"Kulturpolitik darf ermöglichen, sie darf nicht verhindern oder kontrollieren", gibt Andrian Kreye
Wolfram Weimer im Aufmacher der
SZ-Feuilletons mit auf den Weg und attestiert ihm einen "
Hyperpragmatismus, der nicht nur in Deutschland immer öfter dazu dient,
reaktionäre Kulturpolitik mit Sachzwängen zu begründen. Warum sollte der Staat Einrichtungen auszeichnen, die ihm feindlich gesinnt sind? Warum an teuren Kulturpraktiken festhalten, wenn man in die digitale Moderne aufbrechen kann? Warum kein strenges Regiment für ein Filmfestival? Das Vorbild dafür findet man in den
USA, in
Ungarn, Italien oder China."
Weimer ist allerdings nicht der einzige, der mittels des
Haber-
Verfahrens (
unser Resümee) den
Verfassungsschutz nutzt, um Initiativen und Einzelpersonen einer Extremismusprüfung zu unterziehen,
notieren Gareth Joswig und Konrad Litschko in der
taz: "Weit vorne lag das Bundesinnenministerium, das zwischen 2020 und 2024
insgesamt 670 Initiativen und 713 Personen mit dem Haber-Verfahren überprüfte. ... Vergangenes Jahr schrieb Familienministerin Karin Prien (CDU) an die Unionsfraktion, dass man - in Absprache mit dem Innenministerium und 'nach wochenlanger Arbeit' - bei geförderten Demokratieprojekten eine 'breit angelegte Verfassungsschutzprüfung im sogenannten Haber-Verfahren eingeleitet' habe. Sie reagierte damit vor allem auf Antisemitismusvorwürfe gegen einzelne Projekte."
Gestern unterzeichnete
Olugbile Holloway, Generaldirektor von Nigerias National Commission for Museums and Monuments (NCMM), in Zürich die Eigentumsübertragung von
28 Benin-
Bronzen aus Schweizer Museen. Im
Tagesspiegel-Gespräch betont er, dass Deutschland sich in den Umgang mit den Bronzen in Nigeria nicht mehr einzumischen habe, erklärt aber auch, dass er mit dem Oba einen Vertrag geschlossen habe, dass die Bronzen
öffentlich zugänglich bleiben und nicht verkauft werden dürfen: "Ich fand eine chaotische Situation vor, als ich im März 2024 mein Amt antrat. Es musste geklärt werden, wer wofür zuständig ist. Der Oba verfügt weder über Restauratoren noch Forschungseinrichtungen. Die Bronzen werden deshalb jetzt außerhalb des königlichen Palastes in einem Depot der Nationalmuseen in Benin City aufbewahrt." Unter anderem sollen die Bronzen künftig in den National Museen in Lagos und in Benin City zu sehen sein, erfahren wir. Im
NZZ-Gespräch hält auch
Esther Tisa Francini, Provenienzforscherin am Rietberg-Museum, die als Co-Leiterin der Benin-Initiative Schweiz die Grundlage für die Rückgabe schuf, jede weitere Einmischung für "
neokolonial". Außerdem erklärt sie, wie die Objekte überhaupt in die Schweiz, die nie Kolonien hatte, kamen: "Über Wissenschafter, Sammler, Zwischenhändler und natürlich den Kunstmarkt."
In der
Ukraine werden zahlreiche
sowjetische Denkmäler abgebaut, weil sie als "russisch" gelten. Damit ist die Kunsthistorikerin
Yevgenia Molyar auf den "Bilder-und-Zeiten"-Seiten der
FAZ nicht einverstanden, setze dies doch eine Gleichsetzung zwischen russisch und sowjetisch voraus: "Kunstwerke, welche die sowjetische Ideologie zum Ausdruck brachten, entstanden unter einem totalitären Regime, sind aber auch das Ergebnis gemeinsamer
Arbeit von Künstlern verschiedener Nationalitäten, Republiken und kultureller Traditionen. Die Anerkennung des vielstimmigen und
multinationalen Charakters des sowjetischen Kulturerbes ist der Schlüssel zum Verständnis, warum dessen Aneignung durch das heutige Russland nicht nur eine politische Geste, sondern auch eine Form der historischen Expansion ist. Die Ersetzung von 'sowjetisch' durch 'russisch' verwandelt eine multinationale Erfahrung in ein Instrument zur Legitimierung einer neuen imperialen Politik."
Derweil wird in
Moskau noch in diesem Jahr ein
neues Museum eröffnet, das dem "Gedenken an die Opfer des Völkermords am sowjetischen Volk" gewidmet ist, es wird das Gulag-Museum, das den Opfern von Stalins Repressionen gewidmet ist, ersetzen, weiß die russische Autorin und Kuratorin
Anna Narinskaya in der
FAZ: "Die angekündigten Ausstellungen über die Verbrechen des Nationalsozialismus und den Befreiungsauftrag der Roten Armee sollen die Erinnerung an die Repressionen endgültig auslöschen. Die Geschichte von Mut und Leiden des sowjetischen Volkes im Zweiten Weltkrieg wird nicht nur als ewig relevant und als Quelle des Stolzes und der berechtigten Empörung bewahrt, sie muss auch '
unbequeme'
Erinnerungen ersetzen, die dem Regime nicht passen."
Weitere Artikel: In der
taz empfiehlt Yelizaveta Landenberger einen Podcast des Onlinemediums
dekoder, der sich dem
Vernichtungskrieg der deutschen Wehrmacht in der Donbass-Region widmet.