Aus dem Englischen von Friedhelm Rathjen. Zeichnungen und Vorwort von Danzig Baldaev. Fotos von Sergej Wassiliew. Herausgegeben und gestaltet von Miles Murray Sorrell Fuell. Die Fotos, Zeichnungen und Texte dieses Bandes stammen aus einer Sammlung von über 3600 Tätowierungen, die der Wachmann Danzig Baldaev über 33 Jahre hinweg im berüchtigten St. Petersburger Kresty-Gefängnis zusammengetragen hat. Seine seltsame Sammelleidenschaft verschaffte ihm Zutritt in eine unzugängliche Parallelwelt; dort wurde er zum Ethnographen einer ?Körpersprache? im wahrsten Sinn des Wortes.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 11.06.2005
Dieser Band erschließt die Regeln und Codes einer unbekannten Gemeinschaft, nämlich die der Verbrecher in Russland. Nicht nur sprachen und sprechen sie eine "Geheimsprache" - neben der mündlichen gibt es auch eine schriftliche Form: in Gestalt von Tattoos, erzählt Rezensent Ulrich M. Schmid. In enzyklopädischer Manier hat diese der Gefängniswärter Danzig Baldajew in fünfzig Jahren Dienstzeit zusammengestellt. Nicht weniger ist diesen Tattoos abzulesen als der "Lebenslauf" der Kriminellen, die gelegentlich aber auch als "lebendiger Brief" fungieren, so der Rezensent. Gefälschte Tätowierungen hätten nicht selten die Amputation der Körperglieder zur Folge, auf die sie graviert sind. Ideologisch gehe es in dieser Körpersprache reaktionär zu, wenn auch bunt durcheinander: Es finden sich "Nazi-Symbole" neben Sowjetischem, an sexistischen Inhalte fehle es ebenso wenig. Schmid enthält sich eines ausdrücklichen Urteils, an seiner Faszination ist freilich nicht zu zweifeln.
Sehr spannend findet Rezensent Wolfgang Müller diese ungewöhnliche Enzyklopädie aus der für die meisten fremden und unheimlichen Welt des Strafvollzugs. Danzig Baldaev, seines Zeichens russischer Wachmann, hat, wie der Rezensent erklärt, über Jahrzehnte hinweg die Tättowierungen der Inhaftierten (etwa viertausend an der Zahl) dokumentiert und weitgehend entschlüsselt. In den Einträgen liefere Baldaev Angaben zur Hierarchie, Tat und Gesinnung des Inhaftierten, die sich zu einer gemeinsamen Geschichte von Tattoo und Träger verschränken. Dabei entfaltet sich, so der Rezensent weiter, ein extremes "Horrorkabinett" vor dem Auge des Lesers, ein "Arsenal brutaler Zuordnungen, Abgrenzungen und Kategorisierungen". Die vom Sprachforscher Alex Plaza-Sorno verfasste Einleitung stehe in harschem und wohltuendem Gegensatz zum Lexikon selbst. "Kühl und wissenschaftlich" behandele Plaza-Sorno die Körperbilder als "linguistischen Gegenstand", wie eine mit Abzeichen bestückte Uniform.
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