9punkt - Die Debattenrundschau

Hobbys der Eliten

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.05.2019. Die Debatte um Kevin Kühnerts Vergesellschaftungsforderungen beschäftigt die chattering  classes nach wie vor fast ausschließlich: Wurde Kühnert in die Falle gelockt? Die FAZ ist sich uneines. In der NZZ erzählt die Schriftstellerin Elena Chizhova, warum die Sowjetunion der Belagerung Leningrads so wenig gedachte: Stalin hasste die Stadt. Der Observer zeigt, wie George Orwell die westlichen Verteidiger Stalins behandelte.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.05.2019 finden Sie hier

Gesellschaft

Das Zeit-Interview mit Kevin Kühnert, wo dieser die Vergesellschaftung von diesem und jenem forderte (unsere Resümees), beschäftigt die deutschen "chattering classes" nach wie vor fast ausschließlich. Laut Patrick Bahners in der FAS ist gar nicht Kühnert das Problem, sondern die Haltung der ihn befragenden Journalisten, die die Aussage aus ihm gewissermaßen herausgelockt hätten. Gefragt haben sie: "Dürfte es im Sozialismus BMW geben, die Deutsche Bank, Siemens?" Bahners zu dieser Frage: "Wie die Resonanz auf das Interview zeigte, hatten die Interviewer die Stimmung großer Teile der berufsmäßigen Öffentlichkeit ganz richtig eingeschätzt. Ihre Frage mit den Beispielen enthüllt, was man in ihrem Milieu nicht in Frage stellen darf." Auch Nils Minkmar verteidigt in Spiegel online Kühnerts unfrische Ideen.

Die heutige FAZ widmet der Angelegenheit gar einen Leitartikel auf Seite 1 der Zeitung. Jürgen Kaube fühlt sich durch Kühnerts "Ausflug ins Antiquariat" an den CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt erinnert, der vor kurzem mit der Forderung nach einer "konservativen Revolution" einen ähnlichen, inzwischen aber längst vergessenen Streit auslöste: "Dobrindts Konservatismus ist Kühnerts Sozialismus: eine Phrase ohne jede analytische Grundlage." Über den Hergang der Ereignisse ist sich Kaube mit Kollege Bahners erstaunlicher Weise nicht ganz einig: "Die Verstaatlichung von BMW war Kühnert durchaus nicht von Journalisten eingeflüstert worden. Er brachte sie selbst ins Spiel."

Auf Zeit online hält Parvin Sadigh wenig von einer Masernimpfpflicht, wie Jens Spahn sie einführen will - mit Geldbußen und Verweis aus den Kindergärten. Die meisten Eltern, glaubt sie, sind gar keine Impfgegner, sondern vergessen das Impfen einfach oft. Ihr Vorschlag: ein Impfregister, das Erinnerungen verschickt, und eine Widerspruchslösung, wie sie die Psychologin Cornelia Betsch kürzlich empfohlen habe: "Warum gehen Ärzte nicht in die Kitas und in die Schulen und führen die Impfungen, die die Eltern verpasst haben, dort durch? Diese müssten aktiv widersprechen und gute Gründe dafür anführen. Früher gingen alle Schulkinder etwa klassenweise zur Polioimpfung. Sie standen in der Schlange und mussten ein Stück Zucker schlucken, getränkt mit einem bitteren Zeug, fertig. Europa gilt seit 2002 als poliofrei. Bislang. Denn zurzeit blicken alle wegen der Masernausbrüche auf diese Krankheit und reden kaum darüber, dass die Impfrate für andere Krankheiten abnimmt, etwa für Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten oder eben Polio."
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Europa

Die taz startet mit einer täglichen sechsseitigen Europa-Sektion vor den Europawahlen. Zu Beginn flaniert Nora Bossong durch ein von den Gelbwesten gezeichnetes Paris: "Europa scheint vielen entweder unerreichbar oder unerheblich, ein Hobby der Elite, ein Artefakt, ausgestellt in einer Vitrine. Man zieht sich lieber in einen engen Kreis, eine eingeschworene Fraternité zurück gegen die Kälte und die zu abstrakten Werte drum herum." Außerdem stellt Tobias Müller die Partei Volt vor, die europaweit antritt.

Der Kulturkampf findet nicht zwischen Zivilisationen statt, wie Samuel Huntington einst behauptete, er findet zwischen Kulturen in jedem einzelnen Land statt, meint die türkische Autorin Elif Shafak im Guardian mit Blick auf den Wahlerfolg der rechtspopulistischen Vox-Partei in Spanien: "Was Vox verkauft, ähnelt auffallend dem Paket, das von populistischen Nationalisten anderswo angepriesen wird ... Die Misogynie liegt ihr am Herzen. Das Gerede, dass Männer durch 'Feminazis' leiden und dass radikale Feministinnen das soziale Gefüge bedrohen, wird Beobachtern der extremen Rechten bekannt vorkommen. Die Rechten glauben nicht, dass es ein Patriarchat gibt, ebenso wenig wie sie glauben, dass der Klimawandel stattfindet. Die frauenfeindliche Rhetorik der spanischen Bewegung, ist mir, die aus der Türkei kommt, schrecklich vertraut."

Das Europäische Parlament ist weniger demokratisch als die nationalen Parlamente, erinnert Heinrich August Winkler im Tagesspiegel die Befürworter eines europäischen Bundesstaats: "Wäre das Straßburger Parlament nach dem demokratischen Prinzip 'one person, one vote' zusammengesetzt, müsste es, um auch der Bevölkerung kleiner Mitgliedstaaten eine angemessene Vertretung zu verschaffen, mehrere tausend Abgeordnete umfassen; es wäre also nicht arbeitsfähig. Es gibt mithin gute, ja zwingende Gründe, die kleineren Staaten auf Kosten der größeren zu bevorzugen. Angesichts der immer noch begrenzten Rechte des Europäischen Parlaments ist der Mangel an demokratischer Legitimation hinnehmbar. Geleugnet werden aber darf er nicht. 'Mehr Europa' auch um den Preis von weniger Demokratie: Eine solche Politik zu betreiben, heißt, dem europäischen Projekt zu schaden."

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Geschichte

In den Vierzigern wurde bei der Polemik eher noch weniger Rücksicht genommen, zeigt Nick Cohen in seiner Observer-Kolumne mit einem Zitat von George Orwell, das Cohen auch zur Beschreibung der Corbynisten geeignet erscheint: "Wie der Zufall will können Orwells gegen Stalin-Apologeten der Vierziger gerichteten Worte auch für die heutigen Apologeten Wladimir Putins, Nicolas Maduros, des Irans, der islamistischen extremen Rechten und der extremen Linken aus Labour eingesetzt werden: Er habe, sagt er, eine Botschaft an linke Journalisten und Intellektuelle im allgemeinen. Erinnere dich daran, dass man für Unehrlichkeit und Feigheit stets bezahlen muss. Bilde dir nicht ein, dass du jahrelang einen stiefelleckenden Propagandisten des Sowjetregimes oder irgendeines anderen Regiems aus dir machen und dann zu moralischder Anständigkeit zurückkehren kannst. Einmal Hure immer Hure."

Mehr als eine Million Menschen starben bei der Blockade Leningrads im Winter 1941/42 durch die Wehrmacht. Nach dem Krieg wollte die sowjetische Führung von den Opfern und überhaupt der Blockade nichts hören, erzählt die Schriftstellerin Elena Chizhova in der NZZ. Selbst das Museum, dem die Leningrader Tagebücher und andere persönliche Dinge aus dieser Zeit übergeben hatten, wurde zerstört. Das ist kein Wunder, glaubt sie, denn Stalin hasste Leningrad und tat nichts, der Bevölkerung zu helfen: "Der Grund dafür war, so denke ich, das Selbstbewusstsein der Leningrader, ihre Kraft zum eigenständigen Denken - beides galt es zur Stärkung von Stalins gottgleicher Macht mit Stumpf und Stiel auszurotten. Ein für alle Mal zu zerstören. Anders lässt sich nicht erklären, dass zu Blockadezeiten ganze Züge von Rüstungsgütern aus Leningrader Fabriken aufs 'Festland' (wie das nicht okkupierte Gebiet der Sowjetunion bezeichnet wurde) rollten, während Stalin und seine Helfershelfer nicht einmal die minimale, geschweige denn die reguläre Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln organisierten."

