard Schulz erinnert für Monopol an einen großen Übermalungskünstler: "Mit den Übermalungen fand er zu seiner eigenen Formensprache. Am eindrücklichsten gerieten ihm die Übermalungen von Fotografien seiner selbst; wie Auslöschungen der eigenen Existenz, die sich zugleich im Malakt neu erschafft. Die Gewalt der Pinselhiebe richtete sich gegen das vorhandene Bild und den oder das es darstellte, anders als beim zeitgleichen Wiener Aktionismus, mit dem ihn die aktionistische Geste verband, jedoch nie gegen reale Personen, auch nicht gegen die eigene. Dass er zeitweilig unter Alkohol- und Drogeneinfluss malte, sollte ihm die Ausweitung seiner künstlerischen Mittel ermöglichen. 'Es kommt mir lediglich auf die physisch-körperliche Expression an', grenzte er sich gegenüber den international stark wahrgenommenen Wiener Aktionisten um Hermann Nitsch oder Günter Brus ab." Weitere Nachrufe in der FAZ, im Tagesspiegel und in der SZ.
Weiteres: Der Nachlass des Künstlers Michael Mathias Prechtl wird von der Stadt Amberg übernommen, meldet die FAZ. Ingeborg Ruthe erinnert in der Berliner Zeitung an den vor hundert Jahren geborenen DDR-Maler Walter Womacka.
Besprochen werden: Die Ausstellung "Anton Raphael Mengs 1728-1779" im Madrider Prado (FAZ) und "Horst Bartnig - 3622 Variationen eines Themas" im Berliner Mies-van-der-Rohe-Haus (FR).
Tief beeindruckt steht FAZ-Kritiker Ulf von Rauchhaupt im Münchner Museum Fünf Kontinente vor einer Pfostenfigur, die dem Maori Tāwhaki gewidmet ist. Ein Künstler der Rongowhakaata hat sie geschnitzt, bevor sie vom Direktor eines neuseeländischen Museums geklaut wurde und schließlich in München landete. Kuratorin Hilke Thode-Arora hat sich für die Ausstellung "He Toi Ora. Beseelte Kunst der Māori" einen Rongowhakaata als Mitkurator gesucht, den in London lebenden Juristen David Jones. Das Ergebnis findet Rauchhaupt großartig: Zu sehen sind zumeist Schmuck, Waffen, Textilien und kunstvoll verzierte Holzobjekte, "wobei Thode-Arora und Jones sich auch allerhand überlegt haben, um die Besucher in die komplexe Ikonografie der Schnitzmuster einzuführen. Insbesondere an den Häusern ist 'Whakairo', Schnitzwerk, keineswegs nur Ornament, sondern auch mnemotechnisches Instrumentarium für die Weitergabe mythologischer Inhalte oder genealogischen Wissens." Einer Restitution Tāwhakis wird Thode-Arora unterstützen, sagt sie.
Weiteres: In "Bilder und Zeiten" (FAZ) erinnert Anja-Rosa Thöming an die Bildhauerin Elly-Viola Nahmmacher, die sich mit ihren religiösen Skulpturen wenig Freunde im offiziellen Kulturbetrieb der DDR machte. Der dritte Berliner Tiemann-Preis geht an das Museum Marta Herford, das von dem Geld Werke von Kerstin Brätsch erworben hat, die im Museumscafe hängen, berichtet Christiane Meixner im Tagesspiegel. Besprochen wird die Ausstellung "Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst" im Potsdamer Museum Barberini (NZZ).
Andreas Kilb (FAZ) fühlt sich fast wie im Sommerurlaub im Berliner Brücke-Museum, das in der Ausstellung "Immer wieder muss die Welt neu gesehen werden" seinen Gründer KarlSchmidt-Rotluff feiert. Denn Schmidt-Rotluff ließ in seinen Gemälden alle Krisen und Katastrophen außen vor, beobachtet Kilb: "In seiner Kunst herrscht immer Dorfstille oder Zimmerdunkel, die Bootsrümpfe schaukeln im spiegelglatten Wasser, der Mond glänzt über den Dünen, und alles, was dem Menschen wehtut, bleibt vor der Tür." Anders als sein Brücke-Antipode Ernst Ludwig Kirchner: Wo dieser "seine Meereswellen mit unruhigen Nackten bevölkerte, brachte Schmidt-Rottluff Jahr für Jahr berückende Seestücke aus der Ferienfrische in Friesland, Kurland oder Hinterpommern zurück, eine pointillistische Steilküste mit Ausguckterrasse hier ('Am Meer', 1906), ein in Rot ertrinkendes Deichpanorama dort ('Deichdurchbruch', 1910)."
