Magazinrundschau - Archiv

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39 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 4

Magazinrundschau vom 01.05.2012 - n+1

Sarah Resnick nimmt einen gruseligen Artikel in Wired über das neue Datenzentrum der National Security Agency in Utah zum Anlass, mit dem Hacktivisten Jacob Appelbaum über moderne Überwachungsmethoden zu sprechen. Appelbaum ist Mitbegründer von Tor, einem Netzwerk zur Anonymisierung von Verbindungsdaten (mehr hier), und das einzige namentlich bekannte amerikanische Mitglied von Wikileaks. Appelbaum erklärt Resnick, wie moderne Überwachung funktioniert, warum heute potentiell jeder überwacht wird und warum Datenanalyse, wie man sie in großem Stil in Utah betreiben kann, die Grundlage jeder Überwachung ist: "Regel Nummer 1 der Signals Intelligence ist, man sucht nach reinem Text oder nach Informationen über elektronische Signale - wer spricht mit wem." Diese Information ist noch wichtiger als zu wissen, was gesagt wird, so Appelbaum. "Sie beobachten dich, sie machen Notizen, aus den Metadaten deines Lebens schließen sie darauf, was du tust. Sie können die Daten benutzen, um eine Zelle zu identifizieren oder eine Gruppe von Menschen - wie auch immer sie das in ihrem Jargon nennen, in dem Aktivisten zu Terroristen werden. Und über diese Identifizierung können sie sich Richtung Zielgruppenüberwachung bewegen, weshalb es so wichtig ist, vor allem diese Informationen [wo man ist und mit wem man kommuniziert] geheim zu halten." Und soll keiner sagen, das interessiere ihn nicht, er habe nichts zu verbergen! "Wenn du keine Straftat begangen hat, dann gibt es überhaupt keinen Grund dafür, dass sie Informationen über dich sammeln."

Magazinrundschau vom 31.01.2012 - n+1

Richard Beck schreibt über eins der erfolgreichsten online-Magazine in den USA: Pitchfork, ein Musikmagazin, das 1995 von Ryan Schreiber gegründet wurde. Trotz seines Erfolgs hat Pitchfork "nicht einen einzigen wichtigen Kritiker produziert", so Beck. Statt dessen hat das Magazin Kritik "in eine Übung für perfekten kulturellen Konsum verwandelt". Aber das passt dann doch wieder - sowohl zur Musik als auch zu den Fans, die beide immer harmloser werden, meint Beck, der sich freundlicherweise mitmeint. "Mit Sufjan Stevens adoptierte Indie kostbaren, pastoralen Nationalismus exakt zur Halbzeit von Bushs Regierung. In M.I.A. feierte Indierock eine Musikerin, deren größter Verdienst es war, verschiedene Katastrophen in der Welt in remixte Popsongs zu verwandeln. Es ist mit anderen Worten eine Art von Musik, die sehr gut darin ist, unangenehme Gespräche zu vermeiden. Pitchfork hat so gesehen Indierock imitiert, inspiriert und ermutigt."

Magazinrundschau vom 08.02.2011 - n+1

Das interessanteste an Gabriel Josipovicis Buch "What Ever Happened to Modernism?" ist die Tatsache, dass er die Moderne nicht als vergangene Periode beschreibt, sondern als lebendiges, nie abgeschlossenes Projekt, meint Amelia Atlas. Der Absolutheitsanspruch Josipovicis, nur im Geist der Moderne könne wahre Kunst geschaffen werden, erscheint ihr allerdings etwas steril: "Kierkegaard erkennt, dass die Autorität des Künstlers keine andere Quelle hat als den Künstler selbst und dass dieser Verlust einer objektiven Realität, einmal erkannt, niemals rückgängig gemacht werden kann. 'Dieser dialektische Moment', schreibt Josipovici zustimmend, 'ist typisch für Kierkegaard und die Moderne.' In einem Zeitalter der Ernüchterung 'können sich nur die, die nicht verstanden haben, was passiert ist, vorstellen, dass sie ihrem Leben (und ihrer Arbeit) eine Form und damit eine Bedeutung vom Ende her geben können.' Es gibt eine Spannung in Josipovicis zeitlicher Logik, die er niemals löst. Er scheint - paradoxerweise - auf beidem zu bestehen: der Notwendigkeit der Dialektik und der Realität ihres Endes in Form des Modernismus'. Ist das alles, was Romanen bleibt: das Alarmglöckchen ihrer eigenen Fabriziertheit zu schlagen?"

Wenn man auf Amelia Atlas' verlinkten Namen klickt, findet man noch einen zweiten lesenswerten Artikel über drei Berlin-Romane: Chloe Aridjis' "Book of Clouds", Anna Wingers' "This Must Be the Place" und Iris Hanikas "Treffen sich zwei". Und hier noch ihr Blog, in dem sie u.a. auf David Mendelsohns"Mad Man"-Kritik in der NYRB antwortet.

Magazinrundschau vom 01.06.2010 - n+1

Amelia Atlas vertieft sich in ein neues literarisches Genre, den Berlin-Roman: Drei Bücher rezensiert sie, zwei davon von 'Expats', also Amerikanerinnen, die in Berlin leben, Chloe Aridjis "Book of Clouds" (Auszug und Link zu einer Lesung) und Anna Wingers "This Must be the Place"(mehr hier). "Berlin ist nicht Paris oder Rom. Es gibt keine Montmartre-Romantik oder verblichene Glorie des Altertums. Die Demimonde aus Isherwoods Berlin ist mit dem Krieg vergangen so wie Bowies lärmende Gegenkultur mit der Mauer unterging. Und das gegenwärtige künstlerische Gesicht der Stadt mag ihnen folgen. Wirklich einzigartig an Berlin ist vor allem, wie lebendig die Geschichte dort noch wirkt. Aridjis und Winger haben Bücher geschrieben, die für den Exberliner Standpunkt repräsentativ sind - die Stadt wird ihnen darin zum Instrument ihres (unseres?) Solipsismus. Aber sie wird nicht immer so bleiben. Immer neue Apartmentkomplexe mit manikürten Rasenflächen stoßen in die Brachen vor. Sie müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, denn sie können auch zeigen, dass die Stadt in Bewegung bleibt."

Experimentelle Philosophie (kurz x-phi), die empirische Methoden auf philosophische Fragen anwendet, ist schwer angesagt. Justin E.H. Smith, ein Historiker der Philosophie des 17. Jahrhunderts, bringt eine scharfe Kritik einiger Neuerscheinungen, will die Sache selbst aber nicht verdammen: "Die Hauptkritik kommt von jenen, die eine Öffnung der Philosophie zu experimentellen Methoden von vornherein ablehnen, und gegen diese Kritik haben die neuen Experimentalisten ihre Verteidigung aufgebaut. In dieser Frage stehe ich auf ihrer Seite. An den Grundprinzipien der Bewegung finde ich viel Bewundernswertes. Die Frage, wie ihre gegenwärtigen Leistungen zu beurteilen sind, steht allerdings auf einem anderen Blatt."

Magazinrundschau vom 04.05.2010 - n+1

Unter dem leicht hochtrabenden Titel "The Intellectual Situation" legen die sechs Herausgeber der hippen Zeitschrift n+1 - darunter Keith Gessen und Benjamin Kunkel - ein kulturkonservatives Manifest gegen die "Webisten" vor, die in der Digitalisierung nur Gutes sehen wollen - namentlich zitiert werden Clay Shirky und Lawrence Lessig. Trotz seiner Printherkunft entpuppt sich der Artikel aber als reichlich lose Textmasse. Immerhin: Die Autoren vergleichen an mehreren Stellen die digitale Revolution mit der russischen: "Wenn Du sagst, dass das Internet eine Revolution ist, dann musst du es als Revolution auch ernst nehmen. Viele Unterstützer der Bolschewiken machten den Fehler zu glauben, dass nach Schleifung der alten Ordnung, eine neue Ordnung entstehen würde, die ganz genau ihren Wünschen entsprach. Aber die Revolution ist nicht einfach etwas, das du in dir trägst. Das Netz ist nicht dein Traum des Netzes. Es ist eine reale Sache, um deren Schicksal in einer Welt aus Fleisch und Stahl - und Büchern und Pixeln - gespielt wird."

Magazinrundschau vom 20.04.2010 - n+1

Nikil Saval schreibt eine leidenschaftliche Verteidigung von Brian Ferneyhoughs und Charles Bernsteins "bizarrer" Oper "Shadowtime", eines Stücks über Walter Benjamin, das es offensichtlich schafft, sämtliche Klischees der von Saval verspotteten "Benjamin-Industrie" zu umgehen, allein durch einen Willen zu Avantgarde, Schwierigkeit und Absurdität: "Die Oper schien sich als ein zerstörtes Kunstwerk präsentieren zu wollen, zerbrochen in Fragmente einer absichtlich unverständlichen Erzählung. Eine Musik, die sich fast erfolgreich der Erfahrung entzieht; ein Text, der zwischen Benjamins eigener Sprache und purem Kauderwelsch zu schweben scheint. Es wäre relativ einfach gewesen, Benjamins Leben zu erzählen, bis hin zum Selbstmord an der spanischen Grenze. Aber Bernstein und Ferneyhough haben sich dieser Perspektive auf meisterhafte Art verweigert." (Hier eine Hörprobe bei Youtube)

Magazinrundschau vom 22.12.2009 - n+1

Nachwuchsautor und Zeitschriftengründer Benjamin Kunkel berichtet von einer Reise nach Patagonien. Auch einen der berühmten Gletscher der Gegend hat er besucht: "Jeder spricht mit Flüsterstimme, wie in einem Museum. Gletscher besuchen, das hat heutzutage etwas von Beerdigungsfeier. Nachdem wieder ein Riesenvorhang aus Eis in die Bucht geplumpst ist und eine Fontäne mit eiskaltem Wass ausgelöst hat, sagt in einer Gruppe von zwanzig Personen kein Mensch ein Wort. Der kalbende Gletscher macht einen Lärm wie eine Artiellerieattacke..."
Stichwörter: Kunkel, Benjamin, Lärm, Gletscher

