9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

375 Presseschau-Absätze - Seite 37 von 38

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2016 - Wissenschaft

Kate Murphy porträtiert für die New York Times die russische Wissenschaflterin Alexandra Elbakyan, die auf ihrer Website Sci-Hub Tausende Artikel wissenschaftlicher Zeitschriften, die an sich hinter horrenden Zahlschranken verschanzt sind, online stellt und von Elsevier juristisch verfolgt wird. Die Preise für wissenschaftliche Zeitschriften seien doppelt so schnell gestiegen wie die Preise für das Gesundheitssystem, sagt laut Murphy Peter Suber von der Harvard Universität, der es bemerkenswert findet, "dass selbst die Harvard-Universität, die das größte Budget aller wissenschaftlichen Bibliotheken der Welt hat, leidet". Elbakyans Guerilla-Taktik will er allerdings nicht unterstützen: "Ungesetzlicher Zugang gibt Open Access einen schlechten Ruf."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2016 - Wissenschaft

In der NZZ erinnert Thomas Ribi an den vor 500 Jahren geborenen Universalgelehrten Conrad Gessner. Mit 35 Jahren war er Professor für Physik in Zürich und stand kurz davor, mit der "Historia Animalium" ein zoologisches Grundlagenwerk zu veröffentlichen. "Ungewöhnlich war das zu Gessners Zeit nicht. Am wenigsten bei einem Mann wie ihm, der die klassischen Sprachen, Medizin und Naturwissenschaften studiert und sich weit über Zürich hinaus den Ruf eines Universalgelehrten erworben hatte. Schon als junger Mann hatte er wissenschaftliche Schriften verfasst - über Heilmittel und Pflanzen, über die Irrfahrten des Odysseus, über Milchwirtschaft, Aristoteles und theologische Fragen. Als Erster hatte er Marc Aurels 'Selbstbetrachtungen' herausgegeben und eine wegweisende Bibliografie der damals wichtigen Bücher zusammengestellt, er hatte lateinische und griechische Gedichte geschrieben und war in Lausanne Professor für Griechisch gewesen."

Seit dreihundert Jahren heißt es, dass die Universalgelehrten aussterben. Aber welcher war denn nun wirklich der letzte seit Leibniz, überlegt in der NZZ Uwe Justus Menzel: Humboldt? Tagore? Eco?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2016 - Wissenschaft

Eine neue biochemische Technik, erfunden von Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna, erlaubt es mit einfachen Methoden, gezielt Gene zu verändern, erläutert reichlich besorgt der Biologe Bernhard Kegel in der NZZ. Bei bestimmten Erbkrankheiten kann das zwar ein Segen sein, aber am Ende kann es auch zu maßgeschneiderten Kindern führen: "Schon erhalten die Forscher Briefe von Trägerinnen des gleichen Brustkrebs-Risikogens, das die Filmschauspielerin Angelina Jolie veranlasste, sich vorbeugend beide Brüste entfernen zu lassen. Junge Frauen fragen, ob und wann die Crispr-Technik verhindern könnte, dass sie diesen Gendefekt an ihre Kinder weitergeben. In nicht allzu ferner Zukunft werden Menschen vor der Situation stehen, die Risiken eines derartigen Eingriffs ins Genom ihrer Kinder und Kindeskinder und das Risiko einer Erkrankung gegeneinander abzuwägen." (Mehr dazu in der Boston Review, bei Wired und in der NYT)

Im Interview mit Melissa Dinsman von der Los Angeles Review of Books spricht der Literaturwissenschaftler und Pionier der "Digital Humanities" Franco Moretti über Chancen und Risiken der Digitalisierung in den Geisteswissenschaften und sagt auch einige Allgemeinheiten über Geisteswissenschaften in Amerika: Sie "werden sich selber retten müssen, nicht nur, weil es unanständig viel Geld kostet, an die Universität zu gehen, so dass Studenten Business-Studiengänge, Medizin, Wirtschaft und so weiter belegen, um das Geld so schnell wie möglich zurückzuholen. Das ist nicht der einzige Grund, auch wenn er nicht zu vernachlässigen ist. Im 20. Jahrhundert haben Naturwissenschaften verblüffende und schöne Theorien in der Physik, Genetik und Biologie geschaffen. Die Geisteswissenschaften haben nichts dergleichen produziert. Literatur, Kunst, politische Geschichte (in düsterster Weise, gewiss) haben extrem interessante Objekte geschaffen, aber das Studium dieser Objekte hinkt hinterher."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2016 - Wissenschaft

