9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

187 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 19

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2020 - Wissenschaft

Künstliche Intelligenz kann die Faltung von Proteinen vorausberechnen und erweist sich dabei inzwischen als ebenso effizient wie die viel zeitaufwändigeren experimentellen Methoden - das ist die große Meldung über einen Erfolg von Googles KI-Ableger Deepmind in den heutigen Zeitungen. Bei golem.de schreibt Frank Wunderlich-Pfeiffer: "Die Fortschritte kamen. Langsam. Ausgehend von den experimentellen Methoden im Labor wird geschätzt, dass die Proteinstrukturen auf einer Skala von 100 Punkten mit einer Genauigkeit von etwa 90 Punkten bestimmt werden können. 1994 erreichten die besten Programme 20 Punkte in diesem 'Global Distance Test'. Bis 2016 verbesserten sich die Punktzahlen auf 30 bis 40 Punkte. 2018 stieg Deepmind mit Alpha Fold in den Wettbewerb ein und erreichte im Durchschnitt 58 Punkte. 2020 waren es fast 90 Punkte. Der KI von Alpha Fold gelang es, zwei Drittel der vorgelegten Proteine mit der Präzision von Labormessungen zu berechnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2020 - Wissenschaft

250.000 Corona-Tote haben die USA inzwischen zu verzeichnen. In einem wichtigen Hintergrundtext legen Alexis C. Madrigal Whet Moser in Atlantic dar, dass die Sterberate von Corona-Infizierten in den USA zwar gesunken sei, die Zahl der Infizierten aber so stieg, dass demnächst trotzdem mit 2.000 Toten täglich oder mehr zu rechnen ist. Sarah Zhang ist in Atlantic aber mit Blick auf die kommenden Impfstoffe zuversichtlich: "Das Ende der Pandemie ist nun in Sicht."
Stichwörter: Coronakrise, Pandemie, Corona

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2020 - Wissenschaft

Wie beim Fall Guttenberg war es bei der Doktorarbeit von Franziska Giffey die "Vroniplag"-Community, die die Plagiate in Giffeys Doktorarbeit dingfest machte, schreibt Constanze Kurz bei Netzpolitik. Giffey hat nun verkündet, auf ihren Doktortitel verzichten zu wollen und dafür viel Schulterklopfen von der SPD bekommen, aber Kurz macht da nicht mit: "Dass sie ihr Amt mit so etwas wie Einsicht aufgibt, ist nicht mehr zu erwarten. Leider scheint damit der Fall zu Guttenberg doch das geworden zu sein, was viele im Jahr 2011 nicht wahrhaben wollten: ein negativer Präzedenzfall. Auch wenn sein 'Monsterplagiat' voller kopierter Textstellen aus Zeitungen und Büchern am Ende zu seinem Rücktritt führte, so hat doch die Diskussion darum die absichtliche Täuschung bei Doktorarbeiten stark bagatellisiert. So stark, dass sich eine Ministerin bisher im Amt halten kann, obwohl ihr die 'objektive Täuschung' unzweifelhaft nachgewiesen wurde."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.11.2020 - Wissenschaft

Als die Firma Biontech  bekanntgab, mit innovativer Technologie - nämlich Gentechnik - einen Impfstoff gegen Corona gefunden zu haben, veröffentlichte die Grünen-Vorsitzende des Landes Rheinland-Pfalz ein Statement über "Vorsprung in Rheinland-Pfalz". Ludger Wess erinnert bei den Salokolumnisten daran, dass die Grünen seit Jahrzehnten eigentlich gegen Gentechnik opponieren: "Man könnte sich auch daran erinnern, dass die in Rheinland-Pfalz schon länger mitregierenden Grünen 2011 den BASF-Standort in ihrem Land zur 'gentechnikfreien Zone' erklärten und dem Konzern die Forschung so sehr erschwerten, dass er seine Forschungsabteilung in die USA verlagerte - ein Schritt, den die grüne Umweltministerin Ulrike Höfken ebenso wie die grüne Wirtschaftsministerin Eveline Lemke öffentlich begrüßte. Oder daran, dass die grüne Partei, hätte sie sich durchsetzen können, 2001 die Gründung von Ganymed, dem ersten Biotech-Unternehmen der BioNTech-Gründer, untersagt hätte. Dann wären Özlem Türeci und Ugur Sahin heute vermutlich in den USA."
Stichwörter: Gentechnik, Die Grünen, Corona

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2020 - Wissenschaft

Finn Mayer-Kuckuk profiliert in der taz das Unternehmerpaar Özlem Türeci und Ugur Sahin, die beide türkischer Herkunft und in Deutschland aufgewachsen sind. Mit ihrer Firma Biontech und dem Partner Pfizer haben sie nun den ersten aussichtsreichen Corona-Impfstoff an den Start gebracht. "Der Zweck der Firma ist die Anwendung von Boten-Ribonukleinsäure (mRNA) zur Therapie und Verbeugung zahlreicher Krankheiten. Medikamente von Biontech enthalten nicht den eigentlichen Wirkstoff, sondern seine Blaupause. Die Zellen des Patienten stellen die Zielsubstanz her. Türeci und ŞSahin hatten ursprünglich erwartet, dass die erste Praxisanwendung eine maßgeschneiderte Krebstherapie sein würde. Jetzt ist es die Corona-Impfung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2020 - Wissenschaft

Die zweite gute Nachricht innerhalb einer Woche! Die Mainzer Firma BioNTtech und ihr amerikanischer Partner Pfizer haben gestern angekündigt, dass sie einen aussichtsreichen Impfstoff gegen den Corona-Virus entwickelt und bereits erfolgreiche Tests absolviert haben. Der Impfstoff basiert auf der neuen mRNA-Technologie, deren Vorteile der Mediziner Ugur Sahin, der zusammen mit seiner Frau, der Ärztin Özlem Türeci, BioNTech gegründet hat, in einem Interview mit Fanny Jimenez von businessinsider.de erklärt: "Für übliche Impfstoffe muss man Viren im Labor hochzüchten und dann mit diesen Viren Zellen infizieren in riesigen Zellkulturen, dafür braucht man sehr große Einheiten. Und der Prozess, der danach folgt, ist sehr, sehr aufwendig. Das können nur Firmen stemmen, die groß angelegt sind. Für einen mRNA-Impfstoff aber brauche ich, vereinfacht gesagt, zunächst einmal nur einen Bioreaktor von 50 Litern, mit dem ich die mRNA herstellen kann. Das ist das Tolle, weil es sehr gut skalierbar ist. Die Herstellung geht über Nacht. Man kann im Prinzip einen mRNA-Impfstoff innerhalb einer Woche herstellen. Hinzukommen die Qualitätsprüfungen, die noch einige Wochen Zeit in Anspruch nehmen." Bei heise.de erklärt Nike Heinen, wie ein mRNA-Impfstoff funktioniert.

Der Impfstoff hat allerdings einen Nachteil, der die Verteilung zur Herausforderung machen wird, merkt Ingo Arzt in der taz an: "Massen von Impfstoff müssen bei minus 70 Grad gelagert werden. Selbst ein Industrieland wie Deutschland kann ihn nicht einfach ins bestehende System kippen. Das macht eine globale Verteilung umso komplizierter. In Ländern des Globalen Südens drohen Hunderte Millionen Menschen in extreme Armut zu fallen, wenn dort die Pandemie nicht schnell gestoppt wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.11.2020 - Wissenschaft

Thomas Reiter ist gerade Astronaut auf der ISS-Station. Im Gespräch mit Pamela Dörhöfer von der FR gibt er Tipps fürs Schlafen in Schwerelosigkeit. Den Schlafsack sollte man an der Wand festmachen, damit man nicht im Raum herumschwebt. Er schläft senkrecht schwebend, scheint ja egal zu sein: "Ich habe hervorragend in Schwerelosigkeit geschlafen. Man liegt nicht auf dem Rücken oder Bauch, wälzt sich nicht herum. Ich empfand das als ausgesprochen entspannend und habe sogar etwas weniger Schlaf benötigt als auf der Erde. teilweise nur fünf oder sechs Stunden, Trotzdem war ich morgens immer gut ausgeruht. In der Schwerelosigkeit regeneriert sich der Körper offenbar schneller. Manche Kollegen haben aber auch das Gefühl gebraucht, beim Schlaf gegen etwas gedrückt zu werden. Die spannen dann elastische Bänder über den Schlafsack, welche sie leicht an die Wand pressen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2020 - Wissenschaft

Susanne Lenz unterhält sich für die Berliner Zeitung mit der Soziologin Michaela Pfadenhauer über die Kultur in Zeiten von Corona und die Sehnsucht nach Experten, die es nicht nur bei Corona, sondern auch bei Fridays for Future gibt: "Vorweg möchte ich sagen: Die 'Fridays for Future'-Bewegung hat ein enges Verständnis von Wissenschaft. Das Feld der Kultur- und Sozialwissenschaften taucht in diesem Kosmos kaum auf. Hier geht es um Science im engen naturwissenschaftlichen, sogar positivistischen Sinn. Einen Glauben an Objektivität, ohne den Konstruktionscharakter von Objektivität in Betracht zu ziehen. Um auf Ihre Frage zu antworten: Meine Vermutung ist, dass es mit dem Thema zu tun hat. Mit Krankheit sind wir alle vertraut, der Klimawandel ist abstrakt. Aber am Ende sind auch die Corona-Statistiken abstrakt, und deshalb hat es diesen Umschwung gegeben. Anfangs hatte man ja wirklich das Gefühl, man dürfe nicht zur Tür hinausgehen, weil da draußen das Virus lauert. Und erst allmählich hat man begriffen, dass die Maßnahmen ergriffen wurden, damit nicht zu viele Menschen auf einmal erkranken und unser Gesundheitssystem nicht unter Druck gerät."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2020 - Wissenschaft

Im Interview mit Zeit online erklärt der Forscher Reinhard Busse von der Berliner Charité, warum es ein Irrtum ist zu glauben, wir in Deutschland seien durch mit Corona, warum es für die Gesundheitsämter so schwierig ist, große Personengruppen bei einer Infektion nachzuverfolgen und was es mit den Risikogruppen auf sich hat: "Natürlich war es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Ältere besonderen Risiken ausgesetzt sind, etwa um die Pflegeheime zu schützen. Aber längst sehen wir: Es gibt 40-Jährige, die schwer erkranken, und 80-Jährige, die überhaupt nichts merken. Und trotzdem betrachten sich die Jüngeren als immun! Was natürlich nicht stimmt. Das liegt auch an den epidemiologischen Begriffen, insbesondere dem Wort 'Risiko'. Das bedeutet in der Fachsprache zunächst nur eine 'überdurchschnittliche Wahrscheinlichkeit'. So haben die Älteren ein 'überdurchschnittliches Risiko', ja, aber es ist nicht so, dass die anderen kein Risiko haben! Vor allem unter Lehrern wird das aktuell total überinterpretiert. Viele von ihnen scheinen zu denken, jeder Mensch über 60 könne nicht mehr arbeiten, weil er Risikopatient sei. Das ist falsch."
Stichwörter: Corona, Busse, Reinhard

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2020 - Wissenschaft

Die wegen Pagiatsvorwürfen diskreditierte Soziologin Cornelia Koppetsch wird wohl "nie wieder an einer Uni oder einer anderen wissenschaftlichen Einrichtung wie gehabt arbeiten", vermutet Simone Schmollack in der taz. Aber sie hat Bauchschmerzen, auch weil Medien und Institute Koppetsch kritiklos gefeiert hatten. Und "trotz aller unsauberer Arbeit und unlauteren Verhaltens bleibt ein Restbestand ihrer eigenen Forschung. Als Soziologin, die vor allem mit dem Milieuvergleich arbeitet, weiß sie, wovon sie spricht. Ihr Vater war Briefträger, ihre Mutter Hausfrau. Sie und ihre Schwester haben studiert, sie haben sich also 'aus den Verhältnissen herausgearbeitet'. Das ist mitnichten eine wissenschaftliche Grundlage, mehr noch, es darf nicht mal eine sein. Aber mitunter kann es hilfreich sein, aus eigener Erfahrung zu wissen, worüber man spricht."

"So weit, so hart", kommentiert auch Gustav Seibt in der SZ. Koppetschs vielgefeiertes Buch "Die Gesellschaft des Zorns" sei nun allerdings "keine Qualifikationsschrift, es diente nicht dem Erwerb von Titel oder Lehrerlaubnis. Sein Anspruch war ein zusammenhängender Gedankengang, die Entwicklung einer übergreifenden These. Zu dieser These lässt der Prüfungsbericht nichts verlauten. Ist auch sie abgekupfert? Oder wird sie wertlos, weil Koppetsch sich bei einzelnen Argumenten fremder Erkenntnisse und Formulierungen bedient hat, ohne dies gebührend zu kennzeichnen?" Seibt leugnet nicht, dass Koppetschs eine Menge Zitate allzu wörtlich und allzu wenig belegt übernommen hat - aber er verlangt auch eine "Binnendifferenzierung dessen, was 'wissenschaftliche Praxis' ist".

In der FAZ berichtet Philip Plickert über eine Studie des liberal-konservativen Londoner Thinktanks "Policy Exchange" zur "cancel culture" in der Wissenschaft: Es gibt sie durchaus, stellt die Studie fest. Danach "gibt es zwar in beiden Lagern die Tendenz, die andere Seite zu diskriminieren. Doch die Gewichte an den Universitäten sind ungleich verteilt: Eine überwältigende Mehrheit verortet sich links. 75 Prozent der Hochschullehrer haben laut der Befragung bei den letzten Wahlen für Parteien links der Mitte, vor allem für Corbyns Labour-Party gestimmt, weniger als zwanzig Prozent wählten Tory-Kandidaten. Unter den Sozial- und Geisteswissenschaftlern bezeichneten sich nur sieben Prozent als rechts der Mitte. Zugleich ist die Bereitschaft gewachsen, Andersdenkende auszugrenzen. ... 'Für politische Minderheiten wie Konservative oder genderkritische Feministinnen ist die akademische Freiheit ernsthaft gefährdet', schlussfolgern [die Autoren] Kaufmann und Adekoya."