Dass die Ruhe auch trügen kann, erkennt Alexandra Wach (monopol) in den Gemälden von Giorgio Morandi, dem das Siegener Museum für Gegenwartskunst derzeit eine Ausstellung widmet. Morandi nahm für sich in Anspruch unpolitisch zu sein, tatsächlich stand er aber "bereits in den 1920er-Jahren der 'Strapaese'-Bewegung nahe, die der agrarischen Identität Italiens den Vorzug vor der europäischen Moderne gab und auch durch antisemitische Parolen auffiel", erinnert Wach, auf die Morandis Gemälde "modern und zugleich antimodern, widersprüchlich und entwaffnend leise" wirken. Eine politische Deutung erkennt sie jedenfalls nicht: "Morandi meditierte über die Banalität und zugleich die Poesie der Dinge, die er häufig in einem grauen, konturlosen Raum anordnete. Einzeln betrachtet sind es Studien von Rhythmus und Balance. In der Serie offenbaren sich jedoch komplexe Schemata, da sich die Objekte von Bild zu Bild in Form, Position und Farbton verändern."
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Five Preludes" im Hamburger Bahnhof, in der der französische Künstler Saâdane Afif unter anderem sein Langzeitprojekt "The Fountain Archives" ausstellt (FR) und die Ausstellung "Unterschätzt! Starke Frauen der Künstlerkolonie Ekensund" im Museumsberg Flensburg, in der Frank Keil (taz) Künstlerinnen wie Marie Schlaikier, Marie Nissen, Emmy Gotzmann oder Sophie Eckener entdeckt.
Helene Schjerfbeck "Self-Portrait", 1912. Foto: Yehia Eweis / Finnish National Gallery Eine "spürbare Stille" umgibt die Bilder der finnischen Malerin Helene Schjerfbeck, die Monopol-Kritikerin Stephanie Buhmann im Metropolitan Museum in New York bewundert. In Nordeuropa sehr bekannt, ist Schjerfbeck (1862-1946) in den USA noch wenigen ein Begriff. Die "stille Sensation" ihrer Bilder sollte das ändern, hofft die Kritikerin: "Die innere Ruhe und die fast verblasst wirkenden Farben scheinen jedenfalls wie von langen Wintern geprägt. Diese Atmosphäre spiegelt sich nicht nur in ihren Landschaften und Stillleben, sondern auch in der konsequenten Hinwendung zum eigenen Bild." Sicher ist, "dass Schjerfbeck ab Mitte 40 einige ihrer berührendsten Werke schuf, darunter dutzende Selbstporträts. Nirgends zeigt sich ihr Blick auf das Wesentliche so eindringlich wie hier, wo sie ihr Altern in Etappen festhielt, parallel zu einem persönlichen Prozess seelischer Reifung."
Weiteres: Hannes Hintermeier besucht für die FAZ den Fotografen Hubertus Hierl, der 1966 eine berühmte Serie von den Reaktionen Picassos auf einen Stierkampf schoss. Besprochen wird die Ausstellung "The Woman Question: 1550 - 2025" im Muzeum Sztuki Nowoczesnej in Warschau (FAZ) und die Ausstellung "The desire for being many" in der Alpha Nova galerie futura (taz).
