Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Jan Rhein. Das erste Mal betrunken ist Guita mit acht Jahren. Um ihre Eltern zu "bestrafen", die ihr kein Schmetterlingsnetz kaufen wollen, trinkt sie Wein aus dem großen Fass im Keller. Dann, sechzehnjährig, betrinkt sie sich auf einer Party mit Champagner. Das versteht ihr Freund Jacques als Freibrief und geht viel zu weit. Sie heiratet ihn, weil es sich so gehört, und trinkt weiter. Absinth, Portwein, Gin, Whisky. Guita gibt sich den Männern und dem Rausch hin und ertränkt jeden Tag in "dem sinnlichsten aller Nebel, in dem alles in einem einvernehmlichen Nichts zu schwimmen scheint". In diesem ebenso hungrigen wie trunkenen Frauenleben verbinden sich Lebenslust und Verzweiflung, Missbrauchserfahrungen und Selbstermächtigung in eindrücklicher, zwiespältiger Weise.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.11.2025
Die Rezensentin Rose-Maria Gropp würdigt den wiederentdeckten Roman als "elend konsequenten" Text über eine Frau, die "nichts anderes, nichts weniger, aber auch nichts mehr" ist als eine Trinkerin. Andris' Protagonistin Guita kommt aus großbürgerlichem Hause und fängt im Alter von 8 Jahren das erste Mal zu trinken an. Gropp hebt die schonungslose Darstellung von Guitas früher Anfälligkeit für den Alkohol, ihrem Absturz in "verschiedene Phasen dieses unsäglichen Zustands" und dem "teigigen Grundgefühl zwischen Selbsthass und Verzweiflung" hervor. Gropp erkennt in der episodischen Form und der starken Visualität des Stils ein Stück Avantgarde-Literatur, geprägt von der Pariser "ivresse" der Zwanzigerjahre, aber ohne jede romantische Künstlerpose: Guita trinkt, "weil sie keine andere Option hat". Dass die Autorin ihre Figur nicht verurteilt und der Übersetzer Jan Rhein den bewahrt, macht den Roman für Gropp zu einer heute noch überraschend modernen Lektüre.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 10.07.2025
Rezensent Peter Urban-Halle freut sich, dass wir Colette Andris' Roman nun nach fast hundert Jahren auch auf Deutsch entdecken können: Die Autorin hatte ein kurzes, wildes Leben als Schauspielerin, Autorin und Nackttänzerin, bis sie 1936 an Tuberkulose starb. Ihr Roman handelt von Guita, die schon im ersten Satz als "eine Frau, die trinkt" vorgestellt wird, und darum geht es auch: Eigentlich kommt sie aus gutem Haus, aber vor Langeweile und Depression gibt sie sich dem Alkohol hin, erfahren wir. Fragmenthaft und spannend liest Urban-Halle von den verschiedenen Stationen ihres Lebens und insbesondere von den Phasen des Betrunkenseins, lakonisch und poetisch findet er das insgesamt.
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