Im Jahr 2019: Statt 70 Jahre Frieden, Wohlstand und Sicherheit zu feiern, befindet sich die Bundesrepublik in einer Art Ausnahmezustand. Spätestens seit der Ankunft massenweise geflüchteter Migranten wird die Zerrissenheit unserer Gesellschaft deutlich sichtbar. Gültige Übereinkünfte stehen plötzlich infrage, es regieren Instinkte, Stimmungen und Emotionen. Mit dem Blick des politischen Philosophen durchdringt Christian Schüle die typisch deutschen Muster, die der neuen Erregungsspirale zugrunde liegen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.06.2019
Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Dieselkrise - seit Jahren kommt Deutschland nicht aus dem Krisenmodus heraus, wird die Gesellschaft von Abstiegsangst und Zukunftssorgen umgetrieben und in gegnerische Lager gespalten, die sich verständnislos und bisweilen feindselig gegenüberstehen. Zeitdiagnostische Sachbücher haben da Konjunktur, und Christoph Dorner hat sich einen Stapel davon vorgenommen, darunter Christian Schüles Essay "In der Kampfzone". Teilweise polemisch zugespitzt und grob überzeichnet beschreibe der Philosoph und Publizist darin die gesellschaftlichen Konfliktlinien zwischen "Hypermoral und Hysterie", womit Schüle laut Dorner an die in den USA von Intellektuellen wie Mark Lilla oder Francis Fukuyama geführte Debatte über linke Identitätspolitik und Empörungskultur anknüpft. So sehr der Rezensent die Kühnheit und Rasanz von Schüles Argumentation zu schätzen weiß, scheint ihm doch der erregte Tonfall einem "Plädoyer für mehr Anstand" nicht immer angemessen und zuträglich.
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