Charlotte Gneuß

Gittersee

Roman
Cover: Gittersee
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2023
ISBN 9783103970883
Gebunden, 240 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Gittersee, 1976, Karin ist 16. Sie hütet ihre kleine Schwester, hilft der Großmutter im Haushalt, tröstet den Vater, versucht, die Mutter zu ersetzen und schaut stundenlang fern mit ihrer Freundin Marie. Als Karins Freund zu einem Ausflug aufbricht und nicht mehr zurückkommt, stehen in der Nacht zwei Uniformierte vor der Tür, und ihre Welt gerät aus den Fugen. In diesem eindringlichen Debütroman bleibt kein Stein mehr auf dem anderen, alles verschiebt sich, auch die Moral. Unverwechselbar und vielschichtig erzählt Charlotte Gneuß von einer Welt, die es nicht mehr gibt und von der Frage, ob Unschuld möglich ist.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 14.10.2023

Anne Rabes Roman steht auf der Shortlist des diesjährigen Buchpreises, Charlotte Gneuß' Roman löste eine Debatte aus, nachdem der Schriftsteller Ingo Schulze der Autorin historische Fehler vorwarf. Dirk Knipphals liest beide Roman im Vergleich - und mit Gewinn. Vorweg erinnert er Gneuß' Kritiker nochmal daran, dass es sich durchaus um Literatur handelt. Beide Romane arbeiten an dem, was Gneuß in einem FAZ-Gespräch als "ein 1968 für unsere Ostgeschichte" bezeichnet hat, hält er fest. Und beide Romane leisten Wichtiges, meint Knipphals: Sie konzentrieren sich auf das Private, das, was in den Familien vor und kurz nach der Wende los war. Beide Heldinnen werden von ihren Familien vernachlässigt, bei Gneuß ist es ausgerechnet ein Stasi-Mann, der sich Protagonistin Karin annimmt. Rabe greift vor allem die Gewalt in den Familien auf, die ihre Heldin zum Kontaktabbruch bewegt, resümiert Knipphals. Dass die Familien keineswegs Schutzräume waren, die "emotionale Vernachlässigung" gar staatlich unterstützt wurde, machen dem Kritiker die beiden Romane analytisch und überzeugend klar. Auszusetzen hat er an den Büchern nichts.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.09.2023

Gern hält sich Rezensentin Judith von Sternburg in der Welt auf, die Charlotte Gneuß in ihrem Roman zeichnet. Es geht in die DDR der 1970er, lernen wir, die Hauptfigur Karin lebt in einem Dresdner Arbeiterviertel ein mit viel Liebe zum - gerade auch in Hinsicht auf die Dialoge - gut recherchierten Detail dargestelltes Teenagerleben. Dann allerdings haut Karins Freund Paul in den Westen ab und die Protagonistin selbst wird von der Stasi kontaktiert, verstrickt sich in Schuld. Den daraus resultierende Krimiplot beurteilt Sternburg ambivalent: Filigran gefertigt ist der Spannungsbogen zweifellos, meint sie; aber gleichzeitig stelle Gneuß schon auch recht deutlich ihr Können aus. Am Ende überwiegt für Sternburg freilich das Positive.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 05.09.2023

Knapp, aber voller Hochachtung bespricht Katharina Herrmann den Debütroman von Charlotte Gneuß, die sie in die DDR der Siebziger entführt. Die Kritikerin begleitet hier die sechzehnjährige Karin, die durch Liebeskummer und familiäre Probleme ins Straucheln und dadurch in die Fänge des Stasi-Mitarbeiters Wickwalz gerät und sich als IM anwerben lässt. Knapp 0,8 Prozent der IM waren tatsächlich minderjährig, klärt uns Herrmann auf. Nicht nur diesen selten beachteten Aspekt stellt Gneuß in den Fokus, lobt die Kritikerin. Sie verdankt ihr auch Einblicke in das Leben einer Durchschnittsfamilie in der DDR. Nicht zuletzt bewundert sie die sprachliche Gestaltung dieses Romans, der seine Wucht gerade durch die "Verknappung" gewinnt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 02.09.2023

Rezensent Michael Wolf freut sich darüber, wie Charlotte Gneuß in ihrem Debütroman in die Welt der 1976 in der DDR lebenden Hauptfigur Karin einführt, die, wie viele Jugendliche, empfänglich ist für Manipulation. Die in diesem Fall von einem Stasi-Offizier ausgeht, der Kontakt zu ihr aufnimmt, nachdem ihr Freund Paul auf die Flucht gen Westen aufgebrochen ist. Karin leidet unter den Mechanismen des DDR-Regimes, aber auch ihre zerrüttete Familie ist ihr keine Hilfe, lernen wir. Die Autorin selbst ist in Westdeutschland aufgewachsen, aber ihr Buch ist gut recherchiert und die DDR-Lebenswelt glaubwürdig, so Wolf. Besonders gefällt ihm, wie lebendig die Hauptfigur gezeichnet ist. Lediglich auf den Krimiplot, der sich am Ende des Buchs in den Vordergrund drängt, hätte der Rezensent verzichten können.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.08.2023

