9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.07.2020 - Wissenschaft

Wie sinnvoll ist der Begriff des "Anthropozäns"? Und wann genau setzt es ein? Mit der Atombombe in Hiroshima oder eventuell sehr viel früher? Diese Frage stellt Josef H. Reichholf in einem faszinierenden Essay in der NZZ. Er hält eine sehr viel frühere Datierung für plausibel: "Mit dem frühen Eindringen von Menschen in Australien vor mindestens 40.000 Jahren fand dort während der letzten Eiszeit ein großes Artensterben statt. Überhaupt dürfte die gegenwärtig so trockene und feueranfällige Natur Australiens das Werk der Aborigines und nicht allein naturbedingt sein. Offenbar setzten diese gezielt Feuer ein und glichen damit den Mangel an Werkzeugen aus, insbesondere an Distanzwaffen zum Jagen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2020 - Wissenschaft

In der NZZ warnt der Statistiker Björn Lomborg vor dem Hype um die Elektroautos: Hybridautos seien sehr viel günstiger zu produzieren und auch energiesparsamer: "Laut der IEA ist ein Hybridfahrzeug wie der Prius für das Klima genauso gut wie ein Elektroauto, wenn man die Treibhausgasemissionen für die Gesamtlebensdauer zugrunde legt. Ein Benziner stößt nur neun Tonnen mehr im Verlauf seiner Lebensdauer aus. Mit dem EU-Emissionshandelssystem hätten wir eine ähnliche Menge für nur 240 Franken reduzieren können. Und dennoch unterstützen Regierungen großzügig Elektroautos: Die IEA schätzt, dass jeder Wagen auf der Straße 25 500 Franken an Subventionen, Forschung und Entwicklung sowie zusätzliche Infrastrukturinvestitionen gekostet hat. Wenn wir diese Summen für die Senkung der CO2-Emissionen durch den Emissionshandel ausgegeben hätten, wäre rund hundert Mal so viel an CO2 eingespart worden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2020 - Wissenschaft

Überfällig findet der Literaturwissenschaftler Matthias Buschmeier die Diskussion um Präsenzlehre an den deutschen Universitäten und führt in der FAZ unter anderem an, dass in Bielefeld auch vor Corona die erforderliche Anwesenheitsquote bei Null Prozent lag: "Die Diskussion um digitale Lehre versus Präsenzlehre ist also deswegen so begrüßenswert, weil sie nach allen Exzellenzdebatten der Forschung eine Diskussion um den Stellenwert des Studiums zurück in das Zentrum der Wissenschaft holt. Sichtbar wird nicht das Engagement oder die Faulheit von Studenten und ebenso wenig die technische Avanciertheit oder Antiquiertheit von Dozenten, sondern es zeigt sich, dass Studenten schlicht zu viele Veranstaltungen belegen müssen, um die Regelstudienzeit einzuhalten und ihren Bafög-Anspruch nicht einzubüßen. Es zeigt sich zudem: Die verlangten Lehrdeputate in Deutschland verhindern systematisch, dass Dozenten Seminare und Vorlesungen angemessen vorbereiten und durchführen können."
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Stichwörter: Präsenzlehre

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2020 - Wissenschaft

Die FAZ druckt den Aufruf des französischen Biowissenschaftlers Francis-André Wollman zur Gründung einer europäischen Stiftung, die den Kampf gegen Pandemie von Europa aus vorantreiben soll und zwar mit der Hilfe seiner Milliardäre: "Aktionen gegen Covid-19 seitens wohlhabender Europäer sind bislang - gelinde gesagt - ausgesprochen selten und dünn gesät. Deshalb rufen wir vermögende Privatpersonen dazu auf, sich an einer Gemeinschaftsaktion europäischer Bürger zu beteiligen und eine 'European Foundation for the Prevention of Environmental and Health Crises' ('Europäische Stiftung zur Prävention von Umwelt- und Gesundheitskrisen') zu gründen. Sie sollte mit einem Gründungskapital von 20 Milliarden Euro ausgestattet sein, gestiftet von Spendern aus allen 27 EU-Ländern. Schon wenn 100 Spender im Schnitt 200 Millionen Euro gäben, wäre dieses Ziel erreicht. Das wäre keine wirklich gewaltige Anstrengung im Vergleich zu den 50 Milliarden Dollar, die Warren Buffett und Bill Gates für die Bill and Melinda Gates Foundation bereitstellten - immerhin 2,5 Mal so viel wie der hier vorgeschlagene Betrag." Gestern erschien der Text auch in Le Monde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2020 - Wissenschaft

Etwas wirr und mit Verweis auf die mittelalterlichen Hexenverfolgungen formuliert der Schweizer Historiker Volker Reinhardt in der NZZ seine Zweifel an den wissenschaftlichen Forschungen zum Coronavirus und zum Klimawandel: "Außer einer sehr kleinen Gruppe von Klimaforschern, denen man dies zutrauen mag, kann niemand das Phänomen der globalen Erwärmung selbständig, mit eigenen Recherchen und damit unabhängig von fremden Meinungen, beurteilen oder gar überprüfen. Welchen Wert die in diesem Zusammenhang möglichen selbständigen Beobachtungen, etwa zu Temperaturen und Niederschlägen der letzten Jahre, haben, ist zudem immer unsicher: Handelt es sich um zufällige Oszillationen oder um signifikante Abweichungen, die Langzeitentwicklungen widerspiegeln? Eine ehrliche Bestandsaufnahme führt daher zu dem Ergebnis, dass man es selber nicht weiß - ein für jeden Wissenschafter, der eigentlich nur auf der Basis eigener Wahrheitsfindung urteilen und handeln darf, deprimierendes Fazit."
Stichwörter: Reinhardt, Volker

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2020 - Wissenschaft

Wissenschaftsskeptikern, die aktuell jeden Irrtum der Virologen zum Anlass nehmen, Kritik and der Forschung zu äußern, rät der Soziologe Wolf Lepenies in der Welt zur Lektüre von Max Webers Text "Wissenschaft als Beruf", in dem Weber daran erinnerte, dass wissenschaftlicher Fortschritt aus einer "Folge von Korrekturen und Selbstkorrekturen" besteht. Gleichwohl warnte Weber vor einer Vermischung von "Erkenntnissphäre und Wertungssphäre", von Wissenschaft und Politik: "Für ihn hatte der Wissenschaftler sich damit zu bescheiden, ein 'Impresario der Sache' zu sein: 'Persönlichkeit auf wissenschaftlichem Gebiet hat nur der, der rein der Sache dient.' Gurus, Propheten und Möchte-Gern-Politiker hatten in der Wissenschaft nichts zu suchen. Wissenschaftler durften nicht den Anspruch erheben, 'Führer in Angelegenheiten der Lebensführung zu sein'. In der Corona-Krise aber wurden manches Mal Virologen und Epidemiologen zu Experten der 'Lebensführung'. In diese Rolle wurden sie von der Öffentlichkeit und den Medien gedrängt - und manche Wissenschaftler haben diese Rolle gerne angenommen oder sogar gesucht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2020 - Wissenschaft

Im Interview mit Zeit online erklären die Forscher Andreas Thiel und Claudia Giesecke-Thiel, warum vergangene Erkältungen vielleicht vor einem schweren Corona-Verlauf schützen könnten: "Unsere Ergebnisse sind ein Startpunkt, um das herauszufinden (MedRxiv: Braun et al., 2020)", sagt Claudia Giesecke-Thiel. "Ein Teil der Lösung könnte in der sogenannten Kreuzimmunität liegen. Bei einem Drittel der von uns untersuchten gesunden Menschen haben wir bestimmte T-Gedächtniszellen im Blut gefunden, die das neue Coronavirus erkennen können. Und das, obwohl diese Menschen bisher noch gar keinen Kontakt zu Sars-CoV-2 hatten. Wir vermuten, dass diese Zellen vorhanden sind, weil sich der Körper dieser Personen früher schon einmal mit anderen Coronaviren auseinandergesetzt hat, die nur Erkältungen auslösen. Nach so einer Infektion könnten die T-Zellen im Körper verbleiben und bei erneutem Viruskontakt sofort eine effiziente Immunantwort in Gang setzen." Jetzt führen die beiden, die nur wenige Menschen untersucht haben, aber dabei die kreuzreaktiven T-Zellen in Blutproben messen konnten, "große Nachfolgestudien" durch, um ihre Ergebnisse zu überprüfen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2020 - Wissenschaft

Das MIT beendet seine Verträge mit dem Wissenschaftsverlag Elsevier, berichtet Sebastian Grüner bei golem.de. Elsevier ist für seine exorbitanten Preise für die Publikation wissenschaftlicher Texte bekannt - vor allem aber konnte sich das MIT mit Elsevier nicht auf eine Open-Access-Publikation seiner Papiere einigen, unter anderem weil Elsevier auch noch eine Übertragung von Urheberrechten verlangt: "Das MIT veröffentlichte für seine Verträge mit Wissenschaftsverlagen Ende vergangen Jahres ein Framework mit Richtlinien für die Zusammenarbeit. Dieses 'gründet in der Überzeugung, dass der offene Austausch von Forschungs- und Bildungsmaterialien der Schlüssel zur Mission des MIT ist, Wissen weiterzuentwickeln und dieses Wissen für die größten Herausforderungen der Welt einzusetzen'. Einer der wichtigsten Punkte dabei ist die Möglichkeit zur Open-Access-Publizierung, was wiederum nur möglich ist, ohne das eigene Urheberrecht komplett an den Verlag abzutreten."
Stichwörter: Open Access, MIT, Urheberrecht

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2020 - Wissenschaft

Gesellschaften sind keine physikalischen Körper, exakte Schlussfolgerungen sind selten möglich, betont Sibylle Anderl in der FAZ, doch allen Studien zu Folge, in denen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung untersucht wurden, kommen zu dem Schluss, dass sie wirksam waren. Und: "Modellrechnungen des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung zusammen mit dem Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung zeigen allerdings, dass gesundheitspolitische und wirtschaftliche Interessen weit weniger im Widerspruch stehen, als das gemeinhin angenommen wird: Die Kombination epidemiologischer und ökonomischer Simulationen weist demnach darauf hin, dass vorsichtige, schrittweise Lockerungen der Maßnahmen sowohl die Opferzahlen von Covid-19 als auch die wirtschaftlichen Gesamtkosten minimieren. Der Grund ist einfach: Auch die Wirtschaft profitiert schließlich davon, wenn die Epidemie möglichst schnell unter Kontrolle und das Vertrauen von Konsumenten und Investoren wiederhergestellt ist."
Stichwörter: Corona, Kontaktsperre, Covid-19

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.05.2020 - Wissenschaft

Dass Menschen bei der Anwendung von Künstlicher Intelligenz (KI) immer die Oberhand behalten und also "in the loop" bleiben, ist keineswegs ausgemacht, schreibt Stefan Krempl bei heise.de unter Bezug auf die Forscherin Louise Amoore, die dargelegt habe wie die Beziehungen KI-Anwendern "geprägt würden durch ihre Kollaboration mit Algorithmen. Die Einwände der Datenforscherin beziehen sich keineswegs nur auf Operations- oder Killer-Roboter, sondern auch auf automatisierte Entscheidungssysteme wie Predictive Policing, Scoring bis hin zum chinesischen 'Sozialkreditwesen' oder die in den USA im Justizwesen eingesetzte Technik Correctional Offender Management Profiling for Alternative Sanctions (Compas), die Rückfallwahrscheinlichkeiten von Kriminellen abschätzt. Der Mensch und seine Überlebenschancen werden ihr zufolge generell immer stärker von Algorithmen abhängig."