Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.04.2026 - Kunst

Thomas Zipp ist tot. Der 1966 geborene Künstler, der vor allem mit aufwändigen installativen Arbeiten von sich reden machte und außerdem seit 2008 an der Berliner Universität der Künste lehrte, starb überraschend an den Folgen einer Aneurysmablutung. monopol bringt einen Nachruf von Daniel Völzke: "Die Ideen in den Raum bringen - so könnte man die Zipp-Methode beschreiben. Der Künstler baute als Student Modelle für Architekturbüros, und auch seine Werke und Ausstellungen waren Modelle, Verdinglichung einer freien, assoziativen und tatsächlich optimistischen Art zu Denken und Schlüsse zu ziehen. Schaufenster-, Reanimations- und andere Puppen spielten dabei immer wieder eine Rolle; sie standen für den Faktor Mensch in den Entwürfen." In der BlZ erinnert Ingeborg Ruthe an Zipp.

Nicola Kuhn äußert im Tagesspiegel die Hoffnung, dass ostdeutsche Museen ihre Bemühungen in Sachen Provenienzforschung intensivieren. Anlass ist eine entsprechende, vorbildliche Dokumentation, die das Museum Schloss Bernburg erstellt hat. Die Publikation zeigt auf, dass nicht wenige Exponate aus der eigenen Sammlung zu DDR-Zeiten wohlhabenden Bürgern abgepresst wurden - indem den ursprünglichen Besitzern aufgrund vermeintlicher Steuerschulden mit Haft gedroht wurde: "Dieses Druckmittel wurde von den DDR-Behörden immer wieder angewandt, insbesondere bei Sammlern, um sich deren Besitz zu sichern. Hatten sie dann als Ausgleich die kostbarsten Stücke hergegeben oder gleich die Flucht in Richtung Westen ergriffen, trat der staatliche Kunsthandel auf den Plan, um die Bilder und Antiquitäten an Händler in den Westen zu verkaufen und Devisen zu generieren." Was sich nicht hinreichend teuer verkaufen ließ, wanderte, so scheint es, in die lokalen Sammlungen.

Claude Cueni erläutert in der NZZ, was es mit der Statue "Fearless Girl" auf sich hat, um die in New York seit einigen Jahren ein Hype entstanden ist. Die Vermögensverwaltungsfirma State Street Global Advisors (SSGA) hatte das Werk als PR-Maßnahme bei der Künstlerin Kristen Visbal in Auftrag gegeben. Zunächst sollte sie nur kurzzeitig vor der New Yorker Börse installiert werden. Weil sie bei Passanten ausgesprochen gut ankam und als Symbol weiblicher Widerstandskraft gelesen wurde, fand die Stadt New York eine Möglichkeit, sie dauerhaft im öffentlichen Raum zu installieren. Eine Erfolgsgeschichte? Nicht ganz: "Kristen Visbal beanspruchte derweil die künstlerischen Rechte an ihrer Figur und begann, kleine Kopien in Bronze zu giessen und auf eigene Rechnung zu verkaufen. Ihre Auftraggeberin, SSGA, sah darin einen Vertragsbruch, da Visbal nicht über die Marken- und Nutzungsrechte verfügte. Ausgerechnet SSGA, die ursprünglich mit der Figur einen feministischen Aktienfonds beworben hatte, wollte auf keinen Fall, dass Kristen Visbal ihre Auftragsarbeit für eine feministische Agenda losgelöst vom Unternehmen verfolgte. Die Firmenanwälte sahen darin nicht nur einen Vertragsbruch, sondern auch eine Markenrechtsverletzung." Visbal hat den Rechtsstreit inzwischen entnervt aufgegeben.

Außerdem: Juliane Herz spricht auf monopol mit dem Künstler Peyman Rahimi über den Iran-Krieg.

