Mohammad Sarhangi

Jahre der Angst, Momente der Hoffnung

Eine Gefühlsgeschichte der Migration
Cover: Jahre der Angst, Momente der Hoffnung
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2024
ISBN 9783103975147
Gebunden, 320 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

"Vom Balkon aus schaute ich auf einen Spielplatz, auf dem Kinder meines Alters umherliefen und sich amüsiert rauften. Nach kurzem Zaudern fragte ich sie, ob ich mitspielen dürfte. Die Antwort war: 'Nein, mit Ausländerkindern spielen wir nicht.' Ich weiß nicht mehr, was ich damals empfunden habe. Im Nachhinein war klar: Künftig würde ich in den Spiegel sehen und einen Ausländer erkennen."Es sind Ereignisse wie diese, die Gefühle der Ausgrenzung produzieren: Angst, Scham, Wut, Verzweiflung, aber auch Sehnsucht und Hoffnung. Der Historiker Mohammad Sarhangi analysiert, inwieweit die vielfältigen Erfahrungen der Migration die Gefühle von Migranten prägen und formen - auch über Generationen hinweg.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.11.2024

Ein wichtiges Thema behandelt Mohammad Sarhangi hier, allein, der Autor schöpft das Potential nicht voll aus, bedauert der rezensierende Soziologe Levent Tezcan. Es geht um eine Gefühlsgeschichte der Migration, also darum, wie Migrationserfahrungen affektiv verarbeitet werden, erfahren wir. Zur Sprache komme dabei eine Bandbreite an innerem Erleben, von Angst, die eher der Elterngeneration zugeschrieben werde, bis zu Reaktionen auf Zurückweisungen der Mehrheitsgesellschaft. Dass Sarhangi das daraus entstehende Ressentiment selbstkritisch hinterfragt, gefällt dem Rezensenten, der allerdings der Ansicht ist, dass die gefühlte Zurückweisung dem Autor manchmal bei der Analyse im Weg steht. So beschreibt er etwa Figuren bei Emine Sevgi Özdamar als Leidende, was sie in Tezcans Augen nicht sind, und wenn er Peter Sloterdijk mit Thilo Sarrazin in einen Topf wirft, geht Tezcan ebenfalls nicht mit - schließlich ziele Sloterdijks Kritik anders als die Sarrazins nicht auf Religion, sondern auf soziale Kriterien. Insgesamt ärgert sich Tezcan darüber, dass Sarhangi alle migrantischen Gefühle am Ideal der Geborgenheit misst. Wer so vorgeht, sehnt sich nach falscher Versöhnung, findet der Rezensent, der seinerseits für mehr Differenzierung plädiert.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 16.11.2024

Ein wichtiges Buch wider die deutsche soziale Kälte hat Mohammad Sarhangi laut Rezensent Gerrit ter Horst geschrieben. Eben weil die deutsche Politik auf Grausamkeit nur mit noch mehr Grausamkeit, auf rassistische Gewalt mit Asylrechtseinschränkungen, reagiere, braucht es Bücher wie dieses, die einem andere Gefühlslagen nahebringen, findet Horst. Ausgangspunkt sei Sarhangis biografische Erfahrung, die Angst seines Vaters vor deutschen Behörden, seine eigene Reaktion auf Zurückweisung durch die Mehrheitsgesellschaft. Sarhangis Buch verbinde solche Selbstbefragungen collagenhaft mit einer Einführung in die Emotionswissenschaft und einer Analyse gesellschaftlicher Diskurse zu Migration in Deutschland. Besonders gefällt dem Rezensenten, wie in dem Buch Theorien vor allem französischer Provenienz, die um Begriffe wie Habitus kreisen, in Bezug gesetzt werden zu neueren theoretischen Beiträgen aus migrantischen Kontexten. Ein gerade mit Blick auf die Erfolge der AfD äußerst notwendiges Buch, findet der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.09.2024

Rezensentin Sara Maria Behbehani findet es wichtig, dass in Debatten zur Migration auch und gerade Menschen zu Wort kommen, die diese Erfahrungen am eigenen Leib gemacht haben: Ein Buch, das in diese Richtung geht, hat der Historiker Mohammad Sarhangi verfasst, dessen Familie aus dem Iran geflohen ist. Diskriminierungen und Ausschlüsse und die damit verbundenen Gefühle bilden den Grundstock von Überlegungen, die Behbehani zufolge leider, sobald sie auf die analytische Ebene gehen, zu akademisch klingen und damit wahrscheinlich auch für Nicht-Akademiker weniger lesbar werden. Auch in der negativen Betrachtung von Deutschland als Einwanderungsland hätte sie sich mehr Differenzierung gewünscht. Stark ist das Buch für sie immer dann, wenn Sarhangi eigene Erfahrungen in den Vordergrund stellt.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 30.08.2024

Ein Buch, das für den Rezensenten Thorsten Jantschek wie gerufen kommt angesichts der Dominanz, mit der das Thema Migration gerade wieder einmal diskutiert wird: Der menschenfeindlichen Rhetorik der AfD weiß Mohammad Sarhangi seine "Gefühlsgeschichte der Migration" entgegenzusetzen. Um diese Gefühle, diese Erlebnisse von Diskriminierung verständlich zu machen, zeichnet Sarhangi zum einen die Geschichte seit den ersten "Gastarbeitern" nach und zum anderen die Erfahrungen seiner Familie, die 1986 aus dem Iran geflüchtet ist, erfahren wir. Er betont dabei Jantschek zufolge vor allem die Bedeutung von Emotionen, die genauso wichtig seien wie das Denken - ein wichtiger Appell für eine menschlichere Anerkennung der Migration.

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