Außerdem: In der FAZ schreibt der Historiker Gerd Krumeich zu hundert Jahren Versailler Vertrag.
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Medien

Der Enthüllungsjournalist Vadim Komarow aus der ostukrainischen Stadt Tscherkassk liegt im Koma, nachdem er mit einer Metallstange auf den Kopf geschlagen wurde. Er ist nicht der erste zu Korruption recherchierende ukrainische Jornalist, der in diesem Jahr attackiert wurde, berichtet Bernhard Clasen in der taz, der unter anderem mit dem Gewerschaftler Sergiy Tomilenko sprach: "Gerade die Straflosigkeit von Gewaltakten gegen Journalisten, so Tomilenko, sei ein Einschüchterungsversuch aller Journalisten. Eine Woche zuvor, am 27. April, war ein Brandanschlag auf das Auto von Wolodimir Pisozkij, Chefredakteur der Zeitung Zorja, in der Stadt Dnipro verübt worden. Allein in den ersten vier Monaten des Jahres 2019, so die ukrainische Journalistengewerkschaft bei einer Pressekonferenz Anfang Mai, habe man 23 Gewaltakte gegen Journalisten dokumentiert."

Heute startet die re:publica, die mal als eine Art Messe und Podium der Netzöffentlichkeit startete und heute mehr von den Öffentlich-Rechtlichen dominiert wird, wenn man sich die Besetzung der Podien und teilweise die Themensetzung ansieht. Eröffnet wird das ganze hoch offiziell von Bundespräsidente Frank-Walter Steinmeier. Meedia gibt einen Überblick. Eines der Podien: "was kann der Journalismus dagegen tun und was heißt Relevanz in Zeiten von Donald Trump, Matteo Salvini und Heinz-Christian Strache überhaupt noch? Um das zu diskutieren, kommt eine hochkarätige vierköpfige Runde zusammen: 'Monitor'-Redaktionsleiter Georg Restle, ZDF-Journalistin Marietta Slomka, Falter-Chefredakteur Florian Klenk und Digitaljournalistin Vanessa Vu."  Auch Sascha Lobo wird wie jedes Jahr eine Rede halten.
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Wissenschaft

Natur- und Geisteswissenschaften haben sich angenähert - weil die Geisteswissenschaften begonnen haben, sich für die Naturwissenschaften zu interessieren. Ob das gut für sie war? Der Kulturtheoretiker Jan Söffner hat in der NZZ seine Zweifel. Schon die Angleichung an die Bewertung naturwissenschaftlicher Forschungsergebnisse treibt den Geisteswissenschaften den Geist aus, meint er etwa mit Blick auf die Peer Reviews, die in den Naturwissenschaften sicher sinnvoll seien: "Auch in den Geisteswissenschaften muss die Qualität gesichert werden - und dafür bieten sich Peer-Review-Verfahren durchaus an. Doch kann das in diesen Fächern kaum mehr als eine Erziehungsmaßnahme sein, die mit den Standards vertraut macht. Die höchste Stufe geisteswissenschaftlichen Denkens besteht hingegen darin, Standards auch bewusst brechen zu können, da nur die gewagte und dennoch treffende Reflexion das Denken in der notwendigen Bewegung hält und verhindert, dass man in lähmenden Konsens abgleitet. Hier aber sind Peer-Begutachtungen zum Teil eher schädlich."
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Stichwörter: Söffner, Jan

Ideen

Harald Staun verteidigt in der FAS Denker der Dekonstruktion wie Jacques Derrida vor dem Vorwurf, sie hätten durch ihren Relativismus den rechtspopulistischen Parteien den Boden bereitet: "Es würde reichen, ganz im Sinne der Aufklärung, ihre Texte ein wenig genauer zu lesen, um zu verstehen, dass es nicht die Postmoderne, oder um den unscharfen Omnibusbegriff zu vermeiden, die Dekonstruktion war, die all die schönen Ideale zerstört hat: die Wahrheit, die Objektivität, die Vernunft; sie hat ihren Zerfall nur sehr genau diagnostiziert. Und dabei gezeigt, mit welcher Gewalt sie zusammengehalten werden."

Der Paritätsbeschluss fürs Brandenburger Parlament stößt in der FAZ auf das Misstrauen der Migrationsforscherin Sandra Kostner, die sich auf der Gegenwartsseite im vorderen Teil der Zeitung gegen linke Identitätspolitik wendet: "Bevor weitreichende und nur schwer revidierbare Entscheidungen getroffen werden, wäre es klug, sich mit den Motiven derjenigen Gruppen auseinanderzusetzen, die es als moralisch zwingendes Gebot der Stunde darstellen, dass sie ihrem statistischen Anteil in der Bevölkerung entsprechend in Parlamenten, Institutionen und Unternehmen repräsentiert sind. Ein Motiv liegt auf der Hand: Eigeninteresse."
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