Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.07.2020 - Musik

Die Londoner Komponistin Elaine Mitchener, Tochter jamaikanischer Eltern, erforscht mit ihrem Atmen und ihrer Stimme die Möglichkeit von Musik, schreibt Hannah Schmidt in einem online nachgereichten Porträt in der Zeit: "Man hört die Laute, die Lunge, Rachen und Mund machen, während sie sich auf der Bühne bewegt, man vernimmt das Luftholen und Ausatmen, ja, man hört hier die Sängerin und Performerin, den Menschen Elaine Mitchener auf ganz elementare Weise sein. Einerseits ist das ein virtuoses Manifest, eine Liebeserklärung an den Gesang, den sie in London studiert hat. Andererseits ist dieser Atem hochpolitisch. Denn es ist der Atem einer schwarzen Frau in einem ebenso weiß wie männlich dominierten Genre: der klassischen Musik." Hier der Ausschnitt aus einer Performance:



Außerdem: Stefan Ender spricht für den Standard mit Andrés Orozco-Estrada, der ab September den Wiener Philharmonikern als Chefdirigent vorsteht. Für die taz porträtiert Aram Lintzel Gabriel Broid von der Band The White Screen.

Besprochen werden das Debütalbum von Dinner Party, einer aus Terrace Martin, Robert Glasper, Kamasi Washington und 9th Wonder bestehenden Supergroup (Berliner Zeitung), neue Alben von Khruangbin (Freitag), Rufus Wainwright (SZ), The Streets (Berliner Zeitung) und Soko (Berliner Zeitung), sowie ein Konzert des BR-Symphonieorchesters unter Franz Welser-Möst (SZ).
Stichwörter: Mitchener, Elaine

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.07.2020 - Musik

Jan Brachmann hat für die FAZ eine neue Studie zum Thema Chöre und Aerosole gelesen, nach der das momentane Chorverbot in Berlin vielleicht fallen könnte: Gemessen wurde insbesondere die Aerosolkonzentration in geschlossenen Räumen unter verschiedenen Lüftungsbedingungen. "Die Berechnungskurven für diese Konzertsäle fielen bei vierzig bis fünfzig Sängern und dreihundertfünfzig bis knapp fünfhundert Besuchern derart günstig aus, dass man sagen kann: Mit maschineller Belüftung lässt sich die Aerosolkonzentration in den Räumen so gut in den Griff kriegen, dass Konzerte durchführbar wären. Ein Problem ist die Fensterlüftung, wie Dirk Mürbe erläutert: 'Den Effekt der Fensterlüftung kann man als Laie ganz schwer einschätzen."

Weitere Artikel: Tazler Julian Weber meditiert über das Wesen des Sommerhits.Thorsten Umme freut sich im Tagesspiegel über den momentanen Chartserfolg der Rolling Stones. Deren Gitarrist Ronnie Wood ist ein aktueller Kinofilm von Mike Figgis gewidmet, der in Tagesspiegel und Welt besprochen wird.

Besprochen werden die Uraufführung einer wiederentdeckten Schostakowitsch-Komposition durch die Pianistin Yulianna Avdeeva (NZZ), Denai Moores neues Album "Modern Dread" (Tagesspiegel) und Sam Prekops neues Album "Comma", dessen "Verkettung repetitiver Strukturen" tazlerin Franzika Buhre "an Laurie Spiegel erinnert." Wir hören rein:

Stichwörter: Coronakrise, Chöre

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.07.2020 - Musik

"I loved him dearly": In der New York Times verabschiedet sich der US-Jazz-Avantgardist John Zorn (dessen Einfluss auf auf die Welt drastischer Musikspielarten der Rolling Stone vor kurzem ermessen hat) von Ennio Morricone (unser Resümee): Morricone war "seiner Zeit weit voraus. Am Morgen erforschte er im Kontext freier Improvisation unorthodoxe Spieltechniken mit dem Mundstück einer Trompete; am Nachmittag schrieb er ein verführerisches Big-Band-Arrangement für eine Popsängerin und in der Nacht einen schneidenden Orchestral-Score für einen Film."

