
Giles Harvey hat
Roberto Bolanos Roman "2666" nicht gerade gehasst, aber er hatte
oft das Gefühl, "dass '2666' mich nicht besonders mochte": "Runde Charaktere, Ereignisse, bewegende Beschreibungen: Bolano scheint hierfür keinen Sinn zu haben. Samuel Beckett, der Dichterfürst des Scheiterns, brauchte nur ein paar Seiten Dialog oder Prosa, um eine
Endlosigkeit qualvoller Langeweile zu suggerieren; Bolano hat sich entschieden, uns diese Langeweile selbst erfahren zu lassen, über 900 Seiten. Dieser epische Minimalismus ist ein fragwürdiges Unternehmen. Ein Ergebnis ist, dass das Buch Gefahr läuft, langweilig, formlos
und
hässlich zu sein, eine Gefahr, der es, meiner Meinung nach, nicht ganz entgeht. Bolano spielt ein
ernsthaftes Spiel und es ist etwas Mutiges darin, wie er seine Sicht - davon, wieviel Literatur wissen und tun kann - in solch extremen Längen verfolgt hat. Dennoch tun wir einem Schriftsteller unrecht, wenn wir nur seine Absichten betrachten. Ein Kunstwerk, wenn wir uns auf die konzeptionelle Ebene begeben - um uns dazu zu bringen, über das nachzudenken, was wir wissen - muss als erstes die Pflicht erfüllen,
zu gefallen. Ansonsten wird es zu einer Lehrstunde, einer bloßen Darstellung."
Die klebrigen Seiten von
Charlotte Roches "Feuchtgebieten"
geben Justin E. H. Smith die verspätete Gelegenheit, ein paar Dinge loszuwerden, die ihm zum
Sexleben der Deutschen aufgefallen sind. "Wenn ich ehrlich sein darf, sie sind mir lange
zu gesund vorgekommen. Deutsche Jugendliche haben Sex mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der sie sich an der Universität für Kurse einschreiben, Clubs beitreten, Hobbys kultivieren. (...) Viele Leser denken jetzt: Einen Moment mal. Deutschland? Kommen da nicht all die alten Fetisch-Pornos her? Sind
Fassbinder und
Klaus Nomi nicht auf ihre Weise alle deutsche Perverse? Ja, aber das war vor einer Generation oder es war die stereotype Verdichtung von Verhaltensformen, die man vor einer Generation gefunden haben mag. Heutzutage ist alles genauso normal wie sich die Fußballweltmeisterschaft anzuschauen. (...) Roche sollte daher ein Lob zuteil werden, zumindest dafür, dass sie die deutsche Sexualität
wieder seltsam gemacht hat."
Weitere Artikel: Nikil Saval
liest Alex Ross'
"The Rest is Noise", eine Neuerzählung des europäischen und amerikanischen 20. Jahrhunderts aus der Perspektive der
klassischen Musik - ein Buch, das bei seinen zumeist entzückten Kritikern das "verzweifelte Bedürfnis" hervorgerufen hat, "Berge von CDs zu kaufen". Deirdre Foley-Mendelssohn
bespricht drei englische Übersetzungen von
Per Pettersons Romanen.