Vor 500 Jahren verbot die Inquisition Kopernikus' Buch "De Revolutionibus Orbium Coelestium", das erstmals die Sonne ins Zentrum des Universums stellte. Bevor es auf den Index kam, hatte man es allerdings eifrig studiert, erzählt Arno Widmann in der Berliner Zeitung: "Seine Thesen waren umstritten. Sie wurden bekämpft, aber Nikolaus von Schönberg (1472-1537), Gesandter des Papstes und Kardinal von Capua, schrieb ihm schon 1536, dass er von seiner Theorie 'vor ein paar Jahren' gehört habe, und er würde ihm gerne einen Schreiber bezahlen, der Kopernikus' Text kopieren und ihm zuschicken könne. Dann hätte er, Schönberg, Zeit, Kopernikus' heliozentrische Erörterungen in Ruhe zu studieren. Auch Papst Clemens VII. wollte alles genau wissen. Nicht aus Verfolgungseifer, sondern weil er an astronomischer Forschung und neuen Sichtweisen interessiert war."

Außerdem: Die Basler Philosophin Brigitte Hilmer erinnert in der NZZ an den Philosophen, Arzt und Politiker Ignaz Paul Vital Troxler, der vor 150 Jahren starb.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.03.2016 - Wissenschaft

"Führte uns die Aufklärung einst aus selbstverschuldeter Unmündigkeit, kehren wir bald aufgeklärt und aus freien Stücken dahin zurück", mokiert sich Roman Bucheli in der NZZ angesichts der allgemeinen Begeisterung für selbstfahrende Autos. Sehr skeptisch steht auch Manuela Lenzen Neuro-Gadgets zur Hirnstimulation gegenüber: "Sind wir dabei, uns in halbe Roboter zu verwandeln, statt die Arbeitswelt menschlicher zu gestalten? Wird die Menschheit sich aufspalten in die Aufgepeppten und die Naturbelassenen, die sich kein Enhancement leisten können? Oder werden wir alle immer uniformer werden, weil wir unter dem Druck stehen, auch unser Gefühlsleben stets auf fröhlich-optimistisch zu polen?" Dazu passt natürlich die Meldung vom ersten Unfall des Google-Autos, mehr in Spiegel online.

Ganz anders erlebte Andrian Kreye (SZ) die TED-Konferenz in Vancouver, wo Wissenschaftler (und Al Gore) einen beeindruckenden Optimismus vorführten: "Die Zusammenkunft von Geld und Geist dort ist kein Zufall. So bildet die Rednerliste jedes Jahr eine Art Weltverbesserungskanon. Die Bildungsaktivistin Reshma Saujani will zum Beispiel Mädchen dazu bringen, das Programmieren zu lernen, weil der Fachkräftemangel in der Tech-Industrie und das kulturell bedingte Ehrgeiz-Defizit junger Frauen eine reine Verschwendung intellektuellen Potenzials sind. Der Unternehmer Hugh Evans sucht nach marktwirtschaftlichen Methoden, Armut zu bekämpfen. Der bolivianische Kardiologe Franz Freudenthal hat eine Methode entwickelt, Herzkrankheiten bei Kindern in der Dritten Welt mit minimalem Aufwand zu heilen. Es gehört schon eine unangenehm große Portion Zynismus dazu, sich darüber lustig zu machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.02.2016 - Wissenschaft

Die SZ druckt einen Vortrag des Historikers Valentin Groebner, der auf Parallelen zwischen dem Uni-Betrieb zu Leibniz' Zeiten und in der Gegenwart aufmerksam macht: "Die allermeisten Wissenschaftler bezahlen dafür, dass ihre Texte veröffentlicht werden. Open-Access-Zeitschriften verlangen Gebühren für die Publikation von Aufsätzen; wer sein Buch in einem Wissenschaftsverlag publiziert, muss einen nicht geringen Druckkostenzuschuss aufbringen. Der weitaus größte Teil dieser Druckkostenzuschüsse und Gebühren wird durch Stiftungen und die Budgets wissenschaftlicher Institutionen bestritten. Zugang zu diesen Zuschüssen und Sponsorengeldern bekommt man nur durch etwas, das Leibniz sehr bekannt vorgekommen wäre: durch die Fürsprache älterer einflussreicher Kolleginnen und Kollegen, durch Patronage."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2016 - Wissenschaft

Ach nee, da erscheint glatt mal ein Artikel pro Open Access in der FAZ! Sven Fund, der ehemalige Geschäftsführer des Verlags De Gruyter, macht in Antwort auf einen apokalyptisch getönten Artikel des Slawisten Urs Heftrich (unser Resümee) deutlich, dass Verlage sich mit Open Access durchaus arrangiern können und weist im übrigen auf einen wichtigen Punkt hin: "Heftrich kann seine Sorge um die private Verfasstheit der Verlagslandschaft wohl genommen werden. Denn schon im von ihm offensichtlich favorisierten traditionellen Modell der Literaturbeschaffung für den Wissenschaftsbetrieb durch Bibliotheken zahlt ja der Staat, und Verlage sind von dieser Kundengruppe schon heute wirtschaftlich abhängig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2016 - Wissenschaft

Im Interview mit der taz erklärt der Ornithologe Bernd Brunner, warum wir in einer Epoche der Ornithomanie leben: "Vogelliebhaber gab es zwar schon immer, aber sie haben nun dank Internet ganz andere Möglichkeiten, sich etwa über Flugrouten auszutauschen oder enger mit wissenschaftlichen Ornithologen zu kooperieren. Die sind schließlich auf die Daten der Laien angewiesen. Dazu kommt der Hang zum 'Immer schneller, immer höher, immer weiter' - der Drang, Sensationen anzuhäufen, gehört in unsere Zeit. Das hat dann mit den Vögeln selbst nichts mehr zu tun, es geht nur noch darum, sich Respekt innerhalb einer Community zu verschaffen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2016 - Wissenschaft

Sehr großer Ärger droht Sci-Hub, einer Website der Neurowissenschaftlerin Alexandra Elbakyan, die alle Artikel aller wissenschaftlichen Zeitschriften - die bekanntlich normalerweise horrende Preise verlangen - kostenlos online anbietet. Das wissenschaftliche Publikationshaus Elsevier hat den Dienst bereits verklagt, berichtet Fiona Macdonald auf der Seite Sciencealert und erklärt die Arbeitsweise von Sci-Hub: "Wenn jemand nach einem Artikel sucht, versucht Sci-Hub ihn zunächst bei der alliierten Piraten-Datenbank LibGen herunterzuladen. Wenn das nicht funktioniert nutzt Sci-Hub Passwörter, die der Datenbank von anonymen Wissenschaftlern geschenkt wurden. Das hat zur Folge, dass Sci-Hub unmittelbar Zugang zu allen Artikeln von JSTOR, Springer, Sage und Elsevier hat und sie in Sekundenschnelle liefern kann. Eine Kopie geht dann jeweils an LibGen, um die Beute zu teilen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.02.2016 - Wissenschaft

Sehr streng antwortet der Buchhistoriker Michael Hagner auf ein Interview des Zürcher Universitätsbibliothekars Rafael Ball, der in der NZZ am Sonntag Bibliotheken ohne Bücher gefordert hatte: "Ein Bibliothekar, der die Forderung aufstellt, man solle endlich die Hemmungen vor elektronischen Büchern überwinden, und der darüber hinaus Bibliotheken zu quasi bücherfreien Zonen erklärt, hat nicht nur seinen Beruf verfehlt, er mischt sich auch in Forschungspraktiken ein, die ihn gar nichts angehen. Käme irgendein Universitätspräsident auf die Idee, von Physikern oder Chemikern zu fordern, auf Experimente zu verzichten und nur noch Simulationen durchzuführen?"

Ganz großes Thema heute überall: der Nachweis der Gravitationswellen. Nicola Twilleey erzählt im New Yorker, was geschehen musste, damit der Nachweis geführt werden konnte: "Vor gut einer Milliarde Jahre kollidierten einige hundert Millionen Galaxien von hier entfernt zwei schwarze Löcher. Sie hatten sich seit Äonen in einer Art Balztanz umkreist, kamen sich immer näher. Als sie nur noch weniger hundert Meilen voneinander entfernt waren, gerieten sie in annähernder Lichtgeschwindigkeit ins Schlingern und setzten große Mengen Gravitationsenergie frei."