Romain Gary

Europäische Erziehung

Roman
Cover: Europäische Erziehung
Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783803133786
Gebunden, 224 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Birgit Kirberg. Janek ist beinahe noch ein Kind, als ihn sein Vater im Wald versteckt. Tagelang haben sie die unterirdische Höhle gegraben, mit Schlafplatz, Feuerstelle und einem großen Vorrat an Kartoffeln. Wenigstens der jüngste Sohn soll diesen Krieg überleben. Es ist Winter, der Schnee liegt hoch, und in der Ferne tobt die Schlacht um Stalingrad. In anderen Höhlen, tiefer im Wald, verstecken sich die "Waldler": Polen, Ukrainer, Juden im Kampf gegen die Besatzer. Für sie wird Janek Kundschafter und Bote und trifft eines Tages auf Zosia, die mit anderen Mitteln eine ähnliche Aufgabe erfüllt. Die Überlebenschancen für sie und ihre Liebe stehen schlecht. Und doch begreifen sie unter den extremsten Bedingungen von Hunger, Kälte und Not, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Mit großer Wärme für seine Figuren erzählt Romain Gary diese existenzielle Geschichte. Entstanden mitten im Zweiten Weltkrieg, ist sein Roman eine Hymne an europäische Werte. Ein eindringliches, unbedingtes Plädoyer für Solidarität, Freiheit und Frieden. Ein notwendiges Buch.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.12.2025

Rezensent Niklas Bender freut sich über diese Neuübersetzung des Debütromans des einzigen französischen Autoren, der den Prix Goncourt zwei Mal, jeweils unter anderem Namen, gewonnen hat. Darin erzählt Romain Gary die Geschichte des 14-jährigen Janek, der im Herbst 1942 von seinem Vater in einem Wald bei Vilnius versteckt wird, erfahren wir. Als die Rückkehr seines Vaters ausbleibt, schließt sich Janek einer Gruppe Partisanen an, mit der er fortan reist und um sein Überleben kämpft. Jene Gruppe erscheint dem Kritiker dabei wie ein europäisches Panorama. In einer episodischen Struktur wechseln sich "Märchen und Groteske" überzeugend ab, wenn etwa auf die reale Gefahr eines feindlichen Soldaten eine vom Studenten Dobranski erzählte Geschichte eingeschoben wird, die das Kriegsgeschehen in von sprechenden Hügeln bevölkerte Fabeln übersetzt, lobt der Kritiker. Für Bender lässt sich diese Struktur auf die Schreibbedingungen des Autoren zurückführen, der den Roman während des Krieges verfasste und darauf in mehreren Versionen überarbeitete. Was durch alle Versionen erhalten blieb, ist die "Frische des Erstlings", die eine Lektüre reich belohnt, findet Bender.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.12.2025

Beklommen und berührt ist Rezensent Jörg Plath nach der Lektüre dieses wiederentdeckten Debütromans. Gary schildert die Situation während des Zweiten Weltkriegs in einem Wald westlich von Vilnius, den der vierzehnjährige Janek zusammen mit einer Gruppe von Partisanen bewohnt. Nachdem seine zwei Brüder gestorben sind, haben seine Eltern ihn dort versteckt und sind seitdem nicht zurückgekehrt, erfahren wir. Er wird der Botengänger der Gruppe und sieht sich auf seinen Aufträgen ins damals polnische Vilnius mit den Auswirkungen des Krieges konfrontiert. Angetan ist Plath von der stärker herausgearbeiteten Figur des schreibenden Studenten Dobranski, der durch seine in den Haupttext eingewobenen Fabeln über sprechende, den Frieden diskutierende Tiere eine Gutmütigkeit in den Text einfließen lässt, die für Kriegsromane unüblich ist. Dieser "jugendliche Überschwang" der Figur lässt sich für Plath im gesamten Text wiederfinden und so sehr er ihn auch zunächst befremden mag, so wirkt er in seinem letztlichen Streben nach Menschenwürde doch authentisch und überzeugend. 

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 31.10.2025

Rezensent Jens Uthoff bietet die Wiederveröffentlichung von Romain Garys Roman von 1944 Gelegenheit, über die Conditio Humana in von Krieg bedrohten Zeiten zu reflektieren. Die Geschichte um einen jungen Mann, der sich im Zweiten Weltkrieg litauischen Partisanen anschließt, vermittelt Uthoff, was es heißt, in Kriegs- und Krisenzeiten Erwachsen zu werden. Philosophisch-moralische Dialoge und Beschreibungen von Gewalt wie auch von Liebe und Hoffnung wechseln einander ab, erklärt der Rezensent. Europa und die Idee dahinter verhandelt der Text auch und schließt damit an heutige Überlegungen zur Zukunft Europas an, so Uthoff.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.08.2025

Eine lohnende Wiederveröffentlichung, findet Rezensent Thomas Steinfeld: Romain Garys vergessenes Frühwerk ist auch heute noch ein beeindruckender Kriegsroman. Und nicht etwa ein Antikriegsroman, denn wie praktisch alle guten Bücher über den Krieg, wird der Kampf mit der Waffe nicht als sinnlos beschrieben, sondern als eine Handlung, die Zwecke verfolgt und die deshalb mitsamt aller dargestellten Grausamkeit, in einem gewissen Sinne alternativlos ist, fährt der Rezensent fort. Der Krieg, um den es geht, ist der litauische Partisanenkampf im Rahmen des Zweiten Weltkriegs, Hauptfigur ist Janek, ein junger Partisan, unter anderem lernen wir außerdem laut Steinfeld dessen Geliebte kennen, sowie einen idealistischen Partisanen namens Adam, der an einem literarischen Großwerk arbeitet, das auf eine bessere Zukunft hin perspektiviert ist. Ein wichtiges Motiv in Garys Roman ist laut Steinfeld der Wald, der auf eine romantische Tradition verweist, aber auch zur Metapher für Geschichte schlechthin wird - der Wald ist etwas Dunkles, Sexuelles, dem man nicht entkommt, er ist aber auch etwas, das bleibt und den Zeitenwandel überdauert. Einen allzu optimistischen Roman hat Gary jedenfalls nicht verfasst, warnt der Kritiker vor. Aber dafür, so der Tenor der Besprechung, einen lesenswerten.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 16.08.2025

Rezensentin Sigrid Brinkmann liest das 1942/1943 entstandene Romandebüt von Romain Gary durchaus beeindruckt: Im Zentrum steht eine Partisanengruppe, die in Litauen unterwegs ist, besonders der Student Adam und der vierzehnjährige Janek, der einen großen Teil seiner Familie bereits verloren hat. Janek wird die titelgebende "europäische Erziehung" erfahren, die darin besteht, im Namen der Sache Rache zu üben, Adam möchte daran glauben, dass nach Kriegsende Frieden in Europa herrschen wird, macht sich aber nicht vor, dass seine Partisanengruppe moralische Überlegenheit für sich beanspruchen könnte, erfahren wir. Brinkmann lobt, wie Gary die aufbauende Kraft der Literatur deutlich macht und seine Figuren als zutiefst menschlich zeichnet.

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