9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

364 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 37

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.01.2026 - Wissenschaft

Rettet die Zettelkataloge in den Bibliotheken, ruft der Bibliothekswissenschaftler Ulrich Johannes Schneider in der FAZ. Er erinnert daran, wie Nicholson Baker schon um die Jahrtausendwende gegen die Auflösung dieser Kataloge im Zeichen der Digitalisierung protestiert hatte. "Damals, am Ende des 20. Jahrhunderts, war der Platzbedarf in den Bibliotheksmagazinen tatsächlich noch groß, ganz anders als heute, wo die Digitalisierung der Zeitschriften den Bibliotheken neue räumliche Ressourcen schenkt. Daher wäre zu wünschen, dass den nicht nur in Deutschland noch zahlreich vorhandenen Zettelkatalogen dieselbe Aufmerksamkeit zuteil wird, die mittelalterliche oder frühneuzeitliche Katalogwerke genießen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2026 - Wissenschaft

Buch in der Debatte

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Die Gedenkstätte Topographie des Terrors hat im November kurzfristig eine Buchpräsentation des an der FU lehrenden Historikers Grzegorz Rossoliński-Liebe abgesagt, nachdem die polnische Botschaft gegen das Buch protestiert hatte: Rossoliński-Liebe beschreibt darin - offenbar sehr kritisch - das Verhalten polnischer Bürgermeister während des Holocaust. Auf die Frage des Holocaustforschers Jan Grabowski in der Jüdischen Allgemeinen: "Liebe Kolleginnen und Kollegen, warum schweigt ihr?", antworten heute in der FAZ die Historiker Stephan Lehnstaedt (mehr hier) und Andrea Löw (mehr hier): Erstens sei die Präsentation nur verschoben worden, zweitens halten sie nichts von Protestaufrufen und drittens werde Rossoliński-Liebe zumindest in Deutschland nicht zensiert, sondern könne frei reden und unterrichten. Vor allem ärgern sich die beiden über den Vorwurf, die deutsche Holocaust-Forschung stelle "die deutschen Täter zu sehr in den Mittelpunkt": "Wenn deutsche Historiker sich mit deutschen Tätern beschäftigen, machen sie dies nicht, weil sie, wie Rossoliński-Liebe unlängst einer Zeitung sagte, so 'stolz' auf deren Alleinverantwortung für den Holocaust sind. Doch leider ist es angesichts von Geschichtsvergessenheit und offenem Revisionismus keineswegs obsolet, immer wieder mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass es ohne den Nationalsozialismus, ohne den vom Deutschen Reich begonnen Zweiten Weltkrieg und die von Deutschen begonnene Vernichtungspolitik diesen Völkermord nicht gegeben hätte. Der Holocaust wurde von Deutschland aus in Gang gesetzt. Wenn das geklärt ist, können wir über die große Mitschuld vieler anderer ... reden und forschen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2026 - Wissenschaft

Die deutsch-britische Mathematikerin Christina Pagel vom University College London erzählt im Interview mit der FAZ, warum sie den "Trump Action Tracker" gegründet hat, der die Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit und antidemokratische Maßnahmen in den USA dokumentieren soll. Damit verfolge sie zwei Ziele, erklärt sie: "einmal die öffentliche Dokumentation. Jeder Eintrag führt zu einer seriösen Quelle. Die Leute sollen sich mit diesen Berichten selbst ein Bild machen können. Zudem sollen sich die Leute fragen: Welche Lehren ziehen wir daraus für unsere eigenen Länder? Es geht darum, die Muster antidemokratischer Prozesse offenzulegen und sie zu erkennen. Ich hoffe, der Tracker kann helfen, unsere Systeme widerstandsfähiger zu machen."

Ebenfalls in der FAZ stellt die Kulturwissenschaftlerin Monika Albrecht die indische Wissenschaftsphilosophin Meera Nanda vor, die die Aufklärung verteidigt und in ihrem neuen Buch "Postcolonial Theory and the Making of Hindu Nationalism. The Wages of Unreason" darlegt, wie der Postkolonialismus rechte Ideologien stützt. Vor allem das Konzept des "strategischen Essentialismus" lade zu Missbrauch ein: "Tatsächlich wird dies seit Langem intensiv genutzt, beispielsweise in Indien, wo die großen Namen der post- und dekolonialen Theorien - von Edward Said und Gayatri Spivak über Ashis Nandy und Dipesh Chakrabarty bis zu Walter Mignolo und Anibal Quijano - heute voller Respekt in der Literatur der hinduistischen Rechten zitiert werden. Es ist nicht mehr zu übersehen, dass postkoloniale Theoreme wie die bekannte Forderung nach 'mentaler Dekolonialisierung' ihren Weg aus dem akademischen Elfenbeinturm in die Regierungsgebäude gefunden haben - in Indien ganz konkret, als die hindunationalistische Modi-Regierung im Jahr 2020 'Dekolonialisierung' zum Leitprinzip der nationalen Bildungspolitik erhob."

Außerdem: Kerstin Holm stellt in der FAZ ein Forschungsprojekt vor, das die systemische Indoktrination in Russlands Bildungswesen untersucht. Geleitet wird es von dem Bildungsphilosophen Krassimir Stojanov.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.12.2025 - Wissenschaft

Lorenz Jäger rauft sich in der Welt die Haare, wenn er liest, was vor allem an anglophonen Universitäten heute aus der Kritischen Theorie entstanden ist: "'Critical Age Studies', 'Critical Youth Studies', 'Critical Management Studies', 'Critical Midwifery Studies' (Hebammenstudien), 'Critical Physics' ('an invitation to rethink how the advances of modern science intertwine with (…) hierarchical and exclusionary practices'), eine 'Critical Philosophy of Mathematics', 'Critical University Studies', 'Critical Data Studies', 'Critical Animal Studies', 'Critical Criminology', 'Critical Environmental Justice', 'Critical Historiography', 'Critical Legal Studies', 'Critical Pedagogy', 'Critical Terrorism Studies'." Am besten gefallen ihm die "Critical South Asian Death Studies", die die Uni Münster anbietet.

Die FAZ hätte auf ihren Wissenschaftsseiten so etwas wie eine Critical Pregnancy Theorie anzubieten: Die kanadische Philosophin Kimberley Brownlee hielt in Oxford die Uehiro Lectures - drei Vorlesungen, die sich den "Reproductive Rights" widmen und der Frage, ob Männer dafür entschädigt werden sollten, dass sie nicht schwanger werden können, berichten Jonas Hertel und Coraly von Welser. Sie wertet das als Behinderung: "Ihre Vorschläge zielen allein darauf ab, den Benachteiligten eine Form von Elternschaft zu ermöglichen. Arbeitgeber könnten Gebärbehinderten - also zumeist Männern - zusätzliche Freizeit einräumen, um Fortpflanzungsprojekte zu verfolgen. Der Staat könnte die Rechte von Eltern beschränken, damit an der Fürsorge für ihr Kind viele andere Erwachsene mitwirken dürfen. So könnten Gebärbehinderte sinnstiftend in die Kindererziehung einbezogen werden. Die Kompensation hat laut Brownlee allerdings Grenzen. Frauen dürfen nicht gezwungen werden, Kinder auszutragen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.12.2025 - Wissenschaft

Der größte Teil der Nahostforschung an amerikanischen und europäischen Universitäten ist von BDS-ähnlichen Positionen geprägt. Forschungen über islamischen Judenhass und die Grauzone zwischen linkem, rechtem und islamistischem Totalitarismus, die im Nahostkonflikt eine so große Rolle spielt, werden an den Unis meist ausgeblendet - Forschungen dazu werden eher außerhalb der Unis vorangetrieben. Der Historiker Jeffrey Herf, der zu diesen Themen publiziert, ruft die Universitäten darum auf, sich des Problems bewusst zu werden und neue Institute zu schaffen. Die Jüdische Allgemeine übernimmt seinen Vortrag, den er auf einer Berliner Konferenz des Tikvah-Instituts über linken und islamischen Antisemitismus hielt: "Es ist unbestreitbar, dass Verachtung, ja sogar Hass gegenüber den Universitäten in der Politik Trumps - und vermutlich auch in der AfD in Deutschland - Realität ist. Doch außer den derzeit einflussreichen Hochschullehrenden dieser Disziplinen wird niemand die Existenz eines Problems und die Notwendigkeit eines Perspektivenpluralismus leugnen. Es geht darum, Liberalismus und Interpretationsvielfalt in der intellektuellen und akademischen Welt wiederherzustellen und die Rechtfertigung islamistischen Hasses zu beenden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2025 - Wissenschaft

Die "Bibliothek des Konservatismus" steht unter Verdacht der AfD-Nähe. AfD-Politiker sind in ihren Räumen häufig aufgetreten. Nun soll die privat betriebene Bibliothek aus dem Bibliotheksverbund der norddeutschen Bundesländer ausgeschlossen werden, berichtet Morten Freidel in der NZZ. "Was klingt wie eine bürokratische Allerweltsmaßnahme, wird für die Bibliothek ernste Folgen haben: Damit ist ihr Bestand, der mittlerweile 35.000 Bücher umfasst, dann von der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend abgeschnitten. Die katalogisierten Werke konservativer Vordenker und Theoretiker sowie rechter Autoren sind für Interessierte kaum noch auffindbar. Sie wären aus dem Gedächtnis des staatlichen Bibliotheksverbundes gelöscht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2025 - Wissenschaft

Das Studierendenparlament der HU hat einen Beschluss von 2018 aufgehoben, in dem die Studierendenschaft die BDS-Bewegung als antisemitisch ablehnte, berichtet Eva Murašov im Tagesspiegel: "Eingebracht wurde die Aufhebung des BDS-Banns von der Linken Liste (LiLi), nach Eigenbezeichnung eine parteiunabhängige Hochschulgruppe, die sich unter anderem für Bildungsgerechtigkeit, Antifaschismus, Feminismus und Antirassismus einsetzt. Die HU teilte auf Anfrage dazu mit, das Präsidium werde den Beschluss 'sorgfältig auswerten und prüfen, ob daraus gegebenenfalls Konsequenzen in Bezug auf Raum- oder andere Ressourcenvergaben zu ziehen sind'. Es habe die Rechtsaufsicht über die verfasste Studierendenschaft. Die HU weist darauf hin, dass das Studierendenparlament nur die Meinung der im Studierendenparlament vertretenen Gruppen wiedergebe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2025 - Wissenschaft

Der Genetikpionier James Watson ist gestorben. Joachim Müller-Jung erinnert in der FAZ an einer erbitterte Debatte, die er in Deutschland auslöste. "Nach einem Artikel Watsons mit dem Titel 'Die Ethik des Genoms' kam es im Feuilleton dieser Zeitung zur besagten heftigen Kontroverse, die Autoren, Philosophen und Theologen bis hin zum damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau beschäftigte. Watson hatte in dem Text das Recht, ja die Aufgabe erwachsener Menschen behauptet, dem Leben erbgeschädigter Föten ein Ende zu setzen. Dass einer seiner beiden Söhne, Rufus, selbst an einem schweren psychischen Leiden erkrankte, hätten die meisten seiner damaligen Kritiker als mildernde Umstände zu Recht kaum gelten lassen. Watsons feste Überzeugung war: Evolution ist von nun an in Menschenhand." Wir zitierten im Jahr 2003 eine Aussage Watsons zum Thema - Watson kritisierte die deutsche Einstellung zum Thema Genforschung.

Thomas Thiel kommt in der FAZ auf die Correctiv-Recherche zu Ahmad Mansour zurück (unsere Resümees). Ihm wird vorgeworfen, dass ihm ein Projekt bewilligt wurde, das von Diskursgegnern als nicht ausreichend wissenschaftlich begutachtet wurde - Mansour will zusammen mit fünf Universitätsinstituten Präventionsarbeit gegen Antisemitismus bei muslimischen Schülern erforschen und verbessern. "Bei näherer Hinsicht ist der Skandalgehalt gering", so Thiel. "Der Soziologe Ruud Koopmans weist darauf hin, die Gründung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (Dezim) sei ebenfalls ohne Ausschreibung beschlossen worden, der dort angesiedelte millionenschwere Nationale Diskriminierungs- und Rassismusmonitor sogar ohne Gutachten, was das Bundesfamilienministerium auf Nachfrage bestätigt. Das Zentrum verfolgt allerdings einen anderen Ansatz in der Integrationsforschung als das Ehepaar Mansour und dürfte von kritischen Recherchen verschont bleiben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2025 - Wissenschaft

Helene Röhnsch greift in der FAZ einen Bericht des Guardian auf (und recherchiert weiter), der zeigt, wie chinesische Behörden europäische Universitäten unter Druck setzen. Die Sheffield Hallam University hat die Arbeit der Sinologin Laura Murphy unterbunden, die eine international anerkannte Expertin für das Zwangsarbeitssystem in China ist. Die Uni fügte sich dem chinesischen Druck, um Mitarbeiter in China zu schützen, hieß es offiziell. Murphy stellte "auf der Grundlage des Informationsfreiheitsgesetzes einen Antrag auf Einsicht in relevante interne Dokumente der Universität. Anhand dieser habe sie erfahren, dass es noch einen weiteren Grund gebe, der ihr von der Universität zuvor jedoch nicht mitgeteilt worden sei: der Wunsch nach Zugang zum chinesischen Studentenmarkt. 'Die internen Dokumente, E-Mails und Risikobewertungen, die ich erhalten habe, zeigen, dass die Verwaltungsmitarbeiter ausdrücklich beschrieben haben, wie die chinesische Staatssicherheit die Website und E-Mails der Universität innerhalb Chinas blockiert hat, wodurch ihnen der Zugang zur Studentenrekrutierung und -ausbildung versperrt wurde', sagt Murphy der FAZ."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2025 - Wissenschaft

Zumindest in bestimmten Fächern ist es offenbar auch an deutschen Unis Mainstream, einen Israelboykott im Sinne der BDS-Bewegung zu fordern, so etwa in der deutschen Nahostwissenschaft. Der laut Kevin Culina in der Welt maßgebliche Verband dieser Disziplin, die rund 1.300 Mitglieder starke "Deutsche Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient" (Davo) unter der seit September wirkenden Vorsitzenden Christine Binzel bekennt sich offiziell zur "Palästinasolidarität": "Was das bedeuten könnte, zeigen Binzels politische Einlassungen. Die Ökonomin fordert einen akademischen Boykott Israels. Die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit dortigen Institutionen, die sich 'mitschuldig' an Verbrechen wie 'Besatzung, Apartheid und Genozid in Palästina' gemacht hätten, müsse beendet werden, heißt es in der auch von ihr unterzeichneten europäischen 'Uppsala Declaration' aus dem September dieses Jahres. In einem offenen Brief an die Bundesregierung forderte Binzel im Juni die 'sofortige Überprüfung aller diplomatischen, politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Israel'. Mit dem Gaza-Krieg unterstütze Deutschland die 'Vernichtung und Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung und damit 'eines der größten Verbrechen unserer Zeit'." Die Prosa der Davo-Funktionärinnen ist bemerkenswert: "Die neue Davo-Vize Hanna Al-Taher schreibt über den Hamas-Überfall auf Israel vom 7. Oktober 2023: 'Gleitschirme über dem Grenzzaun von Gaza. Ein Bulldozer durchbricht den Grenzzaun, der Gaza umgibt. Die Symbolkraft dieser Bilder ist enorm: Ausbruch, Rückkehr, Freiheit.'"