Für Russland ist Europa der Feind
Warum meine Heimat mit dem Westen gebrochen hat

Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2025
ISBN
9783462007282
Gebunden, 288 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Wie kommt es, dass Wladimir Putins imperiale Komplexe und aggressive Wunschträume sich in der russischen Gesellschaft als mehrheitsfähig erweisen, warum gab es unter Russen, auch unter Auslandsrussen, so viel Kriegsbegeisterung, warum fällt der offiziell propagierte Hass gegen die Ukrainer, die Amerikaner, die Europäer auf so fruchtbaren Boden? Der gebürtige Moskauer und in Köln lebende russische Journalist Andrey Gurkov geht in seinem Buch den historischen, kulturellen, politischen und massenpsychologischen Gründen für dieses Phänomen auf den Grund. Zugleich warnt er eindringlich vor der illusorischen Erwartung, es könne nach einem Ende des Ukrainekriegs eine Wiederherstellung früherer Beziehungen Deutschlands bzw. Europas zu Russland geben - die russische Gesellschaft sieht sich längst nicht mehr als Teil der europäischen Wertegemeinschaft, Europa ist zum Feindbild geworden. Andrey Gurkovs Blick auf sein Heimatland ist so analytisch wie schonungslos - schonungsloser als ihn möglicherweise deutsche Autorinnen und Autoren wagen würden.
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.12.2025
Viel, wenn auch wenig Erfreuliches, lernt Rezensent Thomas Speckmann aus diesem Buch. Der geborene Moskauer Andrey Gurkov, der seit langem in Deutschland als Journalist tätig ist, beschäftigt sich darin mit dem Russland Wladimir Putins, einem Land, in dem inzwischen nicht mehr die USA, sondern Europa und ganz besonders Deutschland, Feindbild Nummer eins ist. Die aggressive Umgestaltung Russlands inklusive einer Abkehr von Europa wurde von Putin, beschreibt Gurkov laut Speckmann, lange vorbereitet, die Propagandaoffensive begann bereits viele Jahre vor der Krim-Annektierung, heute feuert Putins Medienmaschinerie, auch dank der Unterstützung vieler Kreativer, aus allen Rohren gegen den Westen. Gurkov geht auch nicht davon aus, dass sich an der aktuellen Situation bald viel ändert, zwar hält er es für möglich, dass Putin sich irgendwann aus der Ukraine zurückziehen wird, so der Kritiker. Eine Aufarbeitung der russischen Kriegsverbrechen in Russland ist für ihn jedoch komplett unvorstellbar, da der Präsident das ganze Land auf die Erzählung vom gerechten Krieg eingeschworen hat. Was heißt das für Deutschland? Wir sollten akzeptieren, dass Russland Deutschland als Feind betrachtet - mehr noch als die von Russen insgeheim auch bewunderten USA, schließt der Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 29.07.2025
Yelizaveta Landenberger empfiehlt dieses ernüchternde und kluge Buch über Russlands Verhältnis zu Europa von Andrey Gurkov: Der in Deutschland lebende Russe Gurkov plädiert laut Landenberger dafür, sich keine Illusionen zu machen: Spätestens seit dem Ukrainekrieg ist klar, dass Russland Europa als Feind betrachtet, auch wenn manche Russen gern in europäischen Läden einkaufen gehen. Gurkov unterfüttert diese Diagnose mit einem Blick in die Geschichte und zeichnet laut Landenberger die Spannungen zwischen europaphilen und slawophilen Kräften nach, die das Land schon lange bestimmen. Mit Putin hat nun, stellt Gurkov klar, die autoritäre Slawophilie die Oberhand bekommen und das wird vermutlich auch nach Putin so bleiben, zu sehr hängen die Russen am Großmachtnarrativ und am Imperialismus. Soll man deshalb nicht mehr Dostojewski lesen? Doch, lesen soll man ihn schon noch, aber mit kritischen Blick. Opportunistinnen wie Anna Netrebko hingegen sollte der Westen die kalte Schulter zeigen, so das harte Urteil des Autors, wie sich die Deutschen überhaupt von ihrem allzu behaglichen Russland-Bild verabschieden müssen. Der eindringlichen Warnung vor "naiven Russlandverstehern" kann sich die Rezensentin nur anschließen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.06.2025
Rezensent Ulrich M. Schmid macht sich keine Hoffnung, dass Andrey Gurkovs Buch auf Russisch erscheinen könnte. Der einstige deutsch-russische "Brückenbauer" Gurkov rechnet darin "hellsichtig" mit Putin und dem Putinismus ab, hadert mit seinem eigenen orthodoxen Glauben und lässt seinem Entsetzen über die Verhältnisse in Russland freien Lauf. Schmid liest über die Kirche als Kriegstreiberin, über das "Satanismus"-Narrativ, über Anna Netrebkos Nähe zum Regime und über Puschkins Kriegsverherrlichung. All das endet laut Schmid auf einer pessimistischen Note, schon da Gurkov weit und breit keine Opposition sieht.