Fotolot

So gut wie unmögliche Privatheit

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen Von Peter Truschner
10.12.2025. Der Fotograf und Foto-Archäologe Arthur Bondar hat eine großartige Fotografin wiederentdeckt: Olga Ignatovich. Sie fotografierte im Zweiten Weltkrieg, auch bei der Befreiung von Auschwitz. Aber ihre Fotos sind anders als die bekannten Zeugnisse. Noch hat das Archiv keinen festen Platz gefunden, muss Bondar es in Koffern und Schachteln von einem Ort zum anderen transportieren - glücklich die Stiftung oder Institution, die die Gelegenheit einmal beim Schopf packt, und sie ihrem Bestand einverleibt. Vorerst bleibt ein großartiges Buch.
In diesem Jahr habe ich, abseits von Fotolot, in Artikeln und Interviews kundgetan, wie sehr mir die Vergangenheitsseligkeit in Kunst und Kultur missfällt. Dem nicht enden wollenden Strom an Sachbüchern, Romanen, Filmen und TV-Dokumentationen zum Themenkomplex WWI und WWII hat sich nun auch noch die Ostalgie "Es war einmal in der DDR" hinzugesellt. 

Selten, aber doch, kommt es vor, dass es dabei eine echte Entdeckung gibt, etwas, das bis dahin ganz im Verborgenen blühte, oder aber dem kollektiven Vergessen anheim gefallen war, um nach Jahrzehnten wieder ins Licht der Öffentlichkeit gerückt zu werden. 

Olga Ignatovich © Archiv Arthur Bondar


Um eine solche Entdeckung geht es in diesem Beitrag, und es ist dabei kein Zufall, dass sie dem nimmermüden Engagement eines Mannes zu verdanken ist, der bereits in der Anfangszeit von Fotolot einen echten Hit landen konnte: Arthur Bondar

2018 habe ich die bis dahin unbekannten Fotografien von Valery Faminsky vom Einzug der Roten Armee in Berlin vorgestellt, die Bondar in dem Buch "Valery Faminsky: Berlin 1945" versammelt hat, mit dem zugleich die Erfolgsgeschichte des Berliner Verlags "Buchkunst Berlin" begann. Das Buch stieß mit Recht auf großes mediales Interesse, wurde mehrmals neu aufgelegt, und die Fotografien in mehreren Ausstellungen gezeigt.
 
Nun hat Bondar einen weiteren Coup gelandet.
 
1983 in der Ukraine geboren, arbeitet er nach dem Studium der Fotografie für internationale Medien und Agenturen. Seine Arbeiten für Time, die New York Times und Le Monde bringen ihm unter anderem den Preis von National Geographic (2011) und eine Nominierung für den Prix Pictet (2016) ein.

Olga Ignatovich © Archiv Arthur Bondar


Spezialisiert auf die Fotografie von Konfliktherden und Krisenregionen, wird er 2016 auf einer Online-Plattform auf Fotografien aufmerksam, die den erbarmungswürdigen Zustand der Roten Armee gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zeigen: zerlumpte, ausgezehrte, verwundete und tote Soldaten - Bilder, die zu veröffentlichen in der Sowjetunion unmöglich war, so wie es das heute auch wieder ist.

Etwas, das nicht nur auf Russland beschränkt ist. "Ob Russland, Ukraine oder Polen - niemand will etwas mit den dunklen Seiten der eigenen Vergangenheit zu tun haben. Eine objektive Aufarbeitung gerade des Zweiten Weltkriegs ist nie in Angriff genommen worden", sagt Bondar, der mit der Zeit ein riesiges Archiv zu Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut hat, von dem dreißigtausend Negative gescannt wurden, aber rund fünfzigtausend noch nicht einmal ausgepackt worden sind. 

Nachdem Bondar und seine Partnerin, die Installationskünstlerin Oksana Yushko, die ihn bei der Arbeit am Archiv tatkräftig unterstützt, sich bei ihren Ein- und Ausreisen in Russland mit immer längeren Verhören konfrontiert sahen (das letzte davon dauerte acht Stunden), brachten sie das Archiv über Georgien nach Deutschland, wo sie derzeit auf offizielle Einladung hin eine Künstlerresidenz in der Nähe von Hamburg nutzen können, und auf die Verlängerung ihres Visums hoffen.

Nach Valery Faminsky präsentiert Bondar nun die Arbeiten der vergessenen, russischen Kriegsfotografin Olga Ignatovich
Das Buch ist eine kleine Sensation.

Olga Ignatovich © Archiv Arthur Bondar


Olga Ignatovich wird 1905 auf damals russischem Staatsgebiet im heute polnischen Lodz geboren.

Nach dem Tod des Vaters lässt sich die Familie 1920 in Moskau nieder. Beruflich schließt sich Olga ihrem Bruder Boris an, ein bereits bekannter Fotograf bei der Moskauer Tageszeitung Bednota, und wird zuerst seine Assistentin, dann selbst Fotografin, die für unterschiedliche Zeitungen arbeitet.

Wie in Deutschland oder den USA, waren die zwanziger Jahre auch in Russland voller bis dahin unbekannter Möglichkeiten für Frauen, Berufen nachzugehen, die ihnen vorher verschlossen waren. Einige Frauen übten erfolgreich den Beruf einer Fotografin aus, etwa Maria Kalashnikova und Evgenia Lemberg, die durch Alexander Rodchenkos Foto "Girl with a Leica" kurz überregionale Berühmtheit erlangte. 

Mitte der Dreißiger Jahre wurde Olga fest angestellte Fotografin bei der Moskauer Tageszeitung Vechernyaya. Sie verkörperte einen neuen Frauentyp: Sie trug Hosen und eine Pilotenjacke aus Leder, rauchte, fuhr höllisch schnell Motorrad und betrieb Fallschirmspringen als Hobby.

Olga Ignatovich © Archiv Arthur Bondar



1941 ist ihr Bruder Boris Kriegsberichterstatter an der Front und dokumentiert den Kampf um Moskau im Winter 41/42, Olga schließt sich ihm kurz darauf an. Während Boris jedoch 1943 nach Moskau zurückkehrt, führt Olga ihre fotografische Arbeit an der Front fort: Sie fotografiert die Befreiung Polens und der Tschechoslowakei von der deutschen Besatzung durch die vorrückende, russische Armee, und war auch beim Einmarsch in Berlin dabei. Ihre Fotos von den Konzentrationslagern Auschwitz und Majdanek aus den Jahren 1944/45 wurden später als Beweismittel in den Nürnberger Prozessen verwendet. 

Einige russische Fotografinnen haben den Zweiten Weltkrieg dokumentiert, wie Natalia Bode und Galina Sanko, wurden aber - wiederum nicht anders als in Deutschland und den USA - in der regressiven, bleiernen Nachkriegszeit weitgehend aus den Annalen getilgt.

Bei Olga Ignatovich kam erschwerend hinzu, dass sie und ihr Bruder ihre Arbeiten während des Kriegs beide nur mit "Ignatovich" unterzeichneten, und Olgas Arbeiten nach 1945 durchweg ihrem Bruder zugeschrieben wurden.

Was auch damit zu tun hat, dass sie wieder als Assistentin für ihren Bruder zu arbeiten begann, der lukrative Aufträge des Kreml bekam. Unter seinen diversen Veröffentlichungen in den folgenden Jahren dürften sich so einige Fotografien befinden, die von Olga stammen. In den 1960er Jahren nimmt sie eine Arbeit als Illustratorin bei einem russischen Verlag an, von da verliert sich ihre öffentliche Spur bis 1984, als sie in einem Moskauer Sterberegister auftaucht.

In Ignatovichs Fall stimmt einmal, was die Kunsthistorikerin Irina Chmyreva behauptet: dass sie einen weiblichen Blick aufs Kriegsgeschehen offenbaren.

Obwohl meist an vorderster Front gemacht, dokumentieren die Fotos weniger ein gewalttätiges, geschweige denn heldenhaftes Kampfgeschehen und den dabei unweigerlichen Blutzoll, sondern vielmehr das Sozialleben der Soldaten, Momente der Stille und kostbarer, weil aufgrund der Situation so gut wie unmöglicher Privatheit.

Olga Ignatovich © Archiv Arthur Bondar


Auch in Auschwitz konzentrieren sich die Fotos nicht auf die bekannten, grauenvollen Bilder körperlicher Entbehrung und die Spuren erlittener, unvorstellbarer Gewalt an Körpern und in den Gesichter der befreiten Todgeweihten, sondern zeigen sie aus der Nähe, im Aufeinandertreffen mit russischen Soldaten und polnischer Zivilbevölkerung. 

Arthur Bondar hat Olga Ignatovichs unter schwierigsten Bedingungen entstandenes, eindrucksvolles Werk in einem bemerkenswert schön gemachten Buch - Klappeinband aus grauem Leinen, schwarze und weiße Lettern im Tiefdruckverfahren - nun einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht, viele der Fotos waren bisher noch nie zu sehen.

Noch hat das Archiv keinen festen Platz gefunden, muss Bondar es in Koffern und Schachteln von einem Ort zum anderen transportieren - glücklich die Stiftung oder Institution, die die Gelegenheit einmal beim Schopf packt, und sie ihrem Bestand einverleibt.

Bis dahin gibt eine großzügige Auswahl daraus auf einer Webseite zu sehen, die Bondar auch aus dem Grund angelegt hat, weil eben nicht alle in ihren jeweiligen Ländern Zugriff auf diese Bilder haben, die jede ideologisch verklärte und propagandistisch aufbereitete Vergangenheit als Lüge entlarven.

Die Webseite bietet auch die Möglichkeit, das Buch direkt bei Bondar zu bestellen.

Einerseits ist das wichtig, um Bondar finanziell bei dessen Tätigkeit zu unterstützen; anderseits ist es sehr wahrscheinlich, dass sich, wie bei Valery Faminsky, viele, die sich weltweit für den Zweiten Weltkrieg interessieren, alsbald auf das gerade erst auf der Paris Photo vorgestellte Buch stürzen werden, und es nicht lange dauert, bis die erste Auflage vergriffen ist. 
























Bald ist Weihnachten, und so kann ich allen Lesern und Leserinnen nur raten, zuzuschlagen, erst recht, da das Buch trotz seiner umfangreichen Vorarbeiten und hochwertigen Machart nur fünfzig Euro kostet.


Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de

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