David Szalay

Was nicht gesagt werden kann

Roman
Cover: Was nicht gesagt werden kann
Claassen Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783546101509
Gebunden, 384 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Henning Ahrens. István lebt mit seiner Mutter in einem Plattenbauviertel am Rande einer ungarischen Stadt. Er ist neu dort, schüchtern und schnell isoliert. Einzig zu seiner Nachbarin - einer verheirateten, deutlich älteren Frau - hat er regelmäßigen Kontakt. Zwischen ihnen entwickelt sich eine heimliche Beziehung, die István kaum begreifen kann, und bald gerät sein Leben außer Kontrolle. Er verlässt Ungarn, geht nach London, wo er sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt und schließlich auf ungeahnte Weise den Aufstieg schafft - bis erneut alles ins Wanken gerät. 

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.01.2026

Als eine "subtile Tragikomödie der Männlichkeit" liest der angetane Rezensent Paul Jandl David Szalays Booker-Preis-gekrönten Roman. Der von István handelt, einem Typ, der alles, was ihm passiert, "okay" findet und über dessen Innenleben wir absolut gar nichts erfahren. István, der in einem ungarischen Plattenbau aufwächst, dort eine Affäre mit einer älteren Nachbarin hat, später Chauffeur und noch später Geschäftsmann in London wird, wird in dem Buch ganz auf seine Körperlichkeit reduziert. Jandl beschreibt diesen István als einen Typen, der innerlich nie wirklich gereift ist, was man als ein Bild für Männlichkeit schlechthin auffassen kann. In einem ewigen Präsenz ist dieser Roman verfasst, hier ist alles bloß Stil und Oberfläche - Jandl hält sich zwar mit expliziten Wertungen zurück, scheint aber insgesamt ziemlich beeindruckt zu sein. Nur den geschwätzigen deutschen Titel findet er doof, das nüchterne "Flesh" des Originals passt viel besser.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.12.2025

Rezensent Ijoma Mangold erscheint der mit dem Bookerpreis ausgezeichnete Roman des Briten David Szalay wie ein philosophisches Experiment. Denn dieser Roman kommt mit einem besonderen Kniff daher: Die Geschichte wird nicht nur aus der dritten Person Singular, sondern auch im Präsens erzählt. So wirkt es auf den Kritiker, als würde er Held Istvan im "kalten Neonlicht" einer Überwachungskamera folgen. Mehr noch: Dadurch, dass Szalay darauf verzichtet, Einblicke in das Innenleben seines Protagonisten zu gewähren, ertappt sich der Leser zunehmend dabei, sich im eigenen "Illusionstheater" zu verirren - oder anders gesagt: Das eigene Gefühlsleben erscheint während der Lektüre immer zweifelhafter. Und noch ein Kunststück gelingt Szalay, fährt der Kritiker fort: Nur anhand der rasant erzählten Handlung entwirft der Autor einen Entwicklungsroman, der uns quer durch alle sozialen Schichten führt. Und so eilt er mit Held Istvan über das "Schachbrett", das der Autor ausbreitet, kommt mit den einzelnen Figuren immer wieder an die Grenzen des freien Willens - ohne zu wissen, wie das Spiel ausgeht. Und doch trifft jener Istvan, dessen Leben vor allem durch Sex und Gewalt geprägt ist, instinktiv immer die richtige Entscheidung, staunt der Rezensent. Nach der Lektüre ist sich der tief beeindruckte Kritiker beinahe selbst so fremd wie dem Helden. Und wem das zu kompliziert ist, den kann der Rezensent beruhigen: Eine einfach Freud'sche Lesart des Romans ist auch möglich. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.11.2025

David Szalay verzichtet in seinem Roman weitgehend auf Analysen und regt gerade dadurch den kritischen Verstand der Leserschaft an, staunt Rezensentin Cornelia Geißler. An den wenigen Stellen, an denen sein Held István dann doch über sein Leben reflektiert, entwickelt der Text außerdem eine geradezu "verstörende Intensität". István kommt aus Ungarn und wird als Erwachsener in London durch Zufall in eine "wichtige Stellung katapultiert", lesen wir, sein Arbeitgeber formt ihn vom Niemand zum "Mann von Format". Dieses Aufstiegsmärchen erkauft sich István durch emotionale Verhärtung, er spricht nicht über das, was er fühlt oder erlebt hat. Wie der Autor das als typische maskuline Verhaltensweise, auch im Gegensatz zu den Frauen-Figuren im Roman, schildert, imponiert der Kritikerin. István reagiert vor allem auf das, was andere Menschen von ihm wollen, sein eigenes Fühlen gerät in den Hintergrund - auch das ist das Beeindruckende an diesem lange nachwirkenden Buch, das im Original schlicht "Flesh" heißt. Der Roman stellt den Körper in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Abhängigkeitsverhältnisse - denken müssen die Leser allerdings selbst, schließt Geißler, die zudem die Übersetzung von Henning Ahrens lobt. 

