Aus dem Spanischen von Raul Zelik. Früher gab es einen Marktplatz und einen Markttag - mittlerweile haben die Läden immer länger geöffnet, und der Kapitalismus kolonialisiert die letzte Pore der Lebenswelt. In einer von wachsender Ungleichheit geprägten Gegenwart setzen viele Linke ihre letzte Hoffnung in die sozialen Medien, eine Haltung, die César Rendueles als naiven 'Cyberfetischismus' kritisiert. Mit einem Gespür für große historische Bögen und einem an Slavoj Žižek erinnernden Talent, aus popkulturellen Referenzen theoretische Funken zu schlagen, legt er dar, dass politischer Wandel nur möglich sein wird, wenn wir die 'Soziophobie', die Angst vor der Kooperation mit den anderen, überwinden. 'Wenn viele gleichzeitig dasselbe machen', so Rendueles, 'heißt das noch lange nicht, dass sie es gemeinsam tun.'
Steffen Vogel lobt den pointierten Stil von César Rendueles Essay. Doch das ist längst nicht alles, was der Rezensent hier schätzt. Als einen der anregendsten politischen Essays bezeichnet er den Text des Soziologen mit politischer Schulung im Umkreis von Podemos. Wenn der Autor aufräumt mit der Vorstellung von einer digitalen Utopie, die dahinter wirksame Soziophobie sichtbar macht und stattdessen für soziale Beziehungen und eine Ethik gegenseitiger Sorge plädiert, horcht Vogel auf. Den seltenen Mut zur These findet er bei Rendueles. Man muss ja nicht jeder Zuspitzung des Autors gleich folgen, meint er.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 05.01.2016
Der Soziologe César Rendueles gehört zu den Vordenkern der neuen südeuropäischen Linke, weiß Rezensent Sebastian Schoepp, der Essay "Soziophobie" hat 2013 die spanischen Debatte geprägt wie kaum ein anderes Buch. Dabei ist Rendueles kein radikaler Kapitalismusgegner, Schoepp beschreibt ihn eher als "digital modernisierten Sozialdemokraten", der unter zwei Gesichtspunkten für eine neue gesellschaftliche Solidarität eintrete: Zum einen fordert Rendueles, dass Grundbedürfnisse wie Wohnen, Essen, Gesundheit und Wasser nicht einem ungezügelten Konkurrenzsystem unterworfen sein sollten, sondern der gemeinschaftlichen Daseinsfürsorge. Zum anderen ficht er gegen einen Cyberfetischismus, der nur Pseudo-Gemeinschaften herstelle und sich dabei als williger Erfüllungsgehilfe eines konsumistischen Kapitalismus erweise. Schoepp findet das allerdings nicht wenig in heutigen Zeiten.
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