Vom "systemimmanenten Verlust der Unschuld" erzählt Charlotte Gneuß in ihrem DDR-Roman, erklärt Rezensent Christoph Schröder. Die 16-jährige Karin lebt mit ihrer Familie zusammen in Gittersee, aus biografischen Andeutungen schließt Schröder, dass Karins Eltern nicht glücklich in der DDR sind. Zumindest die Mutter plant den Ausbruch. Die Protagonistin setzt derweil ihr Leben fort, vermutet nichts Böses, als ihr Freund Paul ihr vor seinem Tschechien-Urlaub und dem versteckten Geld in seinen Reifen erzählt. Erst als er nicht zurückkehrt und Karin vom zwielichtigen Staatssicherheitsbeamten Wickwalz befragt und als Inoffizielle Mitarbeiterin angeworben wird, kommt es zur "Kettenreaktion", referiert Schröder. Gneuß gelingt es ihm zufolge, den Erkenntnisprozess der Protagonistin nachvollziehbar zu gestalten und zu zeigen, wohin das naive Gefühl Karins, "behilflich sein zu wollen" in der DDR führte. Eine Verfilmung hält Schröder für eine gute Idee - "dramatische Geigen in der Tonspur" solle man sich aber sparen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.08.2023

Rezensentin Katharina Teutsch lobt den Debütroman von Charlotte Gneuß, der es auf Anhieb auf die Longlist geschafft hat, in den höchsten Tönen. Erzählt wird die Geschichte der sechzehnjährigen Karin, die im Sommer 1976 gern mit ihren Freunden Paul und Rühle einen Ausflug zu "den Tschechen" machen würde, sich aber um ihre kleine Schwester kümmern muss. Die Eltern arbeiten in staatseigenen Betrieben, die Oma herrscht streng über die Familie und Karin gerät bald in die Fänge der Stasi, resümiert die Kritikerin: Ein attraktiver Mann namens Wickwalz schleicht sich in Karins Vertrauen und horcht sie über ihre Freunde aus. Allein wie Gneuß diese Unterredungen gestaltet, im Schwebezustand und stets offen lassend, ob und an wem Karin Verrat begeht, beeindruckt die Rezensentin. Nicht zuletzt bewundernd sie, wie zart und eindringlich die Autorin ihre Figuren gestaltet. Dass der Roman auch noch fesselt, ist für Teutsch ein zusätzlicher Gewinn.

Buch in der Debatte

Efeu 23.04.2026
Eine Recherche von Anh Tran für den Dlf kommt nochmal auf die Kontroverse um Ingo Schulzes "Mängelliste" zu Charlotte Gneuß' Debütroman "Gittersee" vor drei Jahren zu sprechen: Demnach soll es der Schriftsteller Frank Witzel gewesen sein, der diese Liste an die Jury des Deutschen Buchpreises durchgestochen hatte - weil er angeblich die mit ihm befreundete Juryvorsitzende Katharina Teutsch "nicht ahnungslos dastehen" lassen wollte, während Schulze der Autorin mit seiner Liste angeblich nur "helfen" wollte. Witzel hatte der Recherche zufolge nach Rücksprache mit Schulze gehandelt, der 2023 noch abgestritten hat, an dieser Weitergabe beteiligt gewesen zu sein. "Ob - und wenn ja wie - Schulzes Liste die Entscheidung der Jury beeinflusst hat, wird sich vermutlich nie eindeutig feststellen lassen. Katharina Teutsch verneint eine Beeinflussung. Doch auf der Shortlist taucht 'Gittersee' nicht mehr auf. ... Unabhängig davon, ob Ingo Schulze Charlotte Gneuß und seinem Verlag helfen wollte oder ob Frank Witzel seine Freundin Katharina Teutsch 'nicht ahnungslos dastehen' lassen wollte: Am Ende handelt es sich hier um die versuchte Einflussnahme auf die Jury eines der wichtigsten Literaturpreise hierzulande." Unser Resümee
Efeu 27.05.2024
Letztes Jahr diskutierten die Feuilletons darüber, ob Charlotte Gneuß' in ihrem Roman "Gittersee" die DDR historisch akkurat dargestellt hat. Der zweite große DDR-Roman jener Saison war Anne Rabes "Die Möglichkeit von Glück", an dem der Literaturprofessor Stefan Müller nun in der Berliner Zeitung scharfe Kritik übt. Rabes These, dass die DDR-Gesellschaft einen ausgeprägten Hang zu einer gewaltvollen Erziehung und sozialer Kälte hatte, wodurch sich etwa rechtsextreme Exzesse im Osten seit der Wiedervereinigung und bis zur Gegenwart erklären ließen, hält er für nicht stichhaltig. Unser Resümee

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