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 27.11.2025

Vor zwei Wochen hat David Szalay den Booker Prize bekommen, Rezensent Luca Klander trifft ihn in Berlin. Das Buch handelt von István, der ursprünglich aus Ungarn stammt, aber dann nach London kommt und "fast zufällig die Erfolgsleiter" hinaufstolpert und erzählt davon in Fragmenten, in verknappten Dialogen, mit Lücken, die die Leserinnen selbst füllen müssen, resümiert Klander. Er liest von den traumatischen Erfahrungen, die István im Krieg und auch in der Sexualität macht, von der erwachenden Männlichkeit, aber auch von der Unfähigkeit, körperliche Empfindungen mit der Sprache zusammenzubringen. Ein karger, darin aber sehr konsequenter Roman, so das Resümee.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 12.11.2025

Ein Buch über eindimensionale Männlichkeit hat David Szalay geschrieben, stellt Rezensent Cornelius Wüllenkemper fest. Der Roman dreht sich um István, einen Typen dem zu allem, was ihm im Leben passiert, nur ein Wort einfällt: "Okay". Dezidiert von außen blickt der Autor auf diese Figur, die in einer ungarischen Plattenbausiedlung aufwächst, eine Affäre mit einer älteren Frau hat, später in London Chauffeur und Liebhaber einer Milliardärsgattin wird und dessen Innenwelt derweil höchstens von einem einzigen Gefühl, nämlich Hass, bestimmt ist. Wüllenkemper ist durchaus gewillt, diesen István als Prototyp einer bestimmten Form von Männlichkeit zu akzeptieren, auch Szalays nüchterner Stil passt in dieses Konzsept. Wer sich in einem Roman nach einer Identifikationsfigur sehnt, schließt die Rezension auf einer eher ambivalenten Note, der ist hier allerdings an der falschen Adresse.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 29.10.2025

Eine eindrucksvolle Männerfigur steht, so Rezensentin Ursula März, im Zentrum des neuen Romans David Szalays. Der Protagonist István zeichnet sich durch seine Schweigsamkeit aus, beziehungsweise dadurch, dass er alles, was ihm geschieht, hinnimmt - ob er nun verführt wird, eines Verbrechens beschuldigt wird oder auf wundersame Weise gesellschaftlich aufsteigt. Bewegt wird dieser István lediglich von quasi instinkthaften Kräften, beschreibt März, nämlich von Sex und Gewalt. Szalay gewährt uns keinerlei Einblick in das Innenleben dieses Exemplars einer in der Literatur der Gegenwart nicht mehr allzu weit verbreiteten Typ Mann, stattdessen ist auch die Sprache des Buches schroff, abweisend und kalt, macht keinen Unterschied zwischen Alltagsbeobachtungen und Schicksalsschlägen. All das macht die Rezensentin frösteln, nötigt ihr aber auch gehörigen Respekt ab.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.10.2025

"Okay" - der "kürzeste Weg zum Konsens", der internationale Ausdruck einer Haltung, die eigentlich keine ist. David Szalay hat einen ganzen Roman um dieses Nullwort geschrieben, und der funktioniert beeindruckend gut, findet Rezensentin Christiane Lutz. So minimalistisch wie das "Okay" ist auch der Erzählstil des ungarisch-britischen Autors, lesen wir. Manche mögen dessen Sätze als mager empfinden, andere als präzise. Auf Lutz jedenfalls wirkt diese Prosa einnehmend, auch dank der vielen interessanten Figuren und Situationen, denen Szalays Protagonist ausgesetzt wird. Dieser Protagonist ist ein Held, so Lutz, wie man ihn vielfach antreffen kann in der westlichen Literatur: maskulin verschwiegen und passiv, einer dem sein Leben eher widerfährt, als dass er es lenkt, einer, über dessen Gefühlsleben wir wenig erfahren, dessen Körper erzählerisch aber umso präsenter ist, einer, in dessen Lebenserzählung gerade die Teile unterbeleuchtet sind, die ihn greifbar machen würden als verletzten, wohl traumatisierten Menschen, einer, mit dem sich all jene identifizieren werden können, denen "zu viel geredet" wird. Szalay lässt diese Nicht-Haltung jedoch nicht einfach so stehen, sondern problematisiert sie auch in der Konfrontation mit anderen Figuren, lobt Lutz. Er habe so ehrlich wie es geht über den männlichen Körper schreiben wollen, sagt Szalay einmal. Das ist ihm auf erstaunliche Weise gelungen, findet die Rezensentin. 

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