9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.02.2026 - Medien

In der taz fragt sich der Medienwissenschaftler Tilman Baumgärtel, warum er auf seine Artikel kaum noch Reaktionen erhält. Gut, er veröffentlicht in der Regel in Printmedien, aber die verbreiten ihre Texte ja auch über social media. Auch er selbst poste dort. Ist Kulturkritik so abseitig geworden? "Ich wende mich an meine Studierenden. In einem Seminar über die 'Dark Maga'-Bewegung lege ich einen Artikel vor, den ich in der Jungle World zum Thema veröffentlicht habe. Er stößt auf freundliches Interesse." Den Artikel hatte Jungle World auch auf Instagram gepostet. Die Studenten erkären ihm, was Jacobin richtig macht: "In der Tat herrscht hier ein rigider Wille zur Ordnung mit zwei grafischen Templates. Das Angebot der Jungle World - wie auch der taz - sieht im Vergleich aus wie ein ungejäteter Gemüsegarten. 'To add insult to injury' überschlägt ein Student die Zeit, die man benötigen würde, um meinen Einseiter zusammenzufassen. Das müsste man doch in einer Minute mündlich erklären können, schätzt er, daraus könnte ich ja dann ein Videoreel machen, um Interesse zu wecken."

In den USA wurde TikTok vom Trump-Getreuen Larry Ellison aufgekauft und so angepasst, dass viele Beiträge vermeintlich gedrosselt wurden, die Trump kritisieren oder die Epstein-Akten thematisieren, konstatiert Michael Moorstedt in der SZ. Was genau wurde also am Algorithmus verändert? "Sollte der Plan tatsächlich lauten, aus dem US-Tiktok eine Art persönliche Propagandamaschine der Trump-Regierung zu machen, könnte die Plattform trotzdem mittelfristig in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Mit Plattformen wie Gab, Rumble, Parler, Trumps Hausnetzwerk Truth Social und selbstverständlich Elon Musks Version von Twitter gibt es schon genügend dezidiert rechte Diskursräume im Internet - wie die Erfahrung zeigt, funktionieren sie jedoch nicht. Es mangelt schlichtweg an den Antagonisten. Die Online-Rechte nach 2014 wird quasi ausschließlich von Cybermobbing und Empathiemangel angetrieben. Ohne einen leichten Zugang zu Andersdenkenden, an denen man sich abarbeiten kann, verfällt sie entweder schnell in irrelevanten Spam oder beginnt, sich gegenseitig zu bekämpfen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.02.2026 - Medien

Das Edith-Ruß-Haus in Oldenburg verliert seinen Namen - und wird wohl nur noch "Haus für Medienkunst Oldenburg" heißen. Zu verdanken ist das der Berichterstattung Aljoscha Hoepfners, der recherchiert hatte, dass die nach eigener Auskunft völlig unbescholtene Journalistin Edith Ruß als Feuilletonchefin der Oldenburger Staatszeitung eine fanatische Nationalsozialistin war. Der alte Namenszug des Museums liegt noch im Hof, berichtet Hoepfner jetzt. Und das Haus widmet der Journalistin eine Ausstellung, über die Hoepfner heute berichtet. "Oft war Ruß' junges Alter im Nationalsozialismus als entlastend angeführt worden. Neben ihrer Biografie werden in der Ausstellung deshalb die Leben der jeweils gleichaltrigen Widerstandskämpferin der 'Weißen Rose' Traute Lafrenz und der in Wardenburg geborenen und 1942 ermordeten Jüdin Erna Gellert skizziert. Sie sollen zeigen, dass Widerstand zum einen sehr wohl möglich war und zum anderen die Verfolgten des Regimes, anders als Ruß, nicht das Privileg einer Wahl hatten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2026 - Medien

Warum geht es in den Medien beim Ukrainekrieg eigentlich nur noch um Donald Trump und Wladimir Putin, fragt Cathrin Kahlweit in der SZ. Was ist mit Wolodimir Selenski, was mit den Ukrainern? Warum werden sie kaum noch gehört? Seit der Demütigung Selenskis im Weißen Haus hat sich der Tenor geändert: "Nach der Annexion der Krim und der russischen Intervention im Donbass, vor allem aber nach der Vollinvasion 2022 war die Debatte darüber, was die Ukraine kann und braucht, wie die Gesellschaft tickt und wie sie zusammenwächst, geprägt von: Ukrainern. Podien, Kommentarspalten, Fernsehsendungen waren voll von Vertretern ihrer Zivilgesellschaft, von Politikern und Experten, von Historikern und Journalisten. Die Ukraine war erfolgreich im Kampf um Aufmerksamkeit. Mit Trumps Wiederaufstieg und Wiederannäherung an Putin, mit der Schwächung der EU als Partner der USA und als internationaler Player sind auch die ukrainischen Stimmen der zweiten Reihe aus der Öffentlichkeit verschwunden. Dabei gab es 2025 Dutzende gute Gründe, nicht nur Reportagen über weinende Ukrainer in Eis und Schnee zu zeigen, so wichtig das ist, sondern zu fragen: Was wollt ihr? Wo steht ihr? Was braucht ihr?"

Nicholas Potter resümiert in der taz nochmal den von Jeff Bezos verfügten radikalen Kahlschlag bei der Washington Post: "Mehr als 300 der insgesamt rund 800 Journalisten sollen ihren Job verloren haben, hinzu kommen einige nichtredaktionelle Stellen." Bezos' Agieren hat hat mit seiner Anbiederung an Trump zu tun, das der Zeitung und damit der amerikanischen Öffentlichkeit großen Schaden zufügt, so Potter: "Eine Wahlempfehlung der Zeitung für die demokratische Trump-Konkurrentin Kamala Harris wurde erst elf Tage vor der Präsidentschaftswahl verhindert, mit der Folge, dass Hunderttausende Leser ihre Abos aus Protest kündigten. Dann verkündete Bezos, dass die Washington Post sich künftig in Meinungstexten nur noch für 'persönliche Freiheiten und freie Märkte' einsetzen werde, widersprechende Texte zu diesen Themen überlasse er anderen Medien - der Meinungschef trat daraufhin zurück. Und nun versetzt Bezos dem Blatt den Todesstoß."

Michael Hanfeld schildert in der FAZ die Folgen im einzelnen: "Das gesamte Redaktionsteam für den Nahen Osten wurde entlassen, das Korrespondentenbüro in Kairo geschlossen. Gekürzt wird bei den Büros in Berlin und Kiew, die Korrespondenten in Indien und Australien und Reporter in Iran, der Türkei und Lateinamerika verlieren ihre Jobs - von jetzt auf gleich, während sie im Einsatz sind." Geopfert werden außerdem "nicht nur der Sport und das Buchressort, sondern 'so ziemlich das gesamte Kulturressort'."
Stichwörter: Washington Post

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2026 - Medien

Die traditionellen Medien verbringen einen Großteil ihrer Zeit damit, vor den sozialen Medien zu warnen. Oliver Weber fragt sich in einem nicht als Satire gekennzeichneten FAZ-Feuilletonaufmacher, ob ein Verbot sozialer Medien für Heranwachsende, wie es neuerdings in Australien und bald wohl auch in Spanien gilt, wirklich ausreicht. "Das von Instagram, Tiktok und Co. verkörperte Problem wäre mit einem Verbot für Kinder und Jugendliche ... keineswegs gelöst - zu weitreichend sind inzwischen seine Auswüchse." Angesichts zunehmender Vereinsamung unter jungen Erwachsenen sieht Weber den "Staat aufgefordert, sein Wächteramt auch gegenüber Volljährigen auszuüben. Er müsste sich von seiner liberalen Prämisse, jeder wisse schon, was er wolle, verabschieden und stattdessen ein starkes Gemeinwohlkonzept vertreten. Er dürfte nicht davor zurückschrecken, offen auszusprechen, was ein gutes Leben ausmacht - und was nicht. Allein dies bedeutete einen Bruch mit den großen Liberalisierungstendenzen der vergangenen Jahrzehnte und die Rückkehr zu einem älteren, klassischeren Begriff von Politik, der den guten Staat nicht nur metaphorisch der tugendhaften Seele zuordnet." Bliebe ein klitzekleines Problem: "Ein Verbot auch für Erwachsene verstieße höchstwahrscheinlich gegen die verfassungsmäßig garantierte Handlungsfreiheit." Aber gibt es nicht auch Staaten, die dies Problem bereits im Griff haben?

Der Schlagersänger Gil Ofarim war vor einigen Jahren ins Gespräch gekommen, weil er gegen ihn gerichtete Antisemitismusvorwürfe erfunden hatte. Der Gerichtsprozess ist längst gelaufen. Ofarim gehört nun zu den C-Promis des "Dschungelcamp". Und wird, so berichtet Martin Krauss in der taz, von dem an der Show-Beteiligten Showmaster Stefan Raab antisemitisch verspottet: "Am 27. Januar, nebenbei gesagt: dem Holocaustgedenktag, stellte Raab den Dschungelkandidaten Gil Ofarim vor, Sohn des israelischen Sängers Abi Ofarim. Dieser Gil, berichtete eine gequält-witzige Off-Stimme, trage in sich ein 'Betrüger-Gen', das habe er von seinem extra für diesen Gag erfundenen 'Onkel Samuel' geerbt. Dazu passend wurde Ofarims Musik mit Bildern tanzender ultraorthodoxer Juden unterlegt." Mehr in der Jüdischen Allgemeinen.

Die Washington Post hat viele Abonnenten verloren - das dürfte an Jeff Bezos' Maga-Wende liegen, vermutet Michael Hanfeld ebenfalls in der FAZ. Bezos reagiert, indem er  mehrere Hundert Stellen streicht. "Die Sport- und die Literaturredaktion sollen demnach fast komplett schließen, der Reporter-Podcast wird eingestellt, das Metro-Desk, das für die lokale Berichterstattung aus Washington, Maryland und Virginia zuständig ist, wird umstrukturiert, bei den Auslandsbüros gibt es massive Kürzungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.02.2026 - Medien

Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hat in einem Bild-Interview, das an einem offenbar nachrichtenarmen Sonntag ein gewisses Aufsehen erregte, milde kritisch über die öffentlich-rechtlichen Sender geäußert. Es werde "schwierig, wenn die veröffentlichte Meinung sich immer mehr von der öffentlichen Meinung verabschiedet. Da muss es dann auch eine selbstreflektierende Korrektur geben." Sie forderte ausgerechnet eine ausführlichere Übertragung von Bundestagsdebatten. In der FAZ findet Michael Hanfeld, dass Klöckner durchaus ein bisschen konkreter hätte werden können: "Gibt es Kritik an antiisraelisch konnotierter Berichterstattung aus Nahost, bügeln die Sender das routiniert weg. Sagt Bundeskanzler Friedrich Merz das Wort 'Stadtbild', sind sie beim Empörungssturm mit dabei, reißen die Grünen im Europaparlament die 'Brandmauer' ein, indem sie mit Rechtsextremen und der AfD das Mercosur-Abkommen auf die lange Bank schieben, wird das erst mal ohne weiteres Federlesen weggemeldet. Nach 'Schlagseiten' muss man nicht lange suchen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.01.2026 - Medien

Die ARD hat zum 27. Januar, dem Holocaustgedenktag, auftragsgemäß ein "ARD extra" zum Thema Antisemitismus in Deutschland ausgestrahlt. Henryk Broder protokolliert die Sendung für die Welt: Da ist zum Beispiel die Rede davon, dass sich die Zahl antisemitischer Straftaten von 2022 bis 24 verdoppelt habe. Aber der Kontext wird an diese Stelle nicht benannt, so Broder: "Wäre es nicht hilfreich, an dieser Stelle daran zu erinnern, was zwischen 2022 und 2024 passiert ist? War da nicht was am 7. Oktober 2023, das den Judenhass in Berlin, Frankfurt und München gewaltig befeuert hat? Eine kurze Bildsequenz von einer Palästina-Demo in einer deutschen Großstadt würde reichen." Ein jüdischer Bürger sagt, dass die Schwelle für Antisemitismus niedriger geworden sei, "ob er von links kommt oder von rechts kommt oder aus dem islamistischen Background". Broder dazu: "Und das ist und bleibt das einzige Mal, dass ein 'islamistischer Background' im Zusammenhang mit Antisemitismus angedeutet wird. Eine Stimme aus dem Off 'verortet' das Problem ganz woanders: 'Vertrauen ist verloren gegangen, weil der gesellschaftliche Aufschrei fehlt.'"

In der taz porträtiert Nicholas Potter den Springer-Hierarchen und Radaubruder Ulf Poschardt, der neuerdings zum Herausgeber einer neuen 'Premiummarke' der Axel Springer SE, zu der neben Welt auch Politico Deutschland und Business Insider Deutschland gehören, erklärt wurde: "Worin Poschardts Aufgabe im Verlag genau besteht, bleibt auch nach einem Jahr diffus. 'Das Geile an dem Job des Herausgebers ist, jeder spielt die Rolle anders', sagt Poschardt auf Nachfrage."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2026 - Medien

Der Galerist Johann König wehrt sich mit mehreren Prozessen und unter Einsatz mehrerer Anwaltskanzleien gegen #MeToo-Vorwürfe, die in der Zeit und anderen Medien vorgetragen wurden. Er fordert hohe Summen Schadenersatz wegen des wirtschaftlichen Schadens, der ihm entstanden sei, berichtet Michael Hanfeld in der FAZ: "Tatsächlich hat nach Publikwerden der Vorwürfe eine Reihe prominenter Künstlerinnen und Künstler dafür optiert, sich nicht mehr von der König Galerie repräsentieren zu lassen, unter ihnen Monica Bonvicini, Katharina Grosse und Norbert Bisky sowie Alicja Kwade, die zur Pace Gallery wechselte. Einladungen an die König Galerie zu großen internationalen Kunstmessen blieben aus."
Stichwörter: König, Johann, Kunstmarkt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.01.2026 - Medien

Jan Brachmann führt für die FAZ ein Gespräch mit Atle Staalesen und Olesia Krivtsova von der Internetzeitung The Barents Observer, die in Kirkenes, ganz im Norden Norwegens, und also an der Grenze zu Russland beheimatet ist. Die beiden erzählen von den guten Beziehungen, die es mal zwischen Norwegern und Russen gab, und wie sie erstarben: "Seit wir als 'unerwünschte Organisation' gelten, kann jeder, der mit uns Kontakt hatte, zivilrechtlich verfolgt werden. Der Wiederholungsfall wird dann strafrechtlich behandelt. Wir müssen andere Wege finden, mit Leuten in Russland zu reden, aber gleichzeitig die Risiken für unsere Gesprächspartner minimieren."
Stichwörter: Norwegen, Kirkenes

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2026 - Medien

Seit dem 8. Januar ist das Internet im Iran nicht verfügbar, aber das Regime will noch weitergehen, entnimmt Omi Rezae (Zeit Online) Recherchen der Gruppe Filter.Watch und des Fernsehsenders Iran International in London. Es sei von einem neuen Zeitalter der "absoluten digitalen Isolation" die Rede, der Zugang zum globalen Internet solle vollständig gekappt werden: "Herzstück sei ein neues Rechenzentrums- und Cloudsystem auf Basis des chinesischen Herstellers Huawei. Nach dieser Recherche soll Huawei die gesamte Plattform für das Nationale Informationsnetz bereitstellen. Die dafür nötige Ausrüstung sowie Software soll die Firma bereits verdeckt geliefert haben. In den dazugehörigen Unterlagen taucht der Name des Unternehmens demnach bewusst nicht auf - offenbar, um es vor US-Sanktionen zu schützen. Das neue System soll staatliche Plattformen, Banken, Zahlungsdienste und andere kritische Infrastrukturen bündeln." Es deute "alles darauf hin, dass der Iran von einem Blacklist-Modell zu einem Whitelist-Modell übergeht. Statt einiges zu verbieten, wäre dann alles verboten außer dem, was ausdrücklich erlaubt wird."
Stichwörter: Iran, Internet, Huawei

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2026 - Medien

Der Holocaust-Gedenktag naht, die Sender müssen ihren Programmauftrag erfüllen. Der in Mediatheken und bei "Funk" gepflegte Jugendpopulismus der öffentlich-rechtlichen Anstalten erweist sich jetzt auch am Thema Holocaust, konstatiert Heike Hupertz, die für die FAZ die von dem "Presenter" Thilo Mischke erstellte Dokuserie zum Thema "Hey, hast du schon mal was vom Holocaust gehört" (offizieller Titel: "German Guilt") guckt. Trotz auch einiger positiver Anmerkungen zur Serie ist sie befremdet über die schnittige Darbietung, in der der Autor so tut, als sei er der erste, der entdeckt, was seine Vorfahren angerichtet haben. "Seine Markenzeichen: überpersönlicher Zugang, übermäßige, manchmal gewollt naive Zuspitzung, gute Recherche, der Mann als rasender Reporter und Doku-Presenter in fast jedem Bild anwesend und so gut wie jede Szene dominierend und alles Dargestellte mit großer Betroffenheit kommentierend." Zugleich meldet Michael Hanfeld, dass die Holocaust-Überlebende Eva Umlauf gegen die Ausstrahlung der Dokumentation "Führer und Verführer" (Trailer) in der ARD erst zu Mitternacht am 25. Januar protestiert.