Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 14.10.2014 - n+1

Anlässlich der Grammy-Verleihung und der traditionellen Vorabend-Party des legendären Musikproduzenten Clive Davis reist David Samuels ins Herz der amerikanischen Musikindustrie nach Los Angeles. In einer lesenswerten, anekdotenreichen Reportage beschreibt er eine Branche im Umbruch, die noch die Genies des zwanzigsten Jahrhunderts feiert, während ihr Geschäftsmodell - das Verkaufen von Musik - unüberhörbar ans Ende gekommen ist: "Dass Songwriter zur Zeit das meiste Geld mit Radio-Airplay verdienen, wirkt sich deutlich auf die Art von Songs aus, die zu schreiben für sie interessant ist. Ein Nummer-Eins-Hit in Amerika spielt wohl zwischen 1,5 und 2 Millionen Dollar durch Airplay ein, während ein Song auf einem Platin-Album - also von einem Album, das sich über eine Million mal verkauft hat, was mittlerweile sehr selten geworden ist - nur rund 90.000 Dollar einbringt."

Magazinrundschau vom 28.03.2014 - n+1

Tja, die neue Stadt in den USA, wo man leben sollte, wenn man irgendwie alternativ drauf ist, scheint ähm ... Boise in Idaho zu sein. Ryann Liebenthal, der aus der Stadt kommt, erzählt, wie es dazu kam, und wie ein kleines Kulturprogramm der Stadt half, neue Bevölkerung anzuziehen: "Vielleicht segelt Boise ein bisschen im Windschatten des Phänomens, das Portland vor zehn Jahren hervorbrachte. Oder Austin. Oder Asheville. Oder Seattle in den Neunzigern. Oder andere Städte, die in Lifestyle-Magazinen für ihre authentische lokale Kultur gepriesen werden. Vielleicht ist es sinnnvoll, der nivellierenden Internet- und Megacity-Kultur tatsächlich mit solchen Ameisenhügeln kultureller Aktivität zu begegnen. In Boise war dieser Prozess langsam und mühsam, und so fühlt es sich immer noch frisch und aufregend an, wenn deine Lieblingsband berühmt wird - aber ich fürchte auch den Goldrausch." Wenn die ganze Stadt so angenehm entspannt, psychedelisch und rau ist wie die Musik von Built to Spill, die aus Boise kommen, sollte man vielleicht tatsächlich hinziehen.

Magazinrundschau vom 07.03.2014 - n+1

Greg Afinogenov analysiert die ersten 16 Minuten der russischen Nachrichtensendung Vesti nedeli vom 16. Februar (Video), die beispielhaft ist für den offiziellen russischen Umgang mit oppositionellen Stimmen. Angegriffen werden vom Moderator Dmitrii Kiselev in den ersten Minuten der liberale Journalist Viktor Shenderovich und der Dichter Igor Irten"ev, dessen eigentlicher Name, wie Kiselew enthüllt, Rabinovich ist. "In Nazideutschland, erklärt Kiselev finster, wären beide in Konzentrationslager verschleppt worden. Es lohnt sich, darauf näher einzugehen. Die Beschwörung des Jüdischseins beider Autoren dient der Aktivierung einer ganzen Reihe von Reflexen, die in den Pathologien von Nachkriegsrussland begründet liegen. Das Stereotyp lautet, dass die Juden wurzellose Kosmopoliten sind, ohne echte Anhänglichkeit an ihr Land, willens jeden zu verraten, wenn es ihnen nützlich erscheint. Sie sind schwache Feiglinge, die sich vor dem Kriegsdienst drückten, als echte Russen für sie starben, die aber gern das Opfer spielen. Über all dem sind sie eng verbunden mit der angeblich liberalen Ära der 1990er Jahre, als russische Politik vor allem von jüdischen Oligarchen dominiert war. All diese Assoziationen sind für den russischen Zuschauer sofort erkennbar, der diese Narrative sehr gut kennt, auch wenn er selbst kein Antisemit ist."

Magazinrundschau vom 14.02.2014 - n+1

"Wenn einer von uns an einer Überdosis stirbt, hält er wahrscheinlich zehn andere davon ab", zitiert der Drehbuchautor Aaron Sorkin den an einer Heroin-Überdosis gestorbenen Schauspieler Philip Seymour Hoffman. Ob sich Hoffmans Prognose bewahrheitet, hängt davon ab, welche Schlüsse aus seinem Tod gezogen werden, schreibt Christopher Glazek. Um den gegenwärtigen Heroin-Boom - die Zahl der Konsumenten hat sich in den USA seit 2007 fast verdoppelt und ist so hoch wie nie zuvor - in den Griff zu kriegen, plädiert Glazek gegen eine härtere Drohenpolitik und für die Betreuung von Heroinsüchtigen mit geeigneten Ersatzstoffen: "Viele betreute Opiatabhängige erfahren eine geringere Zerrüttung ihres täglichen Lebens als Konsumenten von Chemikalien wie Crack und Meth, die zwar weniger tödlich sind, aber stärker verrückt machen. Selbst mit unkontrollierter Abhängigkeit und schwankender Versorgung mit Opiaten gelang es Hoffman, einen Zeitplan einzuhalten und eine Produktivität an den Tag zu legen, die für viele nüchterne Menschen eine Herausforderung wäre. Darin liegt jedoch das große Paradox von Heroin: Wer es einnimmt, geht im Vergleich zu anderen Drogen ein geringeres Risiko ein, sich durch unberechenbares Verhalten als Süchtiger zu stigmatiseren. Aber er geht ein höheres Risiko ein, von der Droge getötet zu werden."

