9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

1450 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 145

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2026 - Kulturpolitik

Wolfram Weimer hat nach der massiven Kritik an seiner Entscheidung, drei linke Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreis auszuschließen (unsere Resümees) die Preisverleihung bei der Leipziger Buchmesse jetzt abgesagt. "Was bleibt", fragt Andreas Platthaus in der FAZ. "Vorerst noch der Kulturstaatsminister: auf seinem Posten. Und ein Scherbenhaufen. Weimer hat sich mit seiner Buchhandlungsunfähigkeit einmal mehr als handlungsunfähig erwiesen. Zum Fixstern dieser Bundesregierung dürfte er nicht mehr taugen. Aber bleibt er weiterhin die fixe Idee des Kanzlers?" Auch für Dirk Knipphals (taz) hat sich der Kulturstaatsminister inzwischen vollkommen diskreditiert: "Erstens sind die drei linken Buchhandlungen, um die es geht, restlos in den Literaturbetrieb und gut in die engagierte Zivilgesellschaft ihrer jeweiligen Kieze in Berlin, Bremen und Göttingen integriert. Wer sie zu Staatsfeinden machen möchte, muss schon eine extrem rechte Brille aufhaben." Vor allem aber habe Weimer "Befürchtungen geweckt, dass von nun an der Verfassungsschutz bei allen Kulturpreisen, Stipendien, Stadtschreiberstellen, geförderten Tagungen und Veranstaltungen, immer erst einmal grünes Licht geben muss, bevor die Preisträgerinnen und Preisträger verkündet werden können."

Buchhändler sind zwar nicht Künstler (mehr hier), aber in der SZ erinnert Jörg Häntzschel Weimer an die Kunstfreiheit: "Dass diese Kunst einerseits frei ist, oft auch anstößig, andererseits mit staatlichen Mitteln gefördert wird, ist ein Paradox, das man aushalten muss. Es unterscheidet ein freies, demokratisches Land von Regimen wie der DDR und dem Nationalsozialismus. Weimer will gegen 'Extremismus' vorgehen, doch er geht damit gegen die Kunst selbst vor. Sie ist keine mehr, wenn sie sich - innerhalb der bestehenden Gesetze - nicht auch die Freiheit nehmen darf, extrem zu sein. ... Indem er das Vertrauen von Kultur und Kunst zerstört hat, hat er sich in die Handlungsunfähigkeit manövriert." In der FR schreibt Michael Hesse zu dem Desaster, im Tagesspiegel schreibt Gerrit Bartels.

Eigentlich kann man den Buchhandlungspreis auch abschaffen, meint in der Welt Marc Reichwein. Erstens nehmen heute die meisten Menschen "den Buchhandel eher vom Smartphone aus als vorm städtischen Schaufenster wahr. Statt des Ladens in der Fußgängerzone nutzen viele Leute den Bestellbutton bei Amazon." Dieser neuen Realität mit Subventionen zu begegnen, findet Reichwein zu bequem: Der "Indie-Buchhandel" sollte sich fragen, "ob die vielbeschworene Unabhängigkeit inzwischen nicht reine Worthülsen-Folklore ist, wenn er immer mehr am staatlichen Tropf hängt und mit Unternehmertum immer weniger zu tun hat." Und auch das Beschwören der Meinungsfreiheit findet er in diesem Fall zumindest zwiespältig: "Formiert hat sich das nonstop für das 'freie Wort' und die 'Meinungsfreiheit' eintretende Buchgewerbe seit Jahren auch in Initiativen wie 'Verlage gegen rechts', sodass Verlage aus dem rechten Spektrum - dieses zu differenzieren fällt Linken traditionell schwer, im Zweifel sind alle Faschisten oder Nazis - sich inzwischen auf einer eigenen Buchmesse organisieren, der 'Büchermesse Seitenwechsel'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.03.2026 - Kulturpolitik

Die Debatte um die Buchhandlungspreise geht weiter. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hatte bekanntlich drei Buchhandlungen von einer Liste von 118 gestrichen, weil angeblich der Verfassungsschutz unbekannte Informationen über sie hat. Andreas Platthaus unterhält sich für die FAZ mit dem bekanntesten Kulturpolitiker der SPD, Carsten Brosda, der Weimer guten Willen unterstellt: "Er meint, die Demokratie zu verteidigen, doch hat dabei übersehen, dass man die Demokratie am besten verteidigt, wenn man ihr die intellektuelle Freiheit belässt und nicht kulturelle und künstlerische Programme auf irgendeine vermeintlich die demokratische Mitte stärkende hegemoniale Geschichte hin domestiziert." Platthaus setzt hinzu: "Dass die aktuelle Buchhandlungspreis-Jury angesichts ihrer Brüskierung noch nicht zurückgetreten ist, wundert Brosda." Am 19. März sollen die Preise bei der Leipziger Buchmesse vergeben werden. Das verspricht spannend zu werden, freut sich Platthaus.

Die Buchhandlungspreise sind so weit gestreut, dass sie als kaschierte Subvention gelten können, meint im Perlentaucher der ehemalige Rowohlt-Manager Peter Mathews, und eigentlich war der "Verlags- und Sortimentsbuchhandel bisher immer stolz darauf, dass er im Gegensatz zu Museen, Theatern und vor allem der Filmwirtschaft ein Teil der Kreativwirtschaft ist, der wie die Musik- und Gamesproduktion oder die Werbewirtschaft ohne staatliche Förderung auskommt".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2026 - Kulturpolitik

Viele wichtige Berliner Institutionen sind jetzt schon oder demnächst für viele Jahre geschlossen. Das gilt im Moment für das Pergamon-Museum, demnächst für die Philharmonie und die Scharounsche Staatsbibliothek, und ja, nun auch für das Schloss Bellevue, aus dem Bundespräsident Steinmeier wegen anstehender Renovierungsarbeiten ausziehen muss, berichtet Peter Carstens in der FAZ: "Frühestens zur übernächsten Amtszeit in acht Jahren wird wieder ein Bundespräsident dort Besucher und Staatsgäste empfangen können, heißt es offiziell. Das historische Gebäude könnte also eine Art Gorch Fock zu Lande werden: Allein die Vorsorgerückstellungen für erwartete Preissteigerungen belaufen sich auf insgesamt 71 Millionen Euro. Das habe man, so teilte das Präsidialamt mit, unter Zuhilfenahme eines 'Baukostensteigerungs-Tools' errechnet. Insgesamt kalkuliert das Präsidialamt mit Planungs- und Sanierungskosten von mehr als 600 Millionen Euro." Steinmeier wird in den letzten Momenten seiner langen Tätigkeit in einem Ersatzbau für 200 Millionen Euro empfangen.

Die Journalisten sind noch immer einigermaßen fassungslos über Wolfram Weimers Entscheidung, drei linke Buchhandlungen vom Buchhandlungspreis auzuschließen, wegen "verfassungsschutzrelevanter Erkenntnisse" (unser Resümee). Ronen Steinke erzählt in der SZ, was den Buchhandlungen denn eigentlich so vorgeworfen wird: "Die Vorwürfe, die das Bundesamt für Verfassungsschutz so auf Anfrage Weimers zusammengetragen hat, bleiben dann zwar streng unter Verschluss, aber nicht so streng, dass Journalisten nicht auf Nachfrage doch einiges erzählt bekämen: Einem der drei Läden werde eine Rolle im 'Kommunikationsnetzwerk der RAF' nachgesagt, heißt es etwa. Vor dreißig Jahren, so muss man dazusagen; denn so lange ist die RAF schon aufgelöst... Ein anderer Vorwurf lautet, einer der Buchläden diene Antifagruppen als Postanschrift, und schließlich: Einer habe auf seiner Fassade 'Deutschland verrecke' stehen."

Jörg Häntzschel sinniert auf der Meinungsseite der SZ schon fast resümierend darüber, wie es überhaupt zu der für ihn offensichtlichen Fehlbesetzung Wolfram Weimer kommen konnte: "Einer Erklärung zufolge war der selbst nicht sehr kulturaffine Merz auf Weimer hereingefallen, weil der gern mit offensichtlich zusammengegoogelten Schiller- und Mann-Zitaten posiert; dem Amt maß Merz ohnehin keine große Bedeutung zu. Einer anderen zufolge hielt er es nach dem Antisemitismus-Skandal auf der Documenta von 2022 für nötig, in der Kultur durchzufegen. Der Politik- und Kulturlaie Weimer erschien ihm als ideal."

Sebastian Guggolz, Chef des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, hat nach dem Vorfall mit Weimer telefoniert, wie er im SZ-Interview erzählt. Sonderlich überzeugend fand er Weimers Rechtfertigungen aber nicht: "Die Konsequenz kann nur sein, dass der Kulturstaatsminister den Ausschluss dieser drei Buchhandlungen zurücknimmt und wieder alle 118 von der Jury vorgeschlagenen Buchhandlungen auszeichnet. Das sind Läden, die ein fester Bestandteil der deutschen Buchhandelskultur sind, mit denen jeder Verlag zusammenarbeitet, die jeder Kollege kennt, die Kunden als Buchhandlungen wahrnehmen wie alle anderen auch. Es ist absurd, dass sie nun verfassungsgefährdend sein sollen." Das "Haber-Verfahren wurde zur Bekämpfung extremistischer und terroristischer Organisationen entwickelt. Im Kulturbereich hat es nichts zu suchen."

Der Verfassungsrechtler Christoph Möllers schaut sich auch in der SZ die juristischen Grundlagen für Weimers Vorgehen an. Wenn die Buchhandlungen klagen wollten, hätten sie wahrscheinlich Erfolg, meint er: "Heute schreibt das Bundesverfassungsschutzgesetz vor, dass die Weitergabe von Informationen des Inlandsgeheimdienstes an andere Behörden in ausdrücklich aufgezählten Fällen und ansonsten nur bei Gefahren für bestimmte hochwertige Rechtsgüter zulässig ist. Die Prämierung von Kulturinstitutionen ist, wenig erstaunlich, im Gesetz nicht vorgesehen - und man wüsste gern, welche Rechtsgüter gefährdenden Lektüren die Mitteilung des Verfassungsschutzes über die Buchhandlungen rechtfertigen."

Amanda Böhm freut sich unterdessen in der taz, dass sich der Bremer Buchladen "Golden Shop", seit er auf Weimers schwarzer Liste auftauchte, einer herzlichen Solidarisierung erfreut.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2026 - Kulturpolitik

Einfach toll, wie sehr die Meinungsfreiheit plötzlich wieder gewürdigt und geschätzt wird! Die SZ hat gleich mehrere Artikel zum Ausschluss dreier linker Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreis, weil es zu den dreien "verfassungsschutzrelevanten Erkenntnisse" geben soll: "Ein Hauch von McCarthy weht durchs Land", erschnuppert Hanser-Verleger Jo Lendle. "Kein schöner Geruch. Wer je aus eigener Anschauung erleben wollte, wie gesellschaftliche Freiheit beschnitten wird, kann sich gerade sattsehen. Ich fürchte, der Kulturstaatsminister muss sich entscheiden: Gäben die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes Anlass, in Buchhandlungen eine Bedrohung für die Bundesrepublik zu erkennen, müsste die Regierung Maßnahmen zum Einhegen der Gefahr ergreifen. Das aber ist offenbar nicht der Fall. Kulturpreise sind kein Ort der Terrorabwehr."

"So viel geschnüffelt wurde schon lange nicht mehr", behauptet Ronen Steinke in der SZ. "Illegal ist das, was Weimer getan hat und nach eigener Aussage wieder tun will, wohl nicht. Denn der Verfassungsschutz hat den gesetzlichen Auftrag, die Regierung über politische Strömungen zu 'unterrichten'. Schädlich ist es trotzdem. ... Zum Glück ist es in Deutschland nicht verboten, Marxistin zu sein oder radikaler Kritiker der deutschen oder europäischen Außenpolitik - und zum Glück ist es auch nicht verboten, Bücher mit entsprechenden Inhalten zu lesen und zu verkaufen. Aber wenn der Kulturstaatsminister jetzt hintenherum dafür sorgt, dass es dennoch solche spürbaren Nachteile mit sich bringt, wenn man es wagt, sich intellektuell kritisch mit der Regierungspolitik zu befassen, dann ist bald nicht nur die Berlinale zu beerdigen, sondern der Deutsche Buchhandlungspreis gleich mit."

Die Geschäftsführerin des Göttinger Buchladens "Rote Straße", Mechthild Röttering, versteht im Interview mit der SZ die ganze Aufregung nicht: "Wir machen das, was andere Buchhandlungen auch machen. Wir stellen kritische, in unserem Fall vielleicht eher linke Literatur zur Verfügung, die in den großen Buchkaufhäusern - es sind ja keine Buchhandlungen - einfach nicht mehr auftaucht."

Im Tagesspiegel ermuntert Rüdiger Schaper, das ganze sportlich zu sehen: "Wolfram Weimer mischt auf. Das muss am Ende nicht schlecht sein, der subventionierte Kulturbetrieb hat im Hinblick auf die Wahlchancen der AfD Resilienz zu entwickeln." Außerdem habe Weimer "noch ganz andere Gegner ausgemacht. Er müht sich, die übermächtigen amerikanischen Tech-Riesen einzuhegen, denn sie leisten ihren Beitrag zur Desinformation und Disruption der bürgerlichen Mitte. Das ist das eigentliche Thema: Die Mitte der Gesellschaft, so sie noch existiert, darf sich in diesem Kulturkampf nicht selbst zerlegen." In der NZZ berichtet Niels Bossert über den Vorgang.

Weimer weiß übrigens gar nicht, was sich die drei Buchhandlungen in Göttingen, Berlin und Bremen sollen zuschulden haben kommen lassen, "denn das durfte ihm der Verfassungsschutz gar nicht mitteilen", erläutert Jürgen Kaube in der FAZ. "Weimer weiß also nur, dass observiert wurde und Aktennotizen existieren. Wenn das reicht, geschäftsschädigende Verdächtigungen in die Welt zu setzen, handelt Weimer im Geist des Polizeirats Knarrpanti aus E.T.A. Hoffmanns 'Meister Floh'. Der meinte einst, wenn ein Verbrecher ermittelt worden sei, finde sich das Verbrechen von selbst."

Die Frage ist nun noch, wie Solidarität sich ausgestaltet, so Andreas Platthaus ebenfalls in der FAZ: "Unter den 115 verbliebenen Preisträger wird gerade die Frage debattiert, ob man die Auszeichnung gesammelt ablehnen solle. Da dabei für 105 von ihnen Preissummen von (je nach Kategorie) jeweils 7.000 bis 25.000 Euro auf dem Spiel stehen." Und Sophia Coper besucht für die FAZ den Berliner "Buchladen Zur schwankenden Weltkugel", dessen Betreiber nicht wissen, wie ihnen geschieht.

Auch der Bremer Buchhandlung "Golden Shop" will Wolfram Weimer keine Subvention geben, weil sie angeblich vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Eiken Bruhn berichtet in der taz über den Fall und lässt einige über die Zustände in dem weit entlegenen Bundesland verlauten; "Seit einem Monat greifen Medien sowie die Opposition aus CDU und FDP die angeblich von 'Linksextremisten' unterwanderte rot-grün-rote Koalition an. Nahezu täglich graben sie 'Enthüllungen' über vorgebliche Verfassungsfeinde aus." Aber die rot-grün-rote Koalition reagiert zahnlos auf die Attacke, so Bruhn, weil es im Bremer Verfassungsschutz, der ihm untersteht, auch nicht zum Besten steht. "Der Grund für die nur sachte vorgetragene Kritik von SPD und Grünen: Sie verteidigen seit einem Monat die Arbeit des Bremer Verfassungsschutzes, in dem verzweifelten Versuch, wie die Bremer CDU staatstragende Rechtschaffenheit zu simulieren. Los ging es mit der Enttarnung eines Vertrauensmanns, der acht Jahre linke Gruppen für den Verfassungsschutz bespitzelt haben soll. Dabei soll er enge freundschaftliche und sexuelle Beziehungen gepflegt haben. Das wäre rechtswidrig. Rechtswidrig wäre auch, dass der Verfassungsschutz ihn trotz seiner psychischen Instabilität einsetzte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2026 - Kulturpolitik

Gleich drei Artikel fährt die taz heute auf, um eine "Gesinnungsschnüffelei im Buchladen" anzuprangern. Der Grund: Kulturstaatsminister Wolfram Weimer schließt drei linke Buchläden in Göttingen, Berlin und Bremen vom Deutschen Buchhandlungspreis und damit staatlichem Fördergeld aus. Es soll sich um den Berliner Laden "Zur schwankenden Weltkugel", den Göttinger Buchladen "Rote Straße" und den Bremer Laden "Golden Shop" handeln. Hintergrund ist ein nicht-öffentlicher Bericht des Verfassungsschutzes über die drei. Lilly Schröder berichtet und fragt, ob das ganze nicht erstens undemokratisch und zweitens rechtswidrig sei: "Da Kultur laut Grundgesetz Ländersache ist, fehlt bislang eine gesetzliche Regelung. Rechtlich darf Weimer daher den drei linken Buchhandlungen die Nominierung entziehen. Kulturpolitisch bricht dies jedoch mit dem stillen Übereinkommen, dass politische Erwägungen in der staatlichen Kulturförderung außen vor bleiben."

Jens Uthoff sammelt kritische Stimmen zu Weimers Vorgehen beim PEN, dem Börsenverein und der Kurt Wolff Stiftung ein und spricht mit einer der Buchhändlerinnen: "Ausma Zvidrina, Geschäftsführerin des Golden Shop in Bremen, sieht das Handeln des BKM in einem größeren Kontext: 'Es geht ja nicht nur um den Ausschluss dreier linker Buchhandlungen von einem Preis', sagt die 46-Jährige der taz am Telefon, 'es ist für mich ein weiteres Zeichen eines allgemeinen Rechtsrucks, den man nun eben am eigenen Leib erfährt.'" Ein dritter Artikel in der taz nord befasst sich ebenfalls mit dem Thema. Hier das Statement des PEN Berlin.

Geht es um die Förderung von Projekten gegen Antisemitismus wie in Berlin, reagieren Zeitungen wie die SZ sehr sensibel (bei den über 200 Millionen Euro für das Demokratiefördergesetz ist noch nichts von Recherchen bekannt geworden). Nach den antisemitischen Ausschreitungen in Berlin hatte der Berliner Senat, besonders die für die Kulturverwaltung zuständige CDU, eilig einige Fördergelder zur Antisemitsmusbekämpfung ausgeschüttet, bei deren Vergabe es tatsächlich wohl nicht korrekt zuging. Ein Untersuchungsausschuss fördert immer neue Details zutage. Peter Laudenbach berichtet zum wiederholten Mal und schildert missliche Zustände in der Berliner Kulturverwaltung. Nun scheint der Berliner Senat auf die unangenehmen Recherchen auch noch mit einer Einschränkung des Informationsfreiheitsgesetzes (IFG) zu reagieren, das Behörden zur Auskunft verpflichtet. "Jetzt sollen mit der geplanten Gesetzesänderung IFG-Anfragen zu Kultur und Medien, Energie, IT und Telekommunikation, Transport und Verkehr, Entsorgung, Gesundheit, Wasser, Ernährung, Finanzen nicht mehr möglich sein. Ebenfalls unter Verschluss bleiben sollen Informationen, die in einem Gerichtsverfahren relevant werden könnten...  Begründet wird das mit dem Schutz der kritischen Infrastruktur. Allerdings ist die Auskunftspflicht der Behörden schon heute bei sicherheitsrelevanten Informationen - sinnvollerweise - deutlich eingeschränkt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2026 - Kulturpolitik

Die Kürzungen im Berliner Kulturetat - 105 Millionen Euro laut  Doppelhaushaltes 2026/27 - sind hart, dennoch sieht Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson im Interview mit der Zeit auch in der Zukunft die Berliner Kulturlandschaft blühen. Beispiel "Schaubühne, die ist ein extrem effizienter Betrieb, natürlich auch, weil sie als private GmbH geführt wird. Thomas Ostermeier und sein Geschäftsführer Tobias Veit haften persönlich. Und was passiert? Trotz Krise, trotz Spardruck wachsen sie weiter! 'Der Geizige' mit Lars Eidinger in der Hauptrolle wird ganz bestimmt wieder ausverkauft sein, Premiere ist Anfang April. Die Schaubühne hat in ihrer Nachbarschaft gerade eine neue Liegenschaft gemietet, als Probe- und Experimentalbühne." Andererseits mache die Schaubühne "acht neue Produktionen pro Saison, das Deutsche Theater bislang 30. Ist das nötig, frage ich mich." Ihre Devise, jedenfalls solange der Gin am Abend gesichert ist: "Wir müssen optimistisch in den Tag starten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.02.2026 - Kulturpolitik

Die "propalästinensische" Bewegung in Deutschland behauptet immer, vom Kulturbetrieb seit dem 7. Oktober 2023 ausgeschlossen zu sein, das stimmt aber nicht, wenn man auf die Fördersummen blickt, konstatiert der Autor Jonathan Guggenberger in der SZ. Zum Beispiel bei der Boykottbewegung "Strike Germany". "Wie wenig bedroht die Freiheit von Strike-Germany-Unterstützern tatsächlich ist - sogar verteidigt wird -, zeigen weitere Fälle aus der Bewegung. Mitte Januar beispielsweise lud die staatliche Kunstakademie Düsseldorf die Strike-Germany-Unterstützerin Basma al-Sharif für einen Vortrag ein." Das Festival wurde dabei mit 3,65 Millionen Euro aus dem Kulturstaatsministerium gefördert. Der Kunstkritiker Tobi Haslett "sprach auf der Bühne von 'Zensurklima' und bewarb Strike Germany als einzigen Ausweg. Um seinen Boykott formal einzuhalten, spendete er seine Gage an 3ezwa (vormals Berlin Legal Fund), eine Plattform für Gaza-Fundraiser und Rechtshilfe gegen Antisemitismusklagen, deren Mitgründerin Nomi Sladko online die Symbolik der Hamas verwendet und die Intifada, historisch den Mord an israelischen Zivilisten, als Widerstand feiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2026 - Kulturpolitik

Stefan Trinks besucht für die FAZ eine der beiden europäischen Kulturhauptstädte des Jahres, die slowakische Stadt Trenčín. Der Sinn der Sache ist klar: "Zum einen soll die massive Abwanderung der Jugend in die Welt und vor allem in die Hauptstadt Bratislava gestoppt werden, die jede Investition in Trenčín bislang konterkariert; zum anderen soll der Tourismus gefördert werden für eine Stadt, die mit vielen Zugverbindungen täglich nur zwei Stunden von Wien entfernt ist. Unter anderem den Wienern will man die ohnehin zu vielen Touristen dort abluchsen, die in der Region eine Fülle von traumschönen Heilbädern finden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2026 - Kulturpolitik

Noch eine gute Nachricht aus dem Berliner Kulturbetrieb, überbracht von Susanne Lenz in der Berliner Zeitung: "Dass das ikonische Gebäude der Staatsbibliothek von Hans Scharoun an der Potsdamer Straße marode ist, weiß man schon lange. Bereits 2019 gab es einen Wettbewerb für die denkmalgerechte Sanierung des Hauses, den die Architektensozietät gmp für sich entschieden hat. Doch jetzt erst ist das Geld da: 1,1 Milliarden Euro vom Bund. Es kann also losgehen. Das bedeutet auch: Von 2030 an wird das Haus für elf Jahre schließen - bis 2041. Mindestens, muss man wohl anfügen."

In der FAZ berichtet Nikolaus Bernau. Um "moderne Systeme einführen zu können, müssen etwa im Foyer die Fußbodenplatten aus Marmor und Schiefer abgehoben und einzeln verstaut werden, bilden sie doch ein eigenes Kunstwerk. Selbstverständlich spricht auch hier der Denkmalschutz ein erhebliches Wort mit …" Hätte sich die SPD im Berliner Senat nicht gegen den Erwerb der einstige Galeries Lafayette gestellt, hätte man nun ein Ausweichquartier, ärgert sich Bernau.

Außerdem: Schiedsgerichte sollen künftig die Rückgabe von geraubter Kunst regeln, allerdings sind die Nachfahren einstiger Besitzer und deren Anwälte nicht unbedingt zufrieden mit dem neuen Sysdtem, berichtet Klaus Hillenbrand in der taz. "Bis zu 600.000 Kunstwerke raubten die Nazis ihren vornehmlich jüdischen Besitzern zwischen 1933 und 1945. Etliches davon ist noch heute in den Depots von Museen zu finden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2026 - Kulturpolitik

Ivanne Trippenbach erzählt in Le Monde, wie Jeffrey Epstein dem ehemaligen französischen Kulturminister Jack Lang und seiner Tochter Caroline einmal vorschlug, eine Firma zu gründen, ganz zum Vorteil der Langs: "Aus den E-Mails geht hervor, dass Jeffrey Epstein diese Idee hatte, sie Jack Lang im November 2015 vorstellte und sie anschließend seiner Tochter zusammenfasste: Warum nicht einen Fonds mit 20 Millionen Dollar einrichten, aus dem Jack Lang Kunstwerke kaufen kann, um sie später weiterzuverkaufen und den Gewinn zu gleichen Teilen zwischen ihm und der Familie Lang aufzuteilen? 'No risk for your side. It will be fun!' ('Kein Risiko für Sie, es wird Spaß machen!'). 'Wow!!!', antwortete Caroline Lang."