Nation of Strangers
Unsere Heimat sind wir

Rowohlt Verlag, Hamburg 2026
ISBN
9783498007393
Gebunden, 256 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Aus dem Türkischen von Michaela Grabinger. "Ich komme nicht mehr nach Hause." Mit diesem Satz, in einem kurzen Telefonat an ihre Mutter gerichtet, beginnt für Ece Temelkuran ihre unfreiwillige Existenz als Weltbürgerin. Nach dem Putsch 2016 verlässt die türkische Schriftstellerin das Land, um ihrer Verhaftung zu entgehen. Sie wird Teil der "Nation von Fremden", Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten oder sich in ihrem Land, auch mitten in Europa, aufgrund der politischen Entwicklungen nicht mehr zu Hause fühlen, die im Exil leben, geflüchtet sind. Gegen das Alleinsein, das Heimweh und das Gefühl der Orientierungslosigkeit, sucht sie andere Heimatlose auf. Sie begegnet ihnen in ihrem Alltag, in der Geschichte, in der Literatur, liest Homer und Hannah Arendt und erzählt über ihre Suche nach einer neuen Heimat - unabhängig von Landesgrenzen. Am Ende steht die Hoffnung, anzukommen, eine neue Heimat zu finden - ob in einem neuen Land, im Dialog mit anderen oder in sich selbst.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 12.02.2026
Der hier rezensierende Schriftsteller Daniel Kehlmann liest Ece Temelkurans Buch über das Exil als Fortsetzung von George Steiners Essay "Extraterritorial" - nur mit mehr Humor und Melancholie. Temelkuran, die als Erdogan-Kritikerin selbst im Exil lebt, hat den Text in Form von Briefen an Unbekannte verfasst - denn in einer Gegenwart, in der laut der Autorin der Faschismus immer mächtiger wird, kann einem jeden von uns das Exil drohen, erklärt der Kritiker. Was er aber vor allem an diesem Buch bewundert, ist der Verzicht auf jegliches Pathos, oder gar "Larmoyanz". Viel mehr bescchreibt die Autorin mit Witz und Nüchternheit die bürokratischen Hürden oder die Probleme bei der Wohnungssuche, die Exilanten erwarten. Und dass sie sich auch stets den Blick für das Schöne bewahrt, wenn sie Zitronenbäume oder "beschwipste Sonntagnachmittage" in Erinnerung ruft, macht den Text für Kehlmann zu eine "großen Essay" über Exil im 21. Jahrhundert. So etwas findet man selten in der politischen Gegenwartsliteratur, schließt er.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.02.2026
Ein "hochpolitisches Memoir" hat Rezensentin Sieglinde Geisel hier vor sich: Ece Temelkuran ist politische Kolumnistin, Faschismusexpertin und Autorin, die Türkei hat sie schon lange verlassen. Sie erzählt in Briefen vom intellektuellen Austausch mit anderen Exilanten, aber auch von den furchtbaren Seiten, von Bürokratie-Terror, von Erschütterndem, von einem Taxifahrer aus Eritrea und seinem Satz "Im echten Leben bin ich ein normaler Mensch". Geisel liest hier eine klare politische Analyse, die die Handlungen der Rechten identifiziert, ebenso wie die Gefahr, die wir alle laufen, zu Fremden zu werden, Temelkuran klagt hier auch Trump und die Situation in Gaza an. Der eindringliche Appell der Autorin, "neue politische Heimaten" zu schaffen und dafür Gemeinschaften zu bilden, verhallt auch bei der Kritikerin nicht ungehört, auch wenn sie Sorge hat, ob sich die Hoffnung wirklich durchsetzen kann.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 26.01.2026
Ece Temelkuran ist eine türkische Journalistin, die aber seit langer Zeit im Exil lebt, erklärt Rezensent Nils Schniederjann. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben, in dem sie dieses Exil sowie die "zunehmende Faschisierung" der Türkei reflektiert. Die persönlichen Aspekte, wie etwa die Frage, ob man genug für die eigenen Landsleute getan hat und wie sich Heimatlosigkeit anfühlt, findet er ziemlich überzeugend und berührend. Die politisch-allgemeineren Teile wissen den Kritiker aber leider nicht zu begeistern: Der Fakt, dass der Angriff auf die Demokratie nicht nur von außen kommt, sondern auch Resultat innerer Spaltungen ist, wird dem Kritiker zufolge beispielweise vernachlässigt. Dennoch empfiehlt Schniederjann das Buch jenen, die das Gefühl (politischen) Heimatverlusts erleben mussten.