Magazinrundschau vom 27.10.2009 - n+1

Den Aufstieg eines neuen Genres in der Literatur beobachtet Marco Roth: Neuroromane. Ian McEwan, Jonathan Lethem, Mark Haddon, John Wray oder Richard Powers etwa erzählen von geistig eher absonderlichen Helden, deren Beschädigungen sich nicht gesellschaftlich oder psychologisch erklären, sondern biochemisch: "Das ästhetische Ereignis eines Neuroromans liegt für den Leser nicht in der Freude, das Allgemeine im Besonderen zu entdecken, sondern in einer Frustration, in der Niederlage des metaphorischen Impulses. Wir wollen sagen können: 'Ja, manchmal sind wir alle ein bisschen paranoid schizophren' oder 'Ja, wie Mark Haddons autistischer Erzähler sein Essen auf dem Teller peinlich genau trennen und Farben in gute und schlechte aufteilen muss, so bin ich auch in meinem Impuls, ein neues Genre zu klassifizieren'. Aber das hieße, der schlechtesten Tendenz der Literaturkritik nachzugeben, egal ob in jargonhafter, sektiererischer, phrasendreschender oder humanistischer Manier: auf Bedeutung zu bestehen, auch wenn es keine gibt oder das Werk selbst sie nicht geltend macht. Stattdessen muss sich der Leser eingestehen, dass sein Gehirn nicht wie das eines Autisten funktioniert, und dass, wenn er liebt oder arbeitet oder Angst hat oder spricht, seine ganz gewöhnlichen Neuronen aus ganz gewöhnlichen Gründen zünden oder fehlzünden, nicht aus außergewöhnlichen."

Magazinrundschau vom 31.03.2009 - n+1

Giles Harvey hat Roberto Bolanos Roman "2666" nicht gerade gehasst, aber er hatte oft das Gefühl, "dass '2666' mich nicht besonders mochte": "Runde Charaktere, Ereignisse, bewegende Beschreibungen: Bolano scheint hierfür keinen Sinn zu haben. Samuel Beckett, der Dichterfürst des Scheiterns, brauchte nur ein paar Seiten Dialog oder Prosa, um eine Endlosigkeit qualvoller Langeweile zu suggerieren; Bolano hat sich entschieden, uns diese Langeweile selbst erfahren zu lassen, über 900 Seiten. Dieser epische Minimalismus ist ein fragwürdiges Unternehmen. Ein Ergebnis ist, dass das Buch Gefahr läuft, langweilig, formlos und hässlich zu sein, eine Gefahr, der es, meiner Meinung nach, nicht ganz entgeht. Bolano spielt ein ernsthaftes Spiel und es ist etwas Mutiges darin, wie er seine Sicht - davon, wieviel Literatur wissen und tun kann - in solch extremen Längen verfolgt hat. Dennoch tun wir einem Schriftsteller unrecht, wenn wir nur seine Absichten betrachten. Ein Kunstwerk, wenn wir uns auf die konzeptionelle Ebene begeben - um uns dazu zu bringen, über das nachzudenken, was wir wissen - muss als erstes die Pflicht erfüllen, zu gefallen. Ansonsten wird es zu einer Lehrstunde, einer bloßen Darstellung."

Die klebrigen Seiten von Charlotte Roches "Feuchtgebieten" geben Justin E. H. Smith die verspätete Gelegenheit, ein paar Dinge loszuwerden, die ihm zum Sexleben der Deutschen aufgefallen sind. "Wenn ich ehrlich sein darf, sie sind mir lange zu gesund vorgekommen. Deutsche Jugendliche haben Sex mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der sie sich an der Universität für Kurse einschreiben, Clubs beitreten, Hobbys kultivieren. (...) Viele Leser denken jetzt: Einen Moment mal. Deutschland? Kommen da nicht all die alten Fetisch-Pornos her? Sind Fassbinder und Klaus Nomi nicht auf ihre Weise alle deutsche Perverse? Ja, aber das war vor einer Generation oder es war die stereotype Verdichtung von Verhaltensformen, die man vor einer Generation gefunden haben mag. Heutzutage ist alles genauso normal wie sich die Fußballweltmeisterschaft anzuschauen. (...) Roche sollte daher ein Lob zuteil werden, zumindest dafür, dass sie die deutsche Sexualität wieder seltsam gemacht hat."

Weitere Artikel: Nikil Saval liest Alex Ross' "The Rest is Noise", eine Neuerzählung des europäischen und amerikanischen 20. Jahrhunderts aus der Perspektive der klassischen Musik - ein Buch, das bei seinen zumeist entzückten Kritikern das "verzweifelte Bedürfnis" hervorgerufen hat, "Berge von CDs zu kaufen". Deirdre Foley-Mendelssohn bespricht drei englische Übersetzungen von Per Pettersons Romanen.