Besprochen werden die Schau "Oscar Murillo - Kollektive Osmose" im Kunsthaus Das Minsk, Potsdam (FAZ), Arno Schidlowskis Fotoausstellung "Der Sonne Mond" in der Alfred Erhardt Stiftung, Berlin (Tagesspiegel), Rutherford Changs Schau "Hundreds and Thousands" im UCCA Center for Contemporary Art, Peking (monopol), die Ausstellung "What's going on!" im Berliner Mies van der Rohe Haus (BlZ), die Schau "Haar - Macht - Lust" in der Kunsthalle München (Welt) - und, Sachen gibt's, eine Schau mit Bildern des DJs Parov Stelar im Büro des österreichischen Wirtschaftsministers Wolfgang Hattmannsdorfer (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.04.2026 - Kunst

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Dem Tod nach einer Krebserkrankung und zwei Embolien mit Anfang 70 noch einmal von der Schippe gesprungen, entwickelte Henri Matisse in seinem Spätwerk eine solche Kraft, dass Peter Kropmanns (NZZ) in der vom Centre Pompidou im Pariser Grand Palais ausgerichteten Ausstellung mit etwa 300 Werken aus den Jahren 1941 bis 1954 kaum aufhören kann zu staunen: "Dominiert wird es von Collagen aus Formen in leuchtenden Farben, die er mit der Schere aus zuvor gouachiertem Papier schnitt. Sie gelten Algen und Korallen und entstanden in Erinnerung an eine Südseereise. Aber auch menschliche Figuren zählen zu diesen Meisterwerken, darunter 'Nu bleu I-IV', vier blaue Akte. Das Motiv: eine mit verschränkten Beinen Sitzende, einen Arm an den Kopf gelegt." 

Die queere britische Malerin und Bildhauerin Marlow Moss wurde nicht nur lange Zeit übersehen, viele ihrer Werke wurden auch im Krieg zerstört, weiß Elke Linda Buchholz im Tagesspiegel. Zum Glück hat das Berliner Kolbe Museum vier KünstlerInnen zusammengebracht, die Moss' Oeuvre zum Teil aus Relikten konstruierten, freut sich die Kritikerin. Vor allem aber bestaunt sie Moss' Originale: "Die Kunst von Marlow Moss so fein und genau, dass fast automatisch Stille und Konzentration eintreten im großen Atelier. Nicht groß sind die wenigen Objekte. Ein verschlungenes Möbiusband aus makellos weißem Marmor, eine geometrisch filigran in den Raum gezeichnete Eisenkonstruktion, eine wie Origami aufgefaltete Säule aus schimmernden Metallplatten: Moss' Arbeiten verraten ein Denken in Geometrien."

Weitere Artikel: Wunderschön findet Ralph Trommel (Tsp) die große Werkschau, die das Cartoonmuseum Basel dem argentinischen Comiczeichner Jose Munoz, dem Wegbereiter der modernen Graphic Novel, nun ausrichtet. Werke aus den frühen Sechzigern bis in die Gegenwart sind zu sehen - und immer wieder erkennt Trommel den Einfluss des deutschen Expressionismus: Werke von Frida Kahlo aus der Sammlung Gelman Santander, die unter besonderem Kulturgüterschutz stehen und derzeit von einer spanischen Bank verwaltet werden, sollen 2028 nach Mexiko zurückkehren, berichtet der Tagesspiegel mit dpa. In der FAZ ist Niklas Maak untröstlich: Tobias Rehbergers Dazzle Painting in der Cafeteria des Hauptpavillons der Biennale in Venedig wurde im Rahmen der Renovierung einfach entfernt. 

Besprochen werden Tohé Commarets Film "Rosa", der aktuell im Zollamt MMK in Frankfurt zu sehen ist (FR), eine Ausstellung mit Werken des Impressionisten August Deusser in der Berliner Villa Schützenhof (Tsp), die Kerry-James-Marshall-Ausstellung in der Kunsthalle Zürich (FAZ, mehr hier), die Julian-Charrière-Ausstellung "Midnight Zone" im Kunstmuseum Wolfsburg (taz, mehr hier) und die Ausstellung "Care Matters" in der Wiener Albertina, die feministische Kunst über Care-Arbeit aus den letzten 60 Jahren zeigt (taz)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.04.2026 - Kunst

Andreas Fux, Handelszentrum Friedrichstraße, Berlin, 1985, Fotografie. Courtesy: Andreas Fux und KVOST, Berlin

