Die Feuilletons trauern um Jazzmeister SonnyRollins, der im Alter von 95 Jahren gestorben ist. Mit ihm stirbt der letzte jener Großen, die den Jazz ab den Fünfzigern maßgeblich modernisiert haben. "In seiner Heimat Amerika war er so viel mehr als nur einer der größten Tenorsaxofonisten des Modern Jazz", würdigt ihn Andrian Kreye in der SZ. "Er war ein Suchender, für den sein Instrument und seine Musik oft nur ein Vehikel waren, um nach einer tieferen Wahrheit zu schürfen, sei sie politisch, spirituell oder ästhetisch. ... Sein Ton war rau und fordernd, ließ sich nicht auf die klare Ästhetik des Modern Jazz ein, in der die Kraftmeiereien der Swing-Ära keinen Platz mehr hatten." Er "befreit die Musik von allzu engen Fesseln", erzählt Tobi Müller auf ZeitOnline, doch anders als "Coltrane sprengt er nicht alle Grenzen. Rollins denkt selbst dann noch an die Harmonie im Hintergrund und das rhythmische Gerüst, wenn er beides bis kurz vor den Einsturz führt." Wie er und Don Cherry "den Rollins-Klassiker 'Oleo' über den Harmonien von George Gershwins 'I Got Rhythm' zerlegen: höchste Spannung, wobei Cherry die Akkordfolge früh verlässt, während Rollins sie noch lange abstrakt moduliert. Cherry: Revolution. Rollins: Reform. Beides geht gleichzeitig - ein Highlight der Jazzgeschichte, in dem sich scheinbar unversöhnliche Prinzipien ganz nahekommen."
Auch Wolfgang Sandner kommt in der FAZ auf das Verhältnis zwischen Coltrane und Rollins zu sprechen: "Wie Coltrane - schnell, virtuos, unaufhörlich intensiv - wollten alle, wie Rollins - überraschend, eckig, tänzerisch - konnte fast niemand spielen. Der kantige Rollins war eine unverwechselbare Stimme, ein Monolith des Bebop. ... Der selbstvergessene Coltrane trieb die Skalenbildung so weit, dass sich in seinen 'Sheets of Sound' die Restbestände funktionaler Harmonik buchstäblich in Luft auflösten. ... Bei Rollins werden dagegen die weitschweifigsten Soli aus kleinsten Fragmenten und Formeln, oft auch aus einem einzigen rhythmischen Kürzel zusammengesetzt", was "ebenso hochexpressiv wie eine jener monströsen Séancen von Coltrane" war. Von den beiden gibt es nur eine gemeinsame Aufnahme:
Josef Engels erinnert in der Welt an ein spätes Konzert von 2008 in Berlin: "Ein blitzendes, schillerndes Neuronenfeuerwerk offenbarte sich da, das Gestalt in Rollins' kratzendem, knurrendem, kantigem Saxofonton annahm. Weitere Nachrufe schreiben Hans-Jürgen Linke (FR), Maxi Broecking (taz) und Ueli Bernays (NZZ).
Bei den 41. TagenAlterMusikin Regensburg floh SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck vor den glühend heißen Temperaturen auf den Straßen in die kühlen Kirchen, wo ihm insbesondere beim Spiel der jüngeren Musiker schier die Augen übergingen vor Staunen: Diese "sind virtuos wie Callas und Horowitz, und alle pflegen die Zentraltugenden historischer Aufführungspraxis: Leichtigkeit, Witz, Eleganz, Rasanz, Tanzlust." Besonders hebt er JermaineSprosse und BertrandCuiller hervor. In der NMZberichtet Juan Martin Koch.
Weitere Artikel: Elmar Krekeler spricht in der Welt mit Stefan Kelber von der Joseph-Schmidt-Musikschule in Berlin über die zusehends existenziell gefährdende Lage von Musikschulen. Manuel Brug resümiert in der Welt den Auftakt des LucerneFestivals. Robert Mießner wirft für die taz einen Blick in die "im besten Sinne eklektische" Vinylsammlung des 2025 verstorbenen Stadtsoziologen KlausRonneberger, die vom Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Uni Berlin übernommen wurde.
Im Aufmacher des FAZ-Feuilletons singt Wolfgang Sandner Miles Davis eine Hymne zum Hundertsten. Noch immer gibt es in seinen Hinterlassenschaften viel zu entdecken und noch immer prägt Davis nachfolgende Generationen: "Seine Bands wurden als Universitäten bezeichnet, auf denen die halbe Jazzwelt seiner Zeit studierte. Es war nur möglich, weil Miles einen großen Teil des kreativen Prozesses seinen jüngeren Mitspielern überließ, jeder sich entfalten konnte. Miles besaß eine enorme musikalische Beobachtungsgabe und konnte talentierte Musiker mit allen sieben Sinnen erfassen. Nur so waren diese bisweilen somnambulen Sessions ohne viel Absprache oder ausgetüftelte Notenblätter möglich, in denen der vibratolose lyrische Ton von Miles eher als Interpunktion fungierte und die Pausen so wichtig gewesen sind wie das, was dann über den charakteristischen Dämpfer durch den Schalltrichter nach außen drang. Von dieser Klangfarbe haben besonders die Trompeter gezehrt, Chet Baker und Shorty Rogers zu seiner Zeit und die Ambrose Akinmusines, Milena Casados und Till Brönners heute."
Der "Prince of Darkness" hat von Bebop, Cool Jazz, Hard Bop über Modal Jazz bis zu Fusion und Pop Jazz mehrere Kapitel Jazzgeschichte geschrieben, und doch will Uely Bernays in der NZZ die Schattenseiten des Mannes, der sich "gewalttätig an seinen Partnerinnen verging", Frauen für Heroin anschaffen ließ und selbst kaum etwas komponierte, nicht verschweigen. Hingegen "hat er eine beachtliche Anzahl von Fremdkompositionen als seine Originals ausgegeben: etwa 'Solar' (von Chuck Wayne) oder 'Blue in Green' (von Bill Evans). Versuchte er so, seine Schwäche zu kaschieren? Oder ging es ihm primär darum, Tantiemen zu erschleichen? 'Love and Theft' heißt das Prinzip bei Bob Dylan - man stiehlt, was man liebt. Allerdings entsprach eine gewisse Geringschätzung den Mitmusikern und ihren Stücken gegenüber dem künstlerischen Charakter des autoritären Trompeters." In der FR schreibt Hans-Jürgen Linke und im Tagesspiegel die britische Musikerin Emma-JeanThackray, die gerade das Album "Dear Miles, A Love Letter" veröffentlicht hat. Wir erinnern uns:
Weitere Artikel: Im Alter von 95 Jahren ist mit dem Saxofonisten Sonny Rollins ein weiterer Superstar des Jazz gestorben. In der Welt schreibt Josef Engels den Nachruf. Im Zeit-Online-Interview spricht Elektro-Popstar FKA Twigs über ihre Performances, Clubkultur und die Kirche. Besprochen werden ein Metallica-Konzert im Frankfurter Waldstadion (FAZ, FR), ein Konzert des Deutschen Symphonie Orchesters Berlin in der Berliner Philharmonie, das unter dem Dirigat von Manfred Honeck Werke von Sibelius, Tschaikowsky und Adolphus Hailstork spielte (Tsp) und die Ausstellung "Rio Reiser - aufgewacht und rebelliert" im Husumer Nissenhaus (taz).
In der FAS schreibt Daniel Haaksman über das Musikgenre Phonk: Das sind kurze Techno-Schnipsel, die perfekt auf die TikTok und YouTube Videos abgestimmt sind, denen sie unterlegt sind: "Früher sprach man von Liedern. Heute handelt es sich eher um modulare Reizeinheiten für möglichst viele digitale Situationen. Das zeigt sich auch an der Form der Veröffentlichung. Viele Tracks dauern nur eine Minute. Produzenten veröffentlichen dieselben Stücke in mehreren Tempovarianten gleichzeitig: 'Slowed', 'Super Slowed', 'Sped Up'. Musik wird zur adaptiven Software. Je nachdem, ob jemand nachts melancholisch aus dem Fenster eines Nachtbusses blickt oder im Fitnessstudio künstliche Entschlossenheit simuliert, liefert der Algorithmus die passende Abspielgeschwindigkeit gleich mit. Dabei entsteht eine eigentümliche Austauschbarkeit. Viele Tracks wirken wie Variationen desselben emotionalen Zustands aus Größenphantasie, Adrenalin, Erschöpfung und unterschwelliger Weltuntergangsstimmung. Gerade diese Monotonie scheint jedoch Teil des Erfolgs zu sein. Die Musik funktioniert wie Nikotin."
Weiteres: Campino wird gleich zwei Mal (Welt und SZ) zum neuen und vorerst letzten Album der Toten Hosen interviewt. In der FRgratuliert Harry Nutt und in der NZZ Jean-Martin Büttner dem nicht fassbaren Musik-Genie Bob Dylan zum 85. Geburtstag. Joachim Hentschel porträtiert in der SZ die Singersongwriterin LILITH, die offen über den Machtmissbrauch in der Musikszene berichtet. Niklas Maak (FAS) besucht den Country-Sänger Jason Lee Wilson, der Country-Songs in Berlin produziert. Besprochen werden Paul McCartneys neues Album "The Boy of Dungeon Lane" (Welt) und "Inferno" von Boards of Canada (taz).
Über vier Jahre tobt Putins Krieg in der Ukraine nun schon. Von der anfangs noch überwältigenden Woge der Solidarität, auch im Klassikbetrieb, ist nicht allzu viel geblieben - auch nicht von den Initiativen, die zu Beginn noch bewusst ukrainischeMusik in ihr Programm aufgenommen haben. Diese "gehört noch nicht zum Standardrepertoire", unterstreicht die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv im VAN-Interview. "Dafür braucht es einen längeren, natürlichen künstlerischen Prozess - das lässt sich nicht über Nacht oder innerhalb weniger Jahre erreichen. Selbst ein Krieg kann nicht in Bewegung setzen, was aus historischen Gründen über mehrere Jahrhunderte hinweg nicht geschehen ist." Von einer kulturpolitischen Durchsetzung hält sie indessen nichts: "In Europa sind künstlerische Institutionen frei. ... Man kann sich vielleicht nur wünschen, dass deutsche Orchester noch offener auf das ukrainische Repertoireschauen."
"Manchmal ist nach dem Konzert tatsächlich vor dem Konzert", seufzt Helmut Mauró in der SZ, nachdem der Pianist EvgenyKissin sich kürzlich entsetzt auf Social Media dazu äußerte, dass ihm bei einem Konzert in Chicago hinter der Bühne zu verstehen gegeben wurde, einem euphorisch applaudierendem Publikum zum Trotz sei nur eine einzige Zugabe drin - wo Kissin doch an munteren Abenden schon mal 13 spielt. Das Publikum wurde dabei um den Genuss gebracht, der sich einstellt, "wenn der Pianist sein Pflichtprogramm hinter sich hat und sich auf einmal völlig befreit neu findet und zeigt. Mit Zugabenstücken, die wie kleine Homestorys klingen. Der Künstler privat, ungeschützt, posenlos. Solcherlei Zugaben hat man als festen Bestandteil im Gedächtnis, tiefer manchmal als das eigentliche Konzert."
Weitere Artikel: Josef Engels erinnert in der Welt an Miles Davis, der am 26. Mai hundert Jahre alt geworden wäre. In der FAZ plaudert Timo Frasch mit Campino von den TotenHosen, die nach dem kommenden Album kein weiteres mehr aufnehmen wollen. Martin Zips erzählt in der SZ von seinem Spaziergang durch Wien mit den lokalen Punk-Urgesteinen KodakMickey und ReinspergerSylvia. Julian Weber (taz) und Wolfgang Sandner (FAZ) schreiben Nachrufe auf den Jazzmusiker GunterHampel.
Besprochen werden die Radiohead-Installation "Kid A Mnesia" in New York (FAZ), OliviaDeans Auftritt in Zürich (NZZ) und ArloParks' Album "Ambiguous Desire" (die Musikerin zeigt sich "experimentierfreudig wie nie zuvor", schreibt Stefan Michalzik in der FR).
KlassischeMusik verschwindet zusehends aus den Radio-Programmen der öffentlich-rechtlichen Sender. Dass das Gewandhausorchester in Leipzig dem mit einem eigenen, gemeinsam mit einer privaten Gesellschaft geführten Radiosender entgegen wirken will, zieht nun Kritik, aber auch die Aufmerksamkeit der Sächsischen Landesmedienanstalt auf sich, berichtet Axel Brüggemann auf Backstage Classical. Dabei geht es nicht nur um die inhaltliche Ausrichtung des Senders, der den Eindruck eines gängigen Kulturradios erweckt, aber im Verdacht steht, ein "Sprachrohr des Gewandhauses" zu sein, sondern insbesondere auch um medienrechtliche Aspekte: "Dem Sender wird vorgeworfen, dass die formale Konstruktion über eine private gemeinnützige Gesellschaft lediglich eine Fassade sei. ... Das Problem: Wenn eine öffentliche Einrichtung über eine ausgegliederte Gesellschaft faktisch einen Sender betreibt oder prägt, könnte das das verfassungsrechtliche Gebot der Staatsferne des Rundfunks berühren. ... Bislang weist die Sächsische Landesmedienanstalt einen Großteil der Kritik zurück", aber sie "kündigt an, die Programmpraxis genauer prüfen zu wollen".
Weiteres: Jakob Biazza (SZ) und Kai Müller (Tsp) plaudern mit Campino von den TotenHosen, die angekündigt haben, dass ihr kommendes Album - gottlob! - das letzte sein werde. Eine in der NZZ besprochene ARD-Doku verspricht derweil Einblicke in die Entstehung des Albums. Andrian Kreye schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Jazzmusiker GunterHampel. In der tazfreut sich Johanna Schmidt auf die anstehende Tour der PostpunkbandJazz. Besprochen werden ein Wiener Abend mit PattiSmith (Standard, SZ, FAZ), SuziQuatros Album "Freedom" (FR) und das Album "Peaks & Plots" des FuchsthoneOrchestras (FR).
"Der Avatar tut's auch", findet Raoul Löbbert auf Zeit Online, wenn er auf das neue Musikvideo der RollingStones schaut, die sich darin via KI in die Siebziger (nicht die eigenen, sondern die des 20. Jahrhunderts) zurück verjüngt haben. Für den Rock'n'Roll tut sich damit ein Blick in die Zukunft auf, in der ins Alter gekommene Recken auch unabhängig von körperlicher Kondition und Fortbestand der eigenen Existenz noch rocken werden. "Verloren ginge jedoch, was die Psychologie unter Authentizität versteht, also das Wissen um die eigenen Stärken, Schwächen und Falten sowie die Bereitschaft, sich der Welt so verknittert zu zeigen, wie man ist. Im Falle der Rolling Stones ist dieser Verlust besonderstragisch."
Weitere Artikel: In der tazresümiert Stephanie Grimm das Atonal-Wochenende in Berlin. Im Tagesspiegel spricht Simon Rayß mit JackAntonoff, der Alben für Taylor Swift, Lana del Rey und Kendrick Lamar produziert hat und ein eigenes Album mit seiner Band Bleachers auf den Markt bringt. Claudius Seidl (SZ) und Edo Reents (FAZ) gratulieren Cher zum Achtzigsten. Besprochen werden ein Berliner Konzert von IgorLevit mit der von ChristianThielemann dirigierten StaatskapelleBerlin, bei dem der Pianist Kompositionen des "vehementen Antisemiten" HansPfitzner spielte (Tsp), ein von AndrisNelsons dirigierter Schostakowitsch-Abend des GewandhausorchestersLeipzig im Wiener Musikverein (Standard), ein Konzert des Jazzsaxofonisten JamesCarter in Wien (Standard), ein Konzert des UkrainischenChorsHomin in Offenbach (FR) und HollyHumberstones "Cruel World" (SZ).
Peter-Philipp Schmitt verzweifelt in der FAZ schier daran, dass Deutschland in Sachen Eurovision Song Contest einfach weiter stur am Publikumsentscheid festhält, der naturgemäß den kleinsten gemeinsamen Nenner statt die für den ESC benötigte Grandezza begünstigt. So auch im Fall von Sarah Engels, die mit "Fire", einem "Popnümmerchen der Vergangenheit, wie von der KI geschrieben", schon weit im Vorfeld erkennbar ohne Chancen verheizt wurde. "Einfach nur darauf zu setzen, dass der Kandidat singen und tanzen kann, reicht bei Weitem nicht aus. Warum lädt man zum Vorentscheid zwanzigESC-Experten aus zwanzig Ländern ein, wenn man dann ihr Urteil ignoriert? Da sitzen ehemalige Teilnehmer wie die ukrainische Gewinnerin Ruslana (2004), der Litauer Vaidotas Valiukevičius von The Roop (2001: Platz acht) und Luca Hänni aus der Schweiz (2019: Platz vier) sowie langjährige Song-Contest-Produzenten wie der Schwede Christer Björkman zusammen, und dann dürfen sie am Ende nicht über den deutschen Kandidaten mit abstimmen."
Würde das einem eigentlich bei irgendeinem anderen Land einfallen? Im Standardforschen Michael Wurmitzer und Flora Moy nach, wie es dazu kommen konnte, dass Israel beim ESC erneut so viel Zuspruch bekommen hat und ob da nicht vielleicht doch Manipulation im Spiel gewesen sein könnte.
Geradezu mikroskopisch und wie in Zeitlupe beobachtet Jakob Biazza (SZ) das fragile Spiel von EricClapton beim Auftritt in München - wohl sein letzter, darf man annehmen. Clapton rang an der Gitarre sehr mit dem Alter: "Wenn man raten müsste, ist es wohl vor allem die rechte, die Schlaghand, die immer öfter, immer deutlicher kaum noch mitkommt. Die schleppt und hakt. Die klemmt und verfehlt. Mal die Saiten. Mal schon auch den Takt. Das Intro schlawinert er noch hin. Den Einstieg zur zweiten Strophe verstolpert er. Um mehrere Takte. Das Solo muss er mehr oder weniger, also eher mehr, abbrechen. Spätestens ab da wirkt es stetig, als könne, als wolle er jeden Moment aufgeben. Gut, dass man nicht aufgeben darf. Niemals. Man muss stattdessen kämpfen. Deshalb kämpft er jetzt eben. ... Wo die Band kann, hilft sie ihm, sekundiert, stützt, übernimmt. Was, ohne jeden Hohn und, viel, viel wichtiger: auch ohne jedes Mitleid, eine sehr eigene Schönheit hat."
Weitere Artikel: Dlf Kulturerinnert mit einem Gang in internationale Radioarchive an Miles Davis, der am 26. Mai hundert Jahre alt geworden wäre - zu hören sind auch einige Raritäten, die bislang noch nicht offiziell veröffentlicht wurden. Christine Brinck resümiert auf Zeit Online den Jewrovision-Wettbewerb in Stuttgart. Und GoodMusicpräsentiert einen ganzen Blumenstrauß an neuen Musikvideos.
Besprochen werden ein Konzert des DeutschenSymphonieorchesters in Berlin ("Die Selbstverständlichkeit, mit der NikolaiLuganski pianistisch-virtuose Hochseil-Passagen ins Licht der Poesie taucht und Klarheit schafft inmitten höchster Komplexität, wirkt mühelos", schwärmt Eleonore Büning im Tagesspiegel), ein von AndrisNelsons dirigiertes Konzert des Gewandhausorchesters mit der Pianistin YuliannaAvdeeva (FR), JosephHaydns von ThomasGuggeis dirigiertes "Jahreszeiten"-Oratorium beim Frankfurter Museumskonzert (FR), Little Simz' neue EP "Sugar Girl" (SZ) sowie neue Popp- (Ikkimel) und Rock-Veröffentlichungen, darunter "Pre-Historic Metal" von den Black-Metal-Fossilien Darkthrone ("Zisch-, Zosch- undKrawall-Schlagzeug, Metzger-Gitarre und ein zwischen Giftspritze und Kehlkopfwürgen angelegter Gesang reichen, um uns durch die Geschichte diverser dunkelschwarzer Metal-Spielarten zu führen", freut sich Christian Schachinger im Standard).
Die bulgarische Sängerin Dara hat mit ihrem "derben Pop-Track" (so Leonie C.Wagner in der NZZ) "Bangaranga" den Eurovision Song Contest gewonnen. NoamBettan kam für Israel auf den zweiten Platz, nachdem er im Publikumsvoting fast bis zum Ende den ersten Platz eingenommen hatte. Sarah Engels konnte das traditionell tiefe Ranking für Deutschland auf dem drittletzten Platz erfolgreich verteidigen. Wer die bulgarische Siegerin eigentlich ist, erklärt Marco Schreuder im Standard.
Jens Balzer, Israel durchaus wohlgesonnen, ist auf Zeit Online letzten Endes doch "erleichert", dass Israel nicht Erster wurde (wie andernorts zu lesen ist, hatte die israelische Delegation auch selbst maximal den zweiten Platz haben wollen). Denn: Ein ESC in Tel Aviv hätte die vonBDS-Aktivistenbelagerteundeh schon schwer beschädigte Veranstaltung wohl endgültig zerrissen. Balzers Eindruck nach war wohl "auch der israelische Kandidat Noam Bettan selbst erleichtert." Bulgariens Sieg war letzen Endes auch "unbedingt gerechtfertigt", der Auftritt ist "gleichermaßen perfekt komponiert und choreografiert, wie er erfreulich lustig und sinnlos ist. Man hat beim Zuschauen und Zuhören in jedem Moment das Gefühl, dass alle Beteiligten genau wissen, was sie tun, und dass sie gleichermaßen in keinem Moment wissen, was das am Ende eigentlich soll. In gewisser Hinsicht bringen sie damit das künstlerische Gesamtkonzept des Eurovision Song Contest auf seinen Punkt."
Das deutsche Publikum gab dem israelischen Beitrag beim Voting die Höchstzahl - dies und der abschließend hohe Platz war der ARD in der anschließenden Plauderrunde allerdings keine Silbe wert, bemerkt Guy Katz in der Jüdischen Allgemeinen. "Für mich als Juden war das kaum anzusehen. ... Dieses Ausweichen war so sichtbar, dass es selbst zur Aussage wurde. War es Vorsicht? Redaktionelle Linie? Wurde Barbara Schöneberger angewiesen, das Thema klein zu halten? Diese Frage muss erlaubt sein. Es ist eine journalistische Frage an eine Redaktion, die sonst jede Nebensächlichkeit erkennt, aber ausgerechnet diesen Moment übergeht." Aber "vielleicht ist das Problem längst tiefer verwurzelt. Vielleicht wissen viele in den Redaktionen inzwischen, dass Israel nur in bestimmten Rollen sendetauglich ist: als Konflikt, als Problem, als Angeklagter. Aber Israel als Publikumsliebling? Als kulturelle Normalität?"
Mehr vom ESC: Jan Feddersen freut sich im taz-Kommentar angesichts des israelischen Erfolgs und auch der Stimmung im Saal, wo offenbar nur wenige Buh-Rufe zu hören waren, dass das Publikum "die Nase voll hat von einem politisch-kulturellen Konflikt, der eben politisch auszutragen ist, nicht über einen Popwettbewerb mit 180 Millionen Zuschauern". Mit "schlichtemKI-TanzpopvonvorgesternfürdieÜ60-Ibiza-Sommernacht" gewinnt man keinen Blumentopf, geschweige denn den ESC, schreibt Manuel Brug in der Welt den deutschen Machern ins Gebetbuch. "Der ESC ist nicht mehr bloß Unterhaltung", nimmt Lion Grote im Tagesspiegel als Learning mit, sondern "europäische Öffentlichkeit im Liveformat".
Weiteres: In ihrem neuen, mit Künstlicher Intelligenz und Deepfakes erstelltem Video präsentieren sich die Rolling Stones wieder jung und knackig, staunt Edo Reents in der FAZ.
Besprochen werden der Tourauftakt von HarryStyles in Amsterdam (SZ, ZeitOnline, FAZ), die Compilation "Music for the Airport" mit hawaiianischerMusik aus den letzten knapp 40 Jahren (taz), ein Konzert von MitsukoUchida in Wien (Presse) und ein Konzert des Enthusiastenchors in Frankfurt (FR).
Die KI hat die Popmusik fest im Griff, schreibt Ronald Pohl im Standard - und meint damit aber gar nicht so sehr die Künstliche Intelligenz, sondern die Kulturindustrie - und die mache alles generisch. "Veröffentlicht ein sympathischer Superstar wie Harry Styles ein neues Album voller 'Banger', darf man sicher sein, dass man das alles schon so oder so ähnlich gehört hat. Die naturgemäß verzückte Popkritik erkennt dann 'Yacht-Rock-Anleihen'. Gemeint ist mit solchen Sperenzchen ausdrücklich nicht die Tendenz, einen Refrain zu stehlen, um dessen geprellten Urheber vor Gericht mit einer freiwillig geleisteten Zahlung zu entschädigen. Es ist alles viel billiger, weil verwertungsneutraler. Indem sie 'generisch' geworden ist, verwischt die Kulturindustrie Spuren, die auf die besondere Dreistigkeit ihrer Raubzüge hindeuten könnten."
Weiteres: "Gewinnen wird dieses Lied wahrscheinlich nicht", schreibt Paul Buschnegg auf Zeit Online über "Fire", mit dem SarahEngels heute Abend beim ESC-Finale antreten wird, "aber der ultimative Tiefpunkt deutscher ESC-Geschichte ist es auch nicht". Jan Feddersen (taz) und Manfred Brug (Welt) kalkulieren die Chancen der ESC-Finalisten. Nora Ederer liefert auf Zeit Online ein Stimmungsbild aus Wien. Im Standard ist Helene Slancar genervt davon, dass kaum noch ein Popstar ohne Glitzer-Bodysuit auf die Bühne geht. In Babydoll-Klamotten legt sich indessen Popstar OliviaRodrigo, was wiederum zu Vorwürfen führt, das sie damit Pädophilie normalisieren würde, was wiederum Sven Fröhlich in der SZ nervt. Jürgen Kaube gratuliert in der FAZRobertFripp zum heutigen 80. Geburtstag. Den feiert morgen auch UdoLindenberg - Harry Nutt (FR), Edo Reents (FAZ), Michael Pilz (WamS), Elena Witzeck (FAS) und Daniel Haas (NZZ) gratulieren. Die SZ schaut mit Lindenberg gemeinsam auf Fotos aus seiner Karriere.
Besprochen werden ein Konzert von OliviaDean (FAS), Ikkimels neues Album "Poppstar" (SZ) und SouledAmericans neues Album "Sanctions" (taz).
Morgen abend steigt in Wien das große Finale des Eurovision Song Contest. Die Pali-Szene schäumt wegen der Teilnahme Israels, diesmal vertreten durch NoamBettan. Manche stellen da Grundsatzfragen, dabei ist die israelische Teilnahme seit je her "nicht verwunderlich", erinnert Jan Feddersen in der taz: "Israels öffentlich-rechtlicher TV-Sender KAN agiert medial in seinem Land regierungsunabhängig, was der entscheidende Unterschied etwa zu den Sendern Russlands und Belarus' ist." Und "Israel ist seit mehr als einem halben Jahrhundert Mitglied der Eurovisionskette (wie auch Sendeanstalten aus dem zu Asien zählenden Kaukasus oder auch Nordafrikas) öffentlich-rechtlicher TV-Häuser. Das war und ist natürlich für die propalästinensische Protestszene viel zu kompliziert." Bettan habe derweil "lernen müssen, gegen Buhrufe anzusingen, ohne die Nerven zu verlieren. Aber man merkt ihm eine gewisse Nervosität an." Marcus Tychsen hat für die Welt mit Bettan gesprochen.
Der ESC ist "unfreiwillig zu einem Spiegel westlicher Polarisierung geworden", schreibt Richard C. Schneider in der NZZ. "Das Bemerkenswerte daran ist nicht die Intensität der Auseinandersetzung, sondern die völlige Auflösung früherer Trennlinien zwischen Kunst und Politik. Lange galt in liberalen Demokratien die Vorstellung, Kultur müsse gerade deshalb frei bleiben, weil sie nicht permanent moralisch oder staatlich funktionalisiert werden dürfe." Doch "während westliche Institutionen jahrzehntelang individuelle Identität, Diversität und subjektive Perspektiven betonten, erleben wir nun eine Rückkehr kollektiver Zuschreibungen. Der Pass wird wichtiger als das Werk. Herkunft zählt stärker als künstlerischer Inhalt. ... Eine israelische Sängerin, ein israelischer Sänger repräsentieren plötzlich Geostrategie. Ein Pavillon wird zum moralischen Schlachtfeld. Ein Filmfestival verwandelt sich in eine außenpolitische Debatte. Dadurch geht paradoxerweise genau jene Differenzierungsfähigkeit verloren, die Kunst eigentlich ermöglichen könnte."
Mehr zum ESC: Marco Schreuder resümiert hier im Standard das zweite ESC-Semifinale und spricht dort mit der ukrainischen Sängerin Leléka. Früher war weniger Lametta, klagt derweil Nicole im Tagesspiegel-Gespräch: "Der ESC ist heute nur noch laut, schrill und bizarr. Früher war das Bühnenbild für alle gleich, was einen fairen Wettbewerb ermöglichte."
Weiteres: Die Welt gratuliert UdoLindenberg mit einer Auswahl ihrer Udo-Lieblingslieder zum 80. Geburtstag. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jan Opielka über BobDylansSong "Not Dark Yet".
Besprochen werden ein Sokolov-Konzert in Wien (Standard), ein Berliner Konzert der britischen Pianistin MitsukoUchida (Tsp-Kritikerin Isabel Herzfeld "möchte nur noch niederknien und ihr die Hände küssen"), ein Wiener Konzert des SymphonieorchestersdesBayerischenRundfunks unter SimonRattle mit MagdalenaKožená (Standard), ein Hadyn-Konzert der WienerPhilharmoniker unter RiccardoMuti (Standard), ein Frankfurter Konzert des EnsembleModern mit Kompositionen von HannahKendall (FR), ein Wiener Kammermusik-Abend mit DaniilTrifonov und NikolajSzeps-Znaider (Standard), ein Konzert von EricClapton in Mannheim (FR), eine ARD-Doku über Xatar (ZeitOnline), OliviaDeans Konzert in Berlin (ZeitOnline), HelgeSchneiders Aufritt beim Klavierfestival Ruhr (FAZ) und WhiteFence' Album "Orange" (taz).
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