Sonderzug nach Moskau
Geschichte der deutschen Russlandpolitik seit 1990

C.H. Beck Verlag, München 2024
ISBN
9783406822100
Gebunden, 719 Seiten, 34,00
EUR
Klappentext
Seit dem 24. Februar 2022 steht die deutsche Russlandpolitik vor einem Scherbenhaufen. Ihre Strategien sind gescheitert. Ihre Grundüberzeugungen erschüttert. In Deutschland und international wird heftig über sie gestritten. War sie von Anfang an verfehlt? Wie weit reichte der Einfluss Russlands und seiner Netzwerke? Befand sich die Bundesrepublik auf einem Sonderweg? Bastian Matteo Scianna hatte Zugang zu unbekanntem Archivmaterial aus dem In- und Ausland, unter anderem zu den Akten des Kanzleramts unter Helmut Kohl, zu den Protokollen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion oder Gesprächsmitschriften aus britischen und amerikanischen Quellen. Seine grundlegende Analyse zeigt, dass die Geschichte viel komplexer ist als manchmal dargestellt. Die deutsch-russischen Beziehungen waren besonders und genossen einen hohen Stellenwert. Es fuhr daher ein Sonderzug nach Moskau. Doch stand die Bundesrepublik in Europa keineswegs allein und war nicht nur "blind und naiv", wie manche Kritiker behaupten. Andere Länder glaubten ebenfalls an "Wandel durch Handel" und wollten mit Russland zusammenarbeiten: Die "Utopie der Verflechtung" war keinesfalls ausschließlich Made in Germany. Auch andernorts folgte man internationalen Interessen und erkannte zugleich die Grenzen des eigenen Einflusses auf die Entscheidungen des Kremls. Dass Deutschland heute so stark in der Kritik steht, ist trotzdem teilweise gerechtfertigt: Denn man hatte keinen Plan B und keine Strategie für den Ernstfall. Die Bundeswehr verkümmerte. Die Ukraine wurde nicht aufgerüstet. Dialog, Entspannung und Einbindung waren noble Versuche, die aber ohne eine glaubwürdige Abschreckungspolitik in der Luft hingen und am Ende zusammen mit energiepolitischen Irrwegen die Sicherheit Europas gefährdeten.
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Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 27.01.2025
Der "Sonderzug" der deutschen Beziehungen zu Russland ist entgleist, hält Rezensent Daniel Brössler nach der Lektüre des Buches fest, das der Potsdamer Historiker Bastian Matteo Scianna diesem Thema gewidmet hat. Mit Bezug auf so verschiedene Quellen wie Sitzungsprotokolle, Archivakten und diplomatische Dokumente wird die Russlandpolitik von Kohl bis, zumindest noch in Ansätzen, Scholz beleuchtet und Brössler erfährt, dass es Kohl darum ging, "Zerfallsprozesse" aufzuhalten, während Schröder die deutsche Position zwischen den alten Großmächten USA und Russland stärken wollte. Der Verfasser nimmt Merkel zwar in Schutz bezüglich des Vorwurfs, "Appeasement-Kanzlerin" gewesen zu sein, nimmt sie aber nicht aus der Verantwortung für eine "Utopie der Verflechtung" als Präkursor für den Krieg in der Ukraine, erfahren wir. Ein detailreiches Buch, das dem Lesepublikum auch und gerade die Stellen aufzeigt, die die Politiker selbst in ihren Memoiren gerne verschweigen, wie der Kritiker resümiert.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 03.01.2025
Rezensent Jörg Himmelreich erfährt aus dem Buch des Historikers Bastian Matteo Scianna, inwieweit die deutsche Russlandpolitik von Kohl bis Merkel sich im Mainstream der deutschen Gesellschaft bewegte und wie sie sich im europäischen Kontext darstellt. Erhellend findet Himmelreich die Darstellung der unterschiedlichen Voraussetzungen der deutschen Politik im europäischen Kontext, die für ihn allerdings manchmal sehr nach einer Relativierung deutscher Verfehlungen klingt, so bei Merkels Russlandpolitik. Gerade bei Merkel wäre es sinnvoll gewesen, Erklärungen und tatsächliche Politik miteinander abzugleichen, denkt Himmelreich. Insgesamt kommen trotz vieler gut recherchierter Darlegungen kritische Beurteilungen durch den Autor etwas zu kurz, findet der Rezensent. Als wichtiger "Zwischenschritt" zu weiteren Studien zum Thema taugt das Buch vorzüglich, so Himmelreich.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2024
Rezensent Thomas Speckmann sieht in Bastian Matteo Sciannas Darstellung der deutschen Russlandpolitik seit 1990 eine tragfähige Zwischenbilanz. Zwischenbilanz, da dem Autor wichtige Archive und Akten zur rot-grünen Politik zwischen 1998 und 2003 nicht zugänglich waren. Anhand von US-Dokumenten und solchen aus Großbritannien und Frankreich zeichnet der Autor das Bild einer fatalen Kontinuität deutscher Russlandpolitik unter Kohl, Schröder, Merkel. Scianna führ Speckmann vor Augen, dass europäische Interessen im Vordergrund standen und keine Abschreckung, dass selbst nach 2014 die Ukraine nicht stärker militärisch unterstützt und stattdessen weiter eine "Verflechtung ohne Rückversicherung" vorangetrieben wurde. Der Autor arbeitet detailliert deutsche Sonderwege heraus und zieht eine Lehre aus den Verfehlungen, so Speckmann begeistert.