Homosexualität war zwar in der DDR anders als in der BRD ab 1950 nicht mehr strafbar, gesellschaftlich akzeptiert waren Schwule und Lesben dennoch nicht, erinnert sich Henning Kober (FAS) in der auf das Berliner KVOST, das Mitte Museum, das Werkbundarchiv und das nGbK verteilten Ausstellung "Queere Kunst in der DDR? Biografien zwischen Underground und Propaganda". Zu sehen sind etwa Holz- und Linolschnitte aus Jürgen Wittdorfs Zyklus "Für die Jugend": "Sie entstanden bei längeren Aufenthalten an Sportschulen, sie zeigen junge Menschen im Sozialismus, in Gruppensituationen. 'Trainingsgespräch der Schwimmerinnen' oder 'Unter der Dusche' sind die Titel. Die nackten, jungen Männer sind nicht übermäßig idealisiert, sondern einander zugewandt abgebildet, schüchtern, neugierig und zärtlich. Für heutige Betrachter offenbart sich klar ein schwuler Blick. Wittdorf selbst kämpft dagegen zunächst an. … Mit dreißig outet er sich, beginnt erste Beziehungen. Die Parteiführung rügt ihn. … Nach der Rüge verschwanden bei Wittdorf die nackten Männer aus seinen öffentlichen Arbeiten."

Wenige Orte beeinflussten Mark Rothko auf seiner Europa-Reise im Jahr 1950 so sehr wie Florenz, weiß Hili Perlson (taz). Grund genug für Rothkos Sohn Christoph dort im Palazzo Strozzi, in der Biblioteca Medicea Laurenziana und im Museo di San Marco eine große Retrospektive zu kuratieren, die Perlson nicht zuletzt Rothkos lebenslange Suche nach "Sinn und Spiritualität" zeigt: "In einzelnen Mönchszellen des ehemaligen Klosters sind mehrere von Rothkos kleineren, nichtfigurativen Werken inmitten der kürzlich restaurierten, frühneuzeitlichen Fresken von Fra Angelico zu sehen. Auch hier, wie im Vestibül der Biblioteca Medicea Laurenziana, muss Rothko von der Spannung zwischen dichter Architektur und der Weite ihrer andächtigen Atmosphäre zutiefst beeindruckt gewesen sein. Inspiriert von seinem Besuch der Klosteranlage San Marco im Jahr 1950 überlegte Rothko sogar, wie sein Sohn der Presse erklärt, kleine Kapellen am Straßenrand zu bauen, darin ein einziges meditatives Gemälde."

Der jüdische in Berlin und Mexiko lebende Künstler Amir Fattal, der derzeit in der Berliner Dependance der Galerie König in Mexiko-Stadt ausstellt, wird in den sozialen Medien nicht nur auf die widerwärtigste Art antisemitisch bedroht, nun wurde er auch bei einer öffentlichen Führung in seiner Ausstellung von 15 maskierten Personen beschimpft. Das Spezifische an der Kunstszene in Mexiko sei, "dass ihr Hass sich nicht nur gegen Israel richtet, sondern auch gegen Kapitalismus und Gentrifizierung", erklärt er im Welt-Interview mit Gesine Borcherdt: "Die maskierten Personen kamen nicht nur mit der palästinensischen Flagge, sondern auch mit der des islamisch-iranischen Regimes: Der Iran hasst den Westen und unterstützt Hamas und Hisbollah, was zu seiner Ideologie gehört."

Weitere Artikel: Für die SZ schaut Nicolas Freund im Atelier der Bilderbuch-Künstlerin Kathrin Schärer vorbei. Das IT-System der Uffizien wurde angegriffen, vorsichtshalber wurden wichtige Stücke in Sicherheit gebracht, meldet der Tagesspiegel mit dpa. Auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ denken Hubert und Leander Winkels über die Darstellung des Todes in der Kunst nach. Im Feuilleton-Aufmacher der FAZ bewundert Stefan Trinks in der Staatsgalerie Stuttgart den von dem Maler Jörg Ratgeb geschaffenen Herrenberger Altar. Auf den politischen Seiten der FAS erkennt Stefan Trinks indes in Donald Trumps Porträts im Weißen Haus eine "Ästhetik der Einschüchterung". In der NZZ gibt Wolfgang Minaty die Hoffnung nicht auf, dass Matthias Grünewalds "Magdalenenklage" irgendwann aufgefunden wird. Besprochen wird außerdem eine Alex-Katz-Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen (Welt).
Stichwörter: Rothko, Mark, Schwule Kunst, DDR

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.04.2026 - Kunst

Simon Faithfull, Collaboration with Ant, 2023. Foto: Nick Crowe © Simon Faithfull. 


