Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.04.2020 - Musik

Für ZeitOnline hat Jens Uthoff bei der "Liveness"-Forscherin Melanie Wald-Fuhrmann nach den erwartbaren Gründen dafür gefragt, warum ein Onlinekonzert bei weitem nicht so befriedigend ist wie ein vor Ort miterlebtes Konzert - etwa weil "wir nicht nur mit den Ohren hören, sondern mit der ganzen Körperoberfläche".

Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, darunter Thundercats neues Album "It Is What It Is", auf dem der Künstler laut SZ-Popkolumnist Julian Dörr "seinen inneren Beach Boy entdeckt". Dazu gibt es ein tolles Video:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.03.2020 - Musik

Die Popszenen der afrikanischen Länder reagieren, wachgerüttelt von ersten Todesfällen in den eigenen Reihen, nun verstärkt auf das Coronavirus, berichtet Jonathan Fischer. Zupass kommt dabei, dass der populäre Soukous-Stil (dessen populäres Aushängeschild Aurlus Mabélé zu den Corona-Toten zählt) eine sehr optimistische Angelegenheit ist: "Was ließ sich nicht alles zu seinen klingelnden Gitarren und Engelsgesängen wegtanzen: Depression, Armut, ja selbst der von Gewalt und Korruption geprägte Alltag. Afrikanischer Pop war schon immer mehr als Unterhaltung. ... Viele Künstler reagieren auf ihre Weise - mit Corona-Songs. So haben die kongolesischen Sänger Koffi Olomide und Fally Ipupa jeweils von daheim aus Hygiene-Botschaften in Umlauf gebracht. 'Les bisous stop!' (Schluss mit Küsschen) singt Ipupa in seiner Händewasch- und-Daheimbleib-Hymne."



Die (ihrerseits auf einem Sample aus diesem 60s-Soul-Stück basierenden) Breakbeats aus den Neunzigern kommen wieder und schreiben sich in die Musik der Zwanzigzwanziger ein, beobachtet Philipp Rhensius in einem großen Rundumschlag für die taz. Daraus entsteht "geballte Gegenwart", schwärmt er. Etwa im Fall des Gqom-Stils von Citizen Boy & Mafia Boyz aus Durban/Südafrika, bei denen "düstere Soundlandschaften auf ultrareduzierte Beats treffen." Womöglich habe "diese neue Lust am Breakbeat (...) auch etwas mit der Ideenlosigkeit einer Welt zu tun, die immer öfter binär, konservativ und vor allem linear denkt." Wir hören rein:



Vor lauter Onlinekonzerten kommt man ja kaum noch dazu, das Social-Distancing mit der tiefenentspannten Demut eines Eremiten zu absolvieren, klagen Carolin Gasteiger und Theresa Hein in der SZ. 19 Uhr, die Qual der Wahl: Igor Levit, der sich als abendlicher Standard längst etabliert hat, oder doch lieber die Live-Übertragung aus dem Münchner Klavierhaus mit Andreas Skouras? "Die Neugier verlangt, auch dort mal reinzuklicken. Kaum stehen die Programme mit beiden Konzerten gleichzeitig offen, wirkt es, als hämmerten Skouras und Levit wild gegeneinander an, der eine Bach, der andere Beethoven, ein Piano-Duell der Giganten. Das dann allerdings bald durch Abstimmung per Mausklick entschieden wird - bei Skouras werden nur 36 Zuschauer angezeigt. Zieht es uns, in diesem neuartigen Quotenrennen, dann doch eher zu den Gewinnern?"

In der Neuen Musikzeitung hält Moritz Eggert die Musikbranche an, trotz allen Einschnitten hoffnungsvoll zu sein: "Tatsächlich hat man noch nie einen derartigen Zusammenhalt in der Musikszene erlebt" und nicht zuletzt liege "in der momentanen Stille die Chance, den wahren Wert von Musik wieder so intensiv und innig zu begreifen, dass wir den sicherlich sehnsüchtigen offenen Ohren und Herzen nach der Krise möglichst authentisch davon erzählen können."

Zusammenhalt und Hoffnung wie von kaum einem zweiten geht in diesen Tagen von diesem Video des Orchestre National de France aus:



Weiteres: Sabine Seifert begleitet den Sänger Wilko Reinhold für die taz bei der Online-Odyssee an einen Antrag für Staatshilfe zur Überbrückung der Corona-Krise zu kommen. Amira Ben Saoud plaudert im Standard mit dem Sänger Mavi Phoenix.

Besprochen werden Bob Dylans neuer Song "Murder Most Foul" ("raunt und mäandert kraftlos dahin", winkt Alan Posener in der Welt ab, "ein lyrischer Teppich, auf dem Dylan nicht weniger als das 20. Jahrhundert zu Grabe trägt", schwärmt Marc Ottiker im Freitag), Jah9s "Note To Self" (FR), das neue Album von Porridge Radio (Jungle World), das neue Album von Pearl Jam (Tagesspiegel), neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine CD von Matthias Goerne und Jan Lisiecki mit Beethoven-Liedern (SZ), und das neue Album der Gospel-Punks von Algiers (SZ). Daraus ein Video:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.03.2020 - Musik

Ein abtrünniger, freier Geist: Krzysztof Penderecki (Bild: Akumiszcza/Wikipedia, CC BY 3.0)

Große Trauer um den polnischen Komponisten und Dirigenten Krzysztof Penderecki, den spirituellen Avantgardisten, der von der Neuen Musik zurück zum sinfonischen Klang des 19. Jahrhunderts wanderte und damit "zum quasi spätromantischen Klassiker der gemäßigten Moderne" wurde, schreibt Ljubisa Tosic im Standard. Manchem galt er daher als "Abtrünniger", für Welt-Kritiker Manuel Brug war er hingegen das Paradebeispiel eines "freien Geists", einer der für "gloriose Hardcore-Musik aus dem Osten" stand, zum Glauben in der Musik fand und "zunehmend an der Schroffheit und Publikumsabgewandtheit der zeitgenössischen Musik und ihrer Dogmen" verzweifelte. So sagte er selbst über sich: "Meine Rückkehr zur Tradition hat mich vor der versteinernden Avantgarde des Formalismus gerettet."

Penderecki war "ein Komponist der Leidenschaft, des Lebendigen, auch des Genusses", dessen "Lebensgier" Helmut Mauró in der SZ auch als Reaktion auf "das Grau der Vor-Solidarnosc-Zeit" deutet. Und er war ein Pionier der Sonoristik, hät Jan Brachmann in der FAZ fest, also der "Verwendung von Klangfarben jenseits eines tonalen Systems" und "wollte die Sprachfähigkeit von Musik zurückgewinnen, nachdem der Serialismus nach dem Zweiten Weltkrieg das Kontinuum der Sprachhaftigkeit von Musik hatte abreißen lassen." Als Dirigent war Penderecki "ein ausgefuchster Praktiker, der die Klänge, die er komponierte, genau hörte und dosierte", schreibt Wolfram Goertz auf ZeitOnline, fügt aber auch hinzu, dass "dieser Klangluxus manchmal freilich ans Geschmäcklerische grenzte". Weitere Nachrufe in der FR und im Tagesspiegel. Kaum ein Nachruf lässt unerwähnt, dass auch große Filmregisseure wie William Friedkin und Stanley Kubrick sich in Pendereckis Werk für ihre Filme bedient haben. Ein spektakulärer großer Einsatz erfolgte vor wenigen Jahren in der mittlerweile legendären achten Episode von David Lynchs dritter "Twin Peaks"-Staffel:



Weitere Artikel: In der SZ staunt Michael Stallknecht über das Hausmusik-Projekt "Music never sleeps NYC", "das bislang beeindruckendste unter den vielen Überlebenszeichen, die die Klassik in den Zeiten der Konzertsaalschließungen zu geben versucht". Für die Zeit porträtiert Christian Staas die Saxofonistin Muriel Grossmann, eine Pionierin des Spiritual-Jazz-Revivials, deren Musik "nicht einlullt, sondern einen Zustand gesteigerter Wachheit" hervorruft. Stefan Hentz (NZZ) und Hans-Jürgen Linke (FR) gratulieren Eric Clapton zum 75. Geburtstag. 80 Jahre alt wird die Bossanova-Sängerin Astrud Gilberto, dem Jörg Wunder im Tagesspiegel gratuliert.

Besprochen werden Bob Dylans neues Song-Epos "Murder Most Foul" (FR, Welt, mehr dazu bereits hier), Shabaka and the Ancestors' Album "We Are Sent Here by History" (Pitchfork) und neue Musikveröffentlichungen, darunter Beethovens "Leonore" in einer Aufzeichnung des Freiburger Barockorchesters unter René Jacobs (FAZ).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Alexander Müller über "Waiting Room" von Fugazi:

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Stichwörter: Penderecki, Krzysztof

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.03.2020 - Musik

Mit "Murder Most Foul" (immerhin 17 Minuten lang!) meldet sich Bob Dylan erstmals seit acht Jahren mit einer Eigenkomposition zurück. Mit der "Last von 60 Karrierejahren" singt Dylan hier von der Ermordung Kennedys, erzählt Daniel Gerhardt auf ZeitOnline. Schon heißt es, Dylan besinge hier das Ende Amerikas inmitten der Pandemie, auch wenn das Stück wahrscheinlich vor Jahren aufgenommen wurde. "Die Unmittelbarkeit seines Vortrags und die Zeiten des Ausnahmezustands, in die hinein er das Stück veröffentlicht, könnten den womöglich letzten großen Moment des ultimativen Popgroßkünstlers markieren. Natürlich kann man 'Murder Most Foul' mit Textmarker in der Hand und amerikanischem Geschichtsbuch auf dem Schoß hören, seine Zeilen und Verweise quasi-wissenschaftlich abarbeiten, wie es die sogenannten Dylanologen in den kommenden Wochen sicherlich tun werden. Ebenso vielversprechend erscheint in diesen Tagen jedoch der direkte Zugang: hören und dann mal schauen, wohin das Lied einen weht."



Aufgefordert oder unaufgefordert setzt sich dieser Tage so ziemlich jeder vor eine Kamera, der schon mal eine Platte verkauft hat. "Das virtuelle Musikmachen hat sich zu einem Sichtbarkeitswettbewerb entwickelt, zu dem sich selbst die Musiker:innen verhalten müssen, die sich aus den sozialen Netzwerken bisher herausgehalten haben", schreibt dazu Hartmut Welscher in VAN. Wird jetzt alles anders, kommt jetzt das große digitale Arkadien? Welscher zweifelt: Bisherige Streamingangebote der Kulturhäuser waren vor der Krise nicht gerade der große Renner. "Sie blieben immer eher ein Nice-to-Have-Marketing-Instrument. Diejenigen, die im Streaming das Gewand der Innovation erkennen, der durch die Krise zum Durchbruch verholfen wird, müssten zeigen, was sich auf Rezipientenseite post-Corona so grundlegend geändert hat, dass ein virtuelles Konzert plötzlich auch ohne Kontaktsperre attraktiv bleibt."

Für die taz spricht Julian Weber mit Elizabeth Wilson über Schostakowitsch, über den sie dieser Tage einen dank Corona abgesagten Vortrag gehalten hätte. Sie erzählt von einem Komponisten, der jahrzehntelang prekär lebte: "Weil er eine sensible Persönlichkeit war, hat er den Krisenzustand umso heftiger wahrgenommen und in seine Musik eingeschrieben. Was hätte Schostakowitsch zum Coronavirus gesagt? Durch die Erfahrung der Armut, in der er aufwuchs, war er für seine penible Reinlichkeit bekannt. Er hätte sich jetzt ständig die Hände gewaschen."

Weitere Artikel: Frederik Hanssen erkundigt sich für den Tagesspiegel nach der Lage am Berliner Konzerthaus und der dort tätigen Musiker. Silvia Silko berichtet auf ZeitOnline vom Kummer mancher Adele-Fans, die den in letzter Zeit verlorenen Pfunden der Popmusiker hinterhertrauern. Juliane Liebert zeichnet in der SZ den turbulenten Werdegang von Bobby Conn nach, der mit "Recovery" gerade ein neues Album veröffentlicht hat. In der VAN-Reihe über Komponistinnen schreibt Arno Lücker über Tania Léon. Im Logbuch Suhrkamp erinnert sich Rüdiger Esch, Krupps-Musiker und Düsseldorfer Pop-Historiker, an Gabi Delgado von DAF (weitere Nachrufe hier und dort).

Besprochen werden Mark Fishers Essaysammlung "k-punk" (Zeit), Mozart-Aufnahmen des Ensemble Resonanz ("kantig und perfekt getimt", freut sich Christian Hartmann in der NZZ), Caribous neues Album "Suddenly" (The Quietus) und das neue Album von Pearl Jam (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.03.2020 - Musik

In seinem SZ-Porträt geht Thomas Steinfeld vor dem schwedischen Jazzposaunisten Nils Landgren auf die Knie. Nicht nur dessen agilen Umgang mit seinem gewichtigen Instrument schätzt er sehr: "Es gibt Szenen, vor allem nach Soli, in denen er die Posaune plötzlich mit der linken Hand nach hinten schleudert, beinahe so, als wäre er Prince, wie er die Gitarre von sich wirft." Auch spielerisch ist dieser "Virtuose" im Umgang mit der Posaune ein Traum: "Er kennt Wandlungen und Feinheiten, die man einem solchen Rohr kaum zugetraut hätte. Vermutlich wäre er in der Lage, 'Giant Steps' zu spielen, während er seine Posaune auseinandernimmt und wieder zusammenbaut." Ein aktuelles Album:



Weitere Artikel: Eine Gruppe bolivianischer Gastmusiker, einige davon minderjährig, ist im Zuge von Corona in Brandenburg in der Quarantäne gestrandet, berichtet Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Im Standard schildert Karl Fluch die momentane Lage der österreichischen Musikschaffenden. Aron Boks hat sich bei der Berliner DJ Marlene Stark erkundigt, wie sie mit der Corona-Krise und den damit verbundenen massenhaften Absagen umgeht. Youtube-Veteran Rezo gibt auf ZeitOnline allen Streaming-Anfängern, die gerade erst für sich die Möglichkeit des Live-Streamings entdecken, Hilfestellung. Steen Lorenzen spricht im Tagesspiegel mit Karl Hyde vom Electro-Duo Underworld. Außerdem spricht Gunda Bartels für den Tagesspiegel mit dem Liedermacher Manfred Maurenbrecher.

Besprochen werden Morrisseys neues Album "I Am Not A Dog On A Chain" ("ziemlich toll", meint Frank Junghänel in der FR, dessen durchaus eingedenk, dass Morrissey in den letzten Jahren mit müffelnden politischen Statements einiges an kulturellem Kapital eingebüßt hat). Waxahatchees Album "Saint Cloud" (Pitchfork), J Balvins "Colores" (Pitchfork) und Dia Lipas Album "Future Nostalgia" (Pitchfork). Daraus ein Video mit hübsch pushendem Pop:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.03.2020 - Musik

Was die Auftrittsverluste für Künstler, hier für Musiker bedeuten, lässt sich Manuel Brug für die Welt von Sonia Simmenauer erklären. Sie betreibt Kammermusikagentur mit 16 Mitarbeitern, die derzeit alle in Kurzarbeit sind. Den Kopf will sie trotzdem nicht hängen lassen: "Einiges wird in den kommenden Monaten kaputt gehen, irreparabel: Agenturen, Ensembles, Künstlerkarrieren, ganze Festivals. Da ist Sonia Simmenauer sich sehr sicher. Skeptisch ist sie gegenüber staatlichen Hilfen: 'Wir Vermittler sind doch nur kleine Fische, bis das Futter von oben bei uns ankommt, wird es dauern.' Aber die Impresaria sagt auch: 'Es wird wieder neu anfangen, hochfahren. Und dann werden wir sehen, was noch da ist. Und vielleicht wird dann alles weniger hektisch, ruhiger, nicht so heiß laufend. Es war wie alles in der Welt, zu schnell, überdreht, zu global.'"

Neue technologische Errungenschaften in Sachen Bild und Klang und noch dazu die Aussicht darauf, dass das ZDF seine Mediathek nach dem neuen Telemediengesetz unabhängig vom linearen Programm zu einer Streaming-Schatzkiste ausbauen könnte: Max Nyfeller freut sich in der FAZ geradezu euphorisch auf künftige Konzertfilme, denn "der Musikfilm hat seine Zukunft noch vor sich."

Außerdem: Britney Spears entdeckt in Zeiten der Krise den Sozialismus, meldet Matej Snethlage in der taz. Frederik Hanssen gibt im Tagesspiegel Tipps aus dem Fundus der momentan frei zugänglichen Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker.

Besprochen werden Caribous Album "Suddenly" (Jungle World), das neue Album von The Weeknd (Tagesspiegel), Waxahatchees neues Album "Saint Cloud" (ZeitOnline) und das neue Album "Heavy Light" der U.S. Girls (taz). Daraus ein ziemlich tolles Video:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.03.2020 - Musik



Der große Afro-Jazz-Pionier Manu Dibango ist dem Coronavirus erlegen. "Er fusionierte James Brown mit den Tanzrhythmen seiner afrikanischen Heimat, brachte er seine große Liebe, den Jazz, mit afroamerikanischem Twist und kongolesischem Rumba zusammen", schreibt Jonathan Fischer in der SZ. Er verfolgt "die Vision eines Afro-Jazz, der keine nationalen oder Genre-Grenzen mehr kennt: 'Wir sind eine neue Rasse', sagte Dibango, der mit glänzender Glatze und Sonnenbrille stets wie eine Mischung aus Cool Dude und Dorfältestem rüberkam. 'Afrikanische Musiker behalten zwar immer noch ihre Wurzeln, aber sie sind nun überall auf der Welt daheim. Überall und nirgendwo'."

Zu seinen großen Klassikern zählten "Super Kumba" (siehe oben) und "Soul Makossa" (siehe unten), an denen Ljubisa Tosic vom Standard Dibangos Stil verdeutlicht: "Die dampfenden Kompositionen , auf epische Länge getrimmt, verfügen über einen munteren Groove, über den Dibango ein markantes Riff legte und dieses auch sprechgesanglich und in einem Call- and-response-Spiel mit dem Chor zelebrierte. In der Bringe dann ein kleiner Monolog, der diese tanzbare Weltmusik charmant auflud und zum Welthit formte."



Auf einen ersten, frühen Nachruf auf Gabi Delgado von DAF verwiesen wir bereits gestern, heute kommen die Feuilletons nach. "Er war ein Künstler und Tänzer, ein Sänger und Dichter", schreibt Ulrich Gutmair in der taz. "Zu Görls Körpermusik schrieb er Texte, die meist aus nicht mehr als zehn Zeilen bestanden." Es waren "Delgados eindringlicher Sprechgesang und seine schillernde Performance", die DAFs Kultstatus zementierten, meint Ueli Bernays in der NZZ. Delgado "begriff Punk früh als nihilistisches Programm", schreibt Kai Müller im Tagesspiegel: "Endlich mal nicht die Welt verbessern. Stattdessen eins werden mit dem Feind des Humanismus: den Maschinen, dem Rhythmus." Und sein "pointierter Gebrauch der deutschen Sprache verblüfft bis heute", hält Max Dax in der SZ fest: "Seine Texte wirkten in ihrer Verdichtung auf stets das Mindestmögliche wie ein Amalgam aus konkreter Poesie und militärischen Appellen."

Besprochen werden ein online übertragenes Montagskonzert der Bayerischen Staatsoper mit Hanna Asieieva, Darima Tcyrempilova und Dmitry Mayboroda ("Kein Huster, kein Programmheft-Rascheln, es ist, als umhege die Stille ihr hoch konzentriertes Spiel auf besonders sorgsame Weise", schreibt ein online namentlich ungenannt bleibender Tagesspiegel-Kritiker), neue Album von Gordon Lightfoot (FAZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter ein neues Album von Pearl Jam (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.03.2020 - Musik

DAF-Musiker Robert Görl meldete gestern auf Facebook, dass sein Mitstreiter Gabi Delgado gestorben ist. DAFs Musik stand für "höchste Muskelanspannung, reine Kraft und Bewegung", schwärmt Jens Balzer im Nachruf auf ZeitOnline. Sie "'war die vorübergehende Synchronisation von zwei Menschen mit einer Maschine", wie Delgado selbst einmal zu Protokoll gab. Doch "je mehr sich DAF den Maschinen überließen, desto körperlicher, subjektiver und sexueller wurden ihr Auftreten und ihre Musik. 'Sex, Tanzen, Liebe, Politik, darum ging es', sagte Delgado", als dessen besondere Qualitäten Balzer "die dadaistische Inspiration und das Talent zu Parolen" hervorhebt, "die sich bis heute im deutschen Wortschatz befinden ('Verschwende deine Jugend' - immer noch ein geflügeltes Wort); die sonderbare Ambivalenz aus Fremdheit und Nähe, mit der sich Delgado als Sohn spanischer Migranten die deutsche Sprache aneignet oder, wie er es selbst formulierte, aus dem Klammergriff der Siebzigerjahre-Schlager 'zurückerobert'." Wir erinnern uns - nicht mit dem naheliegendsten Stück, sondern mit ihrem schönsten:



Weitere Artikel: Steffen Greiner hat sich für die taz erkundigt, wie sich die Berliner Clubs mit Crowdfunding, Selbsthilfe, neuen Organisationsstrukturen und etwas Hilfe durch die öffentlichte Hand vor der Corona-Pleite zu retten versuchen. In der Zeit porträtiert Maxi Sickert die Berliner Klangkünstlerin Magda Mayas, die auf ihrem neuen Album Klaviersaiten direkt bearbeitet und mit Atemgeräuschen im Saxofon hantiert. Harald Eggebrecht porträtiert in der SZ die Saxofonistin Asya Fateyeva. Im ZeitMagazin träumt Kevin Parker von Tame Impala. In der SZ verabschiedet sich Ann-Kathrin Mittelstrass mit einer kleinen Werkschau der Veröffentlichungen der Münchner Band Merricks von deren verstorbenen Bassisten Bernd Hartwich. In der FAZ gratuliert Josef Oehrlein dem Komponisten Cristóbal Halffter zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden das Buch "Naturtrüb" der Gruppe Oil, die darin erklärt, wie sie ihr Album "Naturtrüb" aufgenommen hat (Tagesspiegel) und das neue Album von Morrissey (SZ, mehr dazu bereits hier).
Stichwörter: Delgado, Gabi, Daf, Corona

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.03.2020 - Musik

Mit einer etwas wirren Instagram-Ansprache hat Cardi B "wie es sich für ein lebendes Gesamtkunstwerk gehört, ganz nebenbei das Genre des Corona-Pop erfunden", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Und der geht mittlerweile, nunja, viral: "Nur einen Tag später hatte der Brooklyner Produzent und Meme-Künstler iMarkkeyz aus dem Video das Hip-Hop-Stück 'Coronavirus" gemixt: ein paar Wortfragmente, etwas Bass und ein abgebrochener Trapbeat. 2 Minuten 30 Sekunden für die heimische Covid-19-Playlist. ... Der Song schlug sofort in den internationalen Charts ein, zuerst übrigens in Bulgarien und Brasilien. Seit Ende der Woche steht er auch in den Top10 von iTunes."



Außerdem: Im Standard spricht Ljubisa Tosic mit dem scheidenden Musikverein-Direktor Thomas Angyan über die Zukunft seines Hauses, das hofft, dass der neue Leiter Stephan Pauly ab Herbst das noch von Angyan mitgeplante Saisonprogramm umsetzen kann. Alexandra Ketterer hat sich für den Tagesspiegel mit dem Rapper Zebra Katz getroffen. Christiane Peitz schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf den Geiger Hellmut Stern. Jens-Christian Rabe (SZ) und Samir H. Köck (Presse) schreiben Nachrufe auf Kenny Rogers. Im Tagesspiegel gratuliert Gunda Bartels dem Musicalkomponisten und -texter Stephen Sondheim zum 90. Geburtstag. In seinem Klassikblog für die Welt gibt Manuel Brug kommentierte Streamingtipps. Besprochen wird das neue Album von The Weeknd (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.03.2020 - Musik

Die NZZ widmet ihre Wochend-Seiten komplett Ludwig van Beethoven. Die Kraft seiner Musik rührt vom "geistigen Ausdruck ihrer eigenen Zeit", schreibt Hans-Joachim Hinrichsen: Ohne Schiller, Goethe und Kant, die Beethoven las, verehrte und bewunderte, ist Beethoven weder zu haben, noch zu verstehen, was insbesondere auch für das Spätwerk gilt, "ein Universum des Humors, den man sich freilich nicht als Spaßbereitschaft im Alltagssinne vorstellen darf, sondern als die schwer errungene philosophische Heiterkeit einer tieferen Einsicht in die Conditio humana. Sie ist daher auch eher traurig als lustig und betrachtet die Unversöhntheit der Kontraste als Bedingung der eigenen Existenz. ... Ein Perspektivenwechsel also, der nicht das endliche Wesen Mensch und dessen Gebrechlichkeit idealistisch ins Übersinnliche erhebt, sondern umgekehrt die erhabene Idee des Unendlichen mit der unaufhebbaren Brüchigkeit des Endlichen realistisch versöhnt. Darin liegt die tiefe Humanität auch noch des sperrig wirkenden Spätwerks."

Außerdem im Beethoven-Schwerpunkt der NZZ: Michael Stallknecht hat nachgesehen, wie die Literatur Beethovens Opern aufgefangen hat. Christian Wildhagen hört Beethovens "Lebewohl"-Sonate. Corinne Holtz erinnert an die Klavierbauerin Nannette Streicher, die daneben noch lange Zeit Beethovens Haushalt besorgte. Corina Kolbe hat sich angesehen, was passiert, wenn man Beethovens "Fidelio" im Gefängnis mit Insassen aufführt. Und Wolfgang Stähr hört Beethovens Neunte.

Weitere Artikel: Früher gab es Razzien, jetzt sorgt sich die Politik um den Fortbestand der Berliner Clubs: In der Coronakrise zeige sich, zu welchem zentralen Bestandteil des öffentlichen Lebens und welchem Wirtschaftsfaktor die einst aus dem widerständigen Underground entstandene Clubszene geworden ist, schreibt Jana Janika Bach in der NZZ. Die Frage, wer welchen welcher Kultur zugeordneten Stil künstlerisch nutzen darf, erreicht auch Spanien: Dort wehren sich Gitanos dagegen, dass die spanische Musikerin Rosalía ihre Musik mit Flamenco-Elementen anreichert, berichtet Reiner Wandler in der taz. Adrian Schräder sammelt in der NZZ Streamingangebote fürs Zuhausebleiben. In der SZ gratuliert Andrian Kreye dem Supertramp-Gründer Roger Hodgson zum 70. Geburtstag. 100 Jahre alt wird der Oboist Helmut Winschermann, dem Clemens Haustein in der FAZ gratuliert.

Besprochen wird eine Schönberg-Aufnahme von Isabelle Faust (SZ) und die neue CD "Myopia" von Agnes Obel ("so viel Bedeutung, so viel Schwere. Wie kann Musik das schultern", fragt sich FR-Kritiker Thomas Stillbauer und hofft auf eine baldige Rückkehr der Musik in die derzeit leeren Konzertsäle). Wir hören rein: