9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2026 - Wissenschaft

In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus dem "Universalgelehrten" Ulrich Johannes Schneider zum Siebzigsten - ehemals Leiter der Leipziger Uni-Bibliothek Albertina, Bibliothekshistoriker und Leseforscher. In Arbeit ist nach einigen köstlichen Vignetten wie dem Essay "Finger im Buch" sein opus magnum, eine mehrbändige Geschichte der Bibliotheksbauten. In Leipzig hat er auch den Thomasius-Club gegründet, in dem über die Geschichte des Buchs diskutiert wird, benannt nach dem Leipziger Aufklärer Christian Thomasius: "Es war ja auch jener Thomasius, der in Halle eine Universität neuen Stils propagierte: weg von der Scholastik, hin zu einer Forschungsstätte und Eigendenkwerkstatt. Schneider, dessen prägendster Lehrmeister wohl Michel Foucault gewesen ist, versteht die Aufgabe von Bibliotheken genauso."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2026 - Wissenschaft

Der an der University of Notre Dame lehrende Migrationsforscher Alexander Kustov warnt in der FAZ davor, sich Forschungsergebnisse zur Migration schön zu reden - gerade wenn man eher für Migration ist. Kustov nennt als Beispiel eine Studie des Ifo-Instituts, wonach "Ausländer, gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung, dreimal häufiger als Tatverdächtige in dieser Statistik auftauchen als Deutsche", und das über mehr als zehn Jahre hinweg. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass sich in einem Kreis die Kriminalitätsrate nicht zwangsläufig verändern muss, nur weil dort mehr Ausländer hingezogen sind. Letzteres war einigen Wissenschaftlern und Politikern ein Beleg dafür, dass es keinen Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität gebe, ersteres wurde einfach ignoriert. Auch auf Konferenzen hat Kustov diese Verzerrung erlebt, um nicht "der extremen Rechten in die Hände zu spielen". Aber so funktioniert das nicht, meint er: "Wähler, die reale Kosten aus schlecht geregelter Immigration erleben, schließen daraus, dass die dafür Zuständigen nicht ehrlich zu ihnen sind. Genau dieser Vertrauensverlust ist Wasser auf die Mühlen populistischer Bewegungen, die deutsche und amerikanische Liberale zu Recht fürchten. Die richtige Reaktion wäre es nicht, das Problem zu leugnen, sondern eine Politik zu entwerfen, die das verhindert. Länderübergreifende Befunde zeigen, dass Staaten, die Immigration durch die selektive Aufnahme qualifizierter Personen, klare Integrationserwartungen und sichtbare Vorteile für die aufnehmenden Gemeinden so gestalten, dass sie nachweislich vorteilhaft ist, ein höheres Niveau öffentlicher Unterstützung erreichen als solche, die Zuflucht bei moralischen Appellen suchen oder unliebsame Befunde unterdrücken."

Außerdem druckt die FAZ die Predigt von Friedrich Wilhelm Graf bei der Beerdigung von Jürgen Habermas. Und Wolfram Kinzig erklärt, warum J. D. Vance sich nicht auf Augustinus berufen kann, wenn er christliche Nächstenliebe hierarchisiert und Flüchtlinge ganz unten sieht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2026 - Wissenschaft

Deutschland wollte vom Trumpismus profitieren und drangsalisierte amerikanische Forscher ins Land ziehen. Wo bleiben sie denn, fragt Thomas Thiel in der FAZ: "Das im Dezember gestartete Tausend-Köpfe-Programm des Bundesforschungsministeriums hat bislang 26 Wissenschaftler aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland gelockt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2026 - Wissenschaft

Kann Wissenschaftsfreiheit von normativen Überformungen wie Demokratie- oder Umweltförderungszielen, Gleichstellungs-, Diversitäts- oder Nachhaltigkeitszielen auch bedroht werden. Diese Frage stellt sich, ausgehend von einem Policy Paper "Hochschule in der ungesicherten Demokratie" Volker Meyer-Guckel, Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Er hält es in der FAZ mit dem ehemaligen Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft Peter Strohschneider. "Er argumentierte, dass die Koppelung an gesellschaftliche Ziele, so unterstützenswert sie auch sein mögen, die Gefahr blinder Flecken in wissenschaftlichen Fragestellungen berge. Seine Kritik an einer transformativen Wissenschaft lässt sich durchaus als Kritik eines dahintersteckenden 'sanften Autoritarismus' in den Wissenschaften lesen, der von der Wissenschaftspolitik befördert wurde. Etwa dadurch, dass das Erreichen von Gleichstellungs-, Diversitäts- und Nachhaltigkeitszielen in Anträgen bei Förderausschreibungen zwingend thematisiert werden muss." Das kann außerdem stark nach hinten losgehen, hängt Meyer-Guckel noch an: Ein Beispiel "ist das Bremer Hochschulgesetz, das Hochschulen verpflichtet, Forschung und Lehre ausschließlich auf zivile Zwecke auszurichten. Bayern wiederum verbietet seinen Hochschulen eine solche Klausel. Daran lässt sich trefflich illustrieren, wie der normative Impetus bei neuen Machtverhältnissen zurückschlagen kann."
Stichwörter: Wissenschaftsfreiheit

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2026 - Wissenschaft

Die Historikerin Ute Frevert, Präsidentin der Max-Weber-Stiftung, hält gerade ein Gastsemester über Nietzsche an der Uni Jerusalem und erzählt in der FAZ, wie gern sie das tut. Und wie dankbar die israelischen Kollegen für jeden internationalen Akademiker sind, der sich von den Boykottaufrufen gegen israelische Wissenschaftler und Institutionen nicht einschüchtern lässt. Noch schlimmer ist die Praxis der "soft exclusion", die sich nicht mal offen zum Boykott bekennt: "Selbst junge Forscher aus den weniger ideologisierten Naturwissenschaften leiden unter dem Boykott, der es ihnen schwer macht, Kontakte und Netzwerke zu knüpfen. Ausländische Postdocs kommen kaum noch ins Land. Das renommierte Weizmann-Institut weiß ein Lied davon zu singen. Aus internationalen Förderungsprogrammen sehen sich israelische Wissenschaftler zunehmend ausgeschlossen. Ihre Erfolgsquote bei den begehrten Starting Grants des European Research Council betrug 2025 acht Prozent, verglichen mit dreißig Prozent bei früheren Ausschreibungen. Auch das fällt unter soft exclusion, ebenso wie die Aufkündigung oder Ablehnung von Kooperationen, von denen die temperamentvolle Vizepräsidentin der Ben-Gurion-Universität in Beersheba erzählt. Viele europäische Hochschulen, so Michal Bar-Asher Siegal, antworteten gar nicht mehr auf entsprechende Anschreiben oder duckten sich weg."

Die Antisemiten haben gewonnen, konstatiert der Jungle-World-Kolumnist Kolja Podkowik. Das erkenne man "am überbordenden Selbstbewusstsein der Antisemiten, die aber alle keine Antisemiten sind. Sich keinerlei Schuld bewusst, haben sie weder etwas zu verbergen noch zu befürchten, es drängt sie in die Öffentlichkeit. Die, die nicht mal legitime Gesprächspartner sein dürften, setzen die Rahmenbedingungen eines jeden Gesprächs. Oft werden die Antisemiten allerdings auch rassistisch diskriminiert, dürfen beispielsweise keine Pali-Tücher in der Gedenkstätte Buchenwald tragen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.03.2026 - Wissenschaft

Thomas Thiel kann es in der FAZ nach wie vor nicht fassen, dass die Humboldt-Uni ihr Winckelmann-Institut für Klassische Archäologie und das Institut für Nordostafrikanische Archäologie einfach abschaffen will. Dass Archäologie ein Orchideenfach sei, will ihm überhaupt nicht einleuchten: "Archäologische Funde und Ausstellungen ziehen breites Interesse auf sich. Als die Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft im Dezember das Ende ihres Studiengangs für Grabungstechnik verkündete, obwohl Grabungstechniker für die Energiewende händeringend gesucht werden, wurde klar, wie breit das Tätigkeitsspektrum für Archäologen heute ist. Das Fach ist auch nicht angestaubt oder ausgeforscht. Die digitalen Techniken ermöglichen neue Erkenntnisse und Präsentationsformen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.02.2026 - Wissenschaft

Die Humboldt-Uni will das Winckelmann-Institut abschaffen. Es ist "eines der ältesten Institute, das Herzstück der Archäologie in Deutschland", sagt Gabriel Zuchtriegel, Leiter des Archäologischen Parks Pompeji, im Gespräch mit Karen Krüger von der FAZ. Er kreidet der Uni "eine als woke getarnte neoliberale Politik, der die europäische Klassik rein gar nichts mehr sagt", an: "Die Grundlage, wie man sich mit außereuropäischen Kulturen auseinandersetzt, wurde durch die Beschäftigung mit der Antike gelegt. Es wäre falsch, diese Wurzeln abzuschneiden und zu denken, der Baum bleibt trotzdem stehen. Das kann nicht funktionieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2026 - Wissenschaft

In der FAZ steigt jetzt auch der Historiker Christoph Dieckmann in die Debatte um Grzegorz Rossoliński-Liebe ein (unsere Resümees hier, hier und hier). Auch Dieckmann weist den Vorwurf zurück, deutsche Historiker interessierten sich nur für deutsche NS-Täter, aber nicht für die Kollaborateure in anderen Ländern. Dieckmann listet als Gegenbeweis eine ganze Reihe von Historikern auf, die sich mit der Beteiligung von Nichtdeutschen an antisemitischen Verbrechen befasst hätten. Bei der Beschreibung dieser Beteiligung gehen die Meinungen allerdings auseinander: "Wir schätzten den normativen Kollaborationsbegriff, den zum Beispiel Rossoliński-Liebe bis heute verwendet, eher kritisch ein und suchten nach anderen, weniger belasteten Begriffen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.01.2026 - Wissenschaft

Rettet die Zettelkataloge in den Bibliotheken, ruft der Bibliothekswissenschaftler Ulrich Johannes Schneider in der FAZ. Er erinnert daran, wie Nicholson Baker schon um die Jahrtausendwende gegen die Auflösung dieser Kataloge im Zeichen der Digitalisierung protestiert hatte. "Damals, am Ende des 20. Jahrhunderts, war der Platzbedarf in den Bibliotheksmagazinen tatsächlich noch groß, ganz anders als heute, wo die Digitalisierung der Zeitschriften den Bibliotheken neue räumliche Ressourcen schenkt. Daher wäre zu wünschen, dass den nicht nur in Deutschland noch zahlreich vorhandenen Zettelkatalogen dieselbe Aufmerksamkeit zuteil wird, die mittelalterliche oder frühneuzeitliche Katalogwerke genießen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2026 - Wissenschaft

Buch in der Debatte

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Die Gedenkstätte Topographie des Terrors hat im November kurzfristig eine Buchpräsentation des an der FU lehrenden Historikers Grzegorz Rossoliński-Liebe abgesagt, nachdem die polnische Botschaft gegen das Buch protestiert hatte: Rossoliński-Liebe beschreibt darin - offenbar sehr kritisch - das Verhalten polnischer Bürgermeister während des Holocaust. Auf die Frage des Holocaustforschers Jan Grabowski in der Jüdischen Allgemeinen: "Liebe Kolleginnen und Kollegen, warum schweigt ihr?", antworten heute in der FAZ die Historiker Stephan Lehnstaedt (mehr hier) und Andrea Löw (mehr hier): Erstens sei die Präsentation nur verschoben worden, zweitens halten sie nichts von Protestaufrufen und drittens werde Rossoliński-Liebe zumindest in Deutschland nicht zensiert, sondern könne frei reden und unterrichten. Vor allem ärgern sich die beiden über den Vorwurf, die deutsche Holocaust-Forschung stelle "die deutschen Täter zu sehr in den Mittelpunkt": "Wenn deutsche Historiker sich mit deutschen Tätern beschäftigen, machen sie dies nicht, weil sie, wie Rossoliński-Liebe unlängst einer Zeitung sagte, so 'stolz' auf deren Alleinverantwortung für den Holocaust sind. Doch leider ist es angesichts von Geschichtsvergessenheit und offenem Revisionismus keineswegs obsolet, immer wieder mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass es ohne den Nationalsozialismus, ohne den vom Deutschen Reich begonnen Zweiten Weltkrieg und die von Deutschen begonnene Vernichtungspolitik diesen Völkermord nicht gegeben hätte. Der Holocaust wurde von Deutschland aus in Gang gesetzt. Wenn das geklärt ist, können wir über die große Mitschuld vieler anderer ... reden und forschen."