Magazinrundschau - Archiv

n+1

39 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 4

Magazinrundschau vom 16.04.2013 - n+1

Die englische Filmregisseurin Sally Potter hat Margaret Thatchers Politik immer vehement abgelehnt. Aber etwas änderte sich, als sie eines Tages ein Poster in einem Schaufenster sah, schreibt sie. "Das Poster war von einer linken Gruppe gestaltet worden und zeigte Margaret Thatcher, die in einer Schlinge hing, über der stand: 'Tötet das Miststück'. Daran war nichts ungewöhnlich und es wiederholte sich viele Male in den Tagen nach ihrem Tod, als Leute schadenfroh sangen 'Ding dong, the witch is dead', ein Song aus dem Wizard of Oz. Es sieht aus wie unschuldige Ironie. Aber man kann und konnte unmöglich den Eifer bewundern, mit dem hier Sprache und Bilder, die an Lynchjustiz und Hexenverbrennungen erinnern, benutzt werden, um sie als Frau zu dämonisieren und einen uralten Hass auf Frauen zu erwecken, die in irgendeiner Form Macht haben - sei es geistig, medizinisch oder politisch. Warum diese Gleichsetzung ihrer Person mit ihrer Politik? Warum gilt ihr Konservatismus als destruktiv und dämonisch statt einfach als politisch katastrophal?"

Magazinrundschau vom 12.03.2013 - n+1

Andrea Lim beschreibt am Beispiel von Chongquing und der Kunstfabrik 501 das Scheitern von Bo Xilais Experiment, freie Märkte vom Staat schaffen und "beschützen" zu lassen. Korruption und die Unmöglichkeit, Beamte für irgendetwas verantwortlich zu machen, ließen das nicht zu. Und nirgends scheiterte das Experiment so offensichtlich wie im Kunstmarkt, lernt Lim von Yan Yan, der 2006 die Kunstfabrik 501 gründete: "Die Neuigkeit sprach sich in der Kunstgemeinschaft schnell herum. Künstler im 501 stellten zusammen aus, gingen gegenseitig in ihren Studios ein und aus, vereinten Arbeit und Rumhängen. 'Ich habe gelernt, wie dumm ich bin', sagt Yan Yan mir eines Abends beim Bier im Moon, einem Café gegenüber dem 501. Yan Yan ist von farbloser Erscheinung - leise und dünn, das Haar trägt er in einem Pferdeschwanz - aber jetzt spricht er mit Entschiedenheit. 'Ich dachte, ich käme klar, wenn ich mit bestimmten Teilen des Systems umgehen könnte, aber ich verstand nie das System als ganzes.' Er dachte, er könne die existierenden Gesetze strategisch nutzen. 'Aber in Wahrheit', sagt er, 'bekommt die Regierung, was immer sie will.'" Heute ist 501 im wesentlichen von kommerziellen Grafik- und Designbüros belegt.

Außerdem: Moira Weigel ordnet in einem langen Essay Michael Haneke unter die Sadomodernen - offenbar eine europäische Spezialität - ein. Und Pooja Bhatia bespricht Laurent Dubois' Buch "Haiti: The Aftershocks of History".
Stichwörter: Haiti, Limes, Haneke, Michael, Grafik

Magazinrundschau vom 12.02.2013 - n+1

n+1 übersetzt ein höchst emphatisches Gedicht von Valery Nugatov über seine Liebe zur Kunst:

"I want to fuck you
in front of
works of contemporary art
in front of installations
assemblages
readymades
performances
video art
..."

Außerdem: Charles Petersen denkt über Schwindler nach und über Stanley Cavells Essay "Must We Mean What We Say?"
Stichwörter: Video Art

Magazinrundschau vom 29.01.2013 - n+1

n+1 übernimmt Andrej Weselows Porträt des Bergarbeiter und Gewerkschafters Walentin Urusow, der 2008 wegen angeblichen Drogenbesitzes zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde. Er hatte in den Diamantenminen des Alrosa-Konzerns in Jakutien einen Hungerstreik der Arbeiter organisiert, zum Unwillen des Managements und ihrer Handlanger in den offiziellen Gewerkschaften. Urusow erzählt: "Es gab so viele Probleme! Sie müssen verstehen, es geht um sehr schwere Arbeit: Wir arbeiteten Tag und Nacht, an Feiertagen, wir übernahmen die Schicht von jemand anderem, alles, was das Management verlangte. Aber wir wurden nur für acht Stunden am Tag bezahlt. Dann die Arbeitsbedingungen und die Sicherheit. In der Abteilung, in der ich arbeitete, hätte die Ausrüstung schon vor zwanzig Jahren entsorgt werden müssen. Es passieren deshalb viele Unfälle. Publik wurde nur die Spitze des Eisbergs. Ich verlor ein Stück meiner Hand, das zählte gar nicht. Todesfälle konnten sie natürlich nicht vertuschen, aber Brüche und Verletzungen sind etwas anderes. Es gibt Tausende davon, und niemand kümmert sich darum. Es war eine Schande: Die Firma war so reich, sie baute sich fünf-Sterne-Hotels und alle möglichen Geschäftszentren, aber bei uns knauserte sie so."

Magazinrundschau vom 22.01.2013 - n+1

Gary Sernovitz, Autor und in einem früheren Leben Analyst für eine New Yorker Investmentbank, denkt über Kunst und Risikogeschäfte nach. Der größte Kunde seiner Bank war 1997 der - inzwischen unter Beschuss geratene - Spekulant und Kunstsammler Steven Cohen. Er besitzt ein Vermögen von 8,8 Milliarden Dollar und gibt etwa acht Prozent davon für Kunst aus. Soviel Geld, meint Sernovitz, häuft nur jemand an, der einen Vorteil zu nutzen weiß. Das gilt auch für die Künstler heute, die ständig etwas Neues machen sollen: "Alle Künstler reagieren - jeweils in ihrer eigenen Art - auf ihr Innenleben, die Außenwelt und andere Kunst. Die Basiszutaten haben sich nicht geändert. Aber zu oft frage ich mich nach einer Ausstellung, in die ich hungrig nach einem starken ästhetischen Erlebnis gegangen war, warum sie mich kalt gelassen hat. Es könnte sein, dass ich nicht beschlagen genug bin, die intellektuelle Schönheit in den Ideen der Zentauren zu sehen. Es könnte sein, ermahne ich mich, dass die meiste Kunst die meiste Zeit nur so lala ist; es gab nie ein Zeitalter der allgegenwärtigen Meisterwerke. Aber manchmal kommt es mir auch so vor, als sei der Vorteil die Voraussetzung für eine Ausstellung geworden. Als sei dieser Vorteil das einzige, was noch zählt."
Stichwörter: Geld, Kunstsammler

Magazinrundschau vom 11.12.2012 - n+1

Einiges Unbehagen entwickelt Richard Beck bei der gerade vielfach ausgezeichneten Showtime-Serie "Homeland", die seiner Ansicht nach die Kritik der US-Linken in den letzten zehn Jahre am Kurs der USA unter den Republikanern in neuem Licht erscheinen lässt. Die Serie lege nahe, "dass die Liberalen sich selbst in die Tasche gelogen haben. Ihre eigentliche Absicht bestand nicht in der Überwindung der republikanischen Paranoia, sondern in dem, was republikanische Paranoia so kraftvoll gemacht hat: Der weitverbreiteten Annahme, dass die Demokraten zu schwach und zu sehr von Selbsthass zerfressen sind, um uns vor unseren Feinden zu schützen. Unter Obama beugten sich unsere gemeinsamen Ängste einer Rhetorik der Toleranz und Folter wurde zumindest in ihren haarsträubendsten Formen verdammt. Doch die Terroristen in 'Homeland' und im echten Leben werden immer noch irgendwo da draußen vermutet, sie sind noch immer zu allem fähig, noch immer in der Lage, jeden Moment zuzuschlagen. Die Serie 'Homeland' arbeitet darauf hin, ihre Fans an eine permanente politische Stimmung des Verdachts und der unmittelbar bevorstehenden Katastrophe zu gewöhnen. Präsident Obama, dessen Drohneneinsätze - mit deutlich weniger Aufhebens seitens der Linken - mehr Menschen das Leben gekostet hat als Bushs Folterer - bezeichnet sie als seine Lieblingsserie."
Stichwörter: Folter, Homeland, Selbsthass, Paranoia

Magazinrundschau vom 30.10.2012 - n+1

In den 80er Jahren führte an großen Theoretikern wie Derrida, Foucault und Habermas kein Weg vorbei. Die Konjunktur ihrer Theorien ist heute abgeklungen, doch jetzt spürt Nicholas Dames ihre Spätfolgen an unerwarteter Stelle auf: in den Protagonisten der realistischen Romane von amerikanischen Autoren wie Jeffrey Euginides, Jonathan Franzen, Sam Lipsyte, Jennifer Egan, Ben Lerner, Lorrie Moore und Teju Cole: "Diese Romane kennzeichnet ein gnadenloser Drang zur Analyse des trügerischen Wesens von Zeichen. Doch dieser Drang wird beschrieben, nicht nachempfunden. Realismus beruht auf dem - wenn auch brüchigen - Glauben an die Zuverlässigkeit von Zeichen. Es ist ein Glauben, den diese Protagonisten nicht ohne Weiteres teilen. Und so treiben sie sich unbehaglich in ihren eigenen Romanen herum."

Magazinrundschau vom 24.07.2012 - n+1

Der Schauspieler Joaquin Phoenix und die Regisseurin Sofia Coppola haben im Teenageralter ihren großen Bruder verloren: River Phoenix starb an Drogen, Gio Coppola bei einem Rennbootunfall. In einem sehr interessanten Essay sucht Christopher Glazek, der selbst einen Bruder verloren hat, im filmischen Werk der beiden jüngeren Geschwister nach Spuren der Auseinandersetzung mit diesem Verlust: "Das Trauma, das die von Hollywood enttäuschten Kinder erfahren - die Söhne und Töchter der Phönixes, der Coppolas, der Afflecks, und viele andere - bietet das narrative Muster für jeden, der den ganz gewöhnlichen amerikanischen Albtraum lebt, ohne die Möglichkeit zu haben, ihn auf der Leinwand auszuleben."

Magazinrundschau vom 10.07.2012 - n+1

Computer werden nie die Weltherrschaft übernehmen. Wir servieren sie ihnen auf einem silbernen Tablett. In einem langen, faszinierenden Artikel beschreibt der amerikanische Software-Ingenieur David Auerbach (Blog) die verschiedenen Stadien, die Suchalgorithmen durchlaufen haben - von Ask Jeeves über Google, Amazon bis hin zu Facebook und Twitter. Die Qualität von Suchergebnissen hat sich zwar verbessert, aber sie hängt (frühes Google ausgenommen?) immer noch ab von den fehlerträchtigen Kategorien und Klassifizierungen, die Menschen sich ausdenken. Pech für uns! "Es gibt gute und schlechte Neuigkeiten. Die gute Neuigkeit: Weil Computer uns nicht so 'verstehen' können und es auch nicht werden, wie wir uns gegenseitig verstehen, werden sie auch nicht die Welt übernehmen und uns versklaven (jedenfalls nicht in absehbarer Zeit). Die schlechte Neuigkeit: Weil Computer nicht zu uns kommen und uns in unserer Welt treffen können, müssen wir uns und unsere Welt ihnen anpassen. Wir werden unser Leben, einschließlich unseres sozialen Lebens und der Vorstellung von uns selbst, so definieren und reglementieren, dass es dem, was ein Computer 'versteht', förderlich ist. Ihre Dummheit wird unsere werden."
Stichwörter: Amazon, Auerbach, David, Askese

Magazinrundschau vom 03.07.2012 - n+1

Die Revolution ist nicht tot, schreibt Margaret Litvin in ihren teilweise recht komischen Impressionen aus Kairo, in denen sie auch das neueste Gerücht kolportiert: "Meine Freundin Nehad Selaiha ruft an und gibt mir aus ihrer Theaterkritikerinnen-Perspektive einen Überblick über die Ereignisse und Nicht-Ereignisse der Woche: 'Wusstest du, dass Mubarak klinisch tot ist und dass sie ihn künstlich am Leben halten, weil sie nicht wissen, wie sie ihn beerdigen sollen?', fragt sie. 'Er hat so viele militärische Orden erhalten, aber wie soll man jemandem ein militärisches Begräbnis geben, der im Gefängnis sitzt? Wie auch immer sie es machen, es gibt einen Aufstand.'"