Caspar David Friedrich: Klosterruine Eldena und Riesengebirge. Quelle: Pommersches Landesmuseum Greifswald Zu einer einzigen, großen Caspar-David-Friedrich-Show hat das Pommersche Landesmuseum Greifswald seine Sammlung umgebaut, so Jan Brachmann in der FAZ. Eine "Galerie der Romantik" mit vorgeschalteter "Kapelle der Romantik" ist entstanden, beide arbeiten Friedrichs Werk multimedial auf. Der Preis des Personenkults: Die Vielfalt der Sammlung des Hauses bleibt weitgehend unsichtbar, neben Friedrich haben nur sehr wenige andere Künstler und kaum Künstlerinnen Platz, moniert Brachmann. Grundsätzlich ist er von einem solchen Vorgehen wenig angetan, im konkreten Fall lässt er jedoch Milde walten, weil die Kuratorin Birte Frenssen den Malerfürsten Friedrich auf kluge Art und Weise in neuem Licht erstrahlen lässt. Etwa die Art und Weise, wie sie "ein Bild exemplarisch in den Mittelpunkt" stellt: "Die Klosterruine Eldena im Riesengebirge wird wie in alten Theaterprospekten in ihre Bildschichten zerlegt, sodass man erkennt, wie Friedrich 'das Unendliche als sichtbares Geheimnis' durch Raumstaffelung erzeugt. Dreht man sich von dieser Installation um, sieht man das Bild im Original - wieder in einem abgedunkelten Andachtsraum."
Weiteres: Peter Kropmanns besucht für die FAZ in Paris zwei Ausstellungen zum Art déco (im Musée des arts décoratifs und in der Cité de l'architecture et du patrimoine). Elke Buhr fragt sich in monopol, was es zu bedeuten hat, dass auf dem Kunstmarkt 2025 insbesondere alte weiße Männer reüssierten - und sie selbst zum Baselitz-Fan mutierte. Stefan Trinks bespricht in der FAZ ein Buch über die Dada-Erfinderin Hannah Höch. Im Tagesspiegel wiederum rezensiert Elke Brüns einen Fotoband Wolfgang Kralows, der Kreuzberg vor dem Mauerfall zeigt.
Kazuko Miyamoto, Black Poppy, 1979/2025. Courtesy San Francisco Museum of Modern Art Purchase, throug a gift of Peggy Guggenheim. KW Institute for Contemporary Art, Berlin 2025. Foto: Frank Sperling. Völlig hingerissen ist Astrid Mania in der SZ von der Ausstellung "String Constructions" in den Berliner Kunst-Werken, der ersten großen Einzelausstellung der japanischen Künstlerin Kazuko Miyamoto. Fasziniert betrachtet Mania die zarten "Skulpturen", die Miyamoto mit Fäden zwischen Boden und Decke aufspannt: "'Male II' (1977/2025) spannt schwarze Fäden zum Boden hin, die diagonal an der Wand fixiert wurden und unter denen eine gegenläufige, sanft geschwungene Reihe aus dem gleichen Material verläuft. Durch die unterschiedliche Anzahl der sich überlagernden Fäden entstehen opake und transparente Zonen - der Effekt erinnert an einen Vogelschwarm, dem man beim Verdichten und Auflösen seiner schwarzen Formationen zusieht. Der Unterschied besteht darin, dass die Bewegung vor den Werken Miyamotos von den Betrachterinnen und Betrachtern ausgehen muss, denen sich dadurch immer neue Ansichten bieten: Einen idealen Blickpunkt, an dem sich so etwas wie eine perspektivische 'Auflösung' bieten würde, gibt es nicht."
Der ukrainische Kurator Vasyl Cherepanyn wird die 14. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst kuratieren. Im taz-Interview mit Yelizaveta Landenberger erklärt er, was er vorhat: "Berlin kommt mir sehr vertraut vor. Hier fühle ich wirklich, dass es eine osteuropäische Stadt ist. Daran habe ich keinen Zweifel. Bei der Berlin Biennale wird es viel um die osteuropäische Region gehen und darum, Berlin in ein etwas anderes Koordinatensystem einzuschreiben als üblich - in eines, das sich von den baltischen Staaten bis zum Balkan erstreckt, von Mitteleuropa bis zum Kaukasus. Die osteuropäische Perspektive fehlt oft, aus postimperialen Gründen. Ich bin generell sehr dankbar, in dieser Stadt zu leben. Es geht mir darum, zum Gemeinwohl beizutragen. In der kommenden Biennale-Ausgabe würde ich wirklich gern etwas schaffen, was institutionelle, physische und künstlerische Spuren in der Stadt hinterlässt, die dauerhaft bestehen können."