Von einer Morricone-Anekdote berichtet auch der Komponist Helmut Lachenmann im großen VAN-Interview: Er traf den Maestro in Italien bei einem Konzert, unter anderem gab es auch Musik von Morricone zu hören, "nämlich eine - von wem auch immer arrangierte - Suite aus der Filmmusik für 'Once Upon a Time in the West' und eine Komposition für Klavier und vier Bläser, eine Art Klavierquintett. Wie ich erfuhr, hat Morricone aber irgendwann den Veranstalter angerufen und gesagt: 'wenn der Lachenmann kommt, dann erlaube ich nicht, dass man die Filmmusik spielt. Dann stehe ich auf und gehe raus.' Immerhin saßen wir im Konzert einträchtig nebeneinander, Morricone und ich. Aber ich habe nicht gewagt, ihn auf seine Filmmusik anzusprechen. Ich mag seine Filmmusik, weil sie eine unwiderstehliche Aura hat. Rational komme ich dem nicht auf die Schliche."

Weitere Artikel: Ueli Bernays skizziert in der NZZ die Geschichte von Kanye Wests Größenwahn, der jüngst in der - allerdings wohl nicht wirklich ernstzunehmenden - Ankündigung mündete, dass der Rapper in diesem Jahr zur US-Präsidentschaftswahl anzutreten gedenke. Im Guardian erklärt Angelica Frey anlässlich von Will Ferrells Eurovision-Komödie auf Netflix ihre Liebe zum kontinentaleuropäischen Schlager. Jeffrey Arlo Brown hat für das VAN-Magazin alle 559 Sonaten aus der Feder Domenico Scarlattis gehört und gerankt - "puren Stumpfsinn" bietet K 122, K 520 dafür immerhin "coole endlos kreisende Terzen". Im VAN-Gespräch spricht Merle Krafeld Tipps mit der Theremistin Dorit Chrysler. In der VAN-Reihe über Komponistinnen schreibt Arno Lücker über Marianna von Martines. In der Zeit porträtiert Hannah Schmidt die britische Sängerin und Komponistin Elaine Mitchener. Clemens Haustein von der FAZ war dabei, als das Freiburger Barockorchester erstmals seit Monaten wieder ein Aufnahmestudio betrat - unter Corona-Abstandsbedingungen wirke es "fast zur Symphonieorchester-Größe aufgefächert."

Besprochen werden das neue Album von Rufus Wainwright (Standard, Berliner Zeitung), das neue Album von Swamp Dogg (FAZ) und ein Konzert des libanesischen Philharmonieorchesters in Beirut (FAZ). Das Konzert steht als Aufnahme auf Youtube:

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.07.2020 - Musik

"Diese unglaubliche Kraft, diese Männlichkeit zogen mich schon immer an", gesteht Countertenor und Dirigent René Jacobs in der FAZ im Hinblick auf seine Leidenschaft für Beethoven, zu der er reichlich spät kam: "Nicht die Kraft und Virilität also haben mich an Beethoven abgeschreckt, sondern die falschen Vorstellungen über seine Oper 'Fidelio', die falschen Sängerbesetzungen, die falschen Orchesterinstrumente. Durch sie entsteht nämlich auch eine falsche Form von Gewalt und Aggressivität. Naturhörner, alte Posaunen und Naturtrompeten entfesseln eine andere Art von Aggressivität: Sie sind schärfer, aber nicht so laut."

Außerdem: Ulf Lippitz plaudert im Tagesspiegel mit Rufus Wainwright. Besprochen werden der Auftritt von Nicolas Altstaedt und Gidon Kremer beim Kammermusikfest in Lockenhaus (FAZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter Sufjan Stevens' neuer Song "America" (SZ):

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.07.2020 - Musik



Es ist das Ende einer Ära der Filmmusik: Il Maestro, der große Ennio Morricone ist gestorben. "Seine Hinterlassenschaft ist groß und ein Garten voller Schönheit", schwärmt der Filmpublizist und Italofilm-Experte Christian Keßler in einem öffentlich auf Facebook geposteten Nachruf. Es war bekanntlich der Italowestern, der Morricone weltberühmt machte - und vielleicht auch Morricone, der den Italowestern weltberühmt machte, gerade indem er die Dinge anders anging als Hollywood-Komponisten, die oft im Raum des Naheliegenden fischten. Demgegenüber "baute Morricone völlig irre Geschichten in seine Kompositionen ein, sizilianische Maultrommeln etwa, wilden Kreischgesang oder Alessandronis Zaubergitarre. Auch Lacerenzas Trompete war ein fester Bestandteil von Ennios Westernzirkus. Spieluhren und andere atypische Elemente rundeten das dann ab." Kurz: "Er konnte Sachen, die andere Leute nicht können." Dem kann Andreas Kilb in der FAZ nur beipflichten: "Morricone schrieb eine Musik, die sich atmosphärisch mit den Elementen der Handlung vollsog: Stöhnen, Fluchen, Peitschenknallen, Pferdegetrappel, Glockenläuten, Pistolenschüsse." Es ist auch klar, woher dieser freie Zugang zur Musik kam, ist Gerhard Middings Nachruf auf ZeitOnline zu entnehmen: "Früh begeisterte er sich für die musikalische Moderne, suchte bei den Darmstädter Ferienkursen die Begegnung mit Pierre Boulez, Luigi Nono und Karlheinz Stockhausen, arbeitete später mit John Cage." Toll psychedelisch ist seine Musik zur wunderbar verdrogten Nachtclubszene in Mario Bavas Camp-Spaß "Danger Diabolik" mit - ja, man sieht ihn kurz - Michel Piccoli:



Für Fritz Göttler in der SZ ist klar: Morricones "Musiken sind wohl die einzigen, in denen das chorische Klagen nicht zum Gesäusel wird." Kein Wunder, denn "alles, was er komponierte, war bis ins letzte Detail durchdacht", schreibt Marc Zollinger in der NZZ: "Sein Hang zum Perfektionismus trieb ihn an. Es war letztlich eine nicht enden wollende Suche nach dem absoluten Ton: Erscheint dieser zum Greifen nahe, ist er bereits wieder entwischt. Die 'dynamische Immobilität', wie er es nannte, stellte für Ennio Morricone das größte Mysterium des Lebens dar." Dass er meist nur auf seine Westernmusiken beschränkt wird, sah der Maestro, der auch im Bereich der Avantgarde tätig war, im übrigen gar nicht gern, erinnert sich Christian Schachinger im Standard: "Von gut 600 Kompositionen in seinem Leben würden schließlich nur höchstens fünf Prozent dieser Ecke zugeordnet werden können." The Quietus sammelt internationale Stimmen von Popmusikern. Und auch wiederum wunderbar schmelzenden Italo-Pop komponierte Morricone:



Weitere Artikel: In der FAZ berichtet Wolfgang Sandner vom Dirigentenwettbewerb der Bamberger Symphoniker, deren Musiker sich unter Abstandbedingungen dazu gezwungen sahen, "ihr Spiel den neuen Gegebenheiten anzupassen, bisweilen die Einsätze etwa der Bläser um geringste Zeitabstände zu antizipieren, um kein Klangtohuwabohu zu provozieren." Auf ZeitOnline stellt Matthias Dell das Projekt eines Museums zur Geschichte Schwarzer Popkultur in Deutschland vor. Für die NZZ spricht Michael Stallknecht mit dem finnischen Dirigenten Leif Segerstam. Die FAZ hat Jan Brachmanns Artikel über Daniel Barenboims geplantes Digitalfestival online nachgereicht. Jenni Zylka (taz) und Willi Winkler (SZ) gratulieren Ringo Starr zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Arcas Album "KiCk i" (Tagesspiegel) und neue Klassikveröffentlichungen (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.07.2020 - Musik

"Eine Sehnsucht nach kosmischer Verbundenheit" grundiert "Xerrox Vol. 4", das neue Album des Klangintellektuellen Alva Noto, schreibt Max Dax in der SZ. Einen Geschmack dieser Sehnsucht vermitteln auch die Interviewpassagen in der Besprechung: "Für mich ist Technologie eine lyrische Angelegenheit. Die Computersprache Unicode ist für mich konkrete Poesie. Und dass Dichtung Abstraktion bedeutet und als sprachliches Format so offen ist wie kein Zweites, beschäftigt mich schon seit Jahren. Auch glaube ich an Wittgenstein und seine Annahme, dass alles, was denkbar ist auch möglich ist. Freilich in einem positiven Sinne: Wenn ich mir eine Odyssee durch das Weltall wie eine Introspektive vorstelle, dann ist sie auch genau das. Nur dass ich mich eben nicht der Form des Gedichts bediene, sondern der Form der elektronischen Musik." Wir hören rein:



Tazler Ole Schulz freut sich sehr darüber, dass das britische BBE Label mit der fortschreitenden Wiederveröffentlichung des gesamten Back-Katalogs von Tabansi Records einen wahren Schatz der nigerianischen Popmusik wieder zugänglich macht. Ganz wunderbar etwa das Doppelalbum "Wakar Alhazai Kano / Mus'en Sofoa" der Tabansi Studio Band, das "zwar unter Afrobeat firmiert, aber völlig anders als etwa jener in Yoruba und Pidgin gesungene Afrobeat eines Fela Kuti. Stattdessen legt die Tabansi-Hausband um die sieben Martins Brothers acht je viertelstündige hypnotisch-raue Stücke vor, die mal in der arabisch beeinflussten Hausa-Kultur wurzeln, mal in den perkussiven Traditionen der Igbo." Wir hören rein:



Weitere Artikel: Ljubiša Tošic erkundigt sich für den Standard beim Leitungsduo Michael Bladerer und Daniel Froschauer nach dem Stand der Dinge bei den Wiener Philharmonikern. Der Filmemacher Axel Ranisch und der Schauspieler Devid Striesow plaudern in der Berliner Zeitung über ihr Buch "Klassik Drastisch", das aus ihrem gleichnamigen Podcast hervorgegangen ist. Jan Brachmann schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den russischen Komponisten Nikolai Kapustin.

Besprochen werden David Yaffes Buch über Joni Mitchell (NZZ), das neue Album von Arca (Freitag), Hans-Joachim Hinrichsens Buch über Beethoven (Berliner Zeitung), Steve Earles neues Album "Ghosts of West Virginia" (Standard) und Beethoven-Aufnahmen von Quatuor Ebène (NZZ).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Anna Vollmer über Lucio Dallas "L'anno che verrà":



Und gerade gemeldet: Der große italienische Komponist Ennio Morricone ist gestorben. Nachrufe gibt's bestimmt morgen. Jetzt trauern wir noch und erinnern uns:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.07.2020 - Musik

Die britische Band Sault ist offenbar so etwas wie der Thomas Pynchon des Gegenwarts-Pop: Die Band entzieht sich zumindest weitgehend konsequent der Öffentlichkeit, versteckt sich in der Anonymität, lässt ihre Musik für sich sprechen - und liefert mit dem Album "Untitled (black is)" mal eben den Soundtrack zu dieser von #BlackLivesMatter geprägten Zeit, schreibt Beate Scheder in der taz. Zu hören gibt es "ein Kaleidoskop der Genres": "Die Rolle des Künstlers und der Künstlerin sei es, die Revolution unwiderstehlich zu machen, hat die afroamerikanische Schriftstellerin Toni Cade Cambarayou einmal gesagt. Sault scheinen sich das zu Herzen genommen zu haben." Über Polizeigewalt etwa "wurde vermutlich noch nie so traurig-schön gesungen wie" in diesem Stück:



Ausgerechnet Berlin - die Stadt mit der Sing-Akademie, der "ältesten noch existierenden gemischten Chorvereinigung der Welt" bleibt weiterhin chorfrei, ärgert sich Manuel Brug in der Welt, dem bei solcherlei Verzicht geradezu nostalgisch blümerant wird: "Wer gar einmal die helle Klangekstase der 'Meistersinger'-Festwiese oder die ins wilde Entsetzen sich steigernde Münsterszene des 'Lohengrin' im mystischen Abgrund des engen, tiefen, gebärmutterhaften Bayreuther Orchestergrabens erlebt hat, wenn sich zum Instrumentalinferno noch Chorschreie und Solistenspitzentöne von der Bühne im schwülen Festspielhaus ballen und mischen, der weiß von Erfahrungen zu berichten, irgendwo zwischen Drogentrip und Superorgasmus."

Weitere Artikel: Im Neuen Deutschland gratuliert Berthold Seliger der Berliner Staatskapelle mit einem epischen Longread zum 450-jährigen Bestehen. Auch die Jungle World staunt, dass die neue Antifa aus der K-Pop-Fanszene kommt (mehr dazu bereits hier und dort). Julia Spinola befasst sich in der Langen Nacht des Dlf Kultur mit dem Dirigenten Carlos Kleiber. In der FAZ gratuliert Jan Wiele Huey Lewis zum Sechzigsten.

Besprochen werden des neue Album von Hayiti (ZeitOnline), das neue Album von Haim (SZ), eine Kompilation mit Aufnahmen von Maria Callas (Freitag) und ein Liederabend mit dem Bariton Domen Križaj (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.07.2020 - Musik

Für die Berliner Zeitung wirft Hanno Hauenstein einen Blick auf Arthur Jafas neues Video, das der Videokünstler für Kanye West produziert hat und mit seiner rohen, politisch aufgeladenen Ästhetik auf Youtube gerade durch die Decke geht. Jafas Arbeiten "kontern die Schönfärberei und das sprichwörtliche 'Whitewashing' der amerikanischen Kulturindustrie mit einer auf das schwarze Erleben verdichteten Sichtweise." Auch diese Arbeit "ist ein eklektisches Durcheinander, das Szenen traumatischer Gewalt mit Bildern rhythmischer Ekstase verschmilzt. ... Jafa interessieren schillernde Perspektivwechsel: Die sprichwörtlich kosmische Dimension der schwarzen Erfahrung, ihre Inkommensurabilität durch das weiße Auge sowie ihre immer wieder versuchte Aneignung durch den Mainstream."