Magazinrundschau vom 31.01.2014 - n+1

Südafrika erlebt ein Revival der boeremusiek, einer traditionellen Musikform, die bislang als Schöpfung der weißen Afrikaner galt. Die Musikwissenschaftlerin Willemien Froneman fordert diesen Konsens heraus und beschreibt boeremusiek als eine "Gattung von historisch apolitischem Charakter und ethnisch hybriden Anfängen." In n+1 beleuchtet Trevor Sacks diese Anfänge und findet Fronemans Befund plausibel: "Wenn man ein weißer Farmer in der Kapkolonie des 18. oder 19. Jahrhunderts war und eine Party schmeißen wollte, dann musste man mit großer Wahrscheinlichkeit eine Band aus Sklaven oder Dienern mit eher dunklerer Farbpigmentierung als der eigenen zusammenstellen. Diese Band spielte dann dieselben Walzer und Polkas, nach denen die Leute in Europa verrückt waren, aber sie filterte die Musik mit der Empfindsamkeit der Sklaven, der Khoisan, Indonesier, Inder, Malagasy und vielleicht Xhosa, die ihre eigene musikalische Tradition und Ästhetik mitbrachten."

Magazinrundschau vom 12.11.2013 - n+1

Vergesellschaftet die sozialen Medien, ruft einem Schriftsteller Benjamin Kunkel in einem Manifest als Reaktion auf den Aktiengang von Twitter entgegen. In ingesamt fünf Punkten kritisiert er unter anderem die Monopolbildung sozialer Plattformen sowie die Ausrichtung an Aktionärs- statt Nutzerinteressen. Soziale Medien, schreibt er weiter, sind wie Straßen ein Bestandteil der gesellschaftlichen Infrastruktur. Auch vertritt er, konträr zu den Thesen der Marktradikalen, die Ansicht, dass eine Vergesellschaftung Innovation und Unternehmertum in diesem Bereich ganz besonders fördern kann: "Die Aussicht darauf, reich zu werden, mag einer der Faktoren gewesen sein, die Mark Zuckerberg dazu verleitet haben, Facebook zu entwickeln. Doch hatte er keine Ahnung, wie reich er werden könnte, und gibt, nach allem, was man weiß, ohnehin nicht allzu viel für sich selber aus. Nur Facebook und Twitter bieten sich derzeit auf Grund ihrer starken Monopolstellung eindeutig für eine Vergesellschaftung an und es scheint nicht abwegig, dass die Regierung die Gründer beider Firmen noch vor einem Aktiengang im Namen der Öffentlichkeit hätte auslösen können - und das zu einem Preis, den beide als attraktiv eingeschätzt hätten. ... Und selbst wenn wir annehmen, dass Unternehmer mit der Aussicht darauf, dass eine Handvoll Start-Ups eines Tages so wichtig werden würde, um vergesellschaftet werden, wüsste, dass sie in diesem unwahrscheinlichen Fall nicht mehr als 100 Milliarden Dollar für ihren Anteil an dem Unternehmen erhalten, lässt es sich nur schwer vorstellen, dass eine solche Deckelung tatsächlich irgendjemand abschrecken würde."

Passend dazu fordern auch Robert W. McChesne und John Nichols in The Nation, dass der Staat im Namen der Öffentlichkeit den Journalismus retten möge.

Magazinrundschau vom 15.10.2013 - n+1

Alice Gregory schwärmt vom Surf-Sport in Mavericks, einem kleinen Ort südlich von San Francisco, in dem einer der weltweit bekanntesten Surf Contests abgehalten wird, die Mavericks Invitational. Die Wellen können hier bis zu 100 Fuß hoch werden. Es zählt zu den gefährlichsten Orten überhaupt, denn Haie und spitze Felsen machen den Surfern das Leben schwer. Nur die besten von ihnen treten hier an, sie kommen aus der ganzen Welt angereist. Gregory erinnert sich an zahlreiche Fälle, an denen die Sportler nie wieder aufgetaucht sind. Ihre Bewunderung für diese waghalsigen Helden ist gerade deshalb enorm: "Surfer haben so eine Art kompromittierte Grazie. Sie behalten ihre Würde trotz lächerlicher Kleidung und einem konstant niedrigen Grad an körperlichem Unbehagen (scheuernder Neopren, eiskaltes Wasser, vollgepisste Anzüge). Ihre Schuhen haben Zehentrennung, sie tragen hautenge Gymnastikanzüge, und die meiste Zeit sind sie verantwortlich für ein empfindliches, sperriges Objekt, das zur Unterhaltung, als Transportmittel oder als Waffe dienen kann. Dies ist die Art Mann, die wahrlich als 'wunderschön' beschrieben werden kann. Wenn man sie als Frau beobachtet, begehrt man sie nicht so sehr, man wünscht sich vielmehr, selbst ein Mann zu sein."
Stichwörter: San Francisco, Wasser, Felt, Kleidung