Weiteres: Die Belegschaft des Louvre streikt gegen schlechte Arbeitsbedingungen und zwar "einstimmig und zeitlich unbegrenzt", berichten SZ und FR. Besprochen wird eine Ausstellung mit Werken der amerikanischen Künstlerin Kara Walker in der Galerie Sprüth Magers in Berlin und die Ausstellung "The Island" von Hito Steyerl im Osservatorio der Fondazione Prada in Mailand (Welt).
Die Körper-Bilder der über neunzig Jahre alten Malerin Joan Semmel sind um einiges "verstörender" als oft gesagt wird, stellt Lisa Yin Zhang in Hyperallergic fest, als sie durch die Ausstellung "In the Flesh" im Jüdischen Museum New York wandert. Und das ist durchaus als Kompliment gemeint, denn das oft verwendete Attribut "erotisch" wird ihren Repräsentationen von Frauenkörpern einfach nicht gerecht. Zum Beispiel in "'Horizon With Hands' (1976) - schon der Titel ist beunruhigend, da er eine Verschmelzung von Landschaft und Fleisch suggeriert. Der Großteil des quadratischen Gemäldes ist fast konturlos; wir könnten auf eine Steinfläche oder eine wellige Düne blicken. Es sind die Hände am oberen Rand, die uns Orientierung geben: Wenn wir einem Arm auf der rechten Seite folgen, wird uns klar, dass wir uns auf einem Aussichtspunkt befinden und auf unseren Torso hinunterblicken, eine Platte aus verdrehtem Fleisch - es dauert einen Moment länger als normal oder angenehm ist, um die Darstellung des Körpers zu erkennen. Als mir das bewusst wurde, verspürte ich ein Gefühl von träumerischer, klaustrophobischer Lähmung: Wer bin ich, wie bin ich hierher gekommen?"
Einem künstlerisch hochbegabten "Phantom" ist FAZ-Kritikerin Kerstin Schweighöfer in der Ausstellung "Meisterhaftes Mysterium" im De Lakenhal Museum in Leiden auf der Spur. Lediglich die Initialen I.S. stehen den Kunsthistorikern bei der Suche nach der Identität eines Malers (oder einer Malerin?) zur Verfügung, der wohl zu Rembrandts Zeiten gelebt hat und dessen Porträts nicht nur "von psychologischem Tiefgang geprägt sind", sondern auch vom "Clair obscur" eines Rembrandt: "So wie die Leidener Maler widmete sich auch I.S. immer wieder dem alternden Menschen. Und auch er vermeidet dabei - anders als etwa Vermeer - jegliche Idealisierung. Die Gesichter werden realistisch dargestellt, mit allen Unebenheiten und Falten. I.S. ging dabei sogar noch einen Schritt weiter als seine Leidener Kollegen, er malte noch feiner, noch eindringlicher, hyperrealistisch. 'Dadurch wirkt sein Werk modern', so Kuratorin van der Vinde."
Weiteres: In der WamS unterhält sich die Künstlerin Hito Steyerl mit Jakob Hayner über das Verhältnis von KI und Kunst. Besprochen wird die gemeinsame Schau der Künstler Jac Leirner und Rafa Silvares in der Galerie Esther Schipper in Berlin (tsp).
Selten schillert der Verfall in derart schönen Farben, stellt Jens Hinrichsen (Monopol) in der Ausstellung "Ferne Spiegel" mit Werken von Sibylle Springer in der Kunsthalle Bremen fest. Wichtiger aber noch erscheint ihm, wie Springer in ihren von barocken Blumenstillleben inspirierten Bildern eine "Kunstgeschichte der Frauen" zu schreiben versucht: "In dem großformatigen Gemälde 'Reframing' hat Springer die Porträts von zwanzig Künstlerinnen zusammengestellt, darunter Hilma af Klint, Artemisia Gentileschi, Frida Kahlo oder Paula Modersohn-Becker. Die historischen Malerinnen verbindet sie mit zeitgenössischen Kolleginnen, etwa Katharina Grosse, Karin Kneffel, Kara Walker oder Rosemarie Trockel. Mit Ranken, Windungen und Verästelungen verbindet Springer Persönlichkeiten über Jahrhunderte hinweg - nach dem Vorbild des Stammbaums der Dominikaner, den Mönche des Ordens um 1500 bei Hans Holbein d. Ä. in Auftrag gaben und der heute im Frankfurter Städel Museum hängt. In beiden Fällen spielen biologische Verwandtschaften keine Rolle."
Jüdische Kunst spiele in der Kunstgeschichte keine Rolle, meint im Welt-Interview die Kunsthistorikerin Anna Wienert, die am Deutschen Historischen Institut Warschau über den Holocaust forscht und die AG "Kunst und Antisemitismus" im Ulmer Verein gegründet hat: "In der Kunstgeschichte fehlt es an einem fundierten Antisemitismus-Begriff. Das zeigte sich etwa bei der documenta 15, wo eine externe Kommission eingesetzt wurde, um Antisemitismus zu identifizieren." Das erkläre auch, warum heutzutage so viele Künstler nicht verstehen, an welchem Punkt ihre Israel-Kritik antisemitisch wird, meint sie. Außerdem kritisiert sie frühe künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus in der BRD, etwa von Gerhard Richter oder Anselm Kiefer. Diese beschränken "sich auf Kriegsleiden, was sie ins Universelle hebt", die Opfer jedoch weitestgehend ignoriert, meint sie: "Richter malt Fotos ab, die der jüdische Widerstand in Auschwitz-Birkenau aufgenommen hat, kleistert sie dann wieder mit Farbe zu" und Anselm Kiefer habe "seine gesamte Karriere auf einer Privatmythologie von Materialien wie Stroh und Blei gebaut, die raunend auf den Holocaust anspielt. ... Würden weiße deutsche Künstler die Unterdrückung von People of Color zu ihrem Thema machen, ohne sie dabei einzubeziehen?"
Weitere Artikel: Die Britin Henrietta Lidchi soll ab Mai 2026 das Ethnologische Museum, das Museum für Asiatische Kunst und die Sammlungen im Humboldt-Forum als Nachfolgerin von Lars-Christian Koch leiten, meldet Birgit Rieger im Tagesspiegel. In der FRschreibt Ingeborg Ruthe zum Tod des Berliner Malers und Bildhauers Wolfgang Petrick. Saskia Trebing erinnert bei Monopol an die im Alter von nur 56 Jahren verstorbene britische Konzeptkünstlerin Ceal Floyer. Im NZZ-Gespräch erinnert sich der österreichische Fotograf Sepp Dreissinger an seine Begegnungen unter anderem mit Thomas Bernhard, dessen Halbschwester Hilda Zuckerstätter er zufällig entdeckte: "Sie hat in Frankfurt an der Oder gelebt und wusste auch nichts vom berühmten Bruder. Als die Sache endlich aufgeklärt war, hat sie ihm einen Brief geschrieben. Kurz vor seinem Tod. Er hat ihn nicht mehr geöffnet." Ebenfalls in der NZZ fragt sich Birgit Schmid, weshalb die Turnerpreis-Jury die Neurodivergenz der ausgezeichneten Künstlerin Nnena Kalu besonders hervorhebt.
Weitere Artikel: Nnena Kalu, schwarze Installationskünstlerin aus Schottland, die als Autistin in einer Kulturinstitution für lernbehinderte Menschen arbeitet, hat den diesjährigen Turner-Preis gewonnen - und zwar nicht, weil sie neurodivergent ist, sondern weil ihre "Farbexplosionen von unterbewusster Materie" große Sogkraft ausüben, freut sich Till Briegleb in der SZ. Im Tagesspiegelschreibt Birgit Rieger zum Tod des Berliner Malers und Bildhauers Wolfgang Petrick.
Besprochen werden außerdem die Christoph-Niemann-Ausstellung "Randnotizen" im Horst-Janssen-Museum in Oldenburg (FAZ), die Ausstellung "Formen der Anpassung - Kunsthandwerk und Design im Nationalsozialismus" im Grassimuseum für Angewandte Kunst in Leipzig (FAZ) und die Ausstellung "Wege des Impressionismus. Die Slowenische Moderne und Dachau" in der Gemäldegalerie Dachau (FAZ).
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