Alle lieben "
rote"
Gentechnik. Insulin, bestimmte Krebsmedikamente, der Wirkstoff gegen Hepatitis - wird alles mittels Gentechnik hergestellt und brav geschluckt oder gespritzt. Aber wehe, eine genmanipulierte Gurke kommt auf den Tisch, dann geht das Abendland unter. "
Grüne"
Gentechnik ist verpönt. CRISPR/Cas9, ein Art Genom-Editor, bietet seit einiger Zeit ganz neue Möglichkeiten der Genmanipulation. Man kann damit zum Beispiel Teile eines Genoms abschneiden, auf dem eine bestimmte erbliche Krankheit sitzt: Brustkrebs, Chorea Huntington oder HIV.
In der
Zeit nimmt Thea Dorn die
Widersprüche in der Debatte um die Gentechnik auseinander. Warum die Hysterie bei grüner Gentechnik, wenn rote Gentechnik weithin akzeptiert ist? Sie erinnert an die Debatte, die losbrach, als
Sibylle Lewitscharoff kinderlosen Frauen empfahl, ihr Schicksal einfach hinzunehmen, "statt nach dem Reproduktionsmediziner zu rufen. Allerdings frage ich mich, wie es zusammenpasst, dass diejenigen Kräfte in unserer Gesellschaft, die sich für
die fortschrittlichsten halten - die selbstverständlich dafür sind, dass eine Frau die Dienste der Reproduktionsmedizin in Anspruch nehmen darf, die selbstverständlich dafür sind, dass sich ein Mensch, der sich in seinem Körper unwohl fühlt, einer offiziell anzuerkennenden
Geschlechtsumwandlung unterziehen kann -, dass just diese Fortschrittsfreunde an vorderster Front aufmarschieren, wenn es darum geht, den Allmachtsfantasien von Genforschern Einhalt zu gebieten. Müsste nicht gerade 'die Linke' es vorbehaltlos begrüßen, wenn der Mensch mit
seiner Selbstermächtigung endgültig ernst macht?"
In der
FAZ hat der
Präsident der Leopoldina,
Jörg Hacker, schon im Mai erklärt, wie mit CRISPR/Cas auch Zellen der menschlichen Keimbahn verändert werden, die dann
genetisch weitervererbt werden könnten. Hacker sprach sich in seinem so unaufgeregten wie informativen Artikel gegen Eingriffe in die Keimbahn aus, weil man noch zu wenig über die Folgen wisse. Das müsse aber nicht so bleiben: "
Bertolt Brecht hat in seinem 'Galilei' darauf hingewiesen, dass die Wissenschaft die
Marktplätze erobern müsse. Dies gilt ganz besonders im Hinblick auf die öffentliche Diskussion über den Einsatz der Genom-Editierung."