Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.06.2026. Trumps "Deal" mit dem Iran ist eine Katastrophe, und zwar für Trump, Israel, den Iran und Europa, resümieren die Zeitungen. Wenn Nabobs versagen, bauen sie sich Denkmäler, schreibt Tina Brown in ihrem Blog mit Blick auf Trump und, äh, Obamas Mausoleum der begrabenen Hoffnungen. Was an Israel gehasst wird, ist seine Komplexität, lernt Welt-Autor Marko Martin bei der "Gay Pride" in Tel Aviv. Die Tech-Konzerne sind schrecklich, aber KI hat Punkaspekte, freut sich Douglas Rushkoff in der NZZ. KI, na und? Ghostwriter gab's schon immer, stellt Gustav Seibt in der SZ fest.
Während Trump im Garten des Weißen Hauses Gladiatorenspiele abhielt, hatte er noch Zeit für einen "Deal" mit dem Iran, der in den Zeitungen mit Entsetzen kommentiert wird: "Das Öl wird fließen und alles ist gut? Mitnichten", ruft Judith Poppe in der taz. "Das Abkommen ist eine Katastrophe. Milliarden von Dollar, die wohl schon in der ersten Phase des Abkommens in Richtung Iran fließen werden, werden die Stellung des iranischen Regimes in der Welt stärken. Nach innen steht zu befürchten, dass das Regime mit dem neu gewonnenen Selbstbewusstsein noch härter gegen die eigene Bevölkerung und Regimekritiker*innen vorgeht."
Immerhin hat Netanjahu Fakten geschaffen, und auch der Iran ist deutlich gerupft, meint der Publizist Wolf Reuter auf Twitter: "Die gesamte Militärkampagne - einschließlich der im Juni 2025 - ist in einer hollywoodartigen, beinahe unwirklichen Perfektion abgelaufen. Der Iran hatte den Luftangriffen der IDF nichts, aber auch gar nichts entgegenzusetzen. Die haben schlicht gemacht, was sie wollten, und hätten auch noch größere Schäden angerichtet, wenn die Amerikaner ihnen nicht den einen oder anderen Einsatz, insbesondere gegen die Energieinfrastruktur, verboten hätten. ... Der schlimmste Gegner ist ermattet. Er kann sich erholen - eine Verschnaufpause. Wieder einmal."
Als Sieger steht das iranische Regime auch für Mahtab Qolizadeh, der für die tazschreibt, nicht da: "Hinter der Propaganda zeigt sich eine zerrüttete Machtstruktur: Nach dem Tod von Ali Khamenei haben die Revolutionsgarden und der Nationale Sicherheitsrat an Einfluss gewonnen, während der neue Führer eher symbolisch agiert. Das bedeutet, dass die Islamische Republik zwar noch besteht, aber innerlich nicht kohärenter geworden ist. Im Gegenteil: Das Abkommen mit Amerika trifft sie genau dort, wo jahrelang eine ihrer wichtigsten Identitätssäulen stand: die permanente Feindseligkeit gegenüber Washington."
Vor allem hat sich Trump mal wieder als schwach erwiesen, schreibt Jörg Lau in Zeit online: "Für die europäischen wie für die asiatischen Verbündeten der USA ist klar: Sie müssen ihre Verteidigung ohne diese irrlichternden USA planen. Im Gegenzug gilt: China kann sich im Wettbewerb mit den USA ermutigt sehen. Die Schmerztoleranz der Vereinigten Staaten ist erkennbar gering. Warum sollte die U.S. Navy in der Lage sein, zum Beispiel die Straße von Taiwan freizukämpfen, wenn sie schon den Persischen Golf nicht dominieren kann (wo sie zahlreiche Basen unterhält)."
Unter dem Deal wird auch Europa leiden, warnt Ahmad Mansour in der FAZ: "Dem Westen fehlen in der Auseinandersetzung mit autoritären Herrschern eine gemeinsame Sprache und ein moralischer Kompass. Die freie Welt wirkt zugleich müde, ungeduldig, unentschlossen, gespalten von innen, getrieben von außen. Der billige Spritpreis, so steht es unter dem Strich, zählt mehr als der Kampf gegen Diktaturen und gegen den Islamismus und mehr als die Freiheit. Wer so rechnet, gibt seine vermeintliche Führungsrolle nicht nur ab, er verschenkt sie."
Im übrigen sind die Unklarheiten keineswegs bereinigt, mahnt Nikolas Busse in der FAZ: "Die Details der Vereinbarung, die Washington und Teheran erzielen konnten, erscheinen provisorisch; über zentrale Fragen soll erst noch verhandelt werden. Gehen die Kämpfe in Libanon weiter, könnte die Sache auch dort noch scheitern. Dazu kommt Trumps Wankelmütigkeit."
Tina Brown, einst Condé Nast und Gründerin von The Daily Beast in grauer Vorzeit, blickt in ihrem Blog auf Donald Trumps Gladiatorenkämpfe aber auch das pharaonische "Obama Presidential Center", mit dem sich die einstige Lichtgestalt eine Art Mausoleum der begrabenen Hoffnungen gebaut hat, und stellt sich eine melancholische Frage: Ist es vielleicht ein Gesetz der Geschichte? "Wenn Imperien aufgrund von schlechter Politik zu zerfallen beginnen, errichten ihre Herrscher Monumente - in der frommen Hoffnung, zukünftige Historiker zu täuschen. All diese Prahlerei entspringt der Angst, die Macht zu verlieren, in Vergessenheit zu geraten und im Sog der Geschichte unterzugehen."
The Obama Presidential Center opens to the general public on Juneteenth after a celebratory dedication in Chicago with dignitaries. The roughly $850 million project covers both the political and personal realms of the nation's first Black president. pic.twitter.com/mfboD3iCQu
Die Tech-Konzerne sind schrecklich, aber KI hat Punkaspekte, die dem Web heute völlig fehlen, meint der amerikanische MedientheoretikerDouglas Rushkoff im Interview mit der NZZ. Und noch was gutes gibt es an KI: Sie "zeigt, was mit unseren bestehenden Institutionen nicht stimmt. Nehmen wir die Bildung. Wenn ein Kind Chat-GPT benutzt, um eine Hausarbeit zu schreiben, ist das nicht die Schuld der KI, sondern die Schuld der Schule. Was für ein Bildungssystem fördert die Leistungsbewertung anstelle des tatsächlichen Lernens? Wie haben wir eine Kultur geschaffen, in der ein Kind lieber schummelt, um eine gute Note zu bekommen, als ein Buch zu lesen? Bücher wurden ursprünglich als Unterhaltungsform erfunden, die Menschen lasen sie aus Freude. Wir haben die Bildung in einen kompetitiven, ergebnisorientierten und kennzahlengetriebenen Fleischwolf verwandelt. Das Gleiche gilt für den Arbeitsmarkt."
Punkaspekte der KI sehen allerdings außer Rushkoff nicht viele Menschen. Im Gegenteil: Maschinenstürmerei ist gerade hip, in den USA formiert sich gerade eine linke Bewegung, die sich bis hinein ins Bürgertum zieht, gegen KI, der vorgeworfen wird, Jobs, Kultur und Umwelt gleichermaßen zu vernichten, berichtet Adrian Lobe in der Welt. "So hat sich in den USA angesichts der milliardenschweren Investitionen in KI eine Anti-Data-Center-Bewegung formiert. Von Idaho bis Indiana verbünden sich Bürger unterschiedlicher sozialer Herkunft, um die Ansiedlung von Rechenzentren zu verhindern: Farmer, Priester, Lehrer. Sie studieren Kataster, drucken Flyer und organisieren sich in Facebook-Gruppen. Die Sorgen sind überall dieselben: explodierende Strom- und Grundstückspreise, sozialer Abstieg, Umweltschäden. ... Zahlreiche Städte und Gemeinden haben mittlerweile einen Baustopp für Serverfarmen verhängt". An dieser Bewegung gibt es allerdings Kritik sowohl von ganz links wie von den Tech-Konzernen: Die Blockade von Rechenzentren würde Rechenpower verknappen und KI nur noch der Elite zugänglich machen.
Marko Martin berichtet für die Welt von der Gay Pride in Tel Aviv und fragt sich, ob es nicht gerade die Komplexität dieses Landes ist, die die hiesigen "Queers for Palestine" in ihre Raserei führt: "Wo sonst in der von Hass und Hader zerfressenen Region könnte ein Freund wie R. mit seinem Partner aus Ramallah auf diese Weise feiern gehen? Und was die Verlängerung von dessen Aufenthaltsstatus betrifft: Der Vater von R. hat sich bereits um einen guten Rechtsanwalt gekümmert und bürgt persönlich für den jungen Mann aus den besetzten Gebieten - und das, obwohl er selbst stolzes ultraorthodoxes Familienoberhaupt ist und seit Jahrzehnten Stammwähler der eher dubiosen Schas-Partei."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Interview mit der FR erklärt die Historikerin Sarah M.S. Pearsall, warum sie in ihren neuen Buch auf die Geschichte der amerikanischen Revolution von Orten wie Kalkutta, St. Kitts, Anomabu, Quebec, Hessen-Kassel oder Guangzhou aus blickt: Nur eine globale Perspektive könne vermitteln, in welch "größerem Kontext globaler Transformationen" die USA seit ihrer Gründung standen. Beispiel die "Boston Tea Party": "Die Briten wollten glauben, dass dies lediglich ein lokales Ereignis war, doch sie irrten sich. Es verband nicht nur Boston mit anderen amerikanischen Kolonien, sondern auch mit Asien. ... Ein Grund, warum sie den Tee ablehnten, war, dass er ein korruptes Monopol symbolisierte, eines mit der Macht, Amerikaner zu unterdrücken, so wie es die Asiaten unterdrückt hatte. Doch die Amerikaner behaupteten, sie hätten eine solche Behandlung nicht verdient, da sie im Gegensatz zu den Indern 'frei geborene Engländer' seien, die die Freiheit schätzten. So erkennen wir deutlicher sowohl Momente globaler Solidarität als auch Behauptungen der Überlegenheit, die auf 'Rasse' und Kultur beruhen."
Außerdem: Anlässlich des G-7-Gipfelsschreibt Michael Wirth in der NZZ eine kleine Geschichte Evians als historisch bedeutender Konferenzort.
In Berlin wurde die Stelle eines Antisemitismusbeauftragten für die dortigen Hochschulen ausgeschrieben, nachdem es dort eine ganze Reihe antisemitischer Ausschreitungen gegeben hatte. Gewonnen hat die Ausschreibung der Oberstudienrat Mehmet Can, dessen Antisemitismusprojekt auf dem Rütli-Campus als Vorbildprojekt gilt, berichtet im Tagesspiegel Alexander Fröhlich. An der Person Can entzündet sich kein Streit, jedoch an der Art des Auswahlverfahrens, so Fröhlich: "Der am Ende Zweitplatzierte, ein promovierter Wissenschaftler mit langjähriger Erfahrung in der Antisemitismusprävention, hatte in den Fachkompetenzen die höchste Bewertung aller Kandidaten erhalten" und lag damit auf Platz 1. In der zweiten Runde dann "wurde eine Fachkenntnis gar nicht mehr geprüft - nämlich Antisemitismus", außerdem wurde dem später Zweitplatzierten "im Verfahren vorgehalten, sich zu stark auf die Opfer von Antisemitismus zu konzentrieren. Die Auswahlkommission vermerkte, dass er die 'Interessen der von Antisemitismus betroffenen Personen nach vorne gestellt' habe." Can hingegen "wurde im Auswahlverfahren zugutegehalten, auch palästinensische Studierende 'mit ihren jeweiligen Hintergründen und Bedarfen ausgewogen' zu berücksichtigen".
Jahrelang haben Leiter von Kulturinstitutionen Druck auf die Politik gemacht, damit sie Israelboykottpositionen präsentieren können, ohne selber angekratzt zu werden - das ganze wurde in einem "Weltoffen"-Papier präsentiert (unsere Resümees). Umgekehrt scheint es aber kein Problem für ein Kölner Theater wie das Comedia zu sein, eine Autorin auszuschließen, die mit Israel solidarisch ist und die Gefahren des islamischen Antisemitismus benennt. Die Autorin Mirna Funk sollte im Rahmen des Festivals "phil.Cologne" in diesem Haus sprechen. Er habe lediglich von seinem Hausrecht Gebrauch gemacht, betont der Theaterchef Manuel Moser gegenüber Johannes Mönch vom Kölner Stadtanzeiger. "Mehrere ihrer Äußerungen seien pauschalisierend und aus Sicht der Hausleitung bestimmten Menschengruppen gegenüber diskriminierend. Als Beispiel nannte Moser unter anderem eine Welt-Kolumne Funks vom 4. Dezember 2024, in der sie schrieb, dass 'die größte Gefahr für die jüdische Community aktuell von den in Deutschland lebenden Arabern, Türken' und deren Sympathisanten ausgehe." Hier das Perlentaucher-Resümee zu Funks Kolumne.
Gustav Seibt hat in der SZ kein großes Problem mit der Tatsache, dass Mathias Döpfner seinen Artikel zu KI von KI hat schreiben lassen. Ghostwriter oder Texte als Kollektivprodukte professioneller Schreiber gab's schon immer, meint er. Vom Tod des Autors ganz zu schweigen. Selbst Goethe soll am Ende seinen "genieästhetischen Subjektivismus" in Frage gestellt haben: "Wenn wir einem Gesprächsbericht von Frédéric Soret trauen können, nannte er sich kurz vor seinem Tod ein 'Kollektivwesen': '... Zu meinen Werken haben Tausende von Einzelwesen das ihrige beigetragen, Toren und Weise, geistreiche Leute und Dummköpfe, Kinder, Männer und Greise, sie alle kamen und brachten mir ihre Gedanken, ihr Können, ihre Erfahrungen, ihr Leben und ihr Sein; so erntete ich oft, was andere gesäet; mein Lebenswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe.'" Also nix gegen KI, am Ende zählt für Seibt, was rauskommt, und "der Gemini-Kommentar unter dem Namen 'Döpfner' mag so 'fulminant' sein wie dieses Klischeewort, zugleich ist er so phrasenhaft, dass man ihn einem leibhaftigen Autor zurückgegeben hätte, mit dem Vermerk: 'Denken Sie noch einmal nach, identifizieren Sie das Problem, bevor Sie schreiben.'"
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