9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

277 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 28

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2024 - Wissenschaft

Am Freitag verlieh das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit Bernhard Kempen, der bis vergangenes Jahr Präsident des deutschen Hochschulverbandes war, den erstmals gestifteten Preis für Wissenschaftsfreiheit. Gefeiert wurde auch der eigene Erfolg, weiß Thomas Thiel auf den "Forschung und Lehre"-Seiten der FAZ: "Seine liberale Grundidee verpflichtet das Netzwerk zur Anerkennung eines breiten Meinungsspektrums. Wie weit dieses reichen sollte, machte Kempen in seiner Preisrede klar. An einer Universität müsse die Meinung, die Gesellschaft sei von strukturellem Rassismus durchzogen, genauso geäußert werden können wie die Ansicht, das Genderparadigma sei pure Ideologie. Die Grenze setze in beiden Fällen das Strafrecht. Diese Grenze wurde in den vergangenen Jahren vielfach überschritten: durch Mobs, die Wissenschaftler auf brüchiger Faktenbasis als Unmenschen diffamierten. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn die Aktivisten nicht auf den Rückhalt von Wissenschaftlern und Theorien zählen könnten, welche die Welt entlang simpelster Vorstellungen in gut und böse einteilen, worauf die zweite Vorsitzende des Netzwerks, Susanne Schröter, in ihrer Laudatio hinwies."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2024 - Wissenschaft

In der Theorie sind die Wissenschaften frei, in der Praxis ist das anders, da wollen Leitung, Kollegenschaft oder Studenten lieber die "unangenehme Situation vermeiden, mit anderen Positionen konfrontiert zu werden und sich moralisches Unbehagen zuzumuten", meint die Philosophie-Professorin Maria-Sibylla Lotter im Interview mit Zeit online. Auch mit Blick auf die Berliner Antidiskriminierungsklausel fodert sie mehr Courage zur Auseinandersetzung: "Rein theoretisch finde ich die Idee, Antisemitismus nicht mit öffentlichen Geldern zu fördern, richtig. Ich hoffe aber, dass diese Empfehlung in der Praxis vor Ort nicht zu schematisch umgesetzt wird, denn es ist wichtig, auch mit israelkritischen Intellektuellen und Künstlern im Gespräch zu bleiben. Hier ist vor Ort Augenmaß und auch etwas Mut gefragt. ... Wir dürfen das Problem aber nicht auf die Frage reduzieren, wer wo ausgeladen wird. Wichtiger ist die Frage, wie es gelingen kann, dass man an der Universität auch heikle Themen von vielen Seiten betrachten und ohne Feindseligkeit und moralische Überheblichkeit über sie diskutieren kann. Es kann sinnvoll sein, eine kontroverse Einladung zu ergänzen, indem man weitere Personen einlädt, die andere Positionen vertreten, aber intellektuell offen sind. Ich würde immer in Richtung der Vielstimmigkeit gehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2024 - Wissenschaft

"Die Stärke des Hamburger Instituts für Sozialforschung lag in seiner Unabhängigkeit - in finanzieller wie in organisatorischer Hinsicht, wobei Beides zusammenhängt", ließ das Institut per knapper und kühler Pressemitteilung verlauten und erteilt damit auch Ideen, eine Stiftung einzusetzen (Unser Resümee), eine Absage, schreibt Gustav Seibt in der SZ: "Im Klartext: Selbst wenn der 71-jährige Gründer und Mäzen Reemtsma seine Gelder weiter fließen lassen würde, würde er einer Nachfolgeorganisation nicht jene Einsamkeit und Freiheit zutrauen, die er in seiner Person verkörpert und gesichert hatte. Das Institut käme in den bürokratischen Mahlstrom heutiger Wissenschaftsorganisation mit ihren Gremien, Beiräten, Jurys, Gutachten, Pfründen, Hierarchien und dem damit verbundenen geistigen Konformismus. Das Institut liefe Gefahr, seine Besonderheit, sein unverwechselbares Gepräge zu verlieren, so lautet die stolze These hinter dem jetzt verkündeten Ende."

"Die Frage bleibt nun, gibt es etwas Äquivalentes?", kommentiert Michael Hesse, der für die FR unter anderem mit dem Politologen Carlo Masala gesprochen hat. Nein, meint dieser, denn "das Hamburger Institut hat seinen Leuten den Luxus geboten, wirklich jahrelang an Themen zu forschen. Das findet man so nicht wieder, nicht an den Universitäten, weil wir nicht die Zeit dafür haben. Und Drittmittelforschung setzt einen die Pistole auf die Brust, weil es immer für drei bis vier Jahre finanziert wird."

Auch Robert Matthies und André Zuschlag scheinen in der taz nicht ganz zu verstehen, warum der 700 Millionen Euro schwere Reemtsma das Institut nicht in eine Stiftung überführt, die ja auch unabhängig arbeiten könnte. Und "wie die Hamburger Wissenschaftsbehörde auf das angekündigte Aus reagiert, bleibt zunächst unklar: Eine Anfrage der taz, was das Ende des HIS für den Wissenschaftsstandort Hamburg bedeutet und ob nicht eine Rettung des Instituts im Sinne der Wissenschaftsvielfalt wünschenswert sei, blieb am Montag unbeantwortet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2024 - Wissenschaft

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Bis heute ist es empörend, wie Otto Hahn seiner Kollegin Lise Meitner, mit der er zusammen die Kernspaltung erforscht hatte, den Nobelpreis gestohlen hat, schreibt die Wissenschaftshistorikerin Birgit Kobolske, die zum Thema geforscht hat, in der taz. Hahn bekam den Nobelpreis 1945, während die nach Schweden emigrierte Jüdin leer ausging. Und Hahn tat so, als hätte er das alleinige Verdienst. "Hahns Version wurde von Anfang an durch das wirkmächtige Zusammenspiel zweier Elemente befördert: sein Schweigen und seine Inszenierung von Meitner als 'Mitarbeiterin'. Letzteres war ebenso falsch wie beleidigend. Am wichtigsten war jedoch, dass Hahn selbst nie den Eindruck korrigiert hat, die Entdeckung der Kernspaltung sei allein sein Erfolg gewesen. Im Gegenteil, im 'Memorandum deutscher Atomwissenschaftler zum Uranverein', zu dessen Unterzeichnern er am 7. August 1945 gehörte, wird betont, bei der Kernspaltung handele es sich um eine 'rein chemische Entdeckung', an der Meitner 'selbst nicht beteiligt' gewesen sei, da sie 'bereits ein halbes Jahr zuvor Berlin verlassen' habe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2024 - Wissenschaft

Wir haben "auch vergangenes Jahr trotz aller Diskussionen zum Klimawandel wieder einmal mehr Kohlendioxid ausgestoßen als je zuvor", sagt die Klimaforscherin Ricarda Winkelmann, die im FAZ-Gespräch wenig Grund für Optimismus sieht: "Die Klimaerwärmung ist direkt an den Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre gekoppelt, und dieser steigt durch unsere Emissionen noch immer stetig an. Entsprechend steigen auch die globalen Temperaturen. Die wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen liegen alle innerhalb der vergangenen zwanzig Jahre. Und diese Entwicklung zu immer neuen Rekordtemperaturen wird sich weiter fortsetzen, solange wir den Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre weiter erhöhen. Leider lässt uns die Physik des Klimasystems da keinen wirklichen Spielraum. (…) Selbst wenn wir die globale Erwärmung heute stoppen könnten, wird zum Beispiel der Meeresspiegel weltweit noch über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende ansteigen. Unser heutiges Handeln kann also das Gesicht unseres Planeten über Generationen hinweg verändern. Wir Menschen sind wahrlich zu einer geologischen Kraft geworden. Das betrifft aber nicht nur das Klima, sondern zum Beispiel auch den Verlust von Biodiversität oder das Einbringen neuer Substanzen wie Mikroplastik in unsere Umgebung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2023 - Wissenschaft

Weder die Islamwissenschaften, noch die Jüdischen Studien beschäftigen sich mit antiisraelischem Hass in der arabischen und muslimischen Welt, konstatieren in der gestrigen FAZ die Nahostwissenschaftler Johannes Becke und Tom Würdemann. Und auch die Antisemitismusstudien fassen das Thema nicht an: "Auf verstörende Art und Weise werden hier weiter Grabenkämpfe der deutschen Linken ausgetragen, die auf die 1980er-Jahre zurückgeführt werden können: Im israelsolidarischen Flügel der Antisemitismus-Studien arbeitet man an der wissenschaftlichen Unterfütterung der international kaum beachteten Sonderthese, dass der nationalsozialistische Judenhass in große Teile der arabischen und islamischen Welt übertragen worden sei. In Anlehnung an die Faschisierungstheorie des Kommunistischen Bundes, der in der Bundesrepublik der Achtzigerjahre überall nur Faschismus sah, schaut dieser 'antideutsche' Flügel der Antisemitismus-Studien auf die islamische Welt und sieht auch hier überall nur eine islamisierte Version des Nationalsozialismus - allerdings fast immer ohne Quellen auf Persisch, Türkisch oder Arabisch zu rezipieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2023 - Wissenschaft

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Der Umwelthistoriker Roman Köster hat gerade eine große Menschheitsgeschichte des Mülls veröffentlicht. Im SZ-Interview mit Lea Hampel kommt er unter anderem darauf zu sprechen, welchen Wandel die beiden Weltkriege beim Müll brachten: "Bis dahin war Müll etwas, womit arme Menschen ihren Lebensunterhalt bestritten haben. Mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg wurde Recycling vielerorts zu einer Angelegenheit des Staates. In Deutschland oder auch England wurden beispielsweise Hausfrauen dazu aufgerufen, ihre Küchenabfälle zu sammeln. (…) Recycling ist ein wirkungsvolles Propagandamittel, es kann Menschen, die nicht an der Front kämpfen, das Gefühl geben, an der Kriegsanstrengung teilzunehmen."
Stichwörter: Müll, Köster, Roman

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2023 - Wissenschaft

Karin Truscheit informiert in der FAZ über die faszinierenden Erscheinungsformen des Fuchsbandwurms, der sich immer weiter ausbreitet. Beim Menschen kann der Parasit zum Tumor anwachsen und, da er meist nicht erkannt wird, zum Tode führen: Im Menschen "nimmt der Fuchsbandwurm eine andere Form an. Es ist eben kein Wurm, der sich durch die Leber schlängelt wie der Fadenwurm im Gehirn einer Australierin, deren Fall vor Kurzem bekannt wurde. Der Fuchsbandwurm sei das einzige bekannte Tier auf der Welt, das in der Lage sei, sich von einer 'tierischen Erscheinungsform', also einer Larve, 'umzuwandeln in tumorös wachsendes Gewebe', erklärt Klaus Brehm, Professor für medizinische Parasitologie an der Universität Würzburg. 'Es ist entwicklungsbiologisch ein einzigartiges Phänomen.' Dabei bleibt es ein fremdes Lebewesen, das sich im Körper eines Menschen immer mehr ausbreitet." Die Erkrankung bleibt aber selten.
Stichwörter: Fuchsbandwurm, Würzburg

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2023 - Wissenschaft

Dem israelisch-arabischen Stammzellforscher Jacob Hanna ist es gelungen, eine Art 14-Tage altes menschliches Embryo zu züchten: "Hanna nennt es ein 'Synthetisches Embryo-Modell' (SEM), doch es sei einem 14 Tage alten menschlichen Embryo 'frappierend ähnlich'. Erstmals hat damit ein Laborkeim all jene Strukturen, die ein menschlicher Embryo dieses Stadiums haben sollte", berichtet Sascha Karberg im Tagesspiegel. Dadurch könnten neue Arten der Therapie ermöglicht werden, "Vorläuferzellen für die Gewebe oder Organe gewinnen, die für Transplantationen genutzt werden können", erklärt Hanna dem Reporter. Mit "echten" Embryonen darf nicht geforscht werden. Doch wann wird das Modell zum Original? Außerdem könnte man doch einfach nur Stammzellen züchten, wozu ganze Embryos, geben Kritiker zu bedenken? "Das würde voraussetzen, dass das Züchten funktionaler, transplantierbarer Zellen aus Stammzellen in der Petrischale mit künstlich hinzugefügten Botenstoffen und Wachstumsfaktoren tatsächlich funktioniert. Aber das tut es seit dreißig Jahren nicht. Der Grund, warum sich im Labor, in sich ständig drehenden Flaschen mit Kulturmedium, aus Stammzellen spontan ein Embryo bildet, ist: Stammzellen können sich selbst organisieren. Die benachbarten Zellen beeinflussen sich gegenseitig und formieren, selten, aber mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, selbstständig einen Embryo, der dann funktionale Zelltypen hervorbringt. Ich denke, dass die synthetischen Embryo-Modelle die authentischste Differenzierungsmethode für menschliche Zellen sind, die es derzeit gibt."
Stichwörter: Stammzellforschung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2023 - Wissenschaft

Der Genozid an den Armeniern von 1915 und 1916, dem Hundertausende zum Opfer fielen, ist in der Türkei weiterhin ein Tabu und wird geleugnet. Und internationale Archäologen, die bei ihren Grabungen auf Überreste der armenischen Zivilisation oder des Völkermords stoßen, respektieren dieses Tabu geflissentlich, um ihre Grabungserlaubnis nicht zu verlieren, berichtet Wolfgang Krischke in der FAZ unter Bezug auf einen Artikel des Archäologen Adam T. Smith in der Zeitschrift Current Anthropology (hier ein Abstract von Smiths Artikel,  hier der ganze Artikel als pdf-Dokument). Krischke hat auch mit einigen deutschen Forschern gesprochen. Und die wissen natürlich am Allerbesten, wie man mit dem Thema umgeht:  "Dass Forscher, die in der Türkei den Völkermord an den Armeniern thematisieren, mit dem Verlust ihrer Grabungserlaubnis rechnen müssen, bestätigt auch Reinhard Bernbeck, Professor am Institut für Vorderasiatische Archäologie der Freien Universität Berlin. Smith' Forderung nach einem offensiven Ansprechen der Armenierverfolgung begegnet er mit Skepsis. (...) Zu groß sei in der türkischen Gesellschaft über die politischen Grenzen hinweg die Übereinstimmung in der Leugnung des Genozids. (...) Statt die Türen zur Türkei zuzuschlagen, sollte man die Hoffnung auf den Diskurs mit gesprächsbereiten türkischen Akademikern setzen. Öffentliche Kritik an der türkischen Geschichtspolitik sollte, so Bernbeck, vor allem von Archäologen kommen, die außerhalb der Türkei arbeiten und so kein berufliches Risiko eingehen müssen."