Magazinrundschau vom 18.06.2013 - n+1

Der 54stöckige Ponte Tower bot einst Luxuswohnungen für die weiße Elite Johannesburgs, bevor sich in den Neunzigern kriminelle Banden ansiedelten und das ehemalige Nobelviertel Hillbrow zum Inbegriff städtischen Verfalls wurde. Anna Hartford erzählt die Geschichte von Ponte City, das für Südafrika viel mehr ist als nur ein Gebäude: "Es ist unser großes Spukhaus, ein Betonbau, der den ganzen abstrakten Terror beherbergt, den wir produzieren. Wenige Menschen sind in Ponte oder überhaupt in der Nähe gewesen, aber alle wissen etwas darüber Bescheid. Sie wissen beispielsweise, dass sein Inneres einst mit Müll, Schutt und verwesenden Katzen gefüllt war. Sie wissen, dass Ponte die Heimat von Gangs, Prosituierten und nigerianischen Drogenbaronen ist. Sie wissen, dass es das Selbstmordgebäude ist, auch wenn sie von keinem spezifischen Selbstmord gehört haben, und sie wissen, dass es ein Verbrechergebäude ist, ohne sich an ein einziges Verbrechen zu erinnern."
Stichwörter: Südafrika, Katzen

Magazinrundschau vom 21.05.2013 - n+1

Debbie Nathan erzählt, wie sich ihre Wahlheimat, die texanische Großstadt El Paso, in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat - auf Kosten von Juarez, der mexikanischen Schwesterstadt jenseits des Rio Grande: "Dank der finanzstarken Immigranten und ihrer Investitionen florierten Feinschmeckerrestaurants auf der amerikanischen Seite der Grenze. El Pasos neue Medical School und verwandte Einrichtungen, die von der neuen Elite finanziert wurden, schufen einen Verwaltungssektor mit Jahresgehältern von 100.000 Dollar und mehr. El Pasoaner, die bis dato der Mittelklasse angehörten und mit dem 7-Dollar-99-Special in Luby's Cafeteria zufrieden waren, gaben nun das Fünffache für exotischen Käse, Confits und Saucen aus, deren Namen sie zehn Jahre zuvor noch nie gehört hatten, geschweige denn aussprechen konnten."

Rachu Karnad berichtet von der Gay Pride-Parade im indischen Bangalore.

Magazinrundschau vom 30.04.2013 - n+1

Die britische Autorin Hilary Mantel hat nicht immer historische Romane geschrieben, lernen wir von Namara Smith, die in einem längeren Text die Sprache in Mantels unterschiedlichen Romanen vergleicht. "Ihr fünfter Roman, 'Reizklima' (1994), beginnt: 'Eines Tages, als Kit zehn Jahre alt war, schnitt sich eine Besucherin in der Küche die Pulsadern auf. Sie begann gerade mit dieser kalten, schwierigen Art des Sterbens, als Kit hereinkam, um sich ein Glas Milch zu holen.' Jede Zeile beginnt und endet mit einer neutralen Formulierung - Kits Alter, ihr Glas Milch, das farblose 'sie begann gerade' - aber der Wechsel zwischen diesen banalen Beobachtungen und dem Gewaltakt im Zentrum betont die Distanz zwischen ihnen. Vor allem in Mantels frühen Romanen prägt dieser Wechsel des Ausdrucks ihre Redewendungen. ... In 'Wölfe', dem ersten ihrer historischen Romane über Thomas Cromwell, hat Mantels Prosa eine neue Tonart angenommen. Noch immer setzt sie sich aus der sorgfältigen Ansammlung indirekter Beobachtungen zusammen, doch wirkt das Bindegewebe ihrer Sätze loser, und die scharfen Formulierungen ihrer frühen Romane sind einem üppigen, beinahe Elisabethanischen Vokabular gewichen."

Während Einsatzkräfte nach dem flüchtigen Boston-Attentäter fahndeten, dachte Benjamin Kunkel über politisch motivierte Gewalt nach. Er bekennt, dass sie ihm - zumindest in der Phantasie - nicht gänzlich fremd ist: "Die freie Verfügbarkeit, auch für Verrückte, von Sturmgewehren mit großen Magazinen und die Verbrennung fossiler Energieträger weit über die Klimaverträglichkeit hinaus hängen, wie jeder weiß, mit einem Kongress zusammen, der überwiegend von Mietlingen der Waffenlobby und Ölfirmen besetzt ist. Ich könnte den ein oder anderen Senator erwürgen, wenn ich dazu imstande wäre. Nur wäre ich das nie."