Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.06.2026. Nur die NZZ hat es gemerkt: Putins Krieg gegen die Ukraine dauert jetzt so lange wie der Erste Weltkrieg - und er verändert so viel wie dieser. Ist das Journalismus, oder kann das weg? Der Tagesspiegel schmeißt seinen "Editor of Large" raus, weil er Artikel mit KI schrieb. Springer-Tycoon Mathias Döpfner macht sich über die FAZ lustig, weil sie einen Artikel von Mario Voigt löschte, der mit KI verfasst war. Und die FAZ spottet mit mutmaßlich echt spitzer Feder über Döpfner. In der taz warnt Seyla Benhabib vor Verschärfungen der Flüchtlingspolitik.
Braucht man für Journalismus noch Journalisten? Oder reicht die KI schon? Diese Frage stellt sich ihr und uns angesichts einiger Meldungen und Artikel am heutigen Tage. Da ist zunächst einmal die kleine, unter anderem in der FAZ verbreitete Sensation: "Der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber des Tagesspiegel, Stephan-Andreas Casdorff, der zuletzt als 'Editor at-Large' wirkte, wird 'bis auf Weiteres nicht mehr für den Tagesspiegel publizistisch aktiv werden'. Das teilte die Zeitung am Freitag in eigener Sache mit. Es sei bekannt geworden, dass er 'Meinungstexte durch eine Künstliche Intelligenz verfassen' ließ." Casdorff gab's zu und bekannte seine Zerknirschung.
Gestern hat sich zugleich Springer-Chef Mathias Döpfner über die FAZ lustig gemacht, weil diese einen Artikel des thüringischen Ministerpräsidenten Mario Voigt aus dem August 2025 vor kurzem "depublizierte" - der Text soll zu hundert Prozent KI-generiert gewesen sein. Döpfner lässt unter seinem Namen, aber ausdrücklich per KI Folgendes dazu publizieren: In der FAZ feire man "die Depublizierung eines Textes von Mario Voigt wie ein Inquisitionsgericht den Sieg über die Hexerei. Der Vorwurf? Ein Politiker hat ein digitales Werkzeug benutzt. Skandal! Machen wir uns doch bitte nicht lächerlich. Glaubt die FAZ ernsthaft, dass Ministerpräsidenten, Vorstände oder Minister ihre Gastbeiträge jemals komplett selbst mit der Feder auf Pergament gekritzelt haben?"
Daraufhin die FAZ maliziös, als sei der Text per KI der "spitzen Feder" Jürgen Kaubes nachmodelliert: "Was uns nur verwundert, ist die Tatsache, dass über dem Text der Maschine wörtlich 'Von Mathias Döpfner' steht und unter dem Text sinngemäß 'Von der KI'. Nicht einmal diese Dummheit ist - ja wem? - aufgefallen." Der Dlf hat mit Kaube gesprochen (die etwas längliche Anmoderation kann man bis zur Zeitmarke 1:21 überspringen).
Das Statement des Tagesspiegel zur Angelegenheit liest sich wie eine Mahnung an die eigene Adresse: "KI ist auch für unsere Redaktion ein Werkzeug, das uns hilft, einzelne redaktionelle Arbeitsschritte zu vereinfachen und auch zu verbessern. Sie ist aber definitiv kein Mittel, das den Kern unserer Arbeit übernehmen darf."
Außer Ivo Mijnssen in der NZZ hat es niemand bemerkt: "Seit 1.570 Tagen herrscht in der Ukraine Krieg. Damit dauert der Kampf um das osteuropäische Land diese Woche länger als der Erste Weltkrieg, diese Urkatastrophe der Moderne." Der Krieg hat sich innerhalb dieser Zeit radikal gewandelt. Mijnssen resümiert die jetzige Lage so: "Russland kommt kaum voran, obschon Putin 40 Prozent des Staatsbudgets für den Krieg ausgibt und seit Anfang 2026 ein zusätzliches Defizit von umgerechnet 65 Milliarden Franken angehäuft hat. Für die Ukrainer ist der Kampf ohnehin ruinös. Aber sie sind überraschenderweise weniger in der Defensive als vor Trumps Amtszeit. Dass Russlands Erfolglosigkeit Putin zum Aufgeben bringt, ist unwahrscheinlich. Wie auch die Ukrainer glaubt er, dass dieser Krieg über die zukünftige Weltordnung entscheidet. Der Präsident darf ihn nicht verlieren, weil seine Macht von einem Sieg abhängt."
Einen bitteren Geschichtsstreit zwischen Ukrainern und Polen erläutert Reinhard Veser in der FAZ. Es geht um Wolhynien im Nordwesten der heutigen Ukraine. Präsident Selenski benannte zum Unmut vieler Polen eine Einheit der ukrainischen Streitkräfte als 'Helden der UPA'. Die "Ukrainische Aufstandsarmee" hatte einerseits noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg die Sowjets bekämpft - aber auch 60.000 bis 100.000 Polen ermordet, weil sie die Region für sich beanspruchten. "Die ukrainische Nationalbewegung hatte sich im 19. Jahrhundert nicht nur in Gegnerschaft zum Zarenreich formiert, sondern auch in Konkurrenz zum Kampf der Polen um die Wiederherstellung ihres Staates, den Russland, Preußen und das Habsburgerreich untereinander aufgeteilt hatten. Als sich am Ende des Ersten Weltkriegs für Polen und Ukrainer die Chance auf einen eigenen Staat eröffnete, erhoben beide Anspruch auf das Gebiet der heutigen Westukraine: Es war Teil der alten polnischen Rzeczpospolita, aber Ukrainer stellten in den Dörfern die Mehrheit."
Die Pädagogikprofessorin Sabine Andresen beleuchtet in der FAS die bildungspolitischen Vorstellungen der AfD, besonders in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, wo die Partei Chancen auf eine Regierungsbeteiligung hat. Und sie warnt - gerade die Bildungspolitik ist für die AfD ein Vehikel: "In der Bildungspolitik werden viele Entscheidungen, etwa über Lehrpläne oder den Einsatz von Lehrkräften, in Kultusministerien getroffen. Wer also die Führung in einem Kultusministerium innehat, kann relativ eigenständig agieren. Hier kann die AfD, wenn sie in einer Koalition mitregieren sollte, zügig in ihrem Sinne Erfolge erzielen. Das hat sie als strategisch hilfreich erkannt, und das sollte andere Parteien aufhorchen lassen. Strategisch wird auch die häufige Unzufriedenheit von Eltern mit dem Bildungssystem aufgegriffen, für Systemkritik instrumentalisiert und mit den ideologischen Positionen verknüpft."
Beleidigung von Politikern hat in Deutschland einen besonderen Rechtsstatus, erläutert Reinhard Müller in einem FAZ-Leitartikel zu Meinungsfreiheit. Anders als bei einer "einfachen" Beleidigung "kann die Staatsanwaltschaft im Fall von mutmaßlich beleidigten Politikern von sich aus tätig werden. (Der Betroffene kann allerdings einer Strafverfolgung widersprechen.) Das führt dann zu einer Durchforstung sozialer Medien nach einer vermeintlich ehrabschneidenden Äußerung, zu Durchsuchungen gar. ... Eine unselige Rolle spielen auch öffentliche und scheinprivate 'Meldestellen' im weiteren Sinn, deren Geschäftsmodell das Aufspüren ihnen nicht passender Äußerungen ist." Müller macht einen Vorschlag zur Rationalisierung: "Schafft der Gesetzgeber die Politikerbeleidigung ab, wäre das ein Zeichen: nicht noch eine neue Norm, sondern eine weniger, mit der Folge einer Entlastung der Justiz. Es bliebe immer noch der Grundtatbestand der Beleidigung."
Die Philosophin Seyla Benhabibwirbt im Gespräch mit Dinah Riese von der taz für eine "romantische" Flüchtlingspolitik und warnt vor weiteren Verschärfungen. Auch Flüchtlingslager innerhalb oder außerhalb der Grenzen eines Landes sind für sie gefährliche Warnzeichen. "In den USA etwa hat ICE große Landstriche in Pennsylvania gekauft, um dort Haftzentren für Migranten zu errichten. Aber wenn die Grenzen abgeriegelt sind, werden sie dann noch viele Migranten haben, die sie dort einsperren? Bisher sind in diesem Jahr nur wenige Hundert Geflüchtete in die USA gekommen. Mit wem also wird man diese Haftzentren füllen? Es ist wichtig, dass die Zivilgesellschaft diese Orte im Blick behält und sie nicht vergisst."
Die deutsche Politik umwirbt die neuen islamistischen Machthaber in Syrien - und ignoriert dabei deren Politik gegen die Minderheiten des Landes, die wiederum auf die hiesige Flüchtlingspopulation zurückschlägt, schreibt Ronya Othmann in ihrer FAS-Kolumne: "Das Problem ist längst kein syrisches mehr. Der HTS-Islamismus ist, wie auch schon der türkische Rechtsextremismus, ein Teil der deutschen Lebenswirklichkeit. Man wird ihn nicht einfach abschieben können. Doch diese Erkenntnis hat sich noch nicht durchgesetzt. In der deutschen Politik geht man wohl immer noch davon aus, dass es bei der Außen- und Innenpolitik um zwei vollkommen voneinander getrennte Welten geht."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Thomas Thiel liest für die FAZ das bisher nur auf englisch erschienene Buch "Israel. What went wrong?" des Historikers und Israelkritikers Omer Bartov. Unter anderem geht er auf Bartovs Vorwurf ein, Israel missbrauche das Holocaustgedenken. Dabei lasse er "keine Gelegenheit aus, die Bedrohung für israelische Juden herunterzuspielen. So heißt es an einer Stelle, der Antisemitismus 'is said to be on the rise', als ließen die Statistiken daran einen Zweifel. Israel unterstellt er eine irrationale, obsessive Furcht vor der Vernichtung, als wäre das Land nicht von Staaten und Mächten umgeben, die es auslöschen wollen, und als hätte es das Hamas-Massaker nicht gegeben. Iran, die Hisbollah und die Atombombe werden im Buch kaum erwähnt."
"Wir werden international sehr stark wahrgenommen", beteuert Hartmut Dorgerloh, Chef des Humboldtforums im Gespräch mit Nicola Kuhn und Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel. Das Forum feiert in diesen Tagen seinen fünften Geburtstag. "Weltweit ist das Humboldt Forum inzwischen eine Marke, nicht nur in den einschlägigen Fachkreisen der großen Museen. Es wird als wichtigster innovativer Kulturort in Deutschland gesehen."
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