Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.03.2021 - Musik

Schade findet es Sabine von Fischer in der NZZ, dass mit dem Auszug des Tonhalle-Orchesters die Zürcher Maag-Hallen, die dem Klangkörper als Improvisorium dienten, nun dem Abriss preisgegeben sind: "Innert kürzester Zeit wurde aus der rohen und vielseitig genutzten Halle ein Bijou für klassische Musik. Mit Begeisterung erinnern sich die Akustiker Karlheinz Müller und Michael Wahl, die auch historische Konzertsäle für höchste Ansprüche wie die historische Zürcher Tonhalle im Stadtzentrum detaillieren, an ihre Zusammenarbeit mit den Architekten: 'Es ging so schnell wie sonst nie, wir haben vorab Entscheidungen getroffen. Entstanden ist eine Halle mit einem eigenen Ruf, mit großem Flair'."

Weitere Artikel: Manuel Brug rettet in der Welt Antonio Salieris Ehre, der keineswegs der Mozart-Mörder war, für den ihn viele halten. Joachim Hentschel plaudert in der SZ mit dem Rapper Rag'n'Bone.

Besprochen werden Kìzis' Album "Tidibàbide" (Standard), ein Porträtfilm über Billie Eilish (FAZ), das neue Album von Nick Cave und Warren Ellis (Pitchfork, mehr dazu hier), Martin Rempes Handbuch "Kunst, Spiel, Arbeit. Musikerleben in Deutschland 1850 bis 1960" (FAZ), neue Klassikveröffentlichungen, darunter Hiyoli Togawas Album "Songs of Solitude" (SZ) und Julien Bakers neues Album "Little Oblivions", für dessen "ironie- und ebenenbefreite Popdramatik" man gemacht sein muss, um sie goutieren zu können, meint ZeitOnline-Kritiker Daniel Gerhardt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.03.2021 - Musik

"Thrash-Jazz" nennt der Musiker Cameron Graves das von ihm bediente Genre in Anlehnung an den klassischen Thrash-Metal der 80er. Klingt derbe, ist es auch, aber dabei ist es doch vor allem eines: interessant. Meint jedenfalls Andrian Kreye in der SZ: Zwar ist "Metal für Jazz-Fans wirklich eine Gewöhnungssache", aber immerhin "setzt sich Graves mit dem Thrash Metal und dem Progrock mit allergrößtem Respekt auseinander .... und er rettet sich auch nicht in die Sicherheit eines Keyboards, das mit dem Triple-Drumming seines ehemaligen Stanley-Clarke-Band-Kollegen Mike Mitchell oder den Hochgeschwindigkeits-Verkantungen des Gitarristen Colin Cook sehr viel leichter mithalten könnte. Es ist aber nicht nur Kraftmeierei, wenn er im Soundbrausen dieser Band auf dem Flügel bleibt. Es ist die Eroberung neuer Möglichkeiten, auch auf einem so feinsinnigen Instrument ein Maximum an Brachialem zu erzeugen." Gerade ist Graves' neues Album "Seven" erschienen, wir hören rein:  



Außerdem: Corinne Holtz porträtiert in der NZZ die Schweizer Pianistin Simone Keller. Karl Fluch plaudert für den Standard mit Bonnie Tyler, die gerade ein neues Album veröffentlicht hat. Sam Sodomsky holt für Pitchfork nochmal das 1980 erschienene Album "Duke" von Genesis aus dem Schrank. In der FAZ gratuliert Wolfgang Sandner dem Musiker Elliott Sharp zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden das neue Album "AAI" von Mouse on Mars (Pitchfork, mehr dazu bereits hier), der vierte Teil aus Stereolabs Retrospektivenreihe "Switched On" (Pitchfork), das neue Album von Nick Cave und Warren Ellis (Standard, mehr dazu hier), Lael Neales Album "Acquainted With Night" (Tagesspiegel), die Apple-Doku über Billie Eilish (taz) und ein Streamkonzert des hr-Sinfonieorchester (FR):

Stichwörter: Graves, Cameron, Jazz, Metal

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.02.2021 - Musik

Für einen VAN-Longread hat Matthias Nöther sich im Musikbetrieb umgehört, wie es mit Hilfen, Überbrückungen und existenziellen Nöten der freien Musiker in der Pandemie aussieht. Vor allem erweist sich die Lage auch als bürokratische Hölle, schließlich sich Musiker "auch während der Pandemie nicht schlichtweg arbeitslos. Es könnte schon sein, dass ein Studiotermin oder ein Treffen mit Kolleg:innen zur Vorbereitung neuer Programme außerhalb ihres Wohnorts stattfinde", was unter HartzIV-Bedingungen zu einem Rattenschwanz an Anträgen und Problemen führe. Und vielleicht sehe nun auch Monika Grütters: "Wenn sie die gesamte freie Musikszene entsprechend den Plänen der Großen Koalition in Hartz IV lockt, ist jenseits festangestellter Orchestermusiker:innen kaum jemand mehr da, der die Opern- und Konzerthäuser bespielen kann - wenn diese Institutionen denn vorsichtig wieder geöffnet werden sollten. Denn auch in der vereinfachten Grundsicherung gilt: Freischaffend musikalisch tätig sein und damit Geld verdienen - das gibt Diskussionen mit dem Jobcenter."

Außerdem: Dass der Sender RBB-Kultur die klassische Musik im Programm mittlerweile vor allem durch Harmonietunke aus der NeoKlassik und Orchester-Soundtracks auf modern trimmen will, findet Stammhörerin Gabriele Riedle in der taz in etwa "so frisch und so aufregend, wie wenn sich ein ausrangierter Verteidigungsminister beim Großen Zapfenstreich Musik von den Beatles wünscht." Thomas Mauch führt in der taz durch die verborgene Frisurengeschichte in der Berliner Popgeschichte.

Besprochen werden eine Doku über Billie Eilish (Welt, Presse, SZ), Bonnie Tylers "The Best Is Yet To Come" (FR) sowie neue Alben der "surrealistisch geschulten Wortjongleure" Conny Frischauf und PeterLicht (taz). In letzteres hören wir rein:

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.02.2021 - Musik

Das ist doch mal eine Abwechslung: Mit "AAI" haben die Klangtüftler von Mouse on Mars ein Konzeptalbum über das ausnahmsweise mal utopische Potenzial von künstlicher Intelligenz aufgenommen. Tazler Julian Weber ist davon nicht nur sehr begeistert, sondern hat auch gleich mit den Musikern gesprochen, die "sehr kurzweilige Grundlagenforschung mit Beats und elektronischen Sounds betreiben; mal rufen sie die experimentelle Ingenieursphase von Krautrock auf, oft klingen sie einfach unverwechselbar nach dem digitalen Hardcore-Research von Mouse On Mars, ohne jemals zu selbstreferenziell zu werden. 'Sound ist Ankündigung und er kommt mit der Vibration', sagt St. Werner. 'Auch wenn der Zug noch weit weg ist, weißt Du einfach, wie viele Waggons dranhängen, weil du weißt, wie du die Schiene lesen musst.' Nimm das, Alexander Kluge." Wir legen unser Ohr gerne aufs Gleis:



Nick Cave bleibt in der Coronakrise produktiv: Schon wieder gibt es Neues von ihm, diesmal war er wieder zusammen mit Warren Ellis an den Instrumenten. Erneut mischen sich "Traumszenen, Erinnerungen, surreale und biblische Bilder zu einer funkelnden Phantasmagorie der Gegenwart", schwärmt Thomas Bärnthaler in der SZ. Cave "ist weiterhin in Hochform. Die Krise wirkt da eher befeuernd. Weiter, immer weiter geht die Reise des bald 64-Jährigen, auch wenn alle zu Hause bleiben müssen. Zur Not auch vom Balkon aus. Dort tanzt er wie Fred Astaire zur Morgensonne, ruft er uns in 'Balcony Man' zu, dem letzten Song des Albums. 'Du bist träge und lieblich und faul / Und was dich nicht umbringt, macht dich nur noch verrückter." Wer wollte ihm da widersprechen?" Weitere Besprechungen auf ZeitOnline und bei The Quietus. Und mit einem zum Fred Astaire gewandelten Nick Cave tanzt man doch gerne auf dem Balkon:



Besprochen werden R. J. Cutlers auf AppleTV+ gezeigter Porträtfilm über Billie Eilish (Tagesspiegel, ZeitOnline, Standard), der vierte Teil aus Stereolabs "Switched On"-Reihe (The Quietus), neue Musik von Carwyn Ellis (taz), Alfred Brendels und Peter Gülkes Band "Die Kunst des Interpretierens" mit Gesprächen über Beethoven und Schubert (FR) und die von René Jacobs digirierte Neuaufnahme von Beethovens "Missa solemnis" (FAZ).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Victor Sattler über Jorja Smiths "Blue Lights":

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.02.2021 - Musik

In der Zeit liefert Jens Balzer Hintergründe zu dem in Spanien wegen "Majestätsbeleidigung" inhaftierten Rapper Pablo Hasél (mehr dazu bereits hier). Seine von linker Folklore getragenen Texte unterfüttert er online mit unappetitlichen Spitzen in den Antisemitismus: "So konsequent wie Pablo Hasél bedient heute kaum noch jemand die nostalgisch gewordene Rhetorik des antiimperialistischen Kampfes. Der große Satan USA tritt hier auf als Hauptschuldiger an aller Unbill der Welt, neben - natürlich - dem 'zionistischen Teufel', der 'die Mehrheit der multinationalen Unternehmen in Hollywood kontrolliert' und 'fast jedes Land an seinen Arsch geklebt hat', wie es in einem Tweet von Hasél aus dem Jahr 2012 heißt."

Weitere Artikel: Für VAN spricht Hartmut Welscher mit der Klarinettistin Sharon Kam. Rockmusik mag am Boden liegen, aber Rock'n'Roll ist ziemlich lebendig, beteuert Karl Fluch im Standard. In seiner VAN-Reihe über Komponistinnen schreibt Arno Lücker über Lūcija Garūta. Georg Rudiger schreibt im Tagesspiegel über die Sommerpläne des Lucerne Festivals. Frankreich möchte sich im März und April an experimentelle Konzerte wagen, berichtet Eberhard Spreng im Tagesspiegel. Vor wenigen Tagen feierten die Popkritiker Masha Qrellas Album "Woanders", auf dem die Musikerin Texte von Thomas Brasch aufgreift - jetzt liegt beim Dlf Kultur auch eine Hörspielvariante der Arbeit vor.

Besprochen werden Alex Winters Dokumentarfilm "Zappa" (NZZ), Stefan Karl Schmids Album "Muse (FR) und das neue Album von Maxïmo Park (Tagesspiegel).
Stichwörter: Hasel, Pablo, Spanien, Rap

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.02.2021 - Musik

Die ersten beiden Ausgaben von Bruce Springsteens und Barack Obamas gemeinsamer Plauderstunde "Renegades: Born in the USA" - von Spotify zwar als "Podcast" vermarktet, aber ohne frei zugänglichen Feed ausgestattet, sodass zum Hören eine Anmeldung notwendig ist - sind "erstaunlich unterhaltsam, manchmal sogar rührend", schreibt Susan Vahabzadeh in der SZ. Die beiden Hosts fühlen sich "staatstragend, die Zuhörer geborgen", lautet Jan Wieles Fazit in der FAZ: "Insofern ist auch dieser Podcast, so wie die Inaugurationszeremonie Joe Bidens und die Halbzeitshow beim Super Bowl, als weitere Beschwörung der Anständigkeit und der edlen amerikanischen Ziele zu verstehen, nachdem diese unter Trump verlorengegangen schienen."

Claus Lochbihler porträtiert für die NZZ den Funk-Bassisten MonoNeon, der nicht nur anarchische Outfits trägt, sondern seiner Fantasie auch in seinen Youtube-Videos freien Lauf lässt, wenn "er den Sound eines Formel-1-Boliden mit Bass unterlegt und den Autolärm so in Musik verwandelt. Einmal spiegelt er das Fauchen einer Katze auf dem Bass so, dass daraus ein Hip-Hop-Track entsteht." Und "er setzt gerne auf krasse Kontraste - wenn er etwa den Soulsänger Johnnie Taylor und John Cage zusammenbringt." Frisch ist dieses Stück:



Außerdem: In der Welt trauert Max Dax um Daft Punk (mehr zur Trennung des französischen Duos hier).

Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, darunter die Demo-Edition von PJ Harveys Album "Stories from the City, Stories from The Sea" (SZ) und Anna B Savages "A Common Turn", das laut taz-Kritiker Lars Fleischmann zwar "immer wieder in die Gefilde von Angst und Scham, von Selbstentwertung und freudianischer Libido-Destrudo-Verschränkung abtaucht", dabei aber mit "Humor und Künstlichkeit" den Cunnilingus besingt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.02.2021 - Musik



Ein schwerer Schlag für die Popkultur: Das Elektro-Duo Daft Punk hat gestern Nachmittag mit dem obigen Video - ein langer Ausschnitt aus dem 2007 von der Band vorgelegten Kunstfilm "Electroma" - seine Auflösung bekannt gegeben. Die beiden Musiker "waren als Band nicht nur Visionäre, was das Maskentragen betraf, Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter zeichnen auch für zahlreiche große Stunden unter der Diskokugel verantwortlich", seufzt Amira Ben Saoud in einer ersten Meldung im Standard. "Abseits ihrer Singles inspirierten ihre visuelle Identität, ihr interstellarer Nimbus und ihr Partymusik-Ethos Generationen von Künstlern über Genregrenzen hinweg", schreibt Jazz Monroe auf Pitchfork.

Eine Ära geht zuende, schreibt auch Dirk Peitz auf ZeitOnline: "Wobei Bangalter und de Homem-Christo keine originäre Erfinder waren und nie welche wurden. Sie haben weder House noch Techno noch irgendeine andere Spielweise der Dance Music wirklich revolutioniert. ... Bangalter und de Homem-Christo programmierten vollkommen repetitive und musikalisch gar nicht mal besonders raffinierte Tracks, drehten aber unfassbar lässig an den Reglern."

Und ist es wirklich schon wieder acht Jahre her, dass wir alle zu diesem Hit tanzten? Nach den chaotischen Trumpjahren und der anhaltenden Pandemie wirkt das Stück wirklich wie aus einer völlig anderen Welt:



1964 durfte das Album "Miles in Tokyo" nur in Japan erscheinen, da Miles Davis mit seinem Tenorsaxofonisten Sam Rivers nicht gut konnte, schreibt Andrian Kreye in der SZ-Jazzkolumne. Jetzt liegt das Album auch hier offiziell als Vinyl vor und Kreye kann Davis schon ein bisschen verstehen: "Während sich Davis und die Rhythmusgruppe sehr einig sind, bringt Rivers die vier mit seinem ruppigeren Ansatz fast aus der Balance. Vor allem auf 'So What' hört man das. Fast doppelt so schnell wie im Original mit John Coltrane, bleibt Rivers bis zu seinem Solo außen vor, um dann die Freiheit der modalen Musik für einen Ausbruch in Atonalität und Überblasungen zu nutzen, der schon eine Vorahnung seiner Rolle als Treiber jenes radikalen 'Loft Jazz' gibt, mit dem er sich seinen eigentlichen Platz in der Musikgeschichte sicherte. Man spürt regelrecht, wie Rivers Miles Davis verstörte. Was nicht oft vorkam." Wir hören rein:



Und Gerald Felber begibt sich für die FAZ in den Werken von Johann Sebastian Bach bis John Cage auf die Suche nach Trost. Er spricht von Musik, "die sich vor uns zurückzieht", etwa Bachs "Kunst der Fuge", den späten Liszt, Beethoven oder Schostakowitsch. Und von Kaikhosru Sorabjis beängstigend abstraktem "Opus Clavicembalisticum", das kaum je gespielt wird: "Was natürlich auch schon an den äußeren Dimensionen dieser felsgebirgigen, in eisiger Höhenluft angesiedelten Klanglandschaft liegt - zwölf Teile mit zusammen mehr als vier Stunden Spieldauer, eingeschlossen eine Fuge mit drei und eine mit vier Themen von je einer halben Stunde." Ein Auszug zum Mitlesen:



Weitere Artikel: In der NMZ erinnert Reinhard Oehlschlägel daran, wie John Cage vor fünfzig Jahren das Komponieren hinter sich ließ. Max Nyffeler berichtet in der FAZ vom Auftakt der Musikfilmmesse Avant Première, wo sich resignative Stimmung kein bisschen breit machte.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.02.2021 - Musik

Binnen weniger Tage hat sich in Kuba der Protestsong "Patria y Vida" des Rappers Yotuel Romero zum millionenfach geklickten Youtube-Hit gemausert und sorgt bis in Regierung und Staatsmedien für helle Aufregung, berichtet Knut Henkel in der taz. Das Stück ist Teil einer bereits seit längerem anhaltenden Auseinandersetzung zwischen Kunstszene und Politik: "Das MSI, eine Künstlergruppe, die sich seit knapp drei Jahren für freie Kunst und gegen staatliche Regulierung engagiert, hatte Mitte November gegen die Verurteilung des kritischen Rappers Denis Solís mit einem Hungerstreik protestiert, der am Morgen des 27. November von der Polizei gewaltsam aufgelöst wurde. ... Mehrere der in der Gruppe 27N und dem MSI organisierten Künstler*innen werden von der Polizei schikaniert, durften Tage, teilweise Wochen ihre Wohnung nicht verlassen, ihre Mobiltelefone wurden immer wieder blockiert und in den Medien des Landes wurden Einzelne, wie die international bekannte Künstlerin Tania Bruguera oder der Rapper Maykel Osorbo, als Konterrevolutionäre diffamiert."



In der Jungle World denkt Konstantin Nowotny über Pop und Depression nach. Zwar liegt die Depression des Pop schon in dessen Blueswurzeln begründet, doch hat sich der Diskurs darum in den letzten Jahren erheblich aufgeheizt - selbst ein Capital Bra rappt heute darüber, trotz Rolex-Uhren unglücklich zu sein. "Labels und Künstleragenturen werden nicht müde, das 'offene' Sprechen ihrer Schützlinge beispielsweise über den Suizid als besonders mutig und daher hörenswert hervorzuheben", doch "selbst wenn man darüber spricht, darf der Abgrund nicht beim Namen genannt werden. Es geht nicht um den psychischen Terror in der Gegenwart, es geht, ganz aufklärerisch, um mental health. So schaffen es die Künstler, selbst in der Anklage der schlimmen Zustände noch ideologisch zu übergehen, dass die Gesellschaft der unendlichen Möglichkeiten selbst das Problem sein könnte und die Verantwortung für jene Zustände den Individuen zu Unrecht zugeschoben wird. Und so schaffen es die Labels auch, die Verletzlichkeit ihrer Künstler zu vermarkten, ohne dass sich beim Hören jemand wirklich betroffen fühlen muss: Schaut her, was wir für schöne Abgründe im Programm haben - wollt ihr sie nicht kaufen? Sie passen so gut zu euch!"

Weitere Artikel: Jakob Augstein unterhält sich im Freitag mit Igor Levit. Die Berliner Musikerin Christiane Rösinger sieht sich in einem Gastbeitrag für die taz nicht dazu berufen, als Musikerin die positiven Seiten der Coronakrise hervorzuheben. Jens Schneider schreibt in der SZ einen Nachruf auf den serbischen Musiker Djordje Balašević. Robert Mießner porträtiert für die taz den Musiker Alex Stolze, der gerade sein Soloalbum "Kinship Stories" veröffentlicht hat. Wir hören rein:



Besprochen werden Theresia Philipps Jazzalbum "Pollon With Strings" (FR), Rainald Grebes Album "Popmusik" (FR), das Debütalbum von Black Country, New Road (Tagesspiegel) und die Kollektion "Nancy Sinatra: Start Walking - 1965-1976" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.02.2021 - Musik

Begeistert beugt sich Detlef Diederichsen von der taz über einen neuen Bildband, der Cover-Artworks kubanischer Musikproduktionen von 1959 bis 1990 versammelt: Insbesondere das Frauenbild steht und fällt mit der Revolution, erfahren wir - aus schmachtenden, leicht bekleideten Frauen werden grimmige Kombattantinnen. Interessant ist auch eine die Veröffentlichung begleitende Compilation: Auf Kuba hatte man die "Elektrifizierung des Jazz und die sich immer ausdifferenzierenden Funk-Beats" offenbar genau im Blick und entwickelte "eine Art fremdelnde Faszination für aktuelle klangliche Neuerungen aus dem musikalischen Norden, etwa elektronische Keyboards wie E-Piano, Clavinet oder diverse analoge Synthesizer, andererseits per Wah-Wah- und Distortion-Pedal aufgepimpte E-Gitarren und den dabei entstehenden neuen Spielweisen. Bei Juan Pablo Torres' 'Rompe Cocorioco' meint man fast eine Art kreative Verzweiflung herauszuhören, wie er da diverse elektronische Keyboards mit Funky Beats und Streicherwänden kontrastiert und schließlich noch mit einem monophonen Synthesizer garniert, als wollte er zeigen: Das können wir alles auch!"



Weitere Artikel: Die taz sammelt Stimmen zum Tod von Françoise Cactus. Der BR hat ein großes Gespräch mit der Berliner Popikone aus dem Archiv geholt sowie die beiden Hörspiele "Killerschildkröten" und "Autobigophonie", an denen sie mitwirkte. In der FAZ gratuliert Jan Wiele Buffy Sainte-Marie zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Masha Qrellas "Woanders", für das die Berliner Musikerin auf Texte von Thomas Brasch zurückgegriffen hat (Spiegel, mehr dazu bereits hier), das CD-Kompendium "Bob Dylan - 1970" (FR) das neue Album von Xatar (ZeitOnline) und das Debüt der Berliner Underground-Popmusikerin Albertine Sarges (Jungle World). Wir hören rein:

Stichwörter: Kuba, Kubanische Musik

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.02.2021 - Musik

Mit ihrem Album "Woanders" greift die Musikerin Masha Qrella Texte von Thomas Brasch auf. "Eingebettet hat sie diese in aufs Nötigste reduzierte und doch vielschichtige Songs, die mal soghaft, mal sphärisch, aber immer eigenwillig klingen", schreibt  Stephanie Grimm in der taz und staunt darüber, wie viel Gegenwart in den Texten noch steckt. Auch FAZ-Kritiker Jan Wiele ist sehr angetan: "Qrella geht frei mit dem Material um, versäumt aber nicht, einige fast schon klassische Verse aus Braschs Gedichtbänden 'Kargo' (1977) und 'Der schöne 27. September' (1980) als Pflöcke einzuschlagen, um die sie kreist. ... Die adaptierten Texte indessen, so viel Resonanzraum sie etwa im Ringen mit dem Sozialismus und seinem Gegenteil haben, offenbaren jetzt erst recht ihre universelle Wirkung, umso mehr, indem sie nicht von Braschs Bariton gelesen, sondern von einer weichen Stimme gesungen werden und dann noch stark erweitert durch Musik und Geräusche. Es sind bittere Balladen, gemacht für einsame Großstädter und moderne Arbeiter, manchmal voller Technikmelancholie." Wir hören rein:



Für eine VAN-Reportage hat Hannah Schmidt bei den Orchestern nachgefragt, wie es um die Bilanzen und die Ausfallhonorare im Zuge der Pandemie steht - und ist dabei teilweise auf verblüffende Zahlen gestoßen, wobei nur knapp 30 Orchester überhaupt antworteten. "Gut 18 Orchester berichten von einer ausgeglichenen Bilanz, fünf sogar von einer deutlich positiven. Aus den Schilderungen von nur drei Orchestern lässt sich herauslesen, dass finanzielle Verluste gemacht wurden, die noch nicht kompensiert werden konnten. Die positiven Bilanzen belaufen sich auf Summen zwischen 100.000 und 350.000 Euro im Plus - zumindest bei denen, die ungefähre Zahlen genannt haben. Das mag zunächst paradox klingen, wo doch bekannt ist, dass seit Beginn der Krise deutlich weniger produziert und veranstaltet wurde", doch gleichzeitig sanken auch viele Ausgaben - "und sie sparten an einer weiteren, der wohl zentralsten Ressource überhaupt: Gehältern und Honoraren."

Große Orchester geben sich international, sind aber selten divers. Für eine Reportage in der NMZ hat sich Eva Morlang nach den Gründen umgehört und ist dabei auf eine Kultur der ausgrenzenden Stiche gestoßen, von der ihr zum Beispiel die Schlagzeugerin Linda-Philomène (Philo) Tsoungui erzählt "Im Klassikstudium sei ihr oft gesagt worden: 'Du spielst schon toll, aber wir sehen einfach keine schwarze Frau in einer Schlagzeuggruppe eines deutschen Orchesters'. An Sprüche wie 'spiel mal nicht so afrikanisch, spiel mal gerader', musste sie sich gewöhnen."

Weitere Artikel: In der NMZ berichtet Moritz Eggert vom Unterrichten in den Kompositionsklassen in der Pandemie. Weitere Nachrufe auf Françoise Cactus schreiben Mascha Jacobs (ZeitOnline), Harry Nutt (FR) und Joachim Hentschel (SZ). Besprochen werden das Rap-Album "Todesliste" von Audio88 und Yassin (ZeitOnline) sowie der von Stephan Mösch herausgegebene Band "Weil jede Note zählt. Mozart interpretieren" (FAZ).