9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.03.2026 - Kulturpolitik

Die Leiterin des "Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung" Gundula Bavendamm muss wahrscheinlich bald ihren Platz räumen. Im Tagesspiegel resümiert Christian Schröder die Debatte um eine "Neuausrichtung" des Museums, die vom Bund der Vertriebenen ausgeht, der starken Rückhalt in der CDU hat (mehr hier). Der Nachfolge-Kandidat mit den meisten Chancen ist Sven Oole, der niemals wissenschaftlich zur Vertreibung gearbeitet hat, wie Schröder erklärt, und auch keine Erfahrung als Kurator hat, allerdings als Geschäftsführer des "Bundes der Vertriebenen" (BdV) "ein sehr gut vernetzter Funktionär" sei. "Welches Signal von Sven Ooles Berufung an die Spitze des Museums ausgehen würde, fasst der Beraterkreis-Sprecher Stephan Lehnstaedt mit pessimistischem Unterton zusammen: 'Dass der BdV gemeinsam mit der Unionsfraktion des Bundestags jetzt in der Stiftung 'durchregieren' will und eine Wende in der Erinnerung an Flucht und Vertreibung ansteht.' Die Bundesrepublik könne viel stärker den Stalinismus als Ursache für Flucht und Vertreibung benennen und die Erinnerung an den Holocaust und die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs geschichtspolitisch voneinander trennen. 'Man kommt dann zu einer Erzählung, wonach die Bundesrepublik als unbelastet und mit Flucht und Vertreibung sogar leidgeprüft erscheint', sagt Lehnstaedt dem Tagesspiegel. 'Wenn man den Nationalsozialismus von der Geschichte ab 1945 isoliert betrachtet, ist es nicht mehr sehr weit zu Alexander Gaulands Diktum vom 'Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2026 - Kulturpolitik

Der Rückhalt für Wolfram Weimer bröckelt selbst in der CDU, erzählt Eckhart Lohse in der FAZ, der "unter drei" mit einigen CDU-Abgeordneten geplaudert hat: "Für richtigen Ärger sorgte offenbar sein Umgang mit der Berlinale-Chefin Tricia Tuttle. Erst seien Abgeordnete aufgefordert worden, die Entlassung von Tuttle 'medial zu begleiten'. Dann hätten die entsprechenden Personen, die die Ablösung Tuttles für richtig gehalten hätten, aus der Zeitung erfahren, dass Weimer an ihr festhalte. Das, so sagt der Abgeordnete, habe für großen Unmut in der Fraktion gesorgt. Dort seien diejenigen, die Weimer 'wohlgesonnen' seien, nicht mehr in der Mehrheit." In einer Aktuellen Stunde im Bundestag, die von der Linkspartei beantragt worden war und wo über die Buchhandlungspreisaffäre debattiert wurde, gab es ebenfalls nicht allzu viel Rückhalt, so Lohse.
Stichwörter: Weimer, Wolfram

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2026 - Kulturpolitik

"Kulturpolitik darf ermöglichen, sie darf nicht verhindern oder kontrollieren", gibt Andrian Kreye Wolfram Weimer im Aufmacher der SZ-Feuilletons mit auf den Weg und attestiert ihm einen "Hyperpragmatismus, der nicht nur in Deutschland immer öfter dazu dient, reaktionäre Kulturpolitik mit Sachzwängen zu begründen. Warum sollte der Staat Einrichtungen auszeichnen, die ihm feindlich gesinnt sind? Warum an teuren Kulturpraktiken festhalten, wenn man in die digitale Moderne aufbrechen kann? Warum kein strenges Regiment für ein Filmfestival? Das Vorbild dafür findet man in den USA, in Ungarn, Italien oder China."

Weimer ist allerdings nicht der einzige, der mittels des Haber-Verfahrens (unser Resümee) den Verfassungsschutz nutzt, um Initiativen und Einzelpersonen einer Extremismusprüfung zu unterziehen, notieren Gareth Joswig und Konrad Litschko in der taz: "Weit vorne lag das Bundesinnenministerium, das zwischen 2020 und 2024 insgesamt 670 Initiativen und 713 Personen mit dem Haber-Verfahren überprüfte. ... Vergangenes Jahr schrieb Familienministerin Karin Prien (CDU) an die Unionsfraktion, dass man - in Absprache mit dem Innenministerium und 'nach wochenlanger Arbeit' - bei geförderten Demokratieprojekten eine 'breit angelegte Verfassungsschutzprüfung im sogenannten Haber-Verfahren eingeleitet' habe. Sie reagierte damit vor allem auf Antisemitismusvorwürfe gegen einzelne Projekte."

Gestern unterzeichnete Olugbile Holloway, Generaldirektor von Nigerias National Commission for Museums and Monuments (NCMM), in Zürich die Eigentumsübertragung von 28 Benin-Bronzen aus Schweizer Museen. Im Tagesspiegel-Gespräch betont er, dass Deutschland sich in den Umgang mit den Bronzen in Nigeria nicht mehr einzumischen habe, erklärt aber auch, dass er mit dem Oba einen Vertrag geschlossen habe, dass die Bronzen öffentlich zugänglich bleiben und nicht verkauft werden dürfen: "Ich fand eine chaotische Situation vor, als ich im März 2024 mein Amt antrat. Es musste geklärt werden, wer wofür zuständig ist. Der Oba verfügt weder über Restauratoren noch Forschungseinrichtungen. Die Bronzen werden deshalb jetzt außerhalb des königlichen Palastes in einem Depot der Nationalmuseen in Benin City aufbewahrt." Unter anderem sollen die Bronzen künftig in den National Museen in Lagos und in Benin City zu sehen sein, erfahren wir. Im NZZ-Gespräch hält auch Esther Tisa Francini, Provenienzforscherin am Rietberg-Museum, die als Co-Leiterin der Benin-Initiative Schweiz die Grundlage für die Rückgabe schuf, jede weitere Einmischung für "neokolonial". Außerdem erklärt sie, wie die Objekte überhaupt in die Schweiz, die nie Kolonien hatte, kamen: "Über Wissenschafter, Sammler, Zwischenhändler und natürlich den Kunstmarkt."

In der Ukraine werden zahlreiche sowjetische Denkmäler abgebaut, weil sie als "russisch" gelten. Damit ist die Kunsthistorikerin Yevgenia Molyar auf den "Bilder-und-Zeiten"-Seiten der FAZ nicht einverstanden, setze dies doch eine Gleichsetzung zwischen russisch und sowjetisch voraus: "Kunstwerke, welche die sowjetische Ideologie zum Ausdruck brachten, entstanden unter einem totalitären Regime, sind aber auch das Ergebnis gemeinsamer Arbeit von Künstlern verschiedener Nationalitäten, Republiken und kultureller Traditionen. Die Anerkennung des vielstimmigen und multinationalen Charakters des sowjetischen Kulturerbes ist der Schlüssel zum Verständnis, warum dessen Aneignung durch das heutige Russland nicht nur eine politische Geste, sondern auch eine Form der historischen Expansion ist. Die Ersetzung von 'sowjetisch' durch 'russisch' verwandelt eine multinationale Erfahrung in ein Instrument zur Legitimierung einer neuen imperialen Politik."

Derweil wird in Moskau noch in diesem Jahr ein neues Museum eröffnet, das dem "Gedenken an die Opfer des Völkermords am sowjetischen Volk" gewidmet ist, es wird das Gulag-Museum, das den Opfern von Stalins Repressionen gewidmet ist, ersetzen, weiß die russische Autorin und Kuratorin Anna Narinskaya in der FAZ: "Die angekündigten Ausstellungen über die Verbrechen des Nationalsozialismus und den Befreiungsauftrag der Roten Armee sollen die Erinnerung an die Repressionen endgültig auslöschen. Die Geschichte von Mut und Leiden des sowjetischen Volkes im Zweiten Weltkrieg wird nicht nur als ewig relevant und als Quelle des Stolzes und der berechtigten Empörung bewahrt, sie muss auch 'unbequeme' Erinnerungen ersetzen, die dem Regime nicht passen."

Weitere Artikel: In der taz empfiehlt Yelizaveta Landenberger einen Podcast des Onlinemediums dekoder, der sich dem Vernichtungskrieg der deutschen Wehrmacht in der Donbass-Region widmet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2026 - Kulturpolitik

Mit erstaunlicher Energie treiben die Feuilletons die Weimer-Berichterstattung weiter. Nun hat er in Leipzig geredet. Aber Börsenvereinsvorsteher Sebastian Guggolz hält im Interview mit Jan Wiele von der FAZ an seiner Kritik fest: "In der Frage des Buchhandlungspreises, die mich persönlich besonders bewegt, kann man nicht einfach sagen: Schwamm drüber. Es ist überhaupt nichts geklärt, und da hat Weimer auch gestern weiterhin Antworten verweigert, hat weiterhin auf der sprachlichen Ebene seine Verschiebungen gemacht, die er immer macht. Er hat die Buchhandlungen, die keine Förderung erhalten sollen, als Verfassungsfeinde diskreditiert - ohne jede argumentative Grundlage." Guggolz glaubt auch nicht, dass Weimer irgendetwas Relevantes gegen die Buchhandlungen, die er von der Subvention ausgeschlossen hat, vorliegt: "Wenn da wirkliche gravierende Sachen drin wären, hätte er das schon längst veröffentlicht."

Weimers Leipziger Eröffnungsrede resümiert unter anderem Julia Hubernagel in der taz.

Harry Nutt sieht in der ganzen Affäre um den Buchhandlungspreis und im Gebaren von Weimer an sich einen Kulturwandel heraufziehen, wie er im Leitartikel der taz erklärt. Kultur schuf in der Bundesrepublik eine staatlich subventionierte Unartigkeit und reparierte damit für die Politik die demokratische Fassade, so Nutt: "Große Teile der sogenannten Gegenkultur wurden staatlich finanziert und trugen - oft gegen den Willen der Mehrheitsgesellschaft - zum Gelingen der jungen Demokratie bei. Die sich öffnende Gesellschaft war souverän genug, selbsterklärte Staatsfeinde zu integrieren. Damit soll nun wohl Schluss sein. Die stabilisierende Wirkung eines institutionellen Widerspruchs scheint gezielt ignoriert zu werden im Namen einer neuen Kulturpolitik, die sich an den Prinzipien von Kontrolle und Gunsterweisung orientiert."

Das mit der zum Frommen der Demokratie vom Staat subventionierten Gegnerschaft erklärt Ulf Poschardt in der Welt anders: "Der Kulturbetrieb ist im Kern geprägt von Bürgerkindern, die davon ausgehen, dass es nach Mamis und Papis Taschengeld und Studienfinanzierung und/oder Bafög der Staat sein müsse, der ihre Selbstverwirklichung finanziert." Weimer wird von der CDU alleingelassen, so Poschardt. Der CDU attestiert er eine "Furcht, eine eigentlich politisch abgewählte linke Hegemonie offensiv herauszufordern".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2026 - Kulturpolitik

Er wolle keinen Kulturkampf wie in den USA, erklärt Wolfram Weimer im Interview mit der Zeit. Aber es sei weder bei der Berlinale noch beim Deutschen Buchhandelspreis um Meinungsfreiheit gegangen, sondern um staatliche Finanzhilfe: "Wenn der Staat Preise vergibt und Steuergelder einsetzt, dann kann er das nicht für politische Extremisten tun. Hier wird ja nicht zensiert oder irgendjemandem irgendetwas untersagt, sondern nur ein Staatspreis nicht verliehen. Das ist die denkbar sanfteste Form, in der der Staat ausdrücken kann, dass er Extremisten nicht auch noch fördert und auszeichnet. Und da uns Informationen des Verfassungsschutzes vorlagen, mussten wir so handeln. ... Man kann einer Bürgerin oder einem Bürger, der diese Republik trägt und finanziert, nicht sagen, es gehöre zum Selbstverständnis dieser Republik, dass zum Beispiel das Steuergeld, das ein Kassierer in Tübingen bezahlt, genommen wird für ein Preisgeld für 'Deutschland verrecke', vor allem wenn der Verfassungsschutz ernsthafte Hinweise hat." ("Deutschland verrecke, bitte", eine Zeile aus einem Lied der Gruppe "Slime", steht auf der Fassade einer der Buchhandlungen, die vom Preis ausgeschlossen wurden.)

Weimer hat inzwischen auch eine Pressekonferenz gegeben, die Julia Encke (FAZ) wenig informativ fand: "'Fachbeamte' im BKM hätten 'Informationen' und 'Zweifel' gehabt, die sie dazu gebracht hätten, den Verfassungsschutz zu befragen, diese 'Fachbeamten' kennen 'ihr Milieu'. Welche Zweifel das waren, erfuhr im Ausschuss niemand. 'Wir dürfen in der Logik des Haber-Verfahrens den Buchhandlungen nicht sagen, was vorliegt, wir wissen es auch nicht, was vorliegt', so der Kulturstaatsminister, der offenbar selbst nicht mal weiß, worum es eigentlich geht."

Wolfram Weimer hat in der Kulturbranche sein ganzes Standing verloren, Personen aus dem Betrieb, die im SZ-Artikel von Jörg Häntzschel unerkannt bleiben wollen, sehen sogar Parallelen zur Kulturpolitik in Ungarn und den USA. Und Weimer könnte gerade erst angefangen haben und mit Personalentscheidungen demnächst seine Linie auf Jahre hinaus zementieren: "Für die Gängelung der Kultur braucht Weimer aber gar nicht mit Zensur zu drohen. In den kommenden Monaten stehen etliche Personalentscheidungen an, mit denen er die Kulturinstitutionen - wie ein US-Präsident mit Supreme-Court-Richtern - weit über das Ende seiner Amtszeit hinaus prägen kann. Bei den Berliner Festspielen, dem Humboldt-Forum, dem Haus der Kulturen der Welt und, bald darauf, der Kulturstiftung des Bundes laufen die Verträge aus oder müssen verlängert werden."

Weimer mag von seinem Amt überfordert sein, aber diese Überforderung offenbart ein größeres Problem mit unserer Demokratie, meint in der Zeit die Autorin Thea Dorn. Das Haber-Verfahren, nach dem drei Buchhandlungen nach einer Überprüfung durch den Verfassungsschutz vom Deutschen Buchhandelspreis ausgeschlossen worden waren, wird seit 2004 praktiziert - begonnen hat damit Otto Schily (SPD). Auch die ehemalige grüne Kulturstaatsministerin Claudia Roth hat es benutzt, woraufhin eine Buchhandlung ebenfalls vom Preis ausgeschlossen worden war, erinnert Dorn. "Wer sich jetzt darüber empört, dass der Minister den Verfassungsschutz auf linke Buchläden angesetzt hat, müsste mal in sich hineinlauschen, wie er reagiert hat, als Nancy Faeser verkündete, der Verfassungsschutz habe nun die AfD in Gänze als 'gesichert rechtsextremistisch' eingestuft. Gab es da einen Seufzer der Erleichterung? Falls ja, sollte man darüber nachdenken, wie heikel es ist, den Verfassungsschutz zum bevorzugten Instrument im Kampf gegen Extremismus zu machen. Denn wer der Extremist ist, liegt damit im Auge eines Betrachters, dem wir, die demokratische Öffentlichkeit, nicht ins Auge schauen können, um zu fragen: Wie kommst du eigentlich darauf?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2026 - Kulturpolitik

In der FAZ fragt Andreas Platthaus, wie sich Kulturstaatsminister Wolfram Weimer nach dem Desaster um den Buchhandelspreis und dem abgesagten Ausbau des Leipziger Standorts der Deutschen Nationalbibliothek auf der Leipziger Buchmesse präsentieren will: "Ein schlechterer Zeitpunkt als so kurz vor der Buchmesse war nicht denkbar. Neben der Branche ist auch die ganze Stadt empört, denn es gab eine feste Zusage aus Berlin für das Projekt. Der Wortbruch erfolgt nicht nur aus finanziellen Erwägungen, sondern auch, weil Weimer die Aufbewahrung gedruckter Bücher nicht mehr für sinnvoll hält. Und damit auch den Buchhandel, wie wir ihn kennen. Die gegen die Nationalbibliothek gerichtete Argumentation, man könne doch digital sammeln, stellt auch Buchmessen in ihrer jetzigen Form infrage. Solches Digitaldenken ist toxisch für eine Branche, die ohnehin seit Jahren über die just durch die Digitalisierung sinkenden Aufmerksamkeitsspannen und damit auch sinkende Buchverkaufszahlen klagt."

Freuen kann sich hingegen das Literaturarchiv Marbach, berichtet Willi Winkler in der SZ: hier hat der Kulturstaatsminister einem Neubau zugestimmt, 44 Millionen Euro soll er kosten, bis 2032 soll er fertig sein: "Am Segen von oben fehlt es nicht. Bund und Land sind dank gründlicher Lobbyarbeit der Deutschen Schillergesellschaft fest entschlossen, die Kosten für den Neubau zu tragen. Wolfram Weimer wusste bereits die 'architektonische Qualität' des Siegerentwurfs zu loben, mit dem ein 'zukunftsorientierter Ort für Forschung, Bewahrung und Vermittlung unseres literarischen Erbes' geschaffen werden soll." Die Absage an die Nationalbibliothek kritisiert Winkler ebenfalls, sein Trost: bei der Eröffnung des neuen Literaturarchivs 2032 wird Weimer nicht mehr im Amt sein.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2026 - Kulturpolitik

Andreas Kilb legt in der FAZ mit Engelsgeduld äußerst komplizierte Diskussionen um die "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung" und ihr Haus in Kreuzberg dar. Er lobt die Arbeit der bisherigen Chefin Gundula Bavendamm, die das Thema Vertreibung in den Ausstellungen des Hauses mit Empathie dargestellt habe, ohne den historischen Kontext zu verschweigen. Hinzukommt, so Kilb, dass es in Deutschland keine Vertriebenen mehr gibt - "selbst jene, die die Vertreibung bei Kriegsende als Kinder erlebten, sind weit über achtzig Jahre alt". Aber es gibt eine Vertriebenenlobby mit angeblich Millionen Mitgliedern und einem starken Rückhalt in der CDU-Fraktion des Bundestags. Die Gruppe stört sich laut Kilb am "Konnex zwischen der Vertreibungs- und Vernichtungspolitik des Deutschen Reiches in der ersten Hälfte des Zweiten Weltkriegs und den Vertreibungen aus den deutschen Ostgebieten". Bavendamm scheint abgesägt werden zu sollen. Sollten sich die "Vertriebenen" durchsetzen, so Kilb, dürfte es Ärger mit Polen geben. Unter Bavendamms Ägide sei die Furcht vor deutschem Revisionismus "einer vorsichtigen Sympathie gewichen, die gerade im strategisch wichtigen Nachbarland Polen zu einem weniger feindseligen Blick auf Deutschland beigetragen hat. Ihre Ablösung könnte jenen nationalistischen Kräften in Warschau neuen Auftrieb geben, die dem Opfernarrativ des BdV ihr eigenes entgegenstellen, verbunden mit astronomischen Entschädigungsforderungen an den Aggressor von einst."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2026 - Kulturpolitik

Die Leipziger Buchmesse steht an. Die Feuilletons sind nach wie vor entsetzt über Wolfram Weimer und sein Verhalten bei der Verteilung von Preisgeldern. Die Verleihung des Buchhandlungspreises bei der Leipziger Buchmesse ist - wohl aus Angst vor Tumult - abgesagt. Der Staat in Gestalt Weimers hat sich laut Dirk Knipphals (taz) disqualifiziert, weil er unsere Gelder nicht so verteilen will, wie es die Jurys entscheiden: "Es geht eben keineswegs nur um die drei Buchhandlungen. Vielmehr stellt Weimer das bislang gültige kulturpolitische Modell insgesamt in Frage. Dass staatliche Gelder von unabhängigen Jurys, die nach fachlichen Gesichtspunkten zusammengesetzt werden, verteilt werden, und zwar nach kulturellen Kriterien, bildet das Fundament dieses Modells. Der Kulturstaatsminister hat es nun beschädigt. Er hat die Jury des Buchhandlungspreises beschädigt. Welcher seriöse Kulturmensch soll sich jetzt noch in so eine Jury setzen? Und er hat auch den Preis beschädigt. Er verliert seinen kulturellen Wert. Er wird zu einem Instrument in der politischen Auseinandersetzung."

Es kommt aber auch darauf an, wer vom Verfassungsschutz ausgeschlossen wird, ergänzt Ronen Steinke in der SZ: "Es verunsichert, wenn Menschen befürchten müssen, dass sie, wann immer sie bei einem staatlich geförderten Wettbewerb mitmachen, vom Inlandsgeheimdienst gemustert werden. Und das ist eine Verunsicherung, die dann nicht bloß Neonazis oder Islamisten trifft (um die wäre es nicht schade, natürlich), sondern vor der auch durch und durch humanistische Geister nicht gefeit sind."

Weimer ist jetzt auch noch dadurch hervorgetreten, dass er der Deutschen Bibliothek in Leipzig einen Erweiterungsbau verweigert, erzählt etwa Andreas Platthaus in der FAZ. Die Bibliothek muss die Pflichtexemplare aller Druckerzeugnise in Deutschland lagern, und zwar doppelt. Das braucht viel Platz, was Weimer aber obsolet zu finden scheint: "Es sei nicht einzusehen, dass man so viel Geld in ein Lager für physische Medien investiere - und das in Zeiten der Digitalisierung! Im Übrigen wäre es im Sinne eines 'Bürokratieabbaus', wenn künftig nur noch ein Exemplar jeder Publikation gesammelt würde, und das, wo möglich, 'ausschließlich in digitaler Form'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2026 - Kulturpolitik

In Frankfurt stehen die Kommunalwahlen an. An der SPD kommt niemand vorbei, erzählt Matthias Alexander im Feuilletonaufmacher der FAZ. Die Frage wird nur sein, ob die SPD unter Bürgermeister Mike Josef mit der CDU oder eher mit der Linkspartei koalieren wird. Ina Hartwig ist weiterhin als Kulturdezernentin gesetzt und hat anders als Kollegen aus anderen Städten auch richtig Geld zur Verfügung, denn Frankfurt geht es gut ("die Stadt rechnet 2026 allein mit Gewerbesteuereinnahmen in Höhe von 3,25 Milliarden Euro"). Alexander kritisiert, dass Hartwig in den letzten Jahren vor allem die Bürokratie in ihrem Amt gestärkt habe. Und nun dies: "Vor einigen Wochen präsentierte sie pünktlich zur Kommunalwahl den Kulturentwicklungsplan (für dessen Erstellung es trotz üppigen Zuwachses an Verwaltungsstellen externer Hilfe bedurfte, die offenbar 500.000 Euro verschlungen hat). Der Bericht legt den Schwerpunkt auf die Zukunft der freien Szene, auf Nachhaltigkeit und auf die Abbildung von Diversität. Das alles wird auf 255 Seiten in schönstem Kulturberaterdeutsch dargeboten, das sich vom Unternehmensberaterkauderwelsch nur durch den Einsatz von etwas mehr pseudosoziologischem Blattgold unterscheidet... Auffällig an dem Kulturbericht ist nicht zuletzt, wie wenig er zu den Museen, zu Schauspiel und Oper sagt. Von ihnen ist nur insofern die Rede, als sie ihre Bemühungen um den Umgang mit Diversität steigern sollen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2026 - Kulturpolitik

Die Debatte um die Absage des deutschen Buchhandlungspreises geht weiter und die Luft um Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wird immer dünner. So kam gestern heraus, dass er die drei linken Buchhandlungen, die er ausgeladen hatte, angelogen hat. Statt ihnen mitzuteilen, dass sie zwar von der Jury ausgewählt wurden, Weimer sie aber wegen nicht weiter ausgeführten Erkenntnissen des Verfassungsschutz nicht auszeichnen wollte, schickte Weimer ihnen die standardisierte Absage-Mail der Jury, wie aus dem Anwaltsschreiben des Vertreters einer der linken Buchhandlungen hervorgeht. "'Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Sie von der unabhängigen Jury nicht für eine Auszeichnung ausgewählt wurden. Die Jury hat sich bei dem sehr hohen Niveau der Bewerbungen die Entscheidungsfindung nicht leicht gemacht. Die getroffene Wahl schmälert deshalb keineswegs unsere Hochachtung für Ihr großes Engagement.'" Eine Zusammenfassung der Ereignisse liefert in der taz Jean-Philipp Baeck, der auch nochmal kurz auf das Haber-Verfahren eingeht, das zum Ausschluss der drei Buchhandlungen führte: "Beim Haber-Verfahren stellen Ministerien beim Bundesamt für Verfassungsschutz Anfragen, ob Erkenntnisse über Zuwendungsempfänger vorliegen. 'Wenn sich eine Institution weithin sichtbar hinter die Losung 'Deutschland verrecke' stellt, stellen sich zur Preiswürdigkeit Fragen', sagte Weimer. Er spielte damit auf ein Kunstwerk an, das die Hausfassade des 'Golden Shop' in Bremen schmückt und diesen Satz beinhaltet."

Er wurde von Friedrich Merz als konservativer Intellektueller geholt, doch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat bewiesen, dass er seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden konnte, konstatiert Claudius Seidl in der SZ. "Der Schaden war, schon bevor diese Mail bekannt wurde, groß genug: Wenn Buchhandlungen vom Verfassungsschutz beobachtet werden, braucht kein Kulturstaatsminister mehr die Freiheit der Meinung und der Künste zu beschwören. Wenn die von ihm geleitete Behörde auch noch so offensichtlich lügt, möchte man von ihm kein Wort mehr hören. In keiner, wirklich gar keiner Angelegenheit." In der FAZ urteilt Andreas Platthaus: "Instinkt darf man Wolfram Weimer also wohl ebenso absprechen wie Integrität."

In der Zeit diagnostizieren Jens Balzer, Raoul Löbbert und Tobias Timm ganz allgemein ein "Klima der Unsicherheit" in Kulturinstitutionen, aber auch in den Institutionen der Kulturpolitik: "'Wir waren doch mal angetreten, um Kultur zu ermöglichen und zu fördern', sagt eine Person in leitender Funktion einer vom Bund geförderten Einrichtung, 'aber jetzt sind wir nur noch damit beschäftigt, darauf zu achten, dass wir mit dem, was wir tun, bloß nicht anecken und dass wir keine Angriffspunkte bieten für Menschen, die uns Knüppel zwischen die Beine werfen wollen.' Ob man auf diese Weise Kultur mit internationaler Strahlkraft zu erschaffen vermag, wie es Weimer gern möchte? Und ob man unter solchen Bedingungen für die Top-Positionen in der Kulturpolitik künftig noch Top-Personal anwerben kann? Kann Weimer diese Vertrauenkrise zwischen dem Staatsministerium und den Kulturinstitutionen in den kommenden drei Jahren seiner Amtszeit noch heilen? Hat er überhaupt noch drei Jahre? Alle Fragen sind offen."

Weitere Artikel: In der FAZ berichtet Hubert Spiegel über Diskussionen in Bonn, ob dort Opernhaus und Schauspielhaus, offenbar beide marode, abgerissen und neu gebaut oder renoviert werden sollen.