Shabaka Hutchings will mit seinem neuen, gemeinsam mit The Ancestors aufgenommenen Album an die orale Tradition der Geschichtsbildung der Griots anschließen, erklärt der Londoner Jazzmusiker in der FAZ. Sein neues Album "We Are Sent Here By History", schreibt dazu wiederum Peter Kemper, stellt einen "Rückblick auf die Gegenwart aus einer nicht allzu weit entfernten Zukunft" dar. Denn die Platte "warnt nicht länger vor einem zukünftigen Zusammenbruch, sondern versteht sich als Tatsachenbericht all der Fehler und Versäumnisse, die für den Niedergang verantwortlich waren. ... Die Musik lebt aus der Freiheit eines wirbelnden Chaos von Trommeln, Saxophonen und Stimmen. Sie feiert die Schönheit der Widerstandskraft. Trotz der Atmosphäre dunkler Unergründlichkeit triumphiert letztlich die Inspiration über die Depression." Wir hören rein:



Weitere Artikel: Für die taz porträtiert Georg Milz den Dancehall-Musiker Buju Banton, der gerade aus einer mehrjährigen Haftstrafe entlassen wurde. Jan Brachmann berichtet in der FAZ von der Internationalen Orgelwoche Nürnberg. Harald Eggebrecht schreibt in der SZ einen Nachruf auf die Geigerin Ida Haendel.

Besprochen werden Arcas neues Album "KiCk i" (Berliner Zeitung), Special Interests Album "The Passion Of" (Pitchfork), das Debüt von Coriky, dem neuen Indierock-Projekt von Ian MacKaye, der als junger Punker in den frühen 80ern Straight Edge erfunden hat (Standard), Sofia Portanets Debütalbum "Free Ghost" (taz), Amnesia Scanners Album "Tearless" (taz), Paul Wellers neues Solo-Album (Berliner Zeitung) und ein Dokumentarfilm von Adele Schmidt und José Zegarra Holder über Krautrock (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.07.2020 - Musik

Corona treibt Blüten - zum Beispiel die "One to One"-Konzerte in den Berlin Decks in Berlin-Moabit, bei dem Benedikt von Bernstorff die Mezzosopranistin Hagar Sharvit erleben konnte. Auf VAN erzählt er von diesem leicht befremdlichen, zumindest aber ungewohnten Erlebnis. "Die übliche Konzertsituation ist in diesem Format auf den Kopf gestellt, weil hier der Zuhörer und nicht die Künstlerin einen 'Auftritt' hat. Auch auf meinem Sitz fühle ich mich kurz befangen. Die Musikerin sieht mich freundlich und konzentriert an. Könnte es bei dieser stillen Ouvertüre aufdringlich wirken, das Gegenüber ununterbrochen anzuschauen oder wäre es umgekehrt unhöflich, den Blick abzuwenden?" Beim Gespräch erfährt, dass der Künstlerin diese Konzerterfahrungen "erkennbar viel bedeuten. Ich frage, wann für sie der Moment da ist, mit dem Singen zu beginnen. Wenn die Anspannung vom Zuhörenden abgefallen sei. Dann bemerke sie beim anderen 'Traurigkeit', sagt sie erst, um sich dann zu korrigieren: Nicht 'sadness', sondern 'vulnerability'." Instagram bietet einen Einblick in die Situation:

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Die Berliner Chöre sind entsetzt, dass Berlin das gemeinschaftliche Singen wegen Corona zunächst noch untersagt, berichtet Hanna Schmidt in VAN. Ob das Chorsingen tatsächlich pandemisch ungünstig ist, lässt sich den verschiedenen Studienergebnissen nicht eindeutig entnehmen: Die Münchner Bundeswehr-Universität etwa hält Ansteckungen beim Chorsingen für "'äußerst unwahrscheinlich', empfiehlt aber trotzdem, in hohen und gut durchlüftbaren Räumen zu singen - natürlich mit entsprechendem Sicherheitsabstand. Die Risikoeinschätzung des Universitätsklinikums Freiburg spezifiziert die Ratschläge noch genauer: Chorproben sollten nur in sehr großen Räumen mit mindestens zwei Meter Abstand zueinander stattfinden und zudem alle 15 Minuten von Stoßlüftungspausen unterbrochen werden. Dieses Papier weist allerdings auch darauf hin, dass zum Aerosolausstoß beim Singen noch nicht genügend Daten für endgültige Schlussfolgerungen vorliegen. Die Deutsche Stimmklinik riet demgegenüber mit Verweis auf Superspreading-Chorproben in den USA und Deutschland zunächst vollumfänglich vom gemeinsamen Singen ab. Auch eine Studie der Berliner Charité steht Chorproben aufgrund des Ansteckungsrisikos kritisch gegenüber."

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel plaudert Nadine Lange mit der Berliner Rapperin Haiyti. Im Interview mit der Zeit spricht Laura Marling über ihr neues Album, Pop und Corona. In der VAN-Reihe über Komponistinnen schreibt Arno Lücker über Eva Schorr. Außerdem spricht Lücker in VAN mit dem Dirigenten Roland Kluttig, dessen großer Abschied vom Pult des Landestheaters Coburg wegen Corona zu einer Reihe kleiner Abschiede eingedampft wurde. Harald Eggebrecht (SZ) und Laurenz Lütteken (NZZ) schreiben Nachrufe auf den Musikwissenschaftler Ludwig Finscher. In der FAZ gratuliert Wolfgang Sandner dem Jazzpianisten Ahmad Jamal zum 90. Geburtstag.

Besprochen wird Ernst Hofackers Buch "Die 70er. Der Sound eines Jahrzehnts" (Jungle World).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.07.2020 - Musik

Rosaceae macht auf ihrem von den Überlegungen des marxistischen Poptheoretikers Mark Fisher inspirierten Album "Efia" keinen Wohlfühl-Ambient zum Wegschlummern, versichert Julian Weber in der taz: Unter anderem hat die Hamburger Musikerin "die Erfahrungen einer traumatisierten kurdischen Flüchtenden aus Syrien mit in die Klangkulisse gearbeitet. In dem Track 'Six Years Old Child' wiederholt eine durch Effekte unkenntlich gemachte brüchige Stimme Fragen wie 'Tell me, who is my murderer', 'How much death suits you'. Dazu ist das Pumpen eines Herzens zu hören, schwere Atmung und der Gesang bei einer kurdischen Hochzeit. ... 'Die Leopard-2-Panzer verkauft Deutschland an die Türkei und die bringt damit KurdInnen um. Der Exportschlager ist dieses Jahr vierzig Jahre alt geworden. Da dachte ich mir, dass kann ich doch mal in meinem Album erwähnen.'"



Christopher Resch porträtiert in der taz die saudi-arabische Black-Metal-Band Al-Namrood, die sich ihrem traditionell klerus-kritischem Genre gemäß sehr einschlägig positioniert: "'Was uns antreibt? Die Unterdrückung der Menschen durch die Religion', sagt Mephisto, Gitarrist und Bassist der Band. 'Wir kritisieren Politik, Nationalismus, Klassizismus, Ideologiehörigkeit, soziale Ungerechtigkeit. Aber das Hauptproblem in Saudi-Arabien ist ein Islam, der uns als politisches System verkauft wird und uns von Beginn an in den Rachen gepresst wird.' Den Musikern ist vollkommen bewusst, dass sie mit dieser Haltung in Saudi-Arabien kein einziges Konzert spielen können, niemals. Im Internet werden sie dafür gefeiert: Mehr Black Metal zu sein als sie gehe gar nicht." Das aktuelle Album gibt es auf Youtube.

Weitere Artikel: Thomas Schacher wirft in der NZZ einen Blick ins Programmheft der Tonhalle für die kommende Saison. Peter Uehling ärgert sich in der Berliner Zeitung darüber, dass in Berlin das Chorsingen bis auf weiteres nicht gestattet bleibt.

Besprochen werden das neue Album "Mordechai" von Khruangbin (Tagesspiegel, mehr dazu bereits hier und dort), ein online gezeigter, multimedialer Mahler-Zyklus der Symphoniker Hamburg (SZ), eine Ausstellung in der Berliner Staatsbibliothek mit Handschriften Beethovens (FAZ) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter Haiytis neues Album "Sui Sui", auf dem "die Sounds so cool klingen, dass man sich fragt, ob es noch Eis gibt", schreibt SZ-Popkolumnist Jan Kedves. Wir hören rein: