Intervention
Herzingers Kassandrarufe
Von Thierry Chervel, Richard Herzinger
02.07.2026. Im Oktober letzten Jahres ist der Autor und Perlentaucher-Kolumnist Richard Herzinger im Alter von 69 Jahren gestorben. Heute erscheint der Band "Letztes Wort Freiheit" mit Essays Herzingers seit 1992. Es geht um Heiner Müller, deutsche Intellektuelle nach Srebrenica, den 11. September, Botho Strauß, die 68er, die RAF, die Gefahr des Rechtsextremismus, die Ukraine, - und viele andere Themen. Herzinger war mehr als ein Leitartikelschreiber - seine Essays gehören in die große Tradition antitotalitären Denkens. Aus den Essays bringen wir aus Anlass des Erscheinens einige Gedankensplitter, die zeigen, wie früh Herzinger jene Tendenzen benannte, denen die Demokratien heute zu erliegen drohen.
Hg. von Thierry Chervel. Hentrich & hentrich, 358 Seiten, Klappenbroschur, Leipzig 2026, 27 Euro.
Buch im Perlentaucher.
Bestellen Sie über unseren Buchladen eichendorff21 und unterstützen Sie so den Perlentaucher.
Vorbemerkung:
Richard Herzingers Tod war überraschend. Keine lange Krankheit bereitete ihn und seine Umgebung auf sein Verschwinden aus der Öffentlichkeit vor. Seitdem fehlt seine Stimme. Herzingers Lebensgefährtin Barbara Starford und seine Schwester Silvia Herzinger haben mich gebeten, eine Auswahl aus seinen zahllosen Essays, Kommentaren und Interventionen im Perlentaucher zu treffen und in einem Reader zu vereinen. Dank dem Verlag Hentrich & Hentrich und seiner Verlegerin Nora Pester konnten wir dieses Projekt schnell verwirklichen der Historiker Jeffrey Herf, Autor des Verlags, und Freund Herzingers hat den Kontakt vermittelt. Er steuert das Vorwort zum Essayband bei.
Viele Texte Herzingers habe ich für diesen Band zum ersten Mal gelesen. Ich kannte Richard persönlich erst seit 2010 - da schrieb er schon seit bald zwanzig Jahren. In dem Band sind einiger seiner grandiosen großen Essays aus Merkur, der Internationalen Politik, Theater Heute und einigen, heute längst vergriffenen Anthologien neu veröffentlicht - sie zeigen sein seismografisches Gespür. Er kam von der Literatur, er konnte Zeichen lesen. Als Redakteur der Zeit und dann der Welt war er ein weithin bekannter, ungeheuer fleißiger Autor - und doch hätte man sich gewünscht, dass ihm die Zeitungen auch Zeit für ausgreifendere Texte wie aus seinen frühen Jahren gegeben hätten. Die Öffentlichkeit hätte diese Texte gebraucht, auch wenn sie ihn - wie es bei einer Kassadra üblich ist - "nicht gehört" hat.
Vor Putin warnte er zum ersten Mal im Jahr 2000. Sein analytisches Besteck, sein mikroskopisches Talent zum Erspüren von Widersprüchen, hatte er früh parat. Gelernt hatte er es in der antitotalitären Schule: Seine Bezugspunkte waren Manès Sperber, Albert Camus, André Glucksmann, auch Hannah Arendt. Über Adorno, auf den sich bis heute so viele beziehen, konnte er lachen, wie in dem Band ein ziemlich frecher Blogtext über Judith Butler zeigt. Viel lieber bezog er sich auf einen späten Cartesianer in abgewetztem Trenchcoat: Inspektor Columbo.
Den Band zu machen, die alten Texte neu oder wieder zu lesen, war für mich ein zwiespältiges Vergnügen. Immer wieder legte ich kleine, beiläufig formulierte Gedankensplitter Richards beiseite, die noch die Gegenwart schlaglichartig beleuchten: Die noch heute von Steinmeier und co. verfochtene Idee des "Wandels durch Annährung" etwa hatte er schon 1996 in einem Zeit-Essay erledigt. Einige dieser Gedankensplitter habe ich hier, als Anregung den Band zu lesen, gesammelt. Klarheit, Schärfe, Humanität bestimmen sein Schreiben. Die Arbeit bescherte mir zugleich zugleich Freude über diese Geistesblitze und Trauer über das verschwendete, viel zu früh gekappte Potenzial.
Thierry Chervel
Herzingers Kassandrarufe - Zitate aus dem Essayband "Letztes Wort Freiheit", nach Jahren geordnet.
1996
Nach Srebrenica: Kulturnationalistische Tendenzen
Bosnien ist nicht bloß ein ferner Krisenherd, es ist der grauenhafte Vorschein einer möglichen Zukunft ganz Europas. Denn die Sanktionierung einer völkischen, auf ethnischer Auslöschung basierenden Ordnung müsste zwangsläufig einen gewaltigen Auftrieb für kulturnationalistische Tendenzen und für die Re-Ethnisierung auch Westeuropas bedeuten. Die europäische Neue Rechte formuliert dafür schon das ideologische Programm.
Die bosnische Katastrophe kann mit den Instrumentarien linker Theorietradition nicht mehr plausibel erklärt werden. Kein anonymer "Modernisierungsprozess", kein Selbstlauf "instrumenteller Vernunft" trägt für diese Entwicklung die Verantwortung; weder dem "Kapitalismus" oder "Imperialismus" noch einer blinden Zerstörungsgewalt des "Weltmarkts" kann die Schuld an diesem Geschehen in die Schuhe geschoben werden. Die Schuldigen und die direkt oder indirekt Mitverantwortlichen haben Namen und Adressen; das bosnische Massaker macht auf drastische Weise deutlich, dass politisches Handeln und politische Entscheidungen konkreter Subjekte keineswegs überflüssig oder nebensächlich geworden sind. (Aus: Flucht aus der Politik. Deutsche Intellektuelle nach Srebrenica. Merkur 1996)
1996
Wandel durch Annäherung?
Nicht ohne Berechtigung kritisieren die Unionsparteien heute die fragwürdigen Aspekte der Entspannungspolitik der siebziger und frühen achtziger Jahre, die bei einigen Sozialdemokraten in eine Theorie der allmählichen Konvergenz der Systeme eingemündet war und zu einer partiellen Ignoranz gegenüber den Dissidentenbewegungen in Osteuropa geführt hatte. "Wandel durch Annäherung", lautete damals die Parole. Aber die von denselben Parteien getragene Bundesregierung praktiziert gegenüber China und dem Iran eine Politik, die solche Auswüchse der Entspannungspolitik von damals noch in den Schatten stellt...
Das iranische Regime konnte Salman Rushdie, Staatsbürger eines westeuropäischen Landes, mit dem Tode bedrohen, ohne dass es ernsthafte Repressalien zu fürchten hatte. Die angebliche, inoffizielle Zusicherung der Mordanstifter, der Mordbefehl werde zwar weiterhin für rechtens gehalten, aber bis auf weiteres nicht ausgeführt werden, genügt den Matadoren des "kritischen Dialogs" inzwischen schon als Ausweis für den Erfolg ihrer Beschwichtigungspolitik. In Wahrheit haben die Anführer des iranischen Islamismus dem Westen eine Lektion erteilt: Seit der Rushdie-Affäre ist klar, dass Grundrechte von Bürgern der freien Welt zur Disposition gestellt und als politische Verhandlungsmasse benutzt werden können. (Aus: Gegen die Idee des "Wandels durch Annäherung". Eine Antwort auf Roman Herzog. Die Zeit)
Der Kulturrelativismus verfängt sich in einem Selbstwiderspruch: Er fordert vom Westen, die Autarkie fremder Kulturen anzuerkennen, was offenbar die Anerkennung ihres Rechtes einschließt, die westliche Kultur zu verachten und zu bekämpfen. Dieses Recht versagt der Kulturrelativismus nur der westlichen Kultur.
1996
Die 68er
Während viele DDR-Intellektuelle aus dem Untergang der DDR nicht ohne Beschädigung ihrer politischen und moralischen Reputation davongekommen sind, hat die intellektuelle Autorität der 68er unter den Enthüllungen des Ausmaßes der Verbrechen Mao Tse Tungs, Ho Tschi Minhs, Fidel Castros oder der Roten Khmer nicht gelitten - jener Ölgötzen antiimperialistischer Studentendemonstrationen, die von breiten Teilen der 68er-Bewegung einst mit Inbrunst an die Macht gewünscht worden waren.
Wie kam es, dass junge deutsche Linke unter der Prämisse, die richtigen Lehren aus der Erfahrung des Nationalsozialismus gezogen zu haben, die westlichen Demokratien mit einer Art Hyper-Faschismus verwechselten? Und was noch gravierender ist: Wie war es möglich, dass sie unter dem Signum des Antifaschismus und der antiautoritären Revolte ihrerseits Diktaturen verherrlichten, deren Strukturen und Methoden denen faschistischer Systeme tatsächlich bis zum Verwechseln ähnlich waren? (Aus: Wandlungen eines Mythos - Die Kulturrevolutionäre von 1968, Garanten der liberalen Kultur in Deutschland? Buchbeitrag)
1997
Hannah Arendt und der Arendt-Kult
Bei Hannah Arendt verschmelzen Elemente von Heideggers Kritik der Technik als "Geschick" mit Grundfiguren der "Dialektik der Aufklärung" Horkheimers und Adornos: Die Moderne sei durch die Verabsolutierung der nur instrumentellen Vernunft gekennzeichnet. Diese Verbindung von "linker" und "rechter" Fundamentalkritik der Moderne macht Arendt für die postideologische Kulturkritik besonders attraktiv. Arendt verdammt die Moderne jedoch nicht im Ganzen wie Heidegger und fasst ihre Angst vor moderner Entfremdung nicht in ein apriorisches, monumentales Theoriegebäude, wie es bei Horkheimer und Adorno der Fall ist. Das ließ sie vor allem für die postutopische Linke interessant werden, die sich geschichtsphilosophischer Großentwürfe enthalten, der Kapitalismus- und Zivilisationskritik jedoch nicht entsagen will.
1998
Totalitarismus
Anders als bei rechten Autoren wie Ernst Jünger und Martin Heidegger wird bei Brecht und Ernst Bloch selten nach dem konstitutiven Zusammenhang zwischen ihrer totalitären Neigung und ihren ästhetischen und philosophischen Ansichten gefragt. Dabei lässt sich gerade an den Beispielen Brecht und Bloch zeigen, dass ein bestimmter Typus des ästhetischen Modernismus eine immanente Affinität zum politischen Totalitarismus besaß. (Aus: "Angst vor dem letzten Menschen. Bertolt Brecht, Ernst Bloch und die apokalyptische Faszination des Kommunismus. Die Zeit 1998)
1999
Intellektuelles Versagen der Linken.
Der "alte", von der trügerischen Warenwelt verführte, entfremdete Mensch tritt der Linken somit als permanente Bedrohung der wahrhaft humanen Substanz entgegen und muss von ihr entsprechend gegängelt und niedergehalten werden. Dieser Grundzug moralischer Selbstüberhebung und Selbstgerechtigkeit, der in seiner totalitären Form zu terroristischen Diktaturen, in seiner gemäßigt-demokratischen Ausprägung zu exzessiv aufgeblähten Verwaltungsapparaten führte, hat die Linke immer weiter von den realen Entwicklungs- und Diskussionsprozessen in der Gesellschaft entfernt. (Aus: Letztes Wort: Freiheit. Oder die Identitätskrise der deutschen Linken. Merkur 1999)
1999
Russland
Auf der Suche nach einem möglichst harmonischen Ausweg aus dem Krieg wurde Russland von den Westeuropäern, vorneweg von den Deutschen, zum ehrlichen Makler und Hoffnungsträger eines stabilen Friedens idealisiert. Dabei wurde nicht nur verdrängt, dass die Russen in diesem Konflikt keineswegs neutral waren, sondern de facto als Anwalt der Serben agierten. Es war auch längst in Vergessenheit geraten, dass Russland - unter Führung Jelzins - noch vor wenigen Jahren in Tschetschenien selbst horrende Massaker unter der Zivilbevölkerung angerichtet hat. Damals freilich gestützt auf großzügige westliche Kredite. (Aus: Die Kämpfe auf dem Balkan sind zu Ende. Verschwindet damit der Krieg aus Europa? Tagesspiegel 1999)
2002
Gleichschaltung der Vergangenheit: Oder Religiöser Fundamentalismus
Der bilderstürmerische Hass der afghanischen Taliban gegen die Zeugnisse buddhistischer Vergangenheit beispielsweise ist ein Ausdruck dieses Bestrebens, jede Erinnerung an eine geschichtliche Realität, die dem Absolutheitsanspruch des allein gültigen Glaubens im Wege steht, auszulöschen. Auf den ersten Blick absurd und irre wirkende Vorschriften des Taliban-Regimes wie das Verbot, Drachen steigen zu lassen, erklären sich aus dieser Prämisse: Das scheinbar harmlose Freizeitvergnügen geht auf buddhistische religiöse Bräuche zurück. Die Ausmerzung des "unreinen" kulturellen Erbes ist ein Akt der Säuberung der Vergangenheit, oder genauer: der Ersetzung der geschichtlichen Zeit durch die Allgegenwart der religiösen Offenbarung.
In diesem radikalen Purifikationsbestreben gleicht der fundamentalistische Extremismus tatsächlich den großen totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts, dem Nationalsozialismus und dem Leninismus-Stalinismus, deren terroristischer Impetus im Kern gleichfalls auf die rückwirkende Begradigung der Geschichte durch die Auslöschung aller Zeugnisse einer unliebsamen Vergangenheit zielte - bis hin zur physischen Ausrottung jener Menschengruppen, die man für die Überträger der verhassten Traditionen hielt. (Aus: Verschwistert im Zweifel - Religion und Säkularismus nach dem 11. September. Kafka 2002)
2003
Kapitalismus
Die bedeutenden Kapitalismuskritiker, und mögen sie noch so sehr im Irrtum gewesen sein, stehen in intellektuellen Zirkeln bis heute in hohem Ansehen - von Marx bis Habermas, von Bloch bis Foucault. Wer aber den Kapitalismus preist, gilt bestenfalls als unkritischer, schlimmstenfalls als stockreaktionärer Verteidiger "des Bestehenden".
Kontingenz ist der große Störfaktor in jeder geschlossenen Theorie. Der Kapitalismus selbst kommt mit der Kontingenz offenbar prächtig zurecht, die Theoretiker des Kapitalismus dagegen bei weitem nicht so gut. Denn sie neigen dazu, ihn als ein kompaktes System zu betrachten statt als ein heterogenes, bewegliches Geflecht aus wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Beziehungen. (Aus: Kapitalismus als Ethos - Radikale Marktwirtschaftler als radikale Kritiker der Ungerechtigkeit. Merkur 2003)
2003
Der Westen
"Der Westen" war nie dadurch gekennzeichnet, mit sich selbst identisch zu sein. Seine "Identität" lag nie primär in dem begründet, worin alle Demokratien positiv übereinstimmten. Der Kern seiner Gemeinsamkeit lag vielmehr immer in der gemeinsamen Abwehr von Übeln." (Aus: Siamesische Zwillinge - Nur gemeinsam widerstehen Amerika und Europa ihren Feinden. Internationale Politik 2003)
2004
Ressentiment gegen den Westen
Diese Generosität gegenüber allen Gewalttätern, die sich nicht den Herrschaftsplänen des Westens zuordnen lassen, bewegt sich stets im Gleichklang dreier Grundaxiome. Erstens: Bei den Erfolgen der westlichen Gesellschaften geht es nicht mit rechten Dingen zu. Ihre materiellen Errungenschaften verdanken sie der Ausbeutung von Mensch und Natur, ihre Freiheiten sind entweder bloßer Schein oder sie kommen nur wenigen zugute, die sie auf Kosten vieler anderer genießen. Sofern wir selbst in ihren Genuss kommen, leitet sich daraus die moralische Verpflichtung ab, unsere privilegierte Situation zu nutzen, um die Grundlage dieser Ungerechtigkeit laut anzuklagen. Zweitens: In den Weltkonflikten ist der Westen immer der Angreifer. Selbst wenn er wie am 11. September in den USA oder am 11. März in Spanien in mörderischer Weise attackiert wird, trägt er mindestens Mitschuld. Denn er hat den exzessiven Hass seiner Feinde durch seine Rücksichtslosigkeit und Arroganz gegenüber andersartigen Gesellschaften und Kulturen provoziert. Drittens: Der Westen ist übermächtig und letztlich unverletzbar. Deshalb kann er ohne Bedenken verteufelt werden. Und wenn der Westen behauptet, dass er sich gegen seine Feinde verteidigen müsse, um seine Existenz zu sichern, will er damit nur weitere Aggressionen gegen unschuldige Menschen und Eroberungen wehrloser Länder rechtfertigen. (Aus: Ressentiment gegen den Westen. Der Generalverdacht gegen die offene Gesellschaft nach dem 11. September und der Intervention im Irak. Merkur 2004)
2005
Islamismus
Mit totalitären Erscheinungen wie dem Islamismus werden wir uns erst effektiv auseinandersetzen können, wenn wir aufhören, ihn zum unbegreiflichen Anderen zu stilisieren und beginnen, in ihm das leider nur allzu Vertraute zu erkennen. (Aus: Zehn Jahre danach - Haben sich die kulturkritischen Prophezeiungen aus Botho Strauß' "Bocksgesang" erfüllt? Theater Heute 2005)
2007
Die RAF, der "Antifaschismus" und die Juden
Den Widerspruch, dass eine sich als "antifaschistisch" ausgebende Gruppe wie die RAF die Mordtaten gegen unbewaffnete jüdische Zivilisten zu Akten revolutionären Heldentums verklärte, lösten die deutschen Terroristen dadurch, dass sie Israel als "Nazi-faschistisch" und den prominenten israelischen General Mosche Dayan als "israelischen Himmler" bezeichneten. In dieser perfiden Umdeutung konnten sich die linksradikalen Aktivisten in die Gewissheit hineinfantasieren, sozusagen nachträglich Teil des Widerstands gegen den Nazismus zu sein, den versäumt zu haben man der eigenen Vätergeneration vorwarf. (Aus: Terror als Destabilisierung: Die RAF und ihre Paten. Welt am Sonntag 2007)
2011
Columbo
Das Grandiose an der Serie "Columbo" bestand nicht zuletzt darin, dass in ihrem Mittelpunkt zwar eine exzentrische Hauptfigur stand, sie aber gleichwohl eine Bastion gegen den erkenntnistheoretischen Subjektivismus und Relativismus der Postmoderne darstellte. Inspektor Columbo war einer der letzten glänzenden Vertreter des cartesianischen Rationalismus. Der Star dieser Serie war in letzter Instanz nicht Columbo selbst, sondern das strenge analytische Denken, dem er verpflichtet war. (Aus: Blog Freie Welt, 25. Juni 2011)
2014
Die Ukraine und die westlichen Werte
Eine Verengung der Betrachtung des europäischen Einigungsprojekts auf ökonomische und verwaltungstechnische Fragen hat in Europa einen technokratischen Politikertypus hervorgebracht, der kaum noch in der Lage ist, die historischen und ethischen Dimensionen der europäischen Freiheitsidee zu erfassen und zu artikulieren, geschweige denn, die Bevölkerung dafür zu begeistern.
Je weniger Europa sich als fähig erweist, Stärke in der Welt zu beweisen, umso mehr wird es auch seine innere Kraft verlieren.
Der Hauptgegensatz in der Auseinandersetzung über Europas Zukunft verläuft vielmehr zwischen jenen, die an einem universalistischen, ethnisch heterogenen und supranationalen Gesellschaftsverständnis festhalten, und einer erbitterten Gegenbewegung, die in diesem "liberalistischen" Leitbild eine tödliche Bedrohung für nationale und soziale Identitäten sieht. (Aus: Licht aus dem Osten - Die Ukraine hält die Werte hoch, derer der Westen überdrüssig scheint. Internationale Politik 2014)
2015
André Glucksmann
Im Bewusstsein unserer Vergänglichkeit zu leben, bewahrt uns in seiner Sicht aber auch vor der Hybris, uns ideale, auf eine illusionäre Ewigkeit gegründete Ideengebäude zu errichten. Am Ende werde die Wirklichkeit dann nämlich nur zu oft gewaltsam an sie angepasst - unter der Opferung von Menschen, die ihrer Realisierung im Weg stehen. In dieser vernichtenden Logik des Utopischen sah Glucksmann die Wurzel des Totalitarismus wie aller Formen ideologisch motivierter Unterdrückungssysteme. (Aus: "Nicht die Zeit vergeht. Wir vergehen." Hommage auf André Glucksmann. Die Welt 2015)
2018
Europa und die nationale Souveränität
Dass in der Ukraine der Kampf für die Durchsetzung von Demokratie und rechtsstaatlichen Verhältnissen untrennbar mit dem Streben nach nationaler Selbstbestimmung verknüpft ist und sich beides im brennenden Wunsch nach dem Eintritt in die EU bündelt, verweist darauf, welchem fatalen Grundirrtum Euro-Skeptiker und radikale EU-Gegner unterliegen. Ihre Gleichsetzung von "mehr Europa" mit "weniger nationale Souveränität" erweist sich als ahistorisch und falsch. Die postimperiale Struktur der EU hat vielmehr erstmals in der Geschichte des Kontinents auch kleineren Nationen ihre nationale Souveränität garantiert.
Moskau hat seine Bestrebung, die Ukraine wieder in jene mystische "russische Welt" zurückzuzwingen, deren Verklärung dem Putin-Regime den Vorwand für seine aggressive Expansionspolitik liefert, jedenfalls nicht aufgegeben. (Aus: Kiew in Freiheit. Das Unwissen über die Ukraine ist das Einfalltor für die russische Propaganda. Die Welt 2018)
2021
Linker Antisemitismus
Vielfach wurde die Judenemanzipation mit der Erwartung verbunden, nach ihrer Befreiung aus dem Ghetto würden sich die Juden über kurz oder lang von ihrer jahrtausendealten religiösen und kulturellen Identität verabschieden und in der egalitären Gesellschaft beziehungsweise in der Klassenfront der Ausgebeuteten und Unterdrückten aufgehen. Als dies nicht eintraf, führte das zu verstärkten Aversionen gegen die jüdische Gemeinschaft auch im "fortschrittlichen", linken Lager.
Die Juden als nicht eindeutig historisch definierbare Gruppe - weder sind sie im Begriff des Volkes oder der Nation, noch einer Religionsgemeinschaft, und schon gar nicht einer Klasse vollständig zu fassen - standen quer zu den Rollenzuweisungen im Szenario der sozialistischen Heilsgeschichte. Ihr eigensinniger Partikularismus wurde den Juden als reaktionäre Verweigerung der Einsicht in die Gesetzmäßigkeit des historischen Fortschritts, ihr grenzüberschreitender Kosmopolitismus als Unterminierung geschlossener, "progressiver" historischer Subjekte wie dem Nationalstaat verübelt und mit der vermeintlich entfremdenden, vereinzelnden Wirkung der Geldherrschaft in Verbindung gebracht. (Aus: Der Antisemitismus und die Lebenslüge der Linken. Judenhass findet sich bereits in Gründungstexten der Linken. Blog Hold These Truths 2021)
2023
Das Böse
Das Böse verschwindet nicht dadurch, dass man versucht, es durch politische, soziale oder psychologische Kriterien zu filtern und auf diese Weise wegzuerklären. So wenig es vollständig eliminiert werden kann, so dringend muss es jedoch permanent in Schach gehalten werden.
Die Unfähigkeit, das Böse beim Wort zu nehmen, ermutigt es und macht es stark.
Diese Regime tun nicht das Böse, weil irgendwelche ihrer geopolitischen Forderungen nicht erfüllt werden, weil sie sich "eingekreist" fühlen, weil sie dadurch ökonomische Probleme zu lösen oder von ihnen abzulenken versuchen, oder welche Erklärungsmuster für ein derartiges Agieren sonst noch im Umlauf sind. Sie tun vielmehr das Böse, weil dies ihrem innersten Wesen entspricht. (Aus: Das Böse als Realität in der Weltpolitik. Die Scheu der Demokratien vor dem Blick in den Abgrund. Internationale Politik, Februar 2023)
2023
Nach dem 7. Oktober
Dass die Terroroffensive der Hamas den Westen völlig unvorbereitet getroffen hat, zeigt: Er kann es sich nicht länger leisten, die diversen aktuellen Kriegs- und Konfliktherde, sei es in der Ukraine, im Kaukasus, in Afrika oder im Nahen Osten, als voneinander isolierte, jeweils "regionale" Phänomene zu betrachten. Sie müssen im Kontext eines gleichsam dezentral geführten weltweiten Kriegs gegen die gesamte demokratische Zivilisation gesehen werden, der von ihren vereinten Todfeinden massiv vorangetrieben wird. (Aus: Israel und die Ukraine führen denselben Kampf. Internationale Politik 2023)
2025
Die Tendenz der Demokratien zur Beschwichtigung
Die Priorisierung des kurzfristigen ökonomischen Vorteils vor vermeintlich "weltfremder" demokratischer Moral zieht häufig einen Werterelativismus nach sich, der postuliert, man dürfe nichtwestlichen Kulturen nicht "unsere" normativen Maßstäbe "aufzwingen". Dieses scheinbar von Respekt vor kultureller Vielfalt zeugende Argument wird gerne vorgeschoben, wenn es in Wahrheit um ungestörte Geschäftemacherei mit Despotien geht. Paradoxerweise findet sich dieser das Profitstreben camouflierende Kulturrelativismus spiegelbildlich bei Kräften wieder, die das Gegenteil von kapitalistischen Motiven verfolgen. Die selbstkritische Aufarbeitung der Verbrechen des europäischen Kolonialismus ist für die modernen westlichen Demokratien essenziell. Doch wenn linke Antikapitalisten und "Postkolonialisten" mit dem Verweis darauf gegenwärtige mörderische Regimes im sogenannten "globalen Süden" exkulpieren, stellen sie die Lehren aus der kolonialistischen Vergangenheit auf den Kopf. (Aus: Muster der Beschwichtigung - Gibt es einen strukturell bedingten Hang der Demokratien zur Beschönigung totalitärer Aggression? Perlentaucher 2025.)
2025
Düsteres Zeitalter
Die westlichen Gesellschaften scheinen von einem Phänomen erfasst zu werden, das Sigmund Freud als "Unbehagen in der Kultur" bezeichnet hat. Demnach aktiviert sich, wenn der Druck immer komplexerer zivilisatorischer Regelwerke als unerträglich empfunden wird, ein kollektiver Selbstzerstörungs- oder Todestrieb, der den Wunsch befeuert, die Last des gesellschaftlichen "Über-Ichs" um jeden Preis abzuwerfen. Paradoxerweise werden dadurch autoritäre Führertypen wie Donald Trump populär, die der Masse vorleben, wie man sich aggressiv der "Einschränkung" durch Recht, Moral und Wahrheitsliebe widersetzt. (Aus: Düsteres Zeitalter - Über den möglichen Absturz der Menschheit in ein Zeitalter der Willkür. Perlentaucher 2025)
Richard Herzinger
Kommentieren