Zwei Ausstellungen über das Zusammenleben zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen schaut sich taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller im Kindl Berlin an. Die Schau "Intimacy with strangers" hat der englische Künstler Simon Faithfull kuratiert, in "Earth-ling" zeigt er, quasi als "Prolog", seine eigenen Werke. In beiden Ausstellungen findet die Kritikerin neue überraschende, auch traurige Perspektiven auf Mensch und Natur: "Weil sie so klein und verloren wirken, berühren die weißen Objekte, die Peggy Atherton in die Ecken der Räume gebettet hat. Man ahnt bald, dass die Formen in der Serie 'Roadkill' auf Tierkadavern beruhen, Vögeln, Mäusen, Eichhörnchen und Karnickeln, gefunden auf Straßen. Was sie so weiß umhüllt wie ein Leichentuch, ist Porzellan, in dessen Inneren die Tier-Skelette zu Asche verbrannt sind. Die sterblichen Reste so zu verwandeln, ist eine symbolische Handlung, um das vergangene Leben der Tiere zu ehren. Das Alltägliche als etwas Besonderes herausheben, das geschieht auch bei Pope L., der mit einer kleinen Topfpflanze, einem Löwenzahn, kriechend auf New Yorks Straßen unterwegs war, in Fotografien dokumentiert."

Besprochen wird die Ausstellung "Le Musée Sentimental de Kolumba. Eine Geschichte des Museums in 36 Objekten." Kolumba - Kunstmuseum des Erzbistums Köln (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.04.2026 - Kunst

Ein Stück Fotografie- und Kulturgeschichte Ostdeutschlands macht FAZ-Autor Freddy Langer im Kunsthaus Apolda ausfindig. Ausgestellt sind dort Mode- und Aktbilder des DDR-Fotografen Günter Rössler. Vor allem die Akte habe es Lange angetan. Als "Newton des Ostens" wird Rössler gelegentlich bezeichnet. Aber das täuscht. "Denn obwohl Rössler zeitlebens davon sprach, selbstbewusste, dabei ausnahmslos junge Frauen zu fotografieren, liegt seinen Bildern nichts ferner als Newtons Allmachtsfantasien mit Darstellungen aggressiv in Stöckelschuhen und Leder auftretender Amazonen oder allerorten lasziv hingestreckt - vom Pool über die Küche bis zum Waschsalon. Günter Rösslers Aufnahmen wirken reiner, verklärter, fast märchenhaft, als hätten sich Feen in sein Wohnhaus verirrt. Dort vor allem entstanden die Bilder, auf dem immer selben Sofa oder Sessel, vor dem immer selben Fenster, vor allem im immer gleichen Licht mit dem er die jungen Körper umschmeichelte, fast streichelte und ein ums andere Mal aus einem tiefschwarzen Hintergrund herausschälte."

Die Bonner Bundeskunsthalle zeigt zur Zeit "Sex Work - Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit". Für SZ-Kritiker Peter Littger eine Schau, die deutlich Partei nimmt für eine Normalisierung von Prostitution und gegen das "Nordische Modell", das den Kauf von Sex unter Strafe stellt - so äußert sich auch die Chefkuratorin Johanna Adam in Littgers Artikel. Der Kritiker hat sich anscheinend prächtig amüsiert: Kunstwerke von Otto Dix und Elfriede Lohse-Wächtler werden gezeigt. Und "Dass dies ganz gewiss die Fantasien aller sind, erschließt einem der Kurzfilm 'Deep Gold' von Julian Rosefeldt: Ein eleganter Herr wird angetrieben vom Schlachtruf 'Lust is a force' und streift durch eine schwarz-weiße Traumwelt der Laster und der Lust. In der Endlosschleife löst sich dabei für den Betrachter die Unterscheidung auf zwischen den einen, die mit Sex arbeiten, und den anderen, die gewissermaßen bearbeitet werden. Alleine für diesen Einblick lohnt es sich, den neuen Sextempel von Bonn zu besuchen." Problematisch scheint der Kritiker das alles überhaupt nicht zu finden. 

Weitere Artikel: Auf monopol unterhält sich Silke Hohmann mit der Kuratorin Larissa Kikol, die für den Kunstverein Hannover die Ausstellung "Under the Milky Way" zusammengestellt hat. Im Standard beleuchtet Olga Kronsteiner Mobbing-Vorwürfe gegen die Geschäftsführung des Wiener Kunsthistorischen Museums. Ebenfalls der Standard berichtet über einen spektakulären Kunstdiebstahl in Italien. Besprochen wird die Schau "Lucian Freud: Drawing into Painting" in der National Gallery, London (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.03.2026 - Kunst

Ausstellung "Wie's innen aussieht, geht niemand etwas an..." im Hoesch-Museum in Dortmund. Foto: Jürgen Spiler & Thomas Strenge


Eine spannende Ausstellung sieht SZ-Kritiker Max Florian Kühlem im Hoesch-Museum in Dortmund: Drei Monate tauchten die Fotografen Jürgen Spiler und Thomas Strenge im Jahr 1976 in das Leben der griechischen Gastarbeiter-Community ein. Die Fotos sollten damals ursprünglich bei den Dortmunder "Auslandskulturtagen" ausgestellt werden, wurden dann aber aus dem Programm genommen, so Kühlem, die Fotos waren dem damaligen Bürgermeister nicht "positiv" genug. Heute sei die Ausstellung "ein Schatz. Sie legt ein Brennglas auf die Situation von Arbeitsmigranten in einer urbanen Industrieregion. Die Fotografen tauchten etwa in das religiöse Leben in einer griechisch-orthodoxen Kirche ein oder in das reiche Familienleben in einer kleinen Dortmunder Wohnung, wo jeder Quadratzentimeter mit geladenen Gästen und geteilten Speisen gefüllt ist. 'Für uns war es völlig neu, dass nicht jeder einen Teller und Besteck hatte', erinnern sie sich. 'Wir haben uns abgewechselt. Der eine saß mit am Tisch, der andere konnte fotografieren. Wenn man die Fotos genauer anguckt, sieht man ja, dass die Leute kaum in die Kameras geguckt haben. Die haben sich selbst gar nicht so dargestellt, sondern sie haben sozusagen einfach ihre Situation zelebriert."

Weiteres: In der FAZ resümiert Paul Ingendaay die Debatte um das Picasso-Gemälde "Guernica": die baskische Regierung hat erneut die Forderung gestellt, das Bild in der Region ausstellen zu können, das Madrider Reina-Sofía-Museum rät aus konservatorischen Gründen von einem Transport ab. Nach einem langen Restitutions-Streit geben die Pinakotheken in München Lesser Urys Gemälde "Interieur mit Kindern" an die Erben zurück, berichet Gabi Czöppan im Tagesspiegel.  Benno Schirrmeister schreibt in der taz einen Nachruf auf den Schweizer Künstler Roger von Gunten, der kürzlich verstorben ist. Besprochen wird die Ausstellung "Skandal! Hermione von Preuschen und der Mors Imperator" in der Alten Nationalgalerie in Berlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.03.2026 - Kunst

Alicja Schindler empfiehlt in monopol den Instagram-Account der Künstlerin SAGG Napoli, der für sie selbst etwas von einem (sehr disziplinierten) Kunstwerk hat. Aus dem italienischen Städtchen Mamiano di Traversetolo wurden wertvolle Bilder von Cézanne, Renoir und Matisse gestohlen, meldet der Standard.

Besprochen wird die Ausstellung "Alex Katz - Dancing With Reality" in der Kunsthalle Tübingen (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.03.2026 - Kunst

Das Museum für Zeitgenössische Kunst in Teheran. Foto: MRG90 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0


Leon Igel erzählt in der NZZ die Geschichte des Museums für zeitgenössische Kunst in Teheran, das eine der bedeutendsten Sammlungen moderner Kunst weltweit besitzt. Für Farah Pahlavi, die Ehefrau des Schahs, sollte das Museum ein Zeichen sein, dass der Iran in der Moderne angekommen war. Was natürlich nur zum Teil stimmte, wie sich bei der Eröffnung im Oktober 1977 zeigte: "Durch die Gänge tanzten Performancekünstler aus aller Welt. Für die einfache Bevölkerung muss das ein komisches Bild gewesen sein. Sie verstanden kaum, was sie da sahen. Nicht einmal die Hälfte der Menschen in Iran konnten zu diesem Zeitpunkt lesen und schreiben, von avantgardistischer Performancekunst hatten die wenigsten je gehört." Nach der Revolution erlaubte das islamische Regime erst ab 1999 wieder einzelne Ausstellungen westlicher Künstler im Museum. "Was gezeigt werden darf, bestimmt das Regime. 2025 stellte das Museum seine Picassos aus", achtete allerdings sorgfältig darauf, dass nackte Frauen im Depot blieben. "Die Kunst ist zu einem Ventil der Macht geworden. Das Regime lässt Ausstellungen zu, schafft kleine Freiräume, gibt den Unzufriedenen das Gefühl von Freiheit." Im Moment ist die Website des Museums nicht abrufbar.

Weitere Artikel: Gunnar Meinhardt unterhält sich für die Welt mit der Malerin Rosa Loy über Kunst, Musik und Rammstein: "Von Till Lindemann können wir sehr gut lernen, wie wir mit Verwerfungen im Leben umgehen: Erfahrungen und Brüche werden thematisiert und im besten Fall zu Kunst." In der FAZ gratuliert Freddy Langer dem Bildhauer Claus Bury zum Achtzigsten.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Zeichnungen von Lucian Freud in der National Portrait Gallery in London (Welt), die Fotoausstellungen von Peter Hujar/Liz Deschenes, "Persistence of Vision", im Berliner Gropius Bau und von Peter Hujar, "Eyes Open in the Dark", in der Bundeskunsthalle Bonn (FAS), die auf vier Berliner Häuser verteilte Ausstellung "Queere Kunst in der DDR?" (tsp) und zwei Berliner Ausstellungen, die mit Farbe und Licht spielen: von Zilla Leutenegger in der Galerie Judin und von Viola Bittl in der Galerie Walter Storms (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.03.2026 - Kunst

Einst schrieb der britisch-guyanische Maler Frank Bowling an John Berger, er wolle "nur sein Volk malen: Schwarze". Zum Glück orientierte er sich aber bald an einem Verständnis von Kunst als reiner Ästhetik, erkennt Ben Eastham (Guardian) in der Ausstellung "Seeking the Sublime" im Fitzwilliam Museum in Cambridge. Denn Freiheit fand Bowling erst im abstrakten Expressionismus, auch wenn das Politische in seinen Werken blieb, wie etwa das Bild "Lenoraseas" von 1976 zeigt: "Diese Anordnung von Farbe und Form bietet mehr als nur ihre wunderbar ansprechenden optischen Effekte. Da ist zunächst die physische Oberfläche des Gemäldes, eine gebirgige Landschaft aus Graten, Ebenen und Tälern, die durch den Farbauftrag entstanden ist. Dann ist da der Titel, der (unter anderem) auf das Dorf Lenora in Guyana anspielt, wo der Essequibo-Fluss in den Atlantik mündet. Das heißt, es handelt sich sowohl um ein abstraktes Gemälde als auch um eine Flussdarstellung. ... Es ist ein Zeugnis persönlicher und gesellschaftlicher Geschichte, da dieser Fluss in das Gewässer mündet, das der Künstler und seine Vorfahren unter anderen Umständen durchquerten."

Sophie Jung kann sich in der taz nur wundern: Iran, Saudi-Arabien, Katar und Russland sind mit Pavillons auf der Biennale in Venedig zum Teil in den Giardini vertreten, Israel rückt indes ins Abseits ins Arsenale. Und nun soll auch die südafrikanische Künstlerin Gabrielle Goliath ihr umstrittenes Performance-und Filmprojekt "Elegy" zeitgleich zur Biennale in der Chiesa di Sant'Antonin zeigen: "Goliath hätte eigentlich den Pavillon Südafrikas bespielen sollen. Der bleibt nun aber leer, nachdem Südafrikas Kulturminister Gayton McKenzie 'Elegy' abgesagt hatte. Es sei 'höchst spaltend', tritt es doch in die ideologisch umkämpfte Deutung des Gazakriegs ein. Goliath erzählt darin unter anderem von zwei Nama-Frauen, die von deutschen Kolonialisten ermordet wurden, und sie zieht eine Parallele zu der palästinensischen Dichterin Hiba Abu Nada, die im Oktober 2023 bei einem israelischen Luftangriff in Chan Junis umgekommen ist." Goliath war juristisch erfolglos gegen die Entscheidung McKenzies vorgegangen, nun wird sie "Elegy" abseits der Biennale zeigen.

Hintergründe lieferte Philip Oltermann bereits am Mittwoch im Guardian. So distanzierte sich McKenzie von der Position der vorherigen Regierung Südafrikas, die 2023 Klage gegen Israel wegen Völkermords einreichte: "McKenzie sprach sich jedoch weiterhin für den israelischen Staat aus und sagte der Zeitung Daily Maverick: 'Dort findet kein Völkermord statt.'" Der Krieg in Gaza werde in Goliaths Werk zwar nicht direkt thematisiert, so Oltermann. Aber die Künstlerin verweist in einer kuratorischen Erklärung auf "ein Gespenst des Völkermords" und spricht von "Tausenden von Frauen, Kindern und Zivilisten, die in Gaza getötet wurden". Der südafrikanische Pavillon bleibt indes nun leer.

Weitere Artikel: Von Krise keine Spur - der Kunstmarkt boomt, bemerkt Philipp Meier in der NZZ auf der Art Basel in Hongkong. Schon kurz nach Eröffnung waren viele bedeutende Werke, etwa von Picasso, Tracey Emin oder Louise Bourgeois verkauft. Im taz-Gespräch mit Pauline Cruse kündigt Alhena Caicedo, seit 2022 Direktorin des Kolumbianischen Instituts für Anthropologie und Geschichte, an, die San-Augustin-Statuen, die durch den Ethnologen Konrad Theodor Preuss nach Deutschland geschafft wurden und heute im Ethnologischen Museum in Berlin lagern, zurück nach Kolumbien zu holen. 

Besprochen wird außerdem eine Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle an der Saale, die die Schamanin von Bad Dürrenberg zeigt: Es handelt sich um die Überreste einer Frau, die in der Mittelsteinzeit vor etwa 9000 Jahren zeigt und den Ursprüngen des Schamanismus nachgeht (FAZ, SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.03.2026 - Kunst

Klara Lidén, 2007/2026; Foto: Frank Sperling.

Beate Scheder (taz) kann kaum glauben, dass mit "Kunstwerke" im KW Institute for Contemporary Art erst jetzt eine Überblicksschau zum Werk der schwedischen Künstlerin Klara Lidén zustande gekommen ist, gelinge es der Fotografin doch seit zwanzig Jahren mit Witz und Wehmut Orte zu zeigen, die wir sonst kaum wahrnehmen: "Sie steigt mit der Kamera in die Seine ab. Oder in Gullys, unter den Teppich, in einen Papierkorb oder einen Kühlschrank. Und das Umnutzen, wenn die Künstlerin urbanes Inventar in die Kunst überführt. Vom 'Un-building' spricht sie dann selbst. Mülleimer. Baustellendurchgänge für Fußgänger:innen. Straßenleuchten. Leicht manipuliert dann oft. Eine Apothekenleuchte ohne das A. Ein Bushaltestellenschild ohne Text. Billboards, die nichts mehr anzeigen. Bis man sich beim Betrachten fragt, was das eigentlich für eine merkwürdige Welt ist, die wir uns da gebaut haben. Lidén stellt sie aus, führt sie vor, baut sie um."

"Tirailleurs" wurden die für die französische Armee oft unter Zwang rekrutierten schwarzen Soldaten aus den Kolonien genannt, weiß Nicola Kuhn (Tsp) - und erst langsam beginnt man sich in Frankreich, aber auch in Deutschland für sie zu interessieren, wie aktuell die Ausstellung "Vom Kanonenfutter zur Avantgarde" im Berliner HKW zeigt. Und: "Kanonenfutter sind afrikanische Soldaten geblieben, wie eine Recherche des Dresdner Videokünstlers Mario Pfeifer eindrucksvoll demonstriert. Er traf zwei Rekruten aus Kamerun, die für die russische Armee angeworben wurden, um in der Ukraine zu kämpfen. Bei der Unterzeichnung ihres Vertrags wussten die beiden Männer davon nichts und hofften stattdessen wie 150 Jahre zuvor ihre Landsleute auf gute Bezahlung, wie sie anonymisiert in Pfeifers Film erzählen. Außerdem stellten ihnen die Anwerber Aufenthaltsgenehmigungen, Ausbildungsplätze für die Kinder und Jobs für die Ehefrauen in Aussicht. Nichts stimmte davon. Nachdem sie desertieren konnten, leben sie heute traumatisiert fern der Familie."

Besprochen werden außerdem eine sechzig Jahre umfassende "Leistungsschau" zum Fotorealismus im Museum Frieder Burda in Baden-Baden (FAZ) und die Constantin-Brancusi-Ausstellung in der Berliner Neuen Nationalgalerie (